Literaturkritik: Lichtjahre auseinander - DER SPIEGEL
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Literaturkritik Lichtjahre auseinander

Eine originelle Sammlung von Dichterporträts löst in der Zunft einen heftigen Positionsstreit über die Vermittlung von Literatur aus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Buch macht Furore, sorgt für hektisches Für und Wider. Eine Seltenheit, ein Skandal: kein Enthüllungsroman, keine politische Streitschrift, sondern ein Buch über Literatur, über die deutschsprachige Literatur der vergangenen 60 Jahre. Die Debatten darüber spielen sich vornehmlich auf den Kulturseiten der Zeitungen ab, aber immerhin hat sich auch das Fernsehen schon eingemischt.

"Lichtjahre" heißt (ohne dass der Titel begründet würde) das Fleißwerk von mehr als 320 Seiten, in dem Volker Weidermann, Literaturredakteur und Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS"), behauptet, so der Untertitel, "Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute" vorzulegen*.

Weidermann, 36, wagt Meinungen, klare, kräftige Urteile. Nicht immer überraschend, nicht immer originell, oft genug anmaßend. Auf jeden Fall: Das Buch liest sich gut, was ihm selbst seine Gegner grummelnd bestätigen. Natürlich: Alles ist eine Frage des Tons, auch der Auswahl, der Vorlieben. Ohne Mut zur Lücke lässt sich so ein Buch nicht schreiben, der Begriff "Literaturgeschichte" freilich ist reiner Etikettenschwindel. Und jeder professionelle Leser wird "Lichtjahre" auch danach einschätzen, ob eigene Urteile eher bestätigt oder verworfen werden, ob die eigenen Lieblingsautoren vorkommen oder nicht.

Der Streit begann in Berlin. Mitte März hatte der Literaturkritiker Hubert Winkels als Redakteur des Deutschlandfunks Weidermann zu einer Diskussionsrunde eingeladen, die öffentlich im Literarischen Colloquium stattfand. Auf dem Podium saßen außerdem die Kritiker Christoph Bartmann und Ulrich Greiner.

An diese Veranstaltung, von der es einen Mitschnitt gibt, erinnert sich heute jeder der Beteiligten anders, vor allem an die Stimmung vorher und hinterher. Der Schriftsteller Maxim Biller, der bei Weidermann ausführlich und sehr freundlich vorkommt, ist immer noch der Meinung, dass hier drei ältere Kritiker sich komplottartig vorgenommen hatten, einen jüngeren Kollegen und sein Buch niederzumachen: "Es waren drei gegen einen. Das hat mir nicht gefallen." Er fand es "unhöflich" und nannte daher ("kühl überlegt") den Moderator Winkels nach der Veranstaltung ein "Arschloch" - einen etablierten Kritiker, den er im Übrigen, wie Biller betont, für einen "integeren Mann" hält, "der an das glaubt, was er macht".

Winkels bestreitet jede Absprache, jede Vorverurteilungsabsicht. Ausgangspunkt der Veranstaltung seien Neugier und Sympathie gewesen, die Kritik habe sich im Laufe des Gesprächs entwickelt. "Die Grundfrage war: Wie kriegen wir das charmant und höflich über die Runden?"

Dann nutzten, zwei Wochen später, zwei der in Berlin beteiligten Journalisten, die selbst vergangenes Jahr Bücher über Literatur publiziert haben, das Forum der "Zeit" zu einem Doppelauftritt: "Zeit"-Redakteur Greiner, 60 ("Leseverführer"), und Winkels, 50 ("Gute Zeichen"), legten noch einmal nach und bezogen Schulter an Schulter Stellung gegen Weidermanns Umgang mit der Dichtung.

Das Buch "Lichtjahre" verfehle das "Wesen der Literatur", da der Autor dem Biografismus verfalle, "indem er die Absonderlichkeiten der Lebensläufe abpflückt" (Greiner); es bemühe sich um "Stadionberichte aus dem literarischen Leben" (Winkels). Es wurde sogar eine grundsätzliche "Zweiteilung" der Literaturkritik ausgerufen: auf der einen Seite die "Emphatiker", die Literatur mit "Hunger nach Leben und Liebe" durchforsten, auf der anderen die "Gnostiker", die nur Lust (auf Literatur) bekommen, wenn sie begreifen, "was sie ergreift". Doch wer eigentlich möchte zu den Gnostikern zählen? Das ist ein unglücklich gewählter, eher abschreckender Begriff, der nach religiösem Furor und spätantikem Sektierertum riecht.

