Abenteuer: Mutter aller Schatzschiffe - DER SPIEGEL
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Abenteuer Mutter aller Schatzschiffe

Bei Gibraltar wollen die britische Regierung und eine US-Firma den wohl wertvollsten Schatz aller Zeiten heben: die Fracht der "Sussex". Beladen mit Gold und Silber, sollte der Dreimaster 1694 Frankreich zurückdrängen und der Geschichte Europas einen anderen Lauf geben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als kleiner Junge war Greg Stemm wie fast alle kleinen Jungs dieser Welt: Er liebte Geschichten über Piraten, Entdecker und Abenteurer zur See, er mochte die Welt dort unten mit ihren geheimnisvollen Kreaturen und bunten Riffen. Und natürlich träumte er davon, eines Tages ein berühmter Forscher zu werden wie Jacques Cousteau oder als Taucher auf ein Schatzschiff voller Gold zu stoßen.

Die meisten kleinen Jungs werden dann irgendwann brave Angestellte und arrangieren sich mit dem Leben, wie es halt ist. Nicht so Greg Stemm.

An einer geheim gehaltenen Position südwestlich des Felsens von Gibraltar zieht das Forschungsschiff "Minibex" seine Bahnen. Die Kommandozentrale ist unten im Rumpf. Es ist eng und stickig dort, und es ist dunkel, nur die Monitore erleuchten den Raum.

Die Computer unter Deck sind verbunden mit einer Art Torpedo, der Hunderte Meter unter dem Schiff mit Sonarimpulsen den Meeresgrund abtastet. Ganz systematisch. Meter für Meter. Meile um Meile. Für das Auge eines Laien sieht da unten alles gleich aus. Nur der Fachmann erkennt Unterschiede, indem er die Schattierungen in den Computerbildern interpretiert. Es ist wie beim Ultraschall des Frauenarztes: Wo der Mediziner schon Ohren und Füße eines Fötus erkennt, sieht der werdende Vater nur grau in grau.

Während die Maschine ihre Bilder nach oben schickt, bleiben Schatzsucher Stemm und seine Kollegen ganz ruhig. Manchmal passiert zwölf Stunden lang gar nichts. Nur ganz selten entfährt den Forschern ein kurzes Ahhh. Dann haben sie wieder etwas Seltsames auf dem Meeresboden wahrgenommen. Sie markieren die Stelle im Rechner, und manchmal geben sie Befehle, die Stelle noch einmal aus anderer Perspektive unter die Lupe zu nehmen.

Viele Monate durchkämmte Stemms Team den Boden des Mittelmeers vor Gibraltar, und dann fügten die Experten die entdeckten Anomalien wie ein Puzzle zusammen. Inzwischen sind Stemm und seine Leute sich ziemlich sicher, dass sie in 900 Meter Tiefe das gefunden haben, wonach sie jahrelang gesucht haben: das Wrack des Dreimasters HMS "Sussex".

Derzeit bereitet Stemm, Chef der amerikanischen Schatztaucherfirma "Odyssey", zusammen mit der britischen und spanischen Regierung die Bergung vor. Und wenn sie gelingt, könnte es eine Sensation werden: Denn die "Sussex" ist die Mutter aller Schatzschiffe, ihre Ladung könnte bis zu vier Milliarden Euro wert sein. Niemals zuvor haben Schatzsucher in einer größeren Tiefe nach so viel Gold getaucht, niemals zuvor versprach eine Unternehmung den Goldjägern größeren Profit, und niemals zuvor hat eine Unterwasserexpedition zu solchen diplomatischen Verwerfungen geführt.

Der Untergang der "Sussex" zählt zu den größten Katastrophen der englischen Marinegeschichte. Das Kriegsschiff war am 19. Februar 1694 vor Gibraltar in einem Sturm untergegangen - mit einer phantastischen Fracht: Im hölzernen Rumpf lagen Kisten und Fässer, voll mit Münzen und Barren, mit wahrscheinlich einer Million Pfund Sterling.

Der Schatz sollte eigentlich der Geschichte Europas einen anderen Lauf geben: Mit den Reichtümern wollte der englische König William III. den Herzog von Savoyen auf seine Seite ziehen. Der Regent am Mittelmeer sollte eine Söldnertruppe aufstellen, um damit England im Krieg gegen Frankreich zu unterstützen - der Engländer wollte Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. mit einem Mehrfrontenkrieg zurückschlagen. Und die Mission der "Sussex" war das entscheidende Manöver in diesem großen Plan. Er scheiterte im Sturm vor Gibraltar.

