Islam-Organisation: Muslime feilen an ihrem Image - DER SPIEGEL
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Islam-Organisation Muslime feilen an ihrem Image

Imame pauken Deutsch und werden auf Integration getrimmt: Die muslimischen Verbände äußern sich zunehmend moderat. Doch intern geht es nicht nur um Glauben, sondern auch um Macht.
Von Dominik Cziesche und Cordula Meyer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Köln - Wie unpassend. Ausgerechnet hier in Köln-Nippes wohnt er. Unweit des inzwischen aufgelösten Verbandes von Metin Kaplan, des "Kalifen von Köln", der jahrelang als islamistisches Schreckgespenst durch die Republik geisterte und jetzt in der Türkei als mutmaßlicher Terrorist vor Gericht steht.

Sein Nachbar Axel Ayub Köhler ging gelegentlich im gut sortierten Lebensmittelladen des Fundi-Verbandes einkaufen. Mehr hatten die beiden Glaubensbrüder nie gemeinsam.

Köhler ist Deutscher und zum Islam konvertiert, FDP-Mitglied und Ruheständler. Seit einigen Wochen amtiert er als Vorsitzender der bekanntesten Islam-Organisation der Republik, des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Köhler soll reparieren, was Leute wie Kaplan zerstört haben: Das Vertrauen in ein friedliches Nebeneinander der Weltreligionen.

Wie kein anderes Ereignis der letzten Jahre symbolisiert die Wahl Köhlers den schleichenden Wandel der Verbände hin zu mehr Dialog, mehr Vorsicht und mehr Kritik an radikalen Glaubensbrüdern. "Wir sind froh, dass wir Köhler haben", lobt die Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Lale Akgün, vor allem angesichts der Alternative: Er hatte sich gegen Ibrahim el-Zayat von der ultrakonservativen Islamischen Gemeinschaft Deutschland durchgesetzt.

Zwar haben sich die wenigsten Muslime im Land überhaupt organisiert - gerade mal 23 Prozent der Türken sind Mitglied einer Moscheegemeinde -, umso ernster nehmen Politiker und Verfassungsschützer aber die wenigen offiziellen Stimmen. Unisono hoffen sie nun auf vertrauenswürdige Verhandlungspartner.

Geschockt vom Terror des 11. September 2001 hatten die Organisationen die Gefahr durch islamistische Gewalttäter zunächst teils heruntergespielt, teils verleugnet und so das Misstrauen mit jedem Talkshow-Auftritt nur gesteigert. War damals noch das Argument verbreitet, Muslime müssten sich zum Terror nicht äußern, schließlich habe der nichts mit dem Islam zu tun, rufen Funktionäre wie der ZMD-Generalsekretär Aiman Mazyek heute nach Anschlägen regelmäßig zu Mahnwachen auf. "Öffentliche Proteste sind etwas anderes, als nur Pressemitteilungen zu schreiben", so seine Einsicht. Die Muslime hätten gelernt, sekundiert der Islamrats-Vorsitzende Ali Kizilkaya, auf "besondere Sensibilitäten" in Deutschland Rücksicht zu nehmen.

Der damalige ZMD-Chef Nadeem Elyas bot sich im Dezember sogar als Austauschgeisel für Susanne Osthoff an. Und die von der türkischen Regierung bezahlten Imame des größten Verbandes, der Ditib, müssen inzwischen 600 Stunden Deutsch pauken und werden auf Integration getrimmt, bevor sie hier als Vorbeter arbeiten dürfen - ein einmaliger Prediger-TÜV.

Noch misstrauen Sicherheitsexperten dem Frieden, "schließlich wissen wir nicht, ob nicht der ein oder andere mit gespaltener Zunge spricht", so der Chef eines Landesamtes für Verfassungsschutz. Köhlers Vorgänger Elyas etwa musste sich stets gegen den Verdacht wehren, der radikalen Muslimbruderschaft verbunden zu sein. Der Islamrat wiederum wird angeblich von Milli Görüs dominiert, deren islamistisch Landschaftspflege die Nachrichtendienste argwöhnisch beäugen. Und der Verband Islamischer Kulturzentren, eine weitere einflussreiche Organisation, musste vergangenes Jahr zeitweilig auf mehrere Vorstandsmitglieder verzichten, die wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in U-Haft saßen.

Aus dem verbindlicheren Ton der Verbände, resümmiert die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann, "sollte man nicht schließen, dass sich inhaltlich etwas verändert hat". So kritisiert die Expertin, dass einige Verbände in strittigen Fragen wie dem Kopftuchverbot oder der Befreiung muslimischer Mädchen vom Sportunterricht auf ihre konservativen Positionen pochen. Radikalen Glaubensbrüdern wiederum gehen die Zugeständnisse der Verbände schon heute viel zu weit.

Wie unangenehm das werden kann, erfuhr Mazyek im November, nachdem er sich wiederholt gegen Hass und Gewalt ausgesprochen hatte. Da erhielt der Muslim eine weit verbreitete Schmäh-Mail "An alle Geschwister". Das etwa zehn Seiten lange Dokument warf ihm "Verrat" an den Muslimen vor und orakelte, Mazyek habe den Islam vielleicht als "Abtrünniger" verlassen - nach extremistischer Lesart steht darauf der Tod.

Nachdem die Verbände an ihrem Auftritt gefeilt haben, versuchen sie nun im Gegenzug offensiver eigene Interessen zu vertreten: So kämpfen sie selbstbewusst gegen das Kopftuchverbot an Schulen oder den Fragenkatalog für einbürgerungswillige Muslime in Baden-Württemberg. Angesichts des Konflikts um die Mohammed-Karikaturen warben 16 muslimische und türkische Verbände im Februar erstmals gemeinsam für ein besseres Einwanderer-Image, die Migrationspolitik stütze sich hier zu Lande "in großem Maße auf Vorurteile".

Um künftig öfter geschlossen aufzutreten, wollen mehrere große Organisationen überdies einen Dachverband für Muslime in Deutschland gründen. Hinter den Kulissen rangeln die Gruppen aber noch um Einfluss.

Weil ausgerechnet der Großverband Ditib gar nicht mitmachen will, argwöhnt mancher, Milli Görus mit seinen gerade mal 26.000 Mitgliedern könne versuchen, sich als Monopolist für Türken-Fragen zu etablieren. Die Ditib-Vertreter wiederum fürchten um ihren Ruf, wenn sie sich mit teils erzkonservativen Verbänden an einen Tisch setzen - zumal Ankara schon wegen des EU-Beitritts auf einen sauberen Vorgarten Wert legt.

Die Idee eines Dachverbandes, sagt etwa der Leipziger Imam Hass Dabbagh, sei eigentlich nicht schlecht, "wenn sich denn alle einigen können". Manche fürchten zudem, dass der um Ausgleich bemühte Köhler untergebuttert werden könnte. So sollen einzelne Konkurrenten schon mit der feindlichen Übernahme des ZMD durch Massen-Eintritte gedroht haben.

Längst, auch da haben einige Muslimvertreter dazu gelernt, geht es nicht mehr nur um Glauben. Sondern auch um Macht.