Stolz verkündete daraufhin das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen", Weidermanns Buch habe eine Kontroverse darüber ausgelöst, "wie biografisch, wie leidenschaftlich Literaturkritik heute sein darf" - und ließ den Kollegen von der Sonntags-Dependance gleich in eigener Sache Stellung nehmen.

Vergangene Woche wurde Weidermanns Buch ("das alle so aufregt") von Elke Heidenreich in ihrer ZDF-Sendung "Lesen!" denn auch als "subjektiver Spaziergang" mit Emphase gelobt: "so temperamentvoll, witzig und gescheit geschrieben, dass man nicht aufhört bis zur letzten Seite". Und der Gast der Sendung, kein Geringerer als Hellmuth Karasek, stimmte ein, lobte das Buch als "gutes Panorama der Nachkriegsliteratur".

Der Doyen der deutschen Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, 85, von Winkels zum Vater der Emphatiker ausgerufen, bestätigt gern und mit Nachdruck, auf dieser Seite zu stehen: "Es gab und gibt keinen Kritiker von einiger Qualität, der nicht Emphatiker wäre."

Oder ist mit Weidermanns Buch tatsächlich das Ende der seriösen Kritik eingeläutet? Schon vor 20 Jahren warnte Hans Magnus Enzensberger grundsätzlich: "Der literarische Journalist lebt von der Substanz, die der Kritiker ihm hinterlassen hat; wenn sie aufgezehrt ist, bleibt nur Gequassel übrig." Und der Schriftsteller Wolfgang Hilbig schrieb 1995 in einem Essay mit dem doppeldeutigen Titel "Abriss der Kritik" über den Literaturbetrieb: "Das einzige Engagement des Betriebs besteht darin, sich die letzten Reste an Aufmerksamkeit zu ergattern; die Mittel zu diesem Zweck werden immer beliebiger."

Die ganze Aufregung jetzt ist überhaupt nur verständlich vor dem Hintergrund der neuen Erfolgswelle der Erzählkunst in deutscher Sprache (die einhergeht mit einer auffälligen Häufung spannender deutscher Filme). In wichtigen Feuilletons ist das Buch "Lichtjahre" des "FAS"-Redakteurs mittlerweile besprochen worden, ob in der "Süddeutschen Zeitung", dem "Tagesspiegel", der "Tageszeitung" oder der "Frankfurter Rundschau", so differenziert und vielfältig übrigens, dass sich die Behauptung, es handle sich bei dem Streit auch um einen Generationenkonflikt, schnell in nichts auflöste.

Es ist abzusehen, dass sich hier ein unerwarteter Bucherfolg anbahnt. Das wäre dem Autor zu gönnen. Denn was bisher kaum deutlich genug gesagt worden ist: Hier kann nicht nur ein jüngerer Kritiker spannend aus der Welt der Dichtung und der Dichter erzählen, sondern Weidermann hat sich überhaupt die kaum mehr übliche Mühe gemacht, die Literatur vor seiner Zeit zu durchforsten, über den Tellerrand der aktuellen Produktion hinauszuschauen. Er hat sich hingesetzt, Bücher von Hubert Fichte und Gert Ledig zur Hand genommen, und er hat die Lyrikerin Hilde Domin kurz vor ihrem Tod noch besucht.

Weidermanns Verfahren ist das des Schnappschusses, er hat sein Buch als eine Art Fotoalbum angelegt - so wie der von ihm geschätzte Schweizer Max Frisch einst ein Porträt von Günter Grass in lauter kleinen Beschreibungen realer und imaginärer Bilder geliefert hat.

Typische Anfänge: "Das ist Rainald Goetz" oder: "Wie auch Frank Schulz (*1957), den wir hier gerade sehen, wie er da sitzt ..." oder: "Wer ist dieser Mann?" (so bei Helmut Krausser). Weidermann kommt rasch zur Sache, oft anekdotisch, fast immer pointiert, hält sich selten zu lange bei einem Autor auf (es ist zu ahnen, dass ihm das nicht immer schwergefallen ist). Und er weiß viel - so lobt er nicht nur den Roman "Morbus fonticuli" (2001) von Schulz, sondern erinnert auch das Drama der ersten Publikation: Am Tag der Buchpräsentation war der Verlag pleite.