Vor zwölf Jahren bekam Greg Stemm in seinem Büro in Tampa, Florida, Besuch von einem italienischen Forscher. Der Mann hatte in einem Archiv einen vergilbten Diplomatenbrief aus jener Zeit entdeckt, in dem der Untergang des Schiffs mitsamt der Ladung beschrieben wird. Stemm war elektrisiert.

Der 47-jährige Amerikaner mit dem braun-weißen Bart ist ein Musterexemplar der modernen Schatzsucher. Er kennt sich aus in der Geschichte der Seefahrt, er weiß fast alles über das Bergen von Wracks, er hat ein ganzes Arsenal modernster Maschinen, und er hat risikofreudige Investoren im Rücken, die auch millionenteure Operationen finanzieren können. Vor allem aber ist der Mann mit dem launigen Humor ein Geschäftsmann, der ein Gespür dafür hat, bei welchen Unternehmungen etwas für ihn selbst und seine Geldgeber herausspringen kann.

Stemm hatte nach seiner Zeit auf dem College zunächst als Public-Relations-Mann für den amerikanischen Starkomiker Bob Hope gearbeitet. Anschließend machte er eine Werbeagentur in Florida auf. Als Gründungsmitglied der Young Entrepreneur's Organization in den USA schärfte er seinen Sinn für Geschäftsideen und lernte dabei aufstrebende Manager wie den AOL-Vize Ted Leonsis und den Computerunternehmer Michael Dell kennen.

Ins Bergungsgeschäft aber stolperte er hinein - auf einer amerikanischen Hafenpier. Eigentlich war der Vater zweier Söhne vor 20 Jahren auf der Suche nach einem Fahrtenschiff, mit dem er durch die Karibik gondeln wollte. Dann sah er im Hafen ein Forschungsschiff einer Universität. Daran hing ein Schild: "for sale".

Tage später kaufte er das Schiff und besorgte sich den ersten Unterwassercomputer. Er habe nicht viel gewusst von der Schatzsuche, sagt Stemm - nur so viel: Auf dem Meeresgrund "liegen Milliardenwerte, und es gibt die Technik, um sie zu finden und zu bergen". Die Frage ist immer nur: Lohnt der millionenteure Aufwand, das Zeug hochzuholen? Um das herauszufinden, gründete er ein Jahr später die Firma Odyssey Marine Exploration und tat sich später mit John Morris zusammen, einem Fachmann für Unterwassertechnologie.

Odyssey hatte einige kleinere Unternehmungen hinter sich, als Stemm 1994 erstmals von der "Sussex" hörte. Nun musste er herausfinden, in welchem Gebiet genau das Wrack liegen könnte. Und er musste wissen, ob die Ladung tatsächlich so wertvoll war, dass sich der enorme Aufwand lohnen würde.

Für Odyssey arbeiten sieben eigene Rechercheure. Dazu kommt ein Stamm freier Mitarbeiter, die ständig Informationen über untergegangene Schiffe sammeln. Von nun an war alles wichtig, was über die "Sussex" zu finden war: alte Aufzeichnungen, Logbücher, Marineprotokolle. Aber auch neuere Informationen: Tipps von Schleppnetzfischern und Informationen von Einheimischen an der spanischen Küste.

Greg Stemm war immer mittendrin. Einerseits war das Projekt so groß und so
wichtig wie die 15 anderen zusammen, die er zu diesem Zeitpunkt in seinen Auftragsbüchern hatte. Vor allem aber liebt er die Recherche. Er war selbst wochenlang in London und stöberte in Bibliotheken und Archiven. Danach ging ihm auf, dass er seinem Kindheitstraum ganz nah sein dürfte: Die "Sussex" "könnte das reichste Wrack aller Zeiten werden".

Zugleich musste er das Projekt sichern, schützen, denn die Welt der Schatzsucher ist klein, Gerüchte sprechen sich schnell herum. Stemm musste dafür sorgen, dass nur Odyssey an den Schatz kommt und nicht eines der Konkurrenzunternehmen an ihm und seinen Leuten vorbeizieht. Er nahm Verbindungen mit der britischen Regierung auf und wollte einen Exklusivvertrag abschließen.

