Thriller Ganz gewöhnliche Helden
Scott Turow ist ein kleiner, feingliedriger Mann, der leicht als jüngerer Bruder von Louis Begley durchginge, wenn sein Anzug noch taubenblauer wäre und wenn er ein bordeauxrotes Einstecktuch trüge. Aber Begley, der Anwalt und weltweit erfolgreiche Schriftsteller, ist New York und Park Avenue und Ostküste, während Turow, der Anwalt und weltweit erfolgreiche Schriftsteller, Chicago und Sears Tower und Mittelwesten ist. Das macht den Unterschied zwischen Snob und Nicht-Snob.
Turows Büro liegt im 77. Stock des Sears Tower, den Osama Bin Laden gern zum Einsturz gebracht hätte. Er ist seit vielen Jahren Partner in der sehr ehrwürdigen, sehr einträglichen Kanzlei Sonnenschein Nath and Rosenthal; er ist seit vielen Jahren mit ein und derselben Frau, einer Malerin, verheiratet: ein Mensch, abhold größeren Veränderungen, die er den Figuren in seinen klugen, innenlebenreichen Romanen zumutet.
Den Umkreis seines Lebens, sagt er, könne er mit den Augen erfassen, wenn er aus dem Fenster schaut. Dort drüben, am Stadtrand von Chicago, ist er vor 57 Jahren geboren worden, ein Nachfahr jüdischer Einwanderer aus Osteuropa. Dort drüben, der Zeigefinger wandert nach Westen, lebt er heute. Und dort drüben, der Finger wandert ins Irgendwo, ist der Mittelpunkt seiner Romanwelt, Kindle County, eine beschauliche Hölle, wo ganz gewöhnliche Helden zu Hause sind, denen nicht nach Aufregung oder Abenteuer zumute ist, die aber dem Furor des Lebens ausgesetzt sind.
Weltweit brachte Turow bislang mehr als 25 Millionen Bücher unter die Menschen. In Europa lebt sein treuestes, größtes Publikum in Deutschland. Ruhm erlangte er mit seinen grandios klugen Justizromanen, in denen es immer wieder um Macht und nicht um Gerechtigkeit geht, was für einen Anwalt, der sich im duellorientierten amerikanischen Rechtssystem mit dem Staatsanwalt, den Geschworenen und dem Richter herumschlagen muss, das Selbstverständlichste der Welt ist.
In seinem vorletzten Roman "Das Gift der Gewissheit" spricht das Gericht den Angeklagten, der schon als Mörder verurteilt worden war, endlich frei; wie nebenbei lässt Turow die Staatsanwältin die Gründe für das Fehlurteil vertuschen.
So ist das Leben, sagt Turow, prima, wenn ein halbwegs akzeptables Ergebnis dabei herauskommt. Die Tendenz muss stimmen, alles andere, zum Beispiel das Beharren auf umfassender Wahrheitsfindung, wäre "eine sentimentale Vorstellung von Gerechtigkeit".
Turows Bücher fangen ohne Brimborium an. Ein Anwalt fährt mit seiner hübschen Helferin, auf deren Eroberung er keinerlei Hoffnung hegt, zu einem zum Tode verurteilten Mandanten, der ihn keinen Deut interessiert. Ein ältlicher Sohn stöbert in der Hinterlassenschaft seines Vaters, der ihm fremd war, ihn kleinhielt und den er noch nicht einmal für sein kraftloses Gemüt verantwortlich macht. Er hofft gar nicht auf spektakuläre Funde, er kramt einfach so.
Dann aber taucht in jedem Buch unverhofft ein sperriger Satz auf, wie eine Falltür, in die der Leser prompt tappt - eine erste Ahnung, dass es um mehr, um viel geht. Im "Gift der Gewissheit" hieß dieser Satz kurz und schmerzlos: "Das Böse korrumpierte", ohne dass man eine Ahnung gehabt hätte, ob es dem Täter oder dem Opfer oder, wie es sich erweist, allen so ergeht, die des Bösen teilhaftig werden.
Oft schreibe er solche Sätze, sagt Turow, in einer frühen Phase der Arbeit an einem Buch. "Ich schreibe sehr intuitiv. Ich denke mir, das lasse ich stehen, damit mache ich weiter, gerade weil ich nicht genau verstehe, was der Satz bedeutet. Ich weiß nur, dass ich damit das Thema anschlage."
Turow pflegt auch kleine Porträts der Figuren zu skizzieren, bevor er die vielfach verästelte Handlung ersinnt. Am Ende aber sind seine Bücher ein Wunderwerk an Systematik und Übersichtlichkeit, gegliedert in viele Kapitel, die ebenso kraftvoll wie listig die Geschichte vorantreiben, in der seine mittelmäßigen Menschen fast umkommen, ehe sie sich, der Autor ist eben nicht zufällig ein Amerikaner aus dem Mittelwesten, dann doch knapp behaupten.
In seinem neuen Buch "Der Befehl", das gerade in Deutschland erschienen ist, kommt der ominöse Satz erstaunlich trompetenhaft daher, wie eine schreckliche Wahrheit: "Alle Eltern haben Geheimnisse vor ihren Kindern." Man liest ihn, man vergisst ihn fast, so neu ist die Erkenntnis ja auch wieder nicht, man weiß aber, Turow hat sein Thema angeschlagen*.
