Kultur Fulda ist besser
Nun wird auch die Natur neu entdeckt. Was die Fußball-WM fürs Nationale war, könnte dies Buch für die lange Zeit verlorene Naturbegeisterung der Deutschen werden. Für ihre Romantik, ihr Heimatgefühl.
Endlich darf man es wieder sagen, denn Florian Illies hat den Mut dazu aufgebracht, und der muss beträchtlich gewesen sein: "Peitscht der Regen übers Land, dann drätschd's; fallen sehr dicke Tropfen aus dunklen Wolken, dann draddeld's; kommen die Tropfen nur vereinzelt und kleiner von oben, dann drebbeld's." Über die Schlitzer, Einwohner seiner Geburts- und Heimatstadt, schreibt Florian Illies, 35, Herausgeber der Kunstzeitschrift "Monopol", weit ausholend.
Wohl dem Volk, das solch einen Dichter sein Eigen nennen darf, noch dazu den Autor von "Generation Golf" (2000) und "Generation Golf zwei" (2003)! Und Schlitz, die hessische Kleinstadt mit ihren 10 272 Einwohnern, nahe Bad Salzschlirf, nahe Fulda gelegen, gibt es wirklich. "Wo immer Onkel Hägar konnte, nahm er seinen mittelalterlichen Pflug zur Hand, wälzte die Erde um und pflanzte neue Nadelbäume." Zum Beispiel bei Illies' Eltern, die bei Onkel Hägar eine Buchenhecke bestellten. Die Hecke steht da immer noch, ebenso das Haus in der Parkstraße 85. Der Taxifahrer kennt "den Florian" natürlich.
Weil nämlich alle Schlitzer sich gegenseitig kennen. Das steht ja auch schon so schön im Buch. In Illies' "Ortsgespräch", einer Erinnerungs- und Befindlichkeitsreportage über 208 Seiten, ist übrigens alles schön*. Alle lieben sich. Alle sind rührend einfältig, aber rechtschaffen, redlich, der Zeit trotzend, bauernschlau. Eine Idylle dort. Früher hätte man es als Kitsch abgewehrt, aber das wird diesmal nicht gehen: Dazu ist dieses Buch zu gut geschrieben.
Nun sagt der Taxifahrer: "Der Florian war ein Jahr jünger als ich. Wir waren immer bei Illies zum Fußballspielen, zu acht, jeden Nachmittag." Er zeigt den Garten der Illies, ein extrem abschüssiges Gelände.
Wer den Ball verschoss, musste endlos weit nach unten laufen. Befreundet seien sie alle nicht gewesen mit dem "rich kid".
Illies galt im Dorf als schnöselig, mal als arrogant, mal als versponnen; gemocht hat ihn wohl keiner so richtig. Was für eine Hölle für ein waches, neugieriges, phantasiebegabtes Kind: Da kommen jeden Nachmittag sieben Gleichaltrige ins Haus, und alles, was sie wollen, ist ein dumpfes Rumgebolze mit einem Ball, der ständig in Richtung Abgrund verschwindet. Grund genug eigentlich für ein Genie, mit diesem Ort des Stumpfsinns abzurechnen, ihn qua Literaturgeschichte auf ewig zu schwärzen. Illies aber schreibt eine Schmonzette, im Stil von "So zärtlich war Suleyken" von Siegfried Lenz. Was ist da passiert?
Nun, die Leute wissen es natürlich: Der Vater, von außen kommend und schon alt, fiel eines Tages tot um, ließ Florians Mutter, attraktive Tochter des Schlitzer Bürgermeisters, allein zurück. Florian wurde ein Muttersohn, und mit dem Buch ehrt und verklärt er heute ihre Welt. So würde es zumindest Volker Weidermann sehen, der Kulturpapst der Generation Golf.
Aber wie ist Schlitz wirklich? Knarzen die Treppenstufen von Tante Dos Stiege in der Straße Im Grund 17 immer noch? Waschen die Spießer in karierten Holzfällerhemden noch immer ihre Opel Kadetts?
Die Antwort verblüfft: Sie tun es mehr als damals. Irgendwie und gewiss unabsichtlich hat Illies das vielleicht modernste Buch der Saison geschrieben, eins über die alt gewordene, die Rentnergesellschaft. Die Perspektive ist die eines Nachgeborenen: der Enkel, der im Altersheim aufwächst. Der Opa reißt die Dachluke auf, weil ein Zeppelin vorbeischwebt, und ruft "hurra!". Da schmunzelt es in den Buchseiten, aber eigentlich ist das alles gruselig.
Das reale Schlitz ist's nicht minder. Die Hauptstraße quält sich gewunden und tempodrosselnd durch den Ort. Provinz ist dort, wo immer Autos hin- und herfahren, die lackglänzend und fabrikneu sind und in denen weißhaarige Leute sitzen. Früher, sagen die Schlitzer, war Leben auf den Straßen. Wo ist das hin?
Man sieht - alte Menschen. Drei etwa zehnjährige Mädchen watscheln vorbei, wie kleine Entenschwestern von Tick, Trick und Track. Eine kahlrasierte Punkerin, fett, schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Solches Per-sonal kennt man aus der "Oliver Geissen Show", und man weiß: Das ist Provinz, und genau deshalb zieht man in die Stadt, sobald man ein Girokonto eröffnen kann.
Wenn doch bloß die behauptete Natur irgendwo zu spüren wäre! Wo ist der versprochene Mäusebussard? Wo sind die Zugvögel? Der Bootsverleih hat dichtgemacht, auch der Minigolfplatz. Der Friseur, bei dem sich die Damen samstags die Haare legen ließen und bei dem man erfuhr, "wie das Wetter nächste Woche werden würde und wer gerade zur Reha war": längst geschlossen! Die Fassade ist noch zu besichtigen, für Touristen und wohl bald für Illies-Fans.
Da endlich: Jugend. Drei Halbstarke lümmeln am stillgelegten Bahnhof. Sie fluchen auf alles, was mit Schlitz zu tun hat. Im Ort gibt es nur noch eine höhere Schule, die Gesamtschule, "dort herrscht Gewalt pur. Wenn ich mal Kinder habe, geh ich weg hier". Fulda sei besser.
"Ortsgespräch" wird in ganz Deutschland gelesen werden und zