Titel: "Ein lustiges Geschäft" - DER SPIEGEL
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Titel "Ein lustiges Geschäft"

John Bancroft, Direktor des Kinsey-Instituts für Sexualforschung, über Viagra, die weibliche Erektion, die neue Treue und die Lust der Alten
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Doktor Bancroft, seit über 50 Jahren erforscht das Kinsey-Institut das Sexualverhalten der Amerikaner. Wir sehen da ein methodisches Problem, zum Beispiel: Welcher Mann sagt schon die Wahrheit über seine Potenz?

Bancroft: In der Tat neigen Männer dazu, sich da zu irren ...

SPIEGEL: ... oder zu flunkern. Ohne Viagra hätte die Welt nie erfahren, wie viele Millionen Männer an Erektionsproblemen leiden. War den Kinsey-Forschern das Problem in diesem Ausmaße bekannt?

Bancroft: Wie wichtig Männern ihre Erektion ist, weiß man wohl schon seit der Steinzeit. Aber die heftige Reaktion auf diese Pille hat mich schon stutzig gemacht.

SPIEGEL: Der "Playboy"-Kolumnist James Petersen hat formuliert: "Nehmen Sie ein genervtes Paar und geben Sie ihm Viagra, dann haben Sie ein genervtes Paar mit einer Erektion."

Bancroft: Das Paar ist wahrscheinlich sogar noch genervter als vorher. Die Frage ist doch: Wie können Beziehungsprobleme mit einer Pille gelöst werden? Ich würde eine Menge Geld darauf setzen, dass das sehr selten der Fall ist. Natürlich, wenn es im Bett nicht mehr klappt, kann alles andere schlimmer werden. Aber inwieweit sich das mit simpler Biochemie in den Griff kriegen lässt, das muss sich noch herausstellen. Wir haben hier am Institut eine Studie dazu begonnen. Das hat bis jetzt noch niemand untersucht.

SPIEGEL: Verheiratete Paare sprechen täglich im Durchschnitt sieben Minuten miteinander, hieß es jüngst in einer Studie. Sollten die Partner nicht eher daran arbeiten als an der Steifheit des Penis?

Bancroft: Männer neigen dazu, sich auf ihre Erektion zu fixieren, so ist das nun mal. Sie machen davon, mehr als sie sollten, ihr Selbstbewusstsein und ihre Männlichkeit abhängig. Viagra wird sie in gewissem Maße in dieser phallozentrischen Sicht ihrer Sexualität bestärken ­ das ist einer der Nachteile dieses Medikaments.

SPIEGEL: Wenn das Liebesspiel mehr ist als nur das Zusammenschieben zweier Körperteile ­ wer außer vielleicht Bordellbesuchern könnte dann überhaupt auf lange Sicht von der Pille profitieren?

Bancroft: Zweifellos diejenigen Paare, die keine echten Beziehungsprobleme haben, bei denen es nur im Bett nicht so gut ist, wie es sein sollte. Als ein weiterer Vorteil könnte es sich herausstellen, wenn den Leuten klar wird, dass es ihre Beziehungsprobleme sind, um die sie sich kümmern müssen. Ich bin da sehr zuversichtlich: Die Viagra-Pille wird uns helfen, mehr über Sexualität zu lernen.

SPIEGEL: Ist sie nicht auch ein verzweifelter Rettungsversuch des Prinzips Monogamie? Es könnte doch völlig normal sein, die Lust auf den andern nach 40 Ehejahren zu verlieren ­ wer will schon lebenslang das gleiche Gericht essen?

Bancroft: Viele Leute haben ein Lieblingsgericht. Am Anfang, wenn man diesen kulinarischen Genuss entdeckt, will man ihn dauernd haben, in rascher Folge. Später möchte man das Gericht dann vielleicht nicht mehr jeden Tag vorgesetzt bekommen, aber man isst es immer noch gern.

SPIEGEL: Kann Viagra auch Beziehungen belasten?

Bancroft: Bei vielen Paaren ist es so, dass die Frau das Erektionsproblem des Mannes verstärkt hat, indem sie sich ihm entzieht. Vielleicht wegen der Art, wie er mit ihr umgegangen ist, vielleicht wegen seiner Erwartungen an sie. Wenn er dann seine Erektion mit Hilfe von Viagra wiederherstellt, kann das zur Krise führen. Die Frau hatte sich über die Jahre an den Frieden gewöhnt, und da kommt dieser Mann plötzlich an mit seinem steifen Penis, will mit ihr ins Bett, und sie denkt nur: O mein Gott, nicht das wieder!

