Kulturgeschichte Das ganz und gar Unerträgliche
Die Geschichte der Frauenemanzipation ist, als zunehmender Erfolg der Romanform seit der Aufklärung, auch ein Kapitel der Literaturgeschichte. Familien- und Liebesromane, oft in Briefform - das war schon früh, was es heute wieder zu werden droht: vor allem ein Tummelplatz weiblicher Autoren. Zu ihren historischen Heldinnen gehören Frauen wie Jane Austen, George Sand, Harriet Beecher Stowe oder - in deutscher Sprache - Bettina von Arnim.
Stefan Bollmanns neuer, reich bebilderter Porträtband "Frauen, die schreiben, leben gefährlich" rekonstruiert einfühlsam die alltäglichen Hindernisse, die dichtende Frauen der alten Zeit zu überwinden hatten**. Und die diesen Frauen oft mehr Kräfte abverlangten als etwa die Geldsorgen ihren männlichen Mitbewerbern. Wobei die Frage offenbleiben muss: Waren die "häuslichen Pflichten" (Kinder und Küche) verheirateter Dichterinnen nur Hindernisse oder auch produktive Herausforderungen, ohne die so mancher Schmerzensschmelz, zumal in Briefen und Gedichten, niemals Sprache geworden wäre?
Elke Heidenreich, wer sonst, hat den vielen anrührenden, vor allem aus den vergangenen 250 Jahren geschöpften Leidensgeschichten schreibender Damen ein temperamentvolles Vorwort-Banner spendiert, das deutlich sagt, wer das harmonische Leben dieser Frauen stets dramatisch gefährdet: Es ist der Mann (wer sonst).
Heidenreich schreibt: "Das, was Männer beflügelt, zerstört offenbar Frauen: die Gleichzeitigkeit, eine Liebe zu leben und sich künstlerisch zu etablieren. Dazu kommt ... etwas ganz und gar Unerträgliches: Frauen regeln den Alltag von Männern, damit diese schreiben (oder was auch immer tun) können. Wer regelt eigentlich den Alltag von Frauen?" Und, was noch ärger ist: "Frauen werden gern als die Musen der Männer bezeichnet. Wer und wo sind denn aber die Musen der Frauen?"
Heidenreich spitzt gern zu, und darin kann sie grandios wirken. Trotzdem hat sie nicht immer recht. So mancher große Schriftsteller kam ohne weibliche Muse aus - Marcel Proust oder Thomas Mann ließen sich lieber von jungen Männern inspirieren.
Als prominentes Beispiel in ihrer Galerie jener Schriftstellerinnen, die fürs Schreiben "mit ihrem Leben" bezahlt haben, nennt Heidenreich Virginia Woolf. Sie "steckte sich Steine in die Jackentaschen und ertränkte sich ... in einem Fluss - sie hielt den Wahnsinn des Schreibens nicht mehr aus".
Im selben Buch, 79 Seiten später, wird Heidenreich korrigiert: Virginia Woolf, neben James Joyce die wichtigste Protagonistin tiefenpsychologisch grundierter Bewusstseinsströme in Literaturform, war schwer depressiv, das hatte aber mit ihrer Liebe zum Wort nichts zu tun. Ihre psychische Erkrankung, schreibt Bollmann zu Recht, "hätte sich eingestellt, auch wenn sie nicht geschrieben hätte".
Virginia Woolf lebte selbstbewusst im Mittelpunkt recht privilegierter Bohemiens und wurde auch nicht von ihrem Mann unterdrückt. Kurz vor ihrem Tod (nicht im 50., wie Heidenreich meint, sondern im 60. Lebensjahr) machte sie ihm das Geständnis: "Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir gewesen sind."
Im 20. Jahrhundert behindert weniger der egozentrische Mann die schreibende Frau, eher schon das tradierte Idealbild selbstloser Weiblichkeit. Es verführt viele Frauen dazu, die eigene Kreativität zugunsten jener des Mannes zurückzunehmen.
An diesem Bild haben allerdings nicht nur Macht-Männer und Frauenverächter wie Friedrich Nietzsche ihren Anteil, daran hat auch, wie Virginia Woolf einmal feststellt, die "Einbildungskraft" der Frauen selbst mitgemalt.
Besonders verdienstvoll ist das bewegende Kapitel über "Schreiben als Widerstand". Dabei geht es um Flugblätter gegen die Nazis (Sophie Scholl), um Tagebücher (Anne Frank), um die Briefe einer im Konzentrationslager leidenden Mutter an ihre Kinder oder um jenes Sittengemälde eines nicht allzu heftigen Widerstands, das die russische Erzählerin Irène Némirovsky während der Nazi-Besetzung Frankreichs zusammengetragen hat und das erst 2004 unter dem Titel "Suite française" erschienen ist - 62 Jahre nach der Ermordung der Autorin in Auschwitz.
Das Buch hat Lücken - warum fehlen Anna Seghers, Rose Ausländer, Nelly Sachs? Wieso gibt es kein Namensregister? Bestechend dagegen: die großformatigen Porträtbilder und die sehr lebendige grafische Gestaltung. So kann Literaturgeschichte auch Augenmenschen gefallen.