Literatur: Held der Camouflage - DER SPIEGEL
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Literatur Held der Camouflage

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt Autoren, die Sätze schreiben können wie Haken, an denen der Leser hängt. Sinnvoll im Erzählfluss, nicht notwendigerweise prunkvoll oder absonderlich, aber schön und licht und klug zugleich. Peter Handke ist ein solcher Autor, Judith Kuckart ist eine solche Autorin; außerdem hat sie Humor. Ihr neuer Roman erzählt eine Geschichte aus der Bundesrepublik, die bekannte Bilder aus deren Historie souverän als Postkarten verwendet: Es lohnt sich nicht, zum Gesicht der Nitribitt mehr zu sagen, als dass es bleich war und die Frau ein wenig schielte. Auch über den Mauerbau und über die Frisur Ulrike Meinhofs muss man nicht viele Worte verlieren, wenn man, wie Kuckart, 46, die Privatgeschichte von Menschen erzählt, die sich in der Politik ihrer Zeit so bewegen wie durch einen Porzellanladen: Solange man nichts anfasst, geht auch nichts kaputt.

So hat der Abgeordnete Leo Böwe, früher Waschmaschinenvertreter, zwar die passenden Ansichten für seine Partei, aber die gab es eben schon vorher, und seine Ansichten hat er passend gemacht. Er ist viel mehr damit beschäftigt, "einem Leben zu entkommen, das ihm zu kurz zu sein schien, wenn er es nicht doppelt, also als ein Doppelleben führte". So hat er eine Frau und eine Geliebte und in beiden Wohnungen das gleiche Geschirr; so hat er noch Kurzzeitfrauen dazu; so hat er ständig zu tun mit Planen und Verbergen, mit Strategien der künstlichen Intensivierung. Er ist ein Abenteurer, der für seine Schwierigkeiten selbst sorgen muss - und für die Epoche des rechtschaffenen Aufstiegs, solange sie eben dauert, ein idealer Held der Camouflage. Seine Frau "war immer da gewesen, wenn er weg gewesen war. Sie hatte gewartet. Sie hatte den langen Schmerz dem kurzen vorgezogen". Als sie stirbt, ist der ewig flüchtende Ehemann aus Versehen dabei. "Zwei, drei Atemzüge noch, und ihr Gesicht wurde Landschaft, genauer, die sparsame Zeichnung einer Landschaft." Eine Familiengeschichte, die in einer Zeit beginnt, "als die Straßenbahn noch alle Menschen nach Hause fuhr". Sie reicht bis in die Gegenwart. Und wird im Gedächtnis bleiben.


Judith Kuckart: "Kaiserstraße". DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln; 320 Seiten; 19,90 Euro.