SPIEGEL: Und umgekehrt? Frauen, die ihrem Mann oder Freund die Pille aufzwingen?

Bancroft: Ja, das beobachten wir auch. "Charlie, wie wär's mit 'ner Viagra? Sollten wir nicht mal ..." ­ und er hebt nur die Augen gen Himmel. Denken Sie nur an all die Cartoons zu diesem Thema. Sex ist schon ein lustiges Geschäft.

SPIEGEL: Gibt es eine nicht medikamentöse Alternative zu Viagra? Lässt sich der Lust-Verlust aufhalten?

Bancroft: Es scheint so zu sein, dass einer, der in jungen Jahren stark an Sex interessiert war, dies auch viel später noch bleibt, während die Libido eines Mannes, dem Sex von Anfang an nicht so wichtig war, viel schneller nachlässt. Dieses Prinzip von "use it or lose it" könnte auch für die Erektionsfähigkeit selbst gelten. Bei Frauen haben wir gute Hinweise darauf, dass die Vagina durch sexuelle Aktivität funktionsfähig bleibt.

SPIEGEL: Von welchem Alter an müssen Männer anfangen, sich um ihre Potenz Sorgen zu machen?

Bancroft: Vom 18. Lebensjahr an (lacht). Nein, im Ernst: Darüber haben wir wenige Erkenntnisse, zumal die Libido bei jedem Menschen im Laufe seines Lebens durch viele Phasen gehen kann.

SPIEGEL: Ab wann lässt sie bei Frauen nach?

Bancroft: Man hat versucht, das nachlassende Interesse mit der Menopause, den Wechseljahren, in Verbindung zu bringen, allerdings ziemlich erfolglos. Es scheint eher mit der gesellschaftlichen Stellung zusammenzuhängen. Frauen in niedrigeren sozioökonomischen Gruppen verlieren die Freude an sexuellen Beziehungen schneller und nachhaltiger als solche mit höherem Status.

SPIEGEL: Lust im Alter ist eine Frage der Höhe der Rente?

Bancroft: Es ist eine Frage der Beziehungen zwischen Mann und Frau. Und die hängen auch vom sozialen Status ab. Frauen in höheren Gesellschaftsschichten sind eher wirtschaftlich unabhängig. Sie haben daher mehr Kontrolle über ihr Sexualleben, über die Fortpflanzung und ihre Gesundheit.

SPIEGEL: Hängt demnach das Nachlassen der erotischen Aktivitäten zumindest in diesen Gesellschaftsschichten vor allem an den älteren Herren? Frauen haben schließlich kein Erektionsproblem.

Bancroft: Seien Sie sich da mal nicht so sicher. Frauen erleben das nur anders. Es gibt verschiedene körperliche Veränderungen beim Älterwerden, die zwar nicht so offensichtlich sind und ihnen daher nicht so bewusst werden. Wir haben gerade eine Studie begonnen, in der wir die Erektionsfähigkeit der Klitoris erforschen.

SPIEGEL: Niemand wundert sich über einen 70-Jährigen, der nicht mehr jeden Tag Surfen geht, obwohl er einst geschworen hat, das sei ihm die wichtigste Beschäftigung auf Erden ­ vielleicht freuen sich viele Omas und Opas aus ähnlichen Gründen über das Ende des ewigen Paarungsspiels.

Bancroft: Ich weiß nicht, wie groß der Anteil solcher Leute ist, aber es gibt sie auf jeden Fall. Sie rutschen langsam und leise in die Sexlosigkeit, mit einem kleinen Seufzer der Erleichterung: ein Problem weniger.

SPIEGEL: Müssen die dann regelmäßig joggen, um nicht krank zu werden? Es heißt doch immer, dass länger lebt, wer regelmäßig kopuliert.

Bancroft: Das lässt sich schwer nachweisen. Das Dilemma ist, dass man zwar eine Korrelation zwischen Gesundheit und sexueller Aktivität findet, aber nie wissen kann, ob die Leute aktiver sind im Bett, weil es ihnen besser geht, oder ob es ihnen besser geht, weil sie Sex haben.

SPIEGEL: Könnte man nicht bei Nonnen oder Mönchen nachgucken? Wenn Sex lebensverlängernd wirkte, müssten die doch früher sterben.

Bancroft: Nein, da spielen zu viele Faktoren eine Rolle. So ist zum Beispiel das Risiko für Nonnen, an Brustkrebs zu sterben, höher, weil sie in aller Regel nicht die Antibabypille nehmen.

SPIEGEL: Was passiert eigentlich mit der Libido, wenn Zipperlein den Körper befallen?

