Autoren Wörter wie Silberringe
Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu trägt auch an diesem Abend auf der Leipziger Buchmesse zwei breite Halsketten, ein goldenes Gliederarmband und an jeder Hand einen schweren Silberring. Er sieht aus wie ein sehr gefragter Türsteher.
Zaimoglu ist zu Gast in der ersten Sendung von "Wickerts Bücher". Kurz bevor die Aufzeichnung beginnt, gießt der Moderator Rotwein in langstielige Gläser, und während die anderen Gäste noch vornehm am Wein riechen, nimmt Zaimoglu schon mal einen Schluck.
Sein Roman "Leyla" wird von den Feuilletons gefeiert, bei seinen Lesungen stehen die Frauen Schlange für ein Autogramm von ihm*. Er erzählt in "Leyla" vom Erwachsenwerden eines türkischen Mädchens in den fünfziger Jahren. Tausend traurige Geschichten, grenzenloser Optimismus. Am Ende kommt Leyla als eine Türkin der ersten Generation nach Deutschland.
Wickert lobt den Roman als "brillant", Zaimoglu lächelt, genießt das Lob ganz unverhohlen. Der Autor von so aggressiven Büchern und Filmen wie "Kanak Sprak" und "Kanak Attack" ist im Kulturestablishment angekommen.
Nach der Sendung, nachts, er hat inzwischen mit Kollegen aus seinem Verlag zu Abend gegessen und sich um ein Uhr von seinem Lektor den Spruch gefallen lassen müssen "Wie? Erst schreibst du ein Mädchenbuch, und jetzt willst du auch noch so früh ins Bett gehen?", sitzt er im Taxi und checkt sein Handy. Acht SMS. Sechs von seiner Mutter. Sie hat die Sendung in der Türkei über Satellit gesehen. Sechsmal schreibt sie: Ich bin so stolz auf dich, sie macht viele Worte dafür, Mütter sind so. Zaimoglu freut sich, er ist gerührt. "Wissen Sie", sagt er, "meine Eltern haben große Sehnsucht nach Deutschland, manchmal rufen sie mich an, nur um zu fragen, ob ich am morgen Brötchen gegessen habe."
Als sein Vater pensioniert wurde, sind die Eltern in die Türkei zurückgegangen, sie hatten sich das Geld für ein kleines Haus am Meer zusammengespart. Möchte er eines Tages auch in der Türkei leben? "Nein", sagt Zaimoglu, "Deutschland ist mein Land, hier bleibe ich, hier will ich begraben werden."
Wenn Zaimoglu über Deutschland spricht, dann schwärmt er. Er schwärmt von einem Land, in dem die Integration geglückt sei - "schauen Sie doch mal nach Frankreich" -, von einem Land, in dem es möglich ist, dass ein Unterschichtstürke zu einem der "interessantesten deutschen Gegenwartsautoren" aufsteigt, wie die "Frankfurter Allgemeine" ihn nannte.
Er wollte keinen Roman schreiben, der als Beitrag zu einer aktuellen Debatte gelesen wird. Und nun ist genau das passiert. Man reißt sich um ihn, den Deutsch-Türken, die allergelungenste Integrationsbiografie. Er sträubt sich, denn er will kein "Türken-Fachmann, sondern Geschichtenerzähler" sein.
Als seine Mutter ihrem Mann 1965 nach Deutschland folgte, war Zaimoglu fünf Monate alt. Seine Eltern sprachen zu Hause nur Türkisch. Beide seien herbe Melancholiker, die ihre Kinder geprägt und infiziert hätten, wie er es nennt, mit den Erzählungen aus der alten Heimat. Sie hätten sich ihren türkischen Glutkern bewahrt und seien Herzverrückte gewesen, sagt Zaimoglu. Denn gleichzeitig liebten sie Deutschland.
Als Zaimoglu in die Schule kam, sprach er wenig Deutsch. Seine Lehrerin in der ersten Klasse hieß Frau Hübl. Sie sagte zu ihm: "Entweder du lernst Deutsch, oder ich schmeiß dich aus dem Klassenzimmer." "Frau Hübl war mein großes Glück", sagt Zaimoglu.
Er begann zu lernen. Und wie. Er habe die Sprache gefressen, sagt er. Ein bisschen später war dann da auch noch Petra mit den blonden Zöpfen, die er irgendwie beeindrucken wollte. Also hat er gelesen, gelesen, gelesen: Bücher, Comics, Reklameprospekte, alles, was Schrift war.
"Es ging um mehr, als Deutsch zu lernen", sagt er. In seinem Kopf war die große Kulisse jener versunkenen türkischen Welt, von der seine Eltern erzählten, draußen war realer Dreck, reale Enge, reales Unvermögen. "Da läuft man heiß." Damals begann seine Wut.
Er erinnert sich an das Gefühl, dass zwischen ihm und der Welt ein Abstand gewesen ist. Dieses Gefühl ist lange geblieben. Obwohl er ein Abitur-Türke ist, wie er sagt, hat er sein Leben viele Jahre in einer Sackgasse verbracht. Er hat ein Medizinstudium in Kiel begonnen, ist mit einem Freund kreuz und quer durch Ostdeutschland gefahren, um dort alte Lehrbücher zu verscherbeln, er hat freie Malerei studiert und riesige Acrylgemälde geschaffen. Jahrelang hat er sich auf der Straße rumgetrieben, geguckt und gefressen, wie er sagt.
