Unterhaltung: Mausbär auf großer Fahrt - DER SPIEGEL
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Unterhaltung Mausbär auf großer Fahrt

Der Autor Tommy Jaud hat mit den Bestsellern "Vollidiot" und "Resturlaub" ein brachliegendes Genre neu belebt - den deutschen Männerroman.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seine Bücher sind die Strand- und Badeseehits des Sommers, sie leuchten blau und grün, haben sich's an den Buchhändlerkassen und weit oben in den Bestsellerlisten bequem gemacht; Deutschlands Literaturkritik aber rührt sie kaum an. In der "Zeit" behauptet eine Glosse, der Roman "Resturlaub" werde von so vielen Menschen gelesen, weil er in Franken spiele, in "Fähnchendeutschlands Fußballherz". Der TV-Literaturkritiker Denis Scheck nennt "Resturlaub" die "männliche Antwort auf Zillionen Frauenbücher" und den Beweis, "dass Männer genauso dümmlich schreiben können".

Allein Schecks Geifer ist schon ein Indiz dafür, dass Tommy Jaud, 36, eines der echt wichtigen Bücher der Literatursaison verfasst hat. Es geht in "Resturlaub" um alle großen Themen unserer Zeit: um die Fortpflanzungsunlust von Menschen Mitte dreißig. Um eine total lockere und trotzdem verdruckste Heimatliebe. Und um die strukturelle Unreife der Männer, ihre ritualisierte Trunksucht, ihre erotischen Hirngespinste, ihre "komplette Hilflosigkeit". Ein Hammer von Gegenwartsroman also.

Der Schriftsteller Jaud drückt es bescheidener aus. Seine Bücher seien "Fernsehen zum Lesen", sagt er. "Ich würde mir nie eine Seite erlauben, auf der nicht irgendetwas Lustiges passiert. Vielleicht hat diese Schnelligkeit einigen Lesern gefallen.

Vielleicht wollen die Leute auch endlich mal nur lachen. Vor meinen beiden Büchern habe ich halt vor allem eines geschrieben: Sketche, Sketche, Sketche."

In München ist Filmfest, und Jaud sitzt in kurzen braunen Hosen unter lauter morgendlich zerknitterten Filmmenschen in einem Freiluftcafé und beteuert, er sei nur zufällig in der Stadt. Obwohl doch in ein paar Wochen Jauds Kinokarriere losgeht, wenn sein erster Roman "Vollidiot" verfilmt wird, mit Oliver Pocher in der Hauptrolle*. Bisher aber ist Jaud ein Fernsehmann.

Vor gut zehn Jahren hat er angefangen, Witze und Pointen an die "Harald Schmidt Show" zu schicken. Damals hat er noch Germanistik studiert, in Bamberg (das von Jauds Heimatstadt Schweinfurt "immerhin 63 Kilometer entfernt ist"), und sich jeden Sendeabend gefreut, wenn tatsächlich was genommen worden war, "da hat man vorher Freunde angerufen und war superstolz, wenn der Spruch wirklich kam". Jauds Augen strahlen durch eine eckige Jürgen-Schrempp-Brille.

Bald arbeitete Jaud in Köln für die Sat.1-"Wochenshow" und Anke Engelkes "Ladykracher". Deutschlands Fernsehzuschauer waren im Comedy-Fieber, "und man machte Sendungen, die einem selbst gefielen". Tommy Jaud sagt oft "man", wenn er sich meint. "Alles kam einem damals vor wie eine gigantische Klassenfahrt, die nie aufhört." Irgendwann habe sich die Begeisterung fürs Witzezuliefern dann doch erschöpft. Heute, sagt Jaud, störe es ihn, wenn er "Gagschreiber" genannt werde. "Man will jetzt doch Geschichten erzählen."

Die Handlungswindungen der beiden bisher erschienenen Jaud-Bücher sind ziemlich überschaubar. "Vollidiot" schildert die Bemühungen eines beinah 30-jährigen T-Punkt-Verkäufers, an Kölner Bartresen, auf einem Konzert der Fantastischen Vier, in einem Ferienhotel für Singles und in einem Bordell das Glück oder wenigstens tollen Sex zu finden. "Resturlaub" erzählt von einem 37jährigen Bamberger Brauereiangestellten, der vor der Spießeridylle aus passablem Job, netten Freunden und bisschen lahmer Freundin flieht und in Buenos Aires versucht, ein neues Leben möglichst mit einer südamerikanischen Schönheitskönigin anzufangen.

Es sind die grob komischen Details, die Jaud-Fans zum Brüllen finden. Der "Resturlaub"-Protagonist etwa wird von seiner fränkischen Freundin "Mausbär" genannt. Es wird gereihert und geprügelt und mit nacktem Hintern herumgehüpft in Jauds Büchern, die Frauen sind typisiert als "Luftfahrt-Schnecken" und "Öko-Trullas", die Männer als "Himbeertonis" und "Flachpfeifen" und "Hackfressen". Und selbst wenn sie gutartig und dicke Freunde sind, verbrennen sie sich am Badestrand jedes Mal übel den Rücken, "weil wir uns nicht gegenseitig eincremen wollten aus Angst, das sähe schwul aus".

Man merkt: Jauds Erfolgsroute führte vom "Ladykracher" ziemlich gradlinig zum Flachpfeifenböller. "Ich suche immer den schnellsten Weg, um eine Szene lustig zu machen", sagt der Autor. Und: "Ich glaube nicht, dass ich zu einem Melodram in der Lage bin."

Bücher, die Jaud beeindruckt haben, sind Benjamin von Stuckrad-Barres Roman "Soloalbum" und "Drecksau" von Irvine Welsh. Bei beiden habe er vor allem gestaunt über die Frechheit der Autoren: "Ach, so was darf man schreiben!"

Natürlich wollen Leser und Journalisten von Tommy Jaud stets wissen, wie sehr er seinen Helden ähnle, ob er auch so ein Mistkerl sei und dauernd hinter Supermodelfrauen herjage. Und klar sagt er dann, er sei ganz anders, lebe brav mit seiner Freundin und vergnüge sich auf Reisen so wie in München gestern Abend: "Ich bin mit Freunden in einem Brauhaus gesessen, und wir haben vier Stunden lang nichts getan als Bier getrunken und geredet. Das können nur Männer über dreißig."

Tommy Jaud ist (ganz zeitgemäß) ein Propagandist der Bescheidung: Leute, besinnt euch auf das kleine Glück - darauf läuft es in seinen Büchern hinaus. "Es ist eine verschissene kleine Lügenwelt", sinniert einer seiner Helden, "aber wenigstens ist es meine verschissene kleine Lügenwelt."