Doch die ersten Gespräche endeten ohne Ergebnis. Die Engländer beschieden ihm, er möge doch wiederkommen, wenn er Näheres über den Verbleib der "Sussex" wisse und wenn er abschätzen könne, wie groß die Chancen seien, das Gold hochzuholen.

Stemm forschte also weiter. Einmal stand er an jenem Strand, an dem vor über 300 Jahren der Leichnam des Kommandanten der "Sussex" an Land gespült worden sein soll. Angeblich, so lokale Legenden, habe der nur ein Nachthemd angehabt. Stemm stand am Ufer und überlegte: War der Kapitän des stattlichen Dreimasters, der mit 80 Kanonen bestückt war, ein wenig nachlässig geworden? Glaubte er, das Gröbste seiner Reise hinter sich zu
haben, nachdem er auf seinem Weg von England nach Savoyen das ärgste Feindesland bereits passiert hatte? Und was hieß der Fundort der Leiche für die Strömungen an jenem Tag, die Windverhältnisse und somit den Ort des Untergangs?

Das Ende des 17. Jahrhunderts war eine Hochphase der französisch-englischen Feindseligkeiten. Auf dem Thron in London saß William III. von Oranien, der vormalige Statthalter der Niederlande. Williams großer Gegenspieler war Ludwig XIV. Der Sonnenkönig in Versailles beherrschte auch Teile von Italien.

Besonders ärgerte die Seefahrernation England, dass ausgerechnet die Flotte des Erzfeindes Frankreich zu dieser Zeit als die mächtigste der Welt galt. Mit dieser Macht auf den Ozeanen konnte Ludwig XIV. sein Handels- und Kolonialreich weiter ausbauen - für die Engländer war deshalb klar: Sie mussten Ludwigs Macht eindämmen.

1694 befanden sich England und Frankreich bereits seit fünf Jahren im sogenannten pfälzischen Erbfolgekrieg, als König William auf die Idee kam, eine weitere Front gegen Frankreich aufzumachen, und zwar im Südwesten, in Savoyen, das der Allianz gegen Frankreich bereits angehörte. Doch das Herzogtum war nicht in der Lage, eine Armee aufzustellen, es fehlte das Geld.

Der König stellte einen gewaltigen Geleitzug zusammen: 206 Schiffe, und mittendrin das Flaggschiff mit dem Schatz - die "Sussex", unter dem direkten Kommando des Flottenadmirals Sir Francis Wheeler.

Der Konvoi hatte die französische Küste bereits hinter sich gelassen und war bei Gibraltar ins Mittelmeer eingelaufen, als am 19. Februar das Wetter umschlug. Die Straße von Gibraltar gilt wegen ihrer Strömungen als heikles Revier, in der peitschenden See des Wintersturms hatten die Schiffe keine Chance. 1200 Seeleute starben. Die "Sussex" kenterte. Nur zwei ihrer Besatzungsmitglieder überlebten die Katastrophe.

Mit dem Untergang des Schatzes scheiterte König Williams Strategie. Wenig später unternahm die britische Krone zwar einen neuen Versuch, den Herzog von
Savoyen, ihren Verbündeten, zu stärken, doch da hatte sich der mit seinem Heer bereits auf die Seite der Franzosen geschlagen.

Es sei "faszinierend", über 300 Jahre nach der Havarie nach einem Schiff zu tauchen, dessen Untergang den "Globus verändert" hat, sagt Stemm. Denn hätte es damals die Allianz von England und Savoyen geschafft, Frankreich in die Zange zu nehmen, hätte dies womöglich Konsequenzen für die gesamte Welt gehabt. England hätte womöglich zur europäischen Hegemonialmacht aufsteigen können, später hätte ein kleiner Korse namens Napoleon vielleicht nie eine Chance gehabt; auch die Deutschen wären womöglich nie mächtig und gefährlich geworden.

Nach langen Recherchen hatte Stemm genug Material zusammen. Erneut sprach er beim damaligen britischen Verteidigungsminister Geoff Hoon vor, dem die "Sussex" theoretisch zumindest gehört. Die Verhandlungen dauerten Monate. Doch dann war es im September 2002 so weit: "Partnerschaftliche Übereinkunft" steht über dem Vertrag, und er besagt im Kern, dass die Firma Odyssey mit ihrem Know-how und ihrem Kapital das Gold hochholen darf - und der Schatz anschließend nach einem komplizierten Schlüssel geteilt wird.

