Literatur: Heiligenlieder aus der Gosse - DER SPIEGEL
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Literatur Heiligenlieder aus der Gosse

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Nüchtern sind sie nie, denn Nüchternheit ist die Pest - aber der Rausch auch nur ein schwacher Trost. Die jungen Helden dieses Buchs hängen schon tagsüber in trüben Kaschemmen und Absteigen herum, sie saufen schlechten Whiskey und drücken sich Heroin in die Venen, für ein paar Dollar verkaufen sie ihre Seele und manchmal auch ihren Verstand. Doch so kaputt sie auch sein mögen, während sie "unter Wolken wie großen grauen Gehirnen" durch ein völlig versifftes Amerika driften, so deutlich spüren sie, dass ihre Welt durchdrungen ist von einer rätselhaften, bösen, nur selten rettenden göttlichen Magie.

Von jähen Todesfällen (mal zerschmettert es einen bei einem Autounfall, mal erstickt einer an seinem Erbrochenen) und bizarren Glücksmomenten berichtet der Erzählband "Jesus' Sohn". Im Original ist er 1992 erschienen. Er hat den heute 56-jährigen Denis Johnson in den USA auf einen Schlag zu einem berühmten Autor gemacht. So hartgesotten, so großkotzig, so auftrumpfend mit einer religiös durchwirkten Poesie hatte lange keiner mehr von Außenseitern und Drogenfreaks erzählt. Johnsons Buch ist im Grunde ein einziger großer Gesang, vorgetragen von einem Homer aus der Gosse, den sie "Fuckhead" nennen. "Schräg gegenüber von mir saß ein liebes kleines schwarzes Ding", schildert der Kerl eine U-Bahn-Fahrt, "sechzehn vielleicht, voll auf Heroin. Sie konnte nicht mal den Kopf oben halten. Sie wusste: Scheiße, genauso gut hätten wir Hundetränen schlürfen können. Nichts zählte, außer dass wir am Leben waren."

In Deutschland wird Johnson erst seit dem Erscheinen der Romane "Schon tot" (2000) und "Engel" (2001) verehrt. Nun hat der Rowohlt-Verlagschef Alexander Fest sich viel Mühe gemacht, die "Jesus' Sohn"-Storys in ein geschliffenes, funkelndes Deutsch zu übersetzen. Eindringlich vermittelt dieses Buch den komischen, verrückten, heiligen Ernst, der Johnsons Helden erfüllt, und ihre Wehmut über den seltsamen Zustand der Welt. Es ist zum Hundetränenschlürfen.


Denis Johnson: "Jesus' Sohn". Rowohlt Verlag, Reinbek; 176 Seiten; 14,90 Euro.