Theater Wie man Nazi wird
Brian sagt auf der Bühne: "Das ist doch alles Schnee von gestern, was geht mich das an." Und sein Lehrer sagt, was immer gesagt wird: "Du sollst dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert."
Und dann passiert es.
Wir sind in Zwickau, im tiefen Sachsen. Die NPD hat hier 8,4 Prozent bei den letzten Landtagswahlen geholt, Migrationshintergründe sind hier eher selten anzutreffen. Die Schüler im Zwickauer Theater sehen "Die Welle" von Reinhold Tritt.
Das Stück kommt auf den Spielplan, wenn es rechts rummst, und das tut es derzeit wieder. Der jüngste Verfassungsschutzbericht verzeichnet einen "sprunghaften Anstieg" rechts motivierter Gewalttaten. Die NPD baggert sich erfolgreich durch den Osten, und das Land debattiert im Schatten der WM über "No-go-Areas".
"Die Welle" ist weit davon entfernt und doch zeitlos nah. Das Stück spielt in einer amerikanischen Highschool. Die Zuschauer sehen eine räudige Schulklasse, die Mädchen keifen, die Jungen pöbeln, und der Geschichtslehrer gutmenschelt, bis er mit seinen Schülern, ohne deren Wissen, ein Experiment beginnt, Thema: Wie wird der Mensch zum Nazi? Zunächst feixen die Bühnenschüler. "Hey, keine Tierversuche!" Dann machen sie mit. Am zweiten Tag sitzen alle stramm im Unterricht und blicken fasziniert zur Tafel. Am dritten Tag denunzieren sie ihre Gegner. Am vierten Tag gibt's Dresche für die, die nicht mitmachen. Und am fünften Tag ist alles vorbei.
Das Drama beruht auf einer wahren Begebenheit, einem Unterrichtsversuch in Kalifornien aus dem Jahr 1967. Zentrum des Stücks ist der Lehrer Ben Ross. Um seinen Schülern den NS-Staat begreiflich zu machen, wählt er das Menschenexperiment und entwickelt die fiktive Jugendbewegung, genannt "Die Welle". Er drillt seine Schüler auf Disziplin, fordert Gemeinschaft und absoluten Gehorsam. Das stößt wider Erwarten nicht auf Ablehnung, sondern auf große Begeisterung.
Die Schüler, zu Beginn ein unsortierter Haufen aus Football-Versagern und kalifornischen Tanzmariechen, sind nun engagierter, motivierter und machen akkurat ihre Hausaufgaben. Sie brüllen ihre Parole: "Stärke durch Gemeinschaft, Stärke durch Aktion". Sie tragen ein Welle-Abzeichen, freuen sich, dass sie "jetzt alle gleich sind", und der bis dahin dauergemobbte Mitschüler entwickelt sich zum willigsten und wichtigsten Helfer. Dieser Robert Billings stellt sich sogar abends als Leibwächter vor des Lehrers Haustür und entgegnet dem verdutzten Pädagogen: "Ich muss Sie doch beschützen, Sie sind unser Führer."
Das nicht wirklich geplante Experiment läuft nun endgültig aus dem Ruder. Lehrer Ross selbst verfällt der Faszination, ist angesteckt vom geilen Gefühl, wenn sie einem bedingungslos gehorchen. Seine Ehefrau müht sich als Korrektiv: "Du hast kleine Monster geschaffen." Die einstige Musterschülerin Laurie Saunders stellt sich quer - "Die Welle geht zu weit" - und wird dafür von den anderen bedroht. Erst als ein jüdischer Mitschüler verprügelt wird, stoppt Ross auf Druck des Schuldirektors die Bewegung und zeigt seinen Eleven, wohin es geführt hätte - zu Hitler. Und am bitteren Ende steht fest: Experiment geglückt, Patient völlig enthemmt.