In dieser Zeit, um 1990, war er viel mit jungen türkischstämmigen Rappern zusammen, und eines Nachts hat einer von denen plötzlich zu einer riesigen Wutpredigt angesetzt, grenzenlose Wut darüber, nirgendwo richtig dazuzugehören.
Das ist es, hat sich Zaimoglu gedacht. Er hat sich eine Schreibmaschine geliehen und dieses Gefühl zu Papier gebracht, 30 Seiten lang. Das Manuskript schickte er an den Rotbuch Verlag. Nach ein paar Wochen kam eine Antwort: Bitte schicken Sie uns den Rest. Aber es gab keinen Rest.
Zaimoglu hat "ein paar Leute klargemacht", sie reden lassen, zugehört, weitergeschrieben. Das Buch, das so entstand, war "Kanak Sprak". Auch kommerziell ein Riesenerfolg.
Er ist als Schriftsteller ein Zuhörer geblieben. Gerade wird am Berliner Theater Hebbel am Ufer 3 sein Stück "Schwarze Jungfrauen" aufgeführt, schockierende Protokolle von Gesprächen mit radikalen Musliminnen, die ganz unauffällig in Deutschland leben und vom Dschihad träumen.
Zaimoglu ist selbst Muslim, allerdings kein praktizierender. "Vom Islam türkischer Prägung geht in Deutschland keine Gefahr aus", sagt er mit ruhiger, entschiedener Stimme. Warum wählt er sich dann die-ses Thema für sein Theaterstück und schürt damit eventuell Hysterien? "Diese Frauen sind schillernd böse, darüber lässt sich nun mal gut schreiben, auch wenn sie eine Minderheit in der Minderheit in der Minderheit sind. Außerdem bewege ich mich als Schriftsteller gern in den gesellschaftlichen Zonen, in denen das Licht ausgeht."
Das gilt auch für "Leyla", obwohl es sein bisher am wenigsten wütendes Buch ist, es ist sogar ein sehr verführerisches Buch. Es nimmt einen mit üppigen Sätzen gefangen. Manchmal bleibt die Handlung stecken, in noch und noch einer Episode, aber darauf folgen Kapitel mit der Kraft Grimmscher Märchen. Es seien nicht die Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" gewesen, wie manche Rezensenten vermuteten, die ihn beeinflusst haben, sondern eben die Märchen der Brüder Grimm. "Ich habe als Schriftsteller gelernt, die Schönheit zuzulassen", sagt Zaimoglu.
An einem Dienstagabend im März tritt er im Malersaal des Schauspielhauses in Hamburg auf. Der Raum ist übervoll, andere Schriftsteller wurden bereits ausgebuht. Und dann liest Zaimoglu. Von einer Kinokassiererin, die von Leyla und ihrer Freundin heimlich bestaunt wird, weil sie es wagt, in der Öffentlichkeit zu rauchen, und weil sie Make-up trägt, "eine Schminkmaus", sagt Leyla. Türkei, fünfziger Jahre, eine prüde Heldin, die Zuhörer sind gebannt.
Nachher, beim Essen in der Kantine des Theaters ("Wir können ruhig weiterreden, während ich esse, ich komme aus einer Unterschichtsfamilie, da wurde beim Essen ständig gelabert"), sagt Zaimoglu, dass es ihm nicht darum gehe, ein Vermittler zwischen irgendwelchen Welten und Kulturen zu sein. "Ich will für meine Geschichten geliebt werden."
Eine seiner Cousinen war in der Lesung, er wusste nichts davon, nun kommt sie vorbei, großes Hallo, Umarmungen, sie bringt ihm ein Geschenk. Er mustert kurz ihren deutschen Freund. "Passt er auch gut auf dich auf?", fragt er. "Ja, ja", antwortet sie lachend.
Als sie verschwunden ist, macht er das Geschenk auf. Es sind Familienfotos, sie sind alle im Haus der Eltern am Meer, sie sitzen auf weißen Plastikstühlen, wie es sie überall auf der Welt gibt, und unter ihnen Zaimoglu, der überall zu Hause ist.
Zaimoglu hat auch an diesem Abend einen Rollkoffer dabei, die Lesereise zu dem Buch wird noch bis in den Juni dauern. Er trägt seinen schweren Schmuck, dazu ein akkurat gebügeltes Hemd. In sechs Stunden raucht er zwei Schachteln Marlboro Menthol, zwischen seinen Augenbrauen steht eine steile Falte. Die Wut sei immer noch da, aber es ist vieles hinzugekommen: die Lust zu erzählen, Sinn für Schönheit, die Fähigkeit, Abstand zu halten.
Später am Abend sagt er einmal "schuppdiwupp, die Waldfee". Woher diese Redewendung? "Keine Ahnung."
So ist das mit Wörtern bisweilen. Sie sammeln sich an und purzeln dann zu den seltsamsten Gelegenheiten heraus.
Das ist er, der ganze Zaimoglu: orientalische Geschichten und Grimmsche Märchen, protziger Schmuck und akkurat gebügelte Hemden. Und Wörter. Angekommen und überall zu Hause. Der Schlüssel dafür ist Bildung, ist Sprache. Heerscharen von Migrationsexperten predigen das, 500 Seiten "Leyla" geben ihnen recht.
hr noshade size=1> * Feridun Zaimoglu: "Leyla". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 528 Seiten; 22,90 Euro.