Literatur: "Das liegt doch in der Luft" - DER SPIEGEL
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Literatur "Das liegt doch in der Luft"

Der US-Schriftsteller John Updike, 74, über seinen Roman "Terrorist", der einen sympathischen Attentäter zum Helden hat, die Gefahr eines neuen Anschlags am fünften Jahrestag des 11. September und den Niedergang der amerikanischen Städte
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Mr Updike, kürzlich wurden drei Männer unter dem Verdacht verhaftet, ein Sprengstoffattentat im Holland Tunnel, einem Straßentunnel zwischen Manhattan und New Jersey, geplant zu haben - ganz ähnlich wie in Ihrem neuen Roman "Terrorist"**. Was war das für ein Gefühl, als Sie davon in der Zeitung lasen?

Updike: Es gab ja in letzter Zeit eine ganze Menge solcher Nachrichten, sogar über Terroristen, die in den USA geboren wurden. Die Sache in New Jersey war noch nicht besonders weit gediehen, das war eher Wunschdenken als reale Planung. Ich halte die Parallele für einen Zufall. Vielleicht hat es dem Buch ein wenig geholfen, mag sein.

SPIEGEL: Aber es muss doch eigenartig für Sie gewesen sein, von einem immerhin angestrebten Anschlag auf einen Tunnel zu lesen - genau wie in Ihrer Geschichte?

Updike: Es liegt doch einfach in der Luft, dass etwas in der Art passieren könnte. Diese Kultur, unsere amerikanische Kultur ist ganz und gar auf Schlagzeilen ausgerichtet, in denen alles möglich erscheint, und dann gibt es natürlich Nachahmer. Im Übrigen glaube ich, dass von allem Fremden und Unbedingten etwas Verlockendes ausgeht, so dass junge Menschen, die unzufrieden sind und die Welt anklagen, immer wieder zum Extremismus hingezogen werden. Ich habe sogar den Eindruck, dass jungen Leuten heute das eigene Leben relativ wenig bedeutet und Selbstmord für sie keine abwegige Idee ist.

SPIEGEL: Sie sprechen jetzt nicht nur von jungen Muslimen, sondern von Menschen rund um den Globus?

Updike: Ja, das ist mein Eindruck, wenigstens was Amerika angeht. Die Vereinigten Staaten sind angeblich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und viele glauben immer noch daran. Aber ich habe meine Zweifel, ob die Jungen das heute noch mit derselben Naivität tun, wie ich es vor 50, 60 Jahren getan habe.

SPIEGEL: Wie war das bei Ihnen?

Updike: Der Gedanke an Selbstmord wäre für mich der unattraktivste überhaupt gewesen. Heute, so glaube ich, sind die jungen Leute rücksichtslos, auch gegen sich selbst. Drogenkonsum ist eine Art von Selbstmord. Eine leichtsinnige Fahrweise ist eine andere Möglichkeit, dem Tod den Hof zu machen. Mich überrascht es nicht, wenn junge Menschen sich überlegen, etwas in der Art zu planen wie die Attentäter des 11. September. Aber so was als Heldentat anzusehen, als Weg, das eigene Leben sinnvoll einzusetzen, ist eine Sache, etwas ganz anderes ist es, das tatsächlich ins Werk zu setzen, an den Sprengstoff heranzukommen und einen konkreten Plan zu haben. Daher erwarte ich nicht, dass es sehr viele hier in den USA geborene und aufgewachsene Terroristen geben wird. Schon einer ist allerdings übel genug.

SPIEGEL: Aber was könnte ihn treiben?

Updike: Wer weiß? Gott ist tot, es gibt hierzulande ein Überangebot an allem, wie überall im Westen.

SPIEGEL: Aber nehmen die muslimischen Attentäter nicht gerade Gott für sich in Anspruch? Ist bei ihnen nicht eher das Gegenteil der Fall: ein Zuviel an Gott?

Updike: Sie haben recht. Mein Romanheld fühlt sich deswegen vom Islam angezogen, weil er die eigene Gesellschaft als ungläubig und respektlos erfährt. Er versucht, etwas anderes zu leben, nach seinem Glauben zu leben. Aber im Allgemeinen habe ich den Eindruck, ein Großteil der Teilnahmslosigkeit und der Art von brutaler Verrohung - wie beim Columbia-High-School-Massaker in Littleton, Colorado - rührt tatsächlich von einem Verfall der traditionellen religiösen Vorschriften her, der jüdisch-christlichen Richtlinien, was das Tabu des Selbstmords angeht. Während es im Islam, auch wenn die einschlägigen Texte gegen jede Art von Tötung argumentieren, dennoch eine Tradition eines ehrenvollen Todes in der Schlacht gibt.