Mit simplen Mitteln wird in der "Welle" die Verführbarkeit des Menschen plastisch dargestellt. So wurde das Schuldrama zu einem Stück deutscher Volksbildung. Seit zwanzig Jahren ist die "Welle" die theatralische Allzweckwaffe gegen rechts. "Zu dem Stück gibt es keine Alternative", sagt Boris Priebe vom Verlag Autorenagentur in Berlin. Er vertritt die Rechte einer Reihe von Stücken für Kinder und Jugendliche, doch nichts schwappt so erfolgreich wie das Tritt-Drama durch das Land.
"Das Interesse nimmt gerade bei Stadttheatern wieder zu", berichtet Priebe. Das kann an dauerpräsenten rechten Schlägern liegen oder am sperrigen Schulthema Nazi-Deutschland, Priebe will sich da nicht festlegen. Er sagt aber, dass "Die Welle" sowohl im Osten wie im Westen funktioniert. Was nicht für alle Jugendstücke gilt. "Die Weiße Rose" von Lillian Garrett-Groag zum Beispiel sei ausschließlich in den alten Bundesländern aufgeführt worden. "Die Welle" ist hingegen das Rezept für Gesamtdeutschland. Und nicht nur dort. Es gibt eine türkische Übersetzung des Stücks und, für Kenner immer noch ein Juwel, "Die Welle" in Schwyzerdütsch.
Für die nächste Spielzeit steht sie wieder an mindestens fünf Stadttheatern auf dem Spielplan. Hinzu kommen die vielen Aufführungen von Laienbühnen, Jugendclubs und Schultheatergruppen, die das Werk seit Jahren nachspielen. Legionen von Schülern haben sich das Experiment seit seiner Stückwerdung bereits einverleibt, und von 1990 an eben auch in Städten wie Schwedt, Görlitz, Meiningen oder Bautzen. Einen enormen Höhenflug erlebt "Die Welle" derzeit in Hamburg, wo das Theater in der Basilika wegen der "überwältigenden Nachfrage" jede Menge zusätzlicher Termine angesetzt hat.
Das Stück scheint die einfachste Art zu sein, Faschismus zu erklären. Es wartet nicht mit raffinierter Psychologie auf, ist aber gut konsumierbar. Keine öde Antifa-Kundgebung, bei der schon am Eingang Großpackungen Zeigefinger verteilt werden. Kein "Biedermann und die Brandstifter", bei dem jahrelang die Schüler in den hinteren Reihen der Theater mental verendeten. Es wandert keine SS-Uniform über die Bühne, kein gelber Stern, keine Glatzen, keine Stiefel. "Die Welle" zeigt lediglich, wie Schüler auf Linie getrimmt werden und rapp, zapp zu schneidigen Herrenreiterchen mutieren.
Weil es Schüler sind auf der Bühne, weil diese häufig von echten Schülern gespielt werden, ist dem jugendlichen Publikum meist beim ersten Scheinwerferlicht klar: Es hat etwas mit uns zu tun. Der Umweg über eine Highschool macht die Verführbarkeit des Menschen zu einem globaleren Thema - nicht zum deutschen Trauma. Dennoch wird es in keinem Land so ausgiebig geguckt wie hier. Deutschland ist Welle-Land. Allein die 1984 geschriebene Romanvorlage "Die Welle" des US-Amerikaners Morton Rhue verkaufte sich beim Ravensburger Buchverlag mehr als 2,5 Millionen Mal, in vielen Bundesländern ist das Werk längst für den Lehrplan empfohlen.