Vor allem aber erhielt Stemms Firma eine Garantie über 20 Jahre, in denen die Admiralität niemanden sonst an den Schatz lassen will.

Seitdem die amerikanischen Schatzsucher angekündigt hatten, die Ladung nun auch bergen zu wollen, kursieren viele Spekulationen über den Wert des Vermögens. Neben jenem Brief, auf den der italienische Forscher gestoßen war, existieren Protokolle der britischen Krone, in denen das Schatzamt angewiesen wird, Geld für den Herzog bereitzustellen. Daraus kann man schließen, was da auf dem Boden des Mittelmeers liegt. Nur was der Fund heutzutage wert wäre, darüber streiten sich Experten. Einige taxieren ihn auf einige hundert Millionen Euro, andere Fachleute schätzen den Wert der Ladung auf bis zu vier Milliarden Euro.

Natürlich, sagt Stemm, hätten auch er und seine Leute sich Gedanken über den Profit gemacht. Schließlich würden die Anteilseigner seiner Aktiengesellschaft wissen wollen, wofür er ihr Geld ausgibt. Aber Kasse gemacht werde erst, "wenn wir den ganzen Salat gehoben haben". Ein Großteil der Fracht bestehe schließlich aus historischen Goldmünzen, über deren Marktwert erst Auktionen bestimmen müssten.

Stemm ist mit modernstem Gerät ausgerüstet. Und dennoch: Selbst mit den ausgefeiltesten Methoden bleibt die Suche nach dem Reichtum unter Wasser ein extrem spekulatives Geschäft. Schließlich, sagt Stemm, "wagen wir uns immer in Regionen vor, in denen noch niemand zuvor gewesen ist". Trotzdem lockt das Geschäft spätestens seit der Bergung des Goldes aus dem Wrack des Schaufelraddampfers "Central America" 1991 - Wert: knapp eine Milliarde Dollar - eine Vielzahl von Hasardeuren an, die das große Geschäft wittern.

Die Partner Stemm und Morris versuchen, ihre Aktionäre mit einem simplen Argument zu überzeugen: Zehn Prozent aller Segelschiffe seien gesunken, und das bedeute, dass "viele Milliarden Dollar" auf dem Meeresgrund lägen. Weltweit gibt es schätzungsweise drei Millionen versunkene Schiffe. Ein paar hundert davon sollen wertvolle Fracht mit sich nach unten gerissen haben.

Schon kurz nach der Gründung von Odyssey bewiesen die Newcomer, dass es nicht immer schwierig ist, an solche Schätze heranzukommen. Sie investierten fünf Millionen Dollar, um ein spanisches Wrack zu heben, das vor Florida gesunken war. Das Unternehmen amortisierte sich schnell, als die geborgenen Kunstgegenstände, die Perlen und das Gold verkauft waren. Dadurch erhielt die Aktiengesellschaft neue Kreditwürdigkeit. Heute, sagt Stemm, hätten seine Rechercheure Informationen über hundert lohnende Schiffe gesammelt, die Odyssey vermutlich heben könnte.

Aber kein Projekt ist auch nur annährend so verlockend wie die "Sussex". Nur: Obwohl Stemms Rechercheure die Stelle, an der die Galeone gesunken war, mit Hilfe alter Dokumente immer enger einkreisen konnten, blieb am Ende dennoch eine Fläche von rund tausend Quadratkilometern übrig, die sie absuchen mussten - etwa doppelt so groß wie der Bodensee.

Damit den Forschern nichts entging, teilten sie das Areal präzise auf in Suchras-ter. Erst dann legten die Suchschiffe, die "Minibex" und die "Odyssey Explorer", zum ersten Mal ab. Etwa fünf Meilen vor der Küste schickten sie den Suchtorpedo in die Tiefe und grasten dann Bahn für Bahn, sicherheitshalber überlappend, den Meeresboden ab.

"Rasenmähen" nennen Schatzsucher diesen monotonen Job. Am Computer konnten sie den Weg ihres elektronischen Auges unter Wasser verfolgen. Gleichzeitig wurden die Bilder auf Video aufgezeichnet, um sie später ein zweites Mal ansehen zu können.