SPIEGEL: War es für Sie als Schriftsteller ein besonderes Vergnügen, auf unsere westliche Zivilisation mit den Augen dieses zornigen jungen Mannes, dieses Muslim, zu blicken?

Updike: Durchaus. Eine Menge von dem, was er wahrnimmt und um sich herum sieht, ist für jeden von uns sichtbar, nicht nur für einen Anhänger des Islam. Es ist offensichtlich, dass der Glaube bei uns ermüdet ist, egal ob es sich um das Christentum oder den Glauben an das eigene Vorwärtskommen oder das freie Unternehmertum handelt.

SPIEGEL: Und Sie schauen mit seinen Augen auf die lockeren westlichen Kleidungssitten.

Updike: Ja, der Junge mag diese sinnlich und sexuell aufgeheizte Stimmung nicht - das heißt, er mag sie natürlich schon, aber er will sie nicht mögen. Also registriert er genauestens die zunehmend provokative Kleidung der jungen Frauen. Von derlei Wandel gab es zu meiner eigenen Lebenszeit wahrlich genug. Ich erinnere mich noch daran, dass meine Mutter Kleider trug, die über ihre Knöchel reichten, und ihre Mutter bedeckte sogar noch den ganzen Fuß - so dass es einst aufregend gewesen sein muss, einen Frauenfuß zu erblicken. Heute gibt es nur noch sehr wenig, das verborgen ist.

SPIEGEL: Sie denken an die bauchfreie Mode?

Updike: Der Bauch ist zu einer neuen erotischen Zone geworden. Er hat die Brust als Fokus des Blicks abgelöst - stand die nicht einmal im Zentrum der männlichen Aufmerksamkeit?

SPIEGEL: Wenn Ahmads Lehrer in der Moschee dem Jungen erklärt, dass die menschliche Kopulation "geradezu der Inbegriff des irdisch Vergänglichen, des nichtigen Genusses" sei, wie klingt das in den Ohren eines Autors, der eine so sexbesessene Figur wie Harry Angstrom erfunden hat?

Updike: Ja, die Kopulation. Die Tatsache, dass Menschen für die Liebe ihren Ruf aufs Spiel setzen und alles riskieren, zeigt doch, dass es sich um einen beharrlichen menschlichen Instinkt handelt. Aber Sex ist eine sehr auf den Moment bezogene Aktivität, nicht sehr haltbar, ganz wie das Leben selbst. Was bleibt zurück?

SPIEGEL: Selbst Ahmad ist nicht völlig desinteressiert.

Updike: Ja, selbst Ahmad macht seine kleine sexuelle Erfahrung, die ihm doch zu denken gibt. Er hat sein Leben auf einige wenige Ideen gegründet, geborgte Ideen, die Ideen anderer Leute - und mit 18 riskiert man gern einiges und setzt sich neuen gefährlichen Erfahrungen aus.

SPIEGEL: Sie suggerieren im Roman einen Zusammenhang zwischen Ahmads Weg in den Terrorismus und dem Niedergang der städtischen Umgebung.

Updike: Was diese mittleren Städte angeht, die eine industrielle Vergangenheit haben und einst die Einwanderer anzogen und prosperierten, jedenfalls auf der Manager- und Angestelltenebene, so lassen sich solche Städte überall im Osten Amerikas finden. Schauen Sie sich um: Ob Bridgeport in Connecticut, Newark in New Jersey oder Redding in Pennsylvania, woher ich stamme - die Beschreibung passt überall. Die Städte gehen kaputt, aber es leben immer noch viele Menschen in ihnen, es werden Kinder geboren - doch die Frage ist, wie es weitergehen soll, wie soll jemand von dort auf sich aufmerksam machen, Befriedigung finden? Auch wenn es möglich ist, dass Jungs, die in einem piekfeinen reichen Vorort aufgewachsen sind, sich ebenfalls vom Islam angezogen fühlen, glaube ich, dass es in Ahmads Fall nicht viel Widerstand zu überwinden gab.

SPIEGEL: Wegen seines Umfelds?

Updike: Es gab für ihn kein alternatives Glaubensangebot, er hat wenig Aussicht, je ins Establishment der Stadt aufzusteigen. Insofern denke ich, dass ihm angesichts dieses uferlosen Verfalls, dieser Mattigkeit und Stagnation, der Islam wie eine vitale, strenge, fordernde, beredte und lenkende Alternative vorkommt. Das ist doch das Problem aller freiheitlichen Gesellschaften: In bestimmten Phasen deines Lebens erhältst du zu wenig Richtungshinweise, Ratschläge. Freiheit ist eine wunderbare Idee, aber im Alltag lässt sie dich treiben, wohin du willst, und das führt zur Frustration.

