Lernen: Bäume oder Baüme? - DER SPIEGEL
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Lernen Bäume oder Baüme?

Seit Jahren streiten Wissenschaftler über Ursachen und Therapien der Legasthenie. Die betroffenen Kinder scheitern häufig in der Schule. Nun wird das Erbgut der Leseschwachen erforscht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den Schulheften von Marko, 10, regiert das Chaos. Da geht es in Biologie um "Sunfdotergewechse" und "Saug-Drugpumpen". Wörter wie Hund kann der Gymnasiast zwar richtig buchstabieren, schreibt dann aber doch "hunt". "Er kriegt sein Wissen einfach nicht aufs Papier", sagt Ute Krüger, Markos Mutter.

Marko ist Legastheniker. Rund fünf Prozent aller Schulkinder sind von der Lese- und Rechtschreibstörung betroffen. Trotz normaler oder sogar überdurchschnittlicher Intelligenz bleibt Lesen und Schreiben für sie oft zeitlebens Schwerstarbeit.

Die Lernschwäche wird häufig erst erkannt, wenn die Kinder in der Grundschule die ersten nicht geübten Diktate schreiben müssen. "Die allererste Note, die mein Sohn bekommen hat, war in der dritten Klasse eine Sechs im Diktat", erinnert sich Annette Höinghaus aus dem schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg. Inzwischen ist Alexander 16 Jahre alt und hat die neunte Klasse am Gymnasium geschafft. Die Rechtschreibprobleme aber sind geblieben.

Als seine Schwester Melina, 12, später ähnlichen Wortwirrwarr zu Papier brachte, wusste Höinghaus immerhin schon, womit sie es zu tun hatte: "Melina fragt mich zum Beispiel, ob beim Wort Bäume die Pünktchen auf das a oder das u kommen", erzählt sie, "und auch wenn sie ein Wort zwei Minuten vorher richtig geschrieben hat, schreibt sie es danach wieder falsch."

"Das wächst sich aus" oder "Ihr Kind muss mehr üben" sind noch immer häufige Ratschläge, die Eltern betroffener Schüler von den Lehrern bekommen. Oft mit fatalen Folgen: Mehr als die Hälfte der leserechtschreib-schwachen Kinder besucht hierzulande eine Schule, die unter ihrer Begabung liegt - das ergab eine Untersuchung des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie (Rechenstörung), in dem sich auch Mutter Höinghaus engagiert.

Schon länger streiten sich die Lernforscher über die Ursache der Sprachverwirrung. An Theorien, warum vielen Kindern die Schriftsprache als tückischer Buchstabendschungel erscheint, mangelt es nicht: Sind es Schwierigkeiten bei der Verarbeitung akustischer Reize, die Legastheniker etwa g und k verwechseln lassen? Misslingt es den Leseschwachen, ein Wort ausreichend lange und an der richtigen Stelle zu fixieren? Oder können sich die Kinder das Gelesene nicht lange genug merken, um den Sinn des Textes zu erfassen?

Ebenso uneins wie über den wahren Grund der Lernprobleme sind sich die Experten auch in der Frage der Therapie: "Unter den Forschern gibt es ein ziemliches Gerangel darum, welche Disziplin eigentlich zuständig ist", erklärt der Marburger Mediziner Gerd Schulte-Körne, "die Psychologie, die Pädagogik oder doch die Neurowissenschaft?"

So nebulös sei das Etikett "Legastheniker", dass man es am besten gleich ganz abschaffen sollte, forderte vor kurzem gar der britische Erziehungswissenschaftler Julian Elliott von der Universität Durham. "Der große Mythos bei der Lese-Rechtschreib-Schwäche ist, dass eine Diagnose irgendwelche Probleme lösen kann", sagt Elliott. Ob ein Kind Legastheniker sei oder aus anderen Gründen schlecht im Lesen und Schreiben, spiele für seinen Förderbedarf keine Rolle.

Für die Betroffenen offenbar schon - Elliott bekam Hunderte aufgebrachter E-Mails und Protestanrufe, vor allem von Eltern legasthener Kinder.

Fast jeder Forscher hat inzwischen auch eigene Übungsprogramme im Angebot. Schulte-Körne etwa therapiert nach dem "Marburger Rechtschreibtraining", sein Münchner Kollege Reinhard Werth hat ein Computerprogramm entwickelt, das Lesegeschwindigkeit und Blickfixierung trainiert, und der Freiburger Neurophysiker Burkhart Fischer schwört auf reines Blicktraining - ohne Wörter und Buchstaben. Nur in einer Einschätzung stimmen die Forscher überein: dass die Methode des Kollegen keinesfalls funktioniere.

Daneben blüht der Markt der kommerziellen Förderstätten. Mehr als 20.000 Kinder etwa durchlaufen jährlich Kurse am "Lehrinstitut für Orthografie und Schreibtechnik", das rund 200 Filialen im Franchise-System betreibt. Auch Bachblüten oder farbige Brillengläser werden ratsuchenden Eltern mitunter angeboten.

Einigkeit herrscht immerhin darüber, dass allen Kindern geholfen wäre, würde die Lese-Rechtschreib-Schwäche nicht erst gegen Ende der Grundschulzeit erkannt. Viele Wissenschaftler entwickeln daher neuerdings Methoden, um Risikokinder zu identifizieren, lange bevor diese die ersten Wortruinen kritzeln.