Mit dieser Methode erhielten Stemms Leute eine topografische Karte des Bodens, sie sahen selbst Erhebungen von der Größe eines Fasses. Allerdings war die Arbeit nicht einfach, denn das 250.000 Dollar teure Sonar sorgt nur für brauchbare Bilder, wenn es gleichmäßig 20 bis 40 Meter über dem Boden gehalten wird. Da das Schiff den Mini-Torpedo hinter sich herschleppt und die Tiefe der See zwischen 300 und 900 Metern schwankt, mussten sie ständig die Geschwindigkeit des Schleppers und die Länge des Kabels anpassen.

Sobald die Schatzsucher etwas Ungewöhnliches entdeckten, beauftragten sie den Steuermann des Schiffs, das Ziel noch einmal von der anderen Seite anzufahren. Und sie machten ein Kreuz auf der Seekarte. Am Ende des Rasenmähens hatten sie 418 Kreuze eingezeichnet.

Beim näheren Untersuchen dieser Fundstellen konnten die Amerikaner viele Kreuze wieder streichen. Die Schlickhügel waren entweder zu groß für die "Sussex", die einst 48 Meter lang war. Oder die Wrackteile waren zu gut erhalten für ein über 300 Jahre altes Schiff. Oder die zunächst für spannend gehaltenen Stellen entpuppten sich bei näherem Hinsehen schlicht als Felsen.

Die meisten Schattierungen ließen sich jedoch selbst durch mehrmaliges Ansehen nicht aufklären, die Techniker mussten sie sich noch einmal ganz genau vornehmen. Für diesen zweiten Schritt ließ Stemms Mannschaft ein "remote operated vehicle" (ROV) ins Wasser - einen Tauchroboter, groß wie ein Kühlschrank, drei Millionen Dollar teuer. Für gewöhnlich wird der Roboter überall dort unter Wasser eingesetzt, wo Menschen wegen des gewaltigen Drucks nicht mehr hinkommen - etwa zum Kontrollieren von Unterwasserkabeln.

Mit einem Joystick dirigierten die Odyssey-Techniker ihr ROV von allen Seiten über die markierten Fundstellen. Kameras lieferten Livebilder vom Meeresgrund. Viele zunächst interessante Objekte erwiesen sich nun schnell als schnöde Ölfässer oder Flugzeugteile. Und da die Meerenge von Gibraltar schon immer eine vielbefahrene Wasserstraße war, entdeckten die Odyssey-Leute auch jede Menge anderer Wracks: neuere Schiffe aus den beiden Weltkriegen, aber auch jahrtausendealte aus den Zeiten der Phönizier und des Römischen Reiches.

Eine Stelle aber ließ Stemm nicht mehr los: Es gab da alte Kanonen, viele Kanonen, insgesamt 19 Stück. Fast wie auf eine Schnur gezogen lagen sie auf dem Meeresboden. Dazwischen ragten zwei Anker aus dem Schlick. Und dann kam Stemms schärfste Waffe zum Einsatz: ein zweiter Tiefseeroboter, dieser mit Greifarm und Sammelkorb.

17-mal steuerte Stemm die Maschine nach unten und fischte dort Material auf. Unter anderem holte das unbemannte Mini-U-Boot eines der Kanonenrohre an die Oberfläche.

Ein Archäologe aus Stemms Crew und ein Fachmann des britischen Verteidigungsministeriums nahmen das Rohr sofort unter die Lupe, sie machten Tests im Labor. Und dann waren sie sich einig: Diese Kanone stand mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mehr als 300 Jahre zuvor auf einem der Decks der "Sussex".

Doch Stemm blieb vorsichtig: "Wir können noch nicht sicher sein, dass es wirklich die ,Sussex' ist", sagt er, aber "wir haben 20 Indizien dafür, dass sie es ist, und wir wären schon sehr, sehr überrascht, wenn es nicht so wäre".

Unterwasserarchäologen sehen die Entdeckung der Schatztaucher mit gemischten Gefühlen. Wenn Stemms Maschinen jetzt die Reste der "Sussex" nach dem Gold durchwühlen, fürchten sie, werde von dem historischen Wrack nicht mehr viel übrig bleiben. Bei derartigen Operationen, ärgert sich George Lambrick, Direktor des Council for British Archaeology (CBA), "haben Interessen der Archäologen keine Priorität". Der Vertrag der Regierung in London mit der Schatztaucherfirma, schimpfte der damalige CBA-Präsident Francis Pryor, bringe "das britische Erbe in sehr trübe Gewässer".