Reinhold Tritt hat Sozialpädagogik studiert. Das ist lange her. Er ist gerade 50 geworden und widmet sich inzwischen den Heildisziplinen: Psychodrama, Ausdruckstanz und Theatertherapie. Ein 78er, nicht mit dem Zorn der 68er ausgestattet, aber eben auch nicht befallen vom Gleichmut der Golf-Fahrer. Also sanft, aber bestimmt. Vor mehr als 20 Jahren hat er das Theaterstück geschrieben. "Die Welle", das ist auch seine Erfolgsgeschichte. Den Impuls löste 1979 ein kurzer Film aus, in dem Ron Jones, der echte Lehrer, davon berichtete, dass sich zehn Jahre nach dem "Welle"-Experiment kaum einer seiner Schüler an die Welle erinnern wollte, und nicht wenige leugneten, Teil der Bewegung gewesen zu sein. Klingt deutsch, passt nach Deutschland und lässt Tritt nicht mehr los. "Dass die Schüler nicht mehr darüber sprechen konnten, entsprach in gewisser Weise dem deutschen Schweigen nach dem Krieg."
Tritt engagiert sich nach dem Studium für Jugendtheater in Düsseldorf. 1985 wagt er sich an das Experiment, schreibt "Die
Welle", inszeniert es selbst, und es knallt rein wie sonst noch was. "Von Anfang an herrschte eine euphorische Stimmung, alle Vorstellungen waren ausverkauft." Warum? "Faschismus lässt sich wohl so vom Publikum in Deutschland leichter aufnehmen."
Allmählich entwickelte sich "Die Welle" zum Klassiker. "Für mich ist das natürlich immer zwiespältig", sagt Dramatiker Tritt. Zum einen freue es ihn, wenn sein Stück oft gespielt wird, zum anderen rutscht es häufig dann auf die Spielpläne der Theater, wenn wieder rechte Schläger in den Schlagzeilen sind. "Das hat mit Rostock, Mölln und Hoyerswerda angefangen", berichtet Tritt. Das setze sich fort, weil die braunen Kameraden "Gemeinschaft" nach wie vor etwas anders definieren.
"Das Stück trifft das Thema auf einem ganz niedrigen Level", erklärt Tamara Korber, Regisseurin am Theater Plauen-Zwickau. Sie hatte sich zunächst gesträubt gegen das "etwas platte Stück", doch nach dem Wahlerfolg der NPD in Sachsen und der ständigen Verbreitung rechter Jugendkultur musste etwas geschehen, also kam "Die Welle". Korber hat es ein bisschen neuer gemacht, auf der Bühne spielen sie mit dem Handy, und in den Szenewechseln tönt es rammsteinig. Es ist immer ausverkauft, sie machen Doppelvorstellungen, in der nächsten Spielzeit geht es weiter.
In Sachsen sind rechte Kameraden nicht selten, gern mal dominant, und nicht jeder Schüler hat dem etwas entgegenzusetzen. Manche verzweifeln, weil sie nicht wissen, was tun, und machen mit. Solch ein Theaterbesuch trifft da einen Nerv. "Man merkt nicht, wie tief man reinrutscht und sich manipulieren lässt", sagt ein Schüler. Ein anderer: "Ja, das wäre in unserer Schule auch möglich." Es macht sie baff, dieses Verschwinden der Individualität, und wie eine Gruppe junger Menschen mal eben so verführt wird. Und es wirkt nach. "Ich habe von Schülern gehört, die jetzt anfangen, ihre Zeichen wegzulassen, Schuhe zum Beispiel oder bestimmte T-Shirts", sagt die Regisseurin. Die Rechten selbst tun sich schwer, gegen das Stück zu sein oder gar eine Aufführung zu stören; es geht ja in erster Linie um Manipulierbarkeit, nicht um die Hitlerei.
Reinhold Tritt schaut sich kaum mal eine "Welle"-Inszenierung an. Er wird auch nicht eingeladen, an Diskussionen über das Experiment teilzunehmen. Das machen die Theater meist selbst. Mit dem Stückeschreiben und Inszenieren hat er aufgehört. "Mir fiel irgendwann nichts mehr ein." Geblieben ist die regelmäßige Post vom Verlag, wenn wieder irgendwo "Die Welle" gespielt wird, wenn es Tantiemen gibt. Tritt: "Ich sehe es so: Lieber ein One-Hit-Wonder als gar keinen Hit."