Mediziner Schulte-Körne ist den genetischen und neurobiologischen Ursachen auf der Spur. Der Marburger leitet das EU-Projekt "Neurodys". Seit Anfang Juli tragen Forscher aus Deutschland, Ungarn, Frankreich, Schweden, Österreich, Finnland, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz Daten für die weltweit größte Biodatenbank zum Thema Dyslexie (so die internationale Bezeichnung der Lese-Rechtschreib-Schwäche) zusammen.

"Natürlich gibt es nicht ein einzelnes Dyslexie-Gen", erklärt Schulte-Körne. Dass in einer Familie aber oft gleich mehrere Kinder betroffen sind - so wie die Gymnasiasten Melina und Alexander -, weise auf eine starke erbliche Komponente hin. "Wir wollen herausfinden, welche Gene bei der Entstehung der Legasthenie eine Rolle spielen, wie sie zusammenwirken und welche Umweltfaktoren womöglich dazukommen müssen, damit sich die Störung entwickelt", sagt Schulte-Körne.

So wollen die Forscher etwa im Genom von 800 leseschwachen Kindern aus Deutschland und England nach Gemeinsamkeiten fahnden, die sie von einer Kontrollgruppe ohne Leseprobleme unterscheiden. Sind verdächtige Gene identifiziert, kommen noch einmal knapp 4000 Legastheniker- und Kontrollproben aus verschiedenen Ländern hinzu, um zu klären, ob sich die Ergebnisse wiederholen lassen. Mit bildgebenden Verfahren wollen die Neurodys-Forscher zudem analysieren, ob sich im Gehirn von Legasthenikern bei der Sprachverarbeitung Ähnliches tut wie bei Menschen ohne Leseprobleme.

Schon jetzt scheint klar, dass die potentiellen Genveränderungen oft in Bereichen liegen, die während der Embryonalentwicklung Wanderung und Vernetzung von Nervenzellen steuern - und das womöglich in Bereichen, die später wichtig für die Sprachverarbeitung sind. "Vermutlich findet schon früh eine genetische Fehlsteuerung statt", folgert Schulte-Körne.

Mit einer Diagnose per Gentest wäre zwar die Legasthenie nicht behoben; doch es könnte wenigstens früher als heute mit dem Förderunterricht begonnen werden. "Für viele Eltern wäre es eine Erleichterung, wenn sich eine Ursache finden ließe", glaubt Schulte-Körne.

Auch Annette Höinghaus interessiert sich für die molekularbiologischen Forschungen; Legasthenie-Gene wären der letzte Beweis, dass es diese Störung wirklich gibt. "Bislang wird einigen Eltern immer noch unterstellt, sie wollten nur ihre dummen Kinder durch die Schule kriegen", sagt sie - denn steht die Diagnose Legasthenie erst einmal fest, werden in vielen Bundesländern die Rechtschreibleistungen der Kinder nicht mehr benotet.

Einen anderen Weg der Früherkennung plant Biophysiker Fischer. In sein "Blicklabor" an der Freiburger Universität kommen jährlich rund tausend Kinder mit Rechtschreib- und Rechenproblemen, Filialen gibt es bereits in mehreren deutschen Städten und im Ausland. Nun will der Wissenschaftler seine Untersuchungen auf Vorschulkinder ausweiten und so womöglich eine Ursache der späteren Schulprobleme beheben, noch ehe sie auftreten.

Fischers Theorie: Rund die Hälfte der lese-rechtschreib-schwachen Kinder tut sich schwer mit der sogenannten Blicksteuerung. Sie können etwa einen bestimmten Punkt willentlich nicht lange genug fixieren. Beim Lesen ruckt der Blick mitunter schon zum nächsten Wortsegment, noch ehe das erste enträtselt ist. Augenärzte können solche Wahrnehmungsprobleme meist nicht feststellen. Für seine Tests hat Fischer daher eigens ein Gerät entwickelt, das mittels Infrarotsensoren die Augenbewegungen seiner kleinen Probanden aufzeichnet, während an der Wand rote Punkte aufleuchten.

"Defizite in der Blicksteuerung sind nicht die einzige Ursache für Leseschwierigkeiten", sagt Fischer, "aber korrektes Sehen ist eine wichtige Voraussetzung für Lesen und Schreiben." Fischer lässt seine Patienten mit Trainingscomputern von Gameboy-Größe trainieren, auf deren Monitor in schneller Folge und an verschiedenen Stellen winzige Symbole erscheinen. In ersten Studien mit leseschwachen Kindern zeigte sich, dass viele nach dem Blicktraining weniger Fehler beim Lesen machten als Kinder aus einer Vergleichsgruppe.

Auch Legastheniker Marko übt mit Fischers Trainingsgeräten. "Ich habe das Gefühl, dass er sich nun leichter in einem Text zurechtfindet", sagt seine Mutter. "Früher las er oft Wörter, die gar nicht da standen." Den Zehnjährigen begeistert ein anderer Effekt seiner geschärften Wahrnehmung: "Ich kann jetzt viel besser Fußball spielen."