SPIEGEL: Dürfen wir noch eine Passage aus Ihrem Roman zitieren? Ahmad sagt zu einem jungen Mädchen: "Mein Lehrer an der Moschee sagt, alle Ungläubigen sind unsere Feinde. Der Prophet hat gesagt, dass letztlich alle Ungläubigen vernichtet werden müssen." Wenn der Koran sagt, dass die Ungläubigen getötet werden müssen, dann kann doch nicht die westliche Zivilisation der Grund für den Terror sein.

Updike: Es gibt im Koran verschiedene Aussagen. Mohammed war in seinem Leben öfter in der Defensive und entsprechend kriegerisch, daher diese Äußerungen. Gleichzeitig hat er gesagt, die Juden und die Christen seien "unsere Brüder". Wir sind alle Kinder der Bibel. Der Koran lässt sich - wie die Bibel - für viele Zwecke einspannen. Man findet immer ein entsprechendes Zitat. Und sowohl in der Bibel als auch im Koran heißt es an manchen Stellen, dass die Ungläubigen zu vernichten seien.

SPIEGEL: Und doch dürfte der Terror seine Wurzeln eher im Islam oder im Koran haben als im Zustand der westlichen Gesellschaft.

Updike: Natürlich gibt es militante Züge am Islam, das hat eine lange Tradition. Aber es ist unserer Gesellschaft anzulasten, dass die jungen Leute nichts Vernünftiges zu tun haben, dass so viele von ihnen ohne Arbeit sind. Sie finden hier viel Verzweiflung, Frustration.

SPIEGEL: Daher rekrutieren sich ja aber nicht die Attentäter. Nehmen Sie nur die Männer des 11. September: Sie waren fast alle bestens ausgebildet und kamen keineswegs aus Elendsvierteln.

Updike: Richtig. Aber es sind doch bei gewalttätigen Revolutionen immer Leute aus der Mittelklasse oder sogar der gehobenen Mittelklasse involviert gewesen, die so handeln, weil die wirklich Unterdrückten nicht für sich sprechen können oder einfach zu beschäftigt damit sind, für das tägliche Brot zu sorgen. Im Übrigen ist das Problem, was im Lande geborene potentielle Terroristen betrifft, hier wahrscheinlich nicht so groß wie in Europa - dort leben inzwischen weitaus mehr Araber und Muslime als bei uns.

SPIEGEL: Haben Sie den Koran gelesen?

Updike: Vor Jahren schon, auf Englisch. Er ist nicht ganz so umfangreich wie die Bibel, aber man hat das Gefühl, er sei sehr lang. Im Original sind die Texte nach ihrem Umfang angeordnet: zu Beginn die längsten, am Ende die kürzesten. Man kommt also von den sehr ausführlichen Gesetzesdarlegungen über die Regierung oder die gerechte Gesellschaft hin zu den äußerst poetischen und obskuren Mini-Texten.

SPIEGEL: Sie gelten als gläubiger Christ. Wenn Sie den Koran mit der Bibel vergleichen, was fällt Ihnen auf?

Updike: Die Bibel ist das Werk vieler Autoren, ein Kulturdenkmal, dessen Entstehung weit in die vorchristliche Zeit zurückreicht. Was nun meine Kenntnisse angeht: Kürzlich hatte ich eine neue englische Übersetzung der ersten fünf Bücher der Bibel zu rezensieren. Natürlich kannte ich die Schöpfungsgeschichte, den Garten Eden, die Frucht der Erkenntnis, die Arche Noah, eben das, was einem Kind in der Sonntagsschule beigebracht wird. Worauf ich nicht gefasst war: wie wild es in einigen der frühen Abschnitte zugeht. Da kommt ein kompromisslos mörderischer Gott zum Vorschein.

SPIEGEL: Heute würde allerdings kaum noch jemand daraus eine politische Waffe machen wollen.

Updike: Zum Glück töten derzeit nicht viele für die Bibel, das stimmt. Aber falls es dazu kommen würde - und es gibt vereinzelte, latent rassistische Sekten, die sich vorstellen könnten, einen Feldzug zu führen -, dann, so glaube ich, wäre biblischer Rückhalt zu finden. Sie müssen nur zurückblicken in die Geschichte.