Greg Stemm kennt die Argumente der Wissenschaftler. Er gründete deshalb schon vor Jahren die Professional Shipwreck Explorers Association - eine Organisation, die alle politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen unter ein Dach bringen soll. Die Idee: Schatzsuchergesellschaften haben das Know-how, den Maschinenpark und vor allem das Kapital für derartige Exkursionen. Wenn Archäologen mit ihnen kooperieren, könnte auch die Wissenschaft profitieren und Informationen aus der tiefen See erhalten, an die Universitätsprofessoren mit ihren schmalen Budgets sonst niemals kämen.

Er sei "besonders stolz darauf", sagt Stemm, dass es ihm schließlich auch beim "Sussex"-Projekt gelungen sei, "die Interessen der Wissenschaftler und meiner Geldgeber zusammenzubringen": Vertreter von Regierung und Odyssey gründeten ein Komitee, das die Bergungsarbeiten überwachen soll, um archäologische Standards einzuhalten. Inzwischen, glaubt Stemm, könne das "Sussex"-Projekt sogar "als ein Modell" gelten für private und staatliche Zusammenarbeit im Umgang mit den "kulturellen Reichtümern unter Wasser".

Doch kaum war Friede an der einen Front, tat sich eine zweite auf: Als sich der Deal zwischen Stemms Firma und der Regierung in London herumsprach, frohlockten britische Zeitungen bereits über die vielen Millionen, die bald in die leere Staatskasse geschwemmt würden. Darüber waren aber die Spanier überhaupt nicht amüsiert: Rechtlich ist Großbritannien zwar Eigentümer des untergegangenen Vermögens. Gleichzeitig liegt das Wrack aber wohl gerade noch in spanischen Hoheitsgewässern - weshalb Madrid die Erlaubnis zum Suchen und Bergen erteilen muss.

Als spanische Politiker gegen das Unternehmen schossen, fassten dies die keineswegs zimperlichen Zeitungen in England als Kriegserklärung auf. Der Streit erinnere an die Seeschlacht von Trafalgar, konterten spanische Gazetten - ganz in der Nähe von Gibraltar hatte der britische Admiral Nelson 1805 die französisch-spanische Flotte vernichtend geschlagen.

Zwischen die Fronten dieses Kampfes mit Schlagzeilen geriet nun Greg Stemm. Im Januar dieses Jahres erklärte die spanische Regierung, sie habe den Amerikanern zwar die Erlaubnis zum Suchen erteilt - aber keineswegs zum Bergen des Schatzes. Sie forderte Stemm auf, die Aktion umgehend abzubrechen.

Und dann mischte sich auch noch die Regionalregierung von Andalusien ein, die nun ihre archäologische Hoheit über den Meeresgrund vor ihren Küsten in Gefahr sieht. Man dürfe nicht zulassen, dass Firmen wie Odyssey "unser Erbe abräumen", klagte ein Polit-Aktivist öffentlich. Als Stemm Ende 2005 bei neuen Erkundungsfahrten über dem Wrack kreuzte, blockierten 25 Boote mit Demonstranten sein Schiff.

Beinahe hätte es tatsächlich eine zweite Seeschlacht gegeben. Stemm aber drehte ab und gab klein bei. "Die Leute wurden aufgestachelt", sagt er, "das war mir alles zu aggressiv." Er will den Schatz - Ärger kann er dabei nicht gebrauchen, die Operation selbst ist schwierig genug.

Derzeit läuft ein neuer Verhandlungsmarathon. "Wir haben seitdem viele lange Sitzungen gehabt", sagt er. Und nun sollen eben auch spanische Archäologen vertraglich eingebunden werden.

Unklar ist, ob die Spanier auch etwas vom Schatz abbekommen werden. Die Lage sei heikel, die Atmosphäre geladen, sagt Stemm - besonders zwischen Spanien und England, schließlich streiten sich beide Länder schon seit drei Jahrhunderten um den Affenfelsen von Gibraltar.

Jetzt im Sommer wäre die See wahrscheinlich wieder ruhig genug, um mit der Bergung weiterzumachen. "Aber einen Termin kann ich jetzt beim besten Willen noch nicht nennen", sagt Stemm. Die wahre Arbeit der Schatzsucher dauert eben viel länger, als kleine Jungs sich das vorstellen.