Dabei handelt es sich diesmal nicht um das übliche Böse, nicht um einen Mord, nicht um die kleine Schneise, mit der sich die Freunde der Gerechtigkeit begnügen müssen, sondern um eine Geschichte aus tiefer Vergangenheit. Wir ziehen mit Amerika nach Europa in den Zweiten Weltkrieg. Wir befinden uns mitten in der Ardennenoffensive der Deutschen, begleiten Pattons Armee auf ihrem mühseligen Siegeszug, wir sind dabei, wenn KZ-Häftlinge befreit werden. Und dann sind wir wieder an jenem Ort, wo die Wahrheit um der Gerechtigkeit willen verhüllt wird, vor Gericht, diesmal vor einem amerikanischen Militärgericht.
Stewart Dubin ist der ehrgeizarme Sohn, der mäßig um den toten Vater trauert und den schönen Satz über sich sagt, "dass Selbstakzeptanz viel zu wichtig genommen wird". Er stößt zufällig auf die Geheimnisse des Alten. Der Vater, dieser Ausbund an Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit, der Langweiler, der sich als Jurist bei einem Versicherungsunternehmen verdingt hatte, verbirgt eine spannende, schräge Vergangenheit.
David Dubin, dieser geheimniskrämerische Vater, ist im Krieg als Militäranwalt unterwegs. Der Befehl, der ihn ein Leben lang beschäftigen wird, lautet, einen Agenten des Geheimdienstes OSS - das war der Vorläufer der CIA - vors Kriegsgericht zu bringen. Das Problem ist nur, dass der Agent Robert Martin ein Held ist, einer, der im Spanischen Bürgerkrieg auf der richtigen Seite kämpfte und nun im Krieg gegen die Deutschen hinter der gegnerischen Front abspringt, um Sabotageakte mit seiner kleinen Gruppe zu begehen. Einer, ohne den der Krieg nicht gewonnen werden kann. Ein amerikanischer Held.
Das andere Problem ist allerdings, dass Amerika dabei ist, den Krieg zu gewinnen, auch wenn es länger dauert, als gut ist. Allmählich verlieren Helden wie Martin ihre Bedeutung, sie sind für die siegreichen Generäle reine Pestbeulen, denn sie halten sich nicht an Dienstordnungen und Befehlsketten, sie sind Spieler, Süchtige, die nicht aufhören können. "Viele Spieler haben solche Stimmungen", schreibt Turow. "Wenn sie spielen, wenn sie alles aufs Spiel setzen, sind sie glücklich, doch sobald sie gewinnen, sinkt ihr Mut." Martin will weiterspielen.
Auf den jungen Militäranwalt David Dubin, einen Idealisten, der auf der Seite der Ordnung und Regeln steht, übt der Existentialismus des OSS-Agenten größte Faszination aus. Er lässt sich von Martin beeindrucken und manipulieren, er ist eine leichte Beute. Er wird in den Krieg hineingezogen, macht bei einem Anschlag mit und verliert dennoch sein Ziel nicht aus den Augen. Er glaubt eben an die Gerechtigkeit, er hält sich an Prinzipien, er wehrt sich gegen die Wahrheit des Krieges: "Alles außer unserem Instinkt war Heuchelei."
Turow fand den Stoff für sein Buch in der Familie. Sein Vater war im Zweiten Weltkrieg in Europa Arzt in der US-Armee. Anders als der Roman-Vater erzählte er gern von seinen Erlebnissen. "Diese Geschichten gehörten so sehr zu meiner Kindheit, dass ich immer schon darauf zurückkommen wollte", sagt Turow. Das freie Spiel seiner Phantasie verwandelt die Erinnerungen seines Vaters dann allerdings bis zur Unkenntlichkeit. Und so kommt Scott Turow ganz zu sich und seinem Thema.
Wie das Böse korrumpiert der Krieg jeden, der mit ihm in Berührung gerät. Wie im zivilen Alltag ist die Durchsetzungsgewalt der Macht viel größer als die Sogkraft der Gerechtigkeit. Wie in seinen anderen Romanen sind die Durchschnittsfiguren, die Turows Einbildungsvermögen entspringen, am Ende froh, dass irgendwann auf den Wahnsinn ruhigere Zeiten folgen. Deshalb behält Vater Dubin seine Erlebnisse für sich, anstatt sie mit seinem unnützen Sohn zu teilen. Die groteske Vergangenheit hat nichts im Leben eines Familienvaters und Versicherungsjuristen zu suchen.
Erstrebenswerter als das Heroische ist die durchschnittliche Existenz in durchschnittlichen Zeiten. Das ist die kleinbürgerliche Utopie Amerikas, wenn der Messianismus sich ausgetobt hat. So hält man es in Kindle County, in diesem kleinen Kosmos, den Scott Turow immer wieder erstehen lässt. Aus der Ferne und aus der Höhe des Sears Tower sieht diese Welt beneidenswert friedfertig aus, aber eben auch nur, weil mit aller Regelmäßigkeit ein bisschen Wahnsinn hindurchtobt.
* Scott Turow: "Der Befehl". Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Blessing Verlag, München; 544 Seiten; 21,95 Euro.