SPIEGEL: Hat Sie der Koran bisweilen das Fürchten gelehrt, als Sie nach Zitaten für Ihren Roman suchten?

Updike: Seit der Geschichte mit Salman Rushdie, spätestens aber nach der Affäre um die dänischen Cartoons sagt man sich: Lass die Finger von dem Thema! Das ist kein Stoff, der sich für ein Kunstwerk eignet! Aber wenn man es dann etwas nüchterner betrachtet, sagt man sich, dass ein Schriftsteller, der diese Berufsbezeichnung mit Stolz trägt, sich nicht von allem fernhalten kann, was Ärger machen könnte. Wozu sind wir da, wenn nicht dazu, über das zu schreiben, was von allgemeinem Interesse ist und den wunden Punkt einer Gesellschaft berührt.

SPIEGEL: Freilich könnte der Leser auch den Eindruck gewinnen, dass Sie mit Ihrem Ahmad sympathisieren.

Updike: Ich habe versucht, einen Terroristen von innen darzustellen. Er ist sympathisch und ein guter Sohn, zunächst durchaus gesetzestreu - ein typisches Produkt einer unglücklichen Verbindung zwischen zwei romantischen jungen Menschen. Der Vater, ein Araber, verschwand bald. Und der Junge hat versucht, diese Lücke mit dem Islam zu füllen, und wendet sich diesem Imam zu. Die Moschee spielt dabei die Rolle eines Außenpostens des Dschihad. Der Junge ist selbst ein Opfer. Wozu sollte ich über einen unsympathischen Terroristen schreiben? Das können die Zeitungen besser.

SPIEGEL: Dieser Imam, der den Jungen beeinflusst und zum Terroristen macht, wirkt wenig glaubensstark. Er ist ein Zweifler, lässt verschiedene Lesarten des Korans zu.

Updike: Stimmt. Wenn er orthodox wäre, würde er das nicht tun. Wahrscheinlich werden sich nicht allzu viele Imame in ihm wiedererkennen. Er ist ein Einzelgänger, eine einsame Figur. Und seine Moschee ist nicht besonders prächtig. Außer Ahmad geht da niemand hin.

SPIEGEL: Gibt es im Roman Ideen, wie die Aggression von radikalen Islamisten und das Töten beendet werden könnten?

Updike: Der Roman versucht ja, die Erosion eines mörderischen religiösen Wahns zu zeigen, es gibt auch einige menschliche Begegnungen, die Ahmad nachdenklich machen, etwa die mit dem jungen Mädchen oder mit seinem Beratungslehrer. Außerdem besucht er einen Gottesdienst, den Schwarze zelebrieren, er entdeckt in der Predigt manches, was ihn anspricht.

SPIEGEL: Aber Ahmad bleibt bei seinem Plan, bleibt Erfüllungsgehilfe des Terrors. Gegen Ende wird Ihr Roman zu einem regelrechten Thriller. Hat Ihnen das beim Schreiben Spaß gemacht?

Updike: Ich wollte einfach gern die Spannung richtig anheizen. Wenn Sie darin einen Thriller sehen, so habe ich nichts dagegen. Im Gegenteil: Für einen Autor, dessen Spezialität eigentlich die häuslichen Dramen sind, in denen es selten zu körperlicher Gewaltanwendung kommt, kann es sehr befriedigend sein, ein Buch über reale Gewalt zu schreiben, um daraus Spannung zu gewinnen. Das Problem bei vielen Thrillern ist ja nur, dass sie über der genauen Beschreibung, wer den Sprengstoff von hier nach dort bringt, wer mit wem ein falsches Spiel treibt, leider die einzelnen Menschen und ihr Verhalten aus den Augen verlieren.

SPIEGEL: Die entscheidende Szene Ihres Romans spielt im Lincoln Tunnel, der nach Manhattan führt. Stimmt es, dass Sie eine Tunnelphobie haben?

Updike: Phobie ist zu viel gesagt. Aber ich fahre nicht gern durch einen Tunnel.

SPIEGEL: Ihr Roman ist in seiner Kritik an der amerikanischen Lebensweise auffällig radikal. Es gibt kaum zufriedene Stimmen darin. Hat sich Ihr Blick auf Amerika so sehr eingetrübt?

Updike: Im Ergebnis mag das Buch deprimierend wirken. Mir kommen die Menschen heute stupider als zur Zeit meiner Kindheit vor. Es finden sich zudem wenig vergnügliche Aspekte in unserer Gegenwart. Nehmen Sie nur die ökologischen Probleme, die kulturellen Veränderungen, die nicht nur Ahmad, sondern auch sein Beratungslehrer Jack Levy wahrnimmt.