Er schwärmt gern, oft hemmungslos ("Maxim Biller schreibt deutsch. Ein so klares, weiches, schönes und präzises Deutsch wie kaum ein zweiter lebender Schriftsteller"), kann aber auch rasche Hiebe gegen Etablierte austeilen, gegen Bernhard Schlink etwa, gegen Martin Walser oder Christa Wolf. Mit Reinhard Jirgl macht er es sich nicht leicht, spricht von dessen "Kopfbürokratismus": "Dieser Mann lacht eher nicht. Schnauzbart, Mittelscheitel, trauriges Gesicht. Er schreibt Bücher des Eigensinns, der wütenden Weltbewahrung, des Abgrunds und der Dunkelheit. Merkwürdige Bücher in merkwürdiger Sprache, mit merkwürdigen Worten in merkwürdiger Schreibweise."

Das mag etwas aufgedreht klingen, führt am Ende aber immerhin zu einem klaren Urteil. Wenn einer der Gnostiker, zu denen doch wenigstens Winkels selbst sich zählen wird, über denselben Autor lobend schreibt (in seinem Buch "Gute Zeichen"), bleibt die Angelegenheit diffus: "Seine Einzigartigkeit besteht eben in der reibungsvollen Durchdringung expressiven Aufbegehrens mit einer geradezu formalistisch autonomen Artistik."

Dann doch lieber mit Weidermann zu Besuch bei Daniel Kehlmann weilen: "Ich habe ihn einmal in Madrid getroffen. Seine spanische Freundin lebt und arbeitet hier." Für Klatsch hat Weidermann eine große Schwäche, und er kultiviert bisweilen allzu angreifbar seine Unlust an der Abstraktion, an jeder Begrifflichkeit ("ein so zartes und leises Buch, dass alle Begriffe, die es zu fassen versuchen, so klotzig und schwerfällig wirken"). Bei Judith Hermanns Erzählungen meldet er leidenschaftlich seinen Kritikerbankrott an: Das, was in ihrem ersten Buch beschrieben sei, "kann man eben nicht heraustragen in einen Zeitungsartikel hinein".

Bleibt nur zu hoffen, dass bei dem absehbaren Erfolg der "Lichtjahre" Weidermanns Stakkato-Ton, effektheischend, wie er ist, bei noch jüngeren Kritikern nicht stilbildend wird - die Gedichte Erich Frieds sind für ihn "Wahrheiten. Reimrufe. Wortverwunderungen. Spracherkundungen. Weltverwünschungen. Alltagskopien. Liebeserklärungen. Manchmal geniale Verse".

Natürlich finden sich auch Fehler in so einem Buch, nicht alle so harmlos wie im Fall des Hamburger "Star-Club", der auf St. Pauli zu finden war und nicht gegenüber dem ehemaligen Kellerlokal "Palette", nach dem der bekannteste Roman von Hubert Fichte benannt ist. Übrigens las der Autor nicht 1968 im "Star-Club" aus seinem Roman, sondern schon 1966, als das Buch erst entstand. Und Wolf Biermann hat erklärt, dass er nicht deswegen seinen langjährigen Verlag Kiepenheuer & Witsch (in dem auch das Weidermann-Buch erscheint) verlasse, weil ihm die Einschätzung des Kritikers nicht passe, sondern weil der ihm eine Mitgliedschaft in der KPD angedichtet habe.

Einen Fehler hat Weidermann nicht wieder begangen: Seine Nähe zu den Autoren, seine Begeisterungsfähigkeit hatte ihn vor zwei Jahren dazu verführt, für die Publikation eines Romans zu plädieren, den der Rowohlt-Verlag aus guten Gründen vor Erscheinen zurückgezogen hatte, nämlich Thor Kunkels "Endstufe". Nach Weidermanns Artikel in der "FAS" veröffentlichte ein anderer Verlag das missglückte Werk. In dem Buch "Lichtjahre" wird Kunkel nun mit keiner Zeile mehr erwähnt.