Bancroft: Oder wenn man sich permanent müde fühlt? Sie sprechen mit einem älteren Mann, der zwei kleine Kinder hat. Ich kann nur sagen: Gut zu schlafen, sich gesund und kräftig zu fühlen, ist sehr wichtig für die Lust auf und am Sex.

SPIEGEL: Sind Männer da empfindlicher? Haben sie vielleicht eher die berüchtigte Migräne?

Bancroft: Für Frauen ist es grundsätzlich leichter, trotz Unwohlseins, mitzumachen beim Sex. Ein Mann muss ja seine Erektion bekommen und sie die ganze Zeit halten. Eine Frau kann einfach ein Gleitmittel nehmen und mitspielen. "Lie back and think of England", würde man in meiner Heimat sagen.

SPIEGEL: Für Gott und Vaterland ­ haben Frauen grundsätzlich weniger Lust auf die Lust?

Bancroft: Man kann das schwer verallgemeinern. Männer scheinen sich in ihrem sexuellen Interesse mehr zu ähneln, während man unter Frauen eine größere Variationsbreite findet.

SPIEGEL: Von Sexmaschine bis keusche Jungfer?

Bancroft: Es gibt Frauen, die unglaublich leicht erregbar sind. Sie können einen Orgasmus bekommen oder sogar mehrere in rascher Folge, allein durch ihre Vorstellungskraft. Das findet man bei Männern in diesem Ausmaß nicht so oft. Und dann gibt es eine Menge Frauen, die nur sehr schwach an Sex interessiert sind.

SPIEGEL: Im Gegensatz zu Männern möchten Frauen es lieber schöner oder intensiver als öfter tun. Wie kommt das?

Bancroft: Von Frauen wird nicht erwartet, dass sie dauernd lustgesteuert sind. Eine hohe Beischlaf- und Orgasmus-Frequenz ist nicht Teil des weiblichen Selbstbewusstseins, während sie von einem normalen, potenten Mann erwartet wird. Aber auch das hat sich bereits bis zu einem gewissen Grad geändert, seit Frauen mehr Kontrolle über die Fortpflanzung haben.

SPIEGEL: Sind Frauen rationaler als Männer, wenn es um Sex geht?

Bancroft: Wahrscheinlich schon. Ich glaube, sie wägen eher ab. Ein Evolutionsbiologe würde sagen, das kommt, weil sie die Folgen von Sex tragen, indem sie Kinder bekommen. Aber es ist auch sehr stark kulturell bestimmt. In Gesellschaften, in denen sie selber über ihre Fruchtbarkeit bestimmen, gehen Frauen viel entspannter mit ihrer Sexualität um.

SPIEGEL: Werden sie dann irgendwann so irrational wie Männer?

Bancroft: Sie nähern sich an, ja.

SPIEGEL: Viele Evolutionsbiologen sagen, dass die Natur die Menschenweibchen eher passiv gemacht hat und die Männchen aggressiver.

Bancroft: Natürlich ist es biologisch sinnvoll, dass Männer triebhaft sind. Aber mir fällt kein biologischer Grund ein, warum Frauen sich darin von ihnen unterscheiden sollten.

SPIEGEL: Werden wir also irgendwann Bordelle für Frauen sehen, ebenso viele Callboys wie Callgirls ...

Bancroft: ... das alles gibt es doch jetzt schon ...

SPIEGEL: ... und lauter ältere Damen mit knackigen jungen Liebhabern?

Bancroft: Natürlich, vor allem, wenn diese Damen Geld haben.

SPIEGEL: Andererseits ist die alte Verklemmung offenbar keineswegs verschwunden. In amerikanischen Schlafzimmern gilt es schon als "Sexualpraktik", dem Partner beim Ausziehen zuzugucken. In der Beliebtheitsskala rangiert das gleich nach dem traditionellen Geschlechtsverkehr und weit vor dem Oralsex. Auch in Deutschland bewegt sich zumindest die Jugend wieder zurück zu einer alten Tradition: Treue ist für die Jüngeren wieder wichtig.

Bancroft: Ja, aber das ist keine Rückkehr zu der restriktiven, sexistischen Idee von Treue zu Beginn dieses Jahrhunderts. Ich hoffe, dass wir uns in Richtung einer moderneren Vorstellung von sexuellen Beziehungen bewegen, in denen Verantwortung eine zentrale Rolle spielt. Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind und in denen es wichtig ist, dass man einander immer näher kommt.

SPIEGEL: Wird das nicht schrecklich langweilig?

Bancroft: Werden Sie erst mal so alt wie ich, dann werden Sie eine solche Art von Beziehung nicht mehr langweilig finden.

SPIEGEL: Doktor Bancroft, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.