SPIEGEL: Das Bild von Niedergang und Depression, das Sie zeichnen, ist aber wohl doch eine westliche Sichtweise. Wird nicht gerade von islamischer Seite die Stärke des Kapitalismus gegeißelt, vor allem die Übermacht der Globalisierung? Liefert nicht gerade die geballte Kraft des Westens Argumente für den heiligen Krieg?

Updike: Es kann sein, dass - ähnlich wie die christlichen Fundamentalisten - die Muslime spüren, dass sie auf der Verliererseite sind, dass ihrer vertrauten Welt der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Da haben Sie wohl recht: Wir sollten uns der Tatsache stellen, dass die Globalisierung unumkehrbar ist. Sie kommt wie die Flut, wir können sie nicht aufhalten - die können sie aber auch nicht aufhalten, allerdings unterwegs einigen Schaden anrichten.

SPIEGEL: Und wir?

Updike: Wir sollten uns fragen, ob das kapitalistische Paradies für uns ausreicht, ob es am Ende nicht einfach bloß bedeutet, zu viel zu essen, zu viele Fernsehkanäle, zu viel von allem zu haben, und ob nicht jenes menschliche Wesen, das nach Liebe und Aufregung, Freiheit und Natur strebte, langsam ausstirbt - und ersetzt wird durch Wesen, die in ihren Apartments sitzen und bloß noch Unterhaltung und Nahrung konsumieren. Nichts von dem, was in der Geschichte der Menschheit wirklich von Bedeutung war, scheint von diesem Prozess der Erosion verschont zu bleiben.

SPIEGEL: Ihr Roman spielt mit dem Jahrestag des 11. September als Datum des geplanten Anschlags. Nun steht uns wieder ein Jahrestag bevor. Beunruhigt Sie das?

Updike: Ich bin mir sicher, dass irgendwo Strategen des Dschihad sitzen, die Schlimmes anstreben. Auf der anderen Seite gibt es bei uns Kräfte, die genau das verhindern wollen. Wir wissen allerdings, dass freiheitliche, besonders hochindustrialisierte Gesellschaften besonders verletzlich sind. Bei Ihnen in Europa ist zwar noch kein Hochhaus zum Einsturz gebracht worden, aber es gab Anschläge auf Züge. Man muss nur eine Handvoll Leute mit Maschinengewehren in eine Einkaufspassage schicken. Jeder kann sich die Schlagzeilen vorstellen.

SPIEGEL: Das klingt nicht gerade heiter. Aber Sie erzählen es frohgemut.

Updike: O, ich weiß. Das hat man mir schon gesagt, dass ich bei Interviews immer lächle, egal worum es geht. Das ist eine kleine Macke von mir. Sie sollten das nicht zu ernst nehmen. Doch was mein eigenes Leben betrifft, das dem Ende zugeht, so kann ich mich ja wirklich nicht beklagen. Der amerikanische Traum hat sich an mir noch erfüllt. Mein Vater war Lehrer und verdiente sehr wenig. Ich wollte unbedingt Schriftsteller werden, und mit Glück und einigem Fleiß bin ich es geworden.

SPIEGEL: Keine Zukunftsängste?

Updike: Ich bin mir nicht sicher, aber als jemand, der die 45 Jahre des Kalten Kriegs erlebt hat, in denen die Möglichkeit der gegenseitigen atomaren Vernichtung sehr real war, habe ich doch ein gewisses Vertrauen darin, dass die menschliche Rasse es immer wieder schafft, die größte Katastrophe abzuwenden. Es wird Katastrophen geben, aber nicht die ganz große Katastrophe. Manchmal denke ich: Vielleicht will uns Gott eine Lektion erteilen?

SPIEGEL: Eine sehr christliche Sichtweise.

Updike: Nun ja, es ist eben meine. Es gibt nur diesen einen Weg, was immer der Einzelne glaubt oder nicht glaubt, er muss sich damit abfinden, dass andere etwas anderes glauben und dass wir nun einmal lernen müssen, auf dieser Erde zusammenzuleben. Man könnte fast sagen: Liebt euch! Schon deswegen ist mein Terrorist einer, den man lieben kann.

SPIEGEL: Mr Updike, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Martin Doerry und Volker Hage



John Updike: "Terrorist". Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. Rowohlt Verlag, Reinbek; 400 Seiten; 19,90 Euro. Die deutsche Ausgabe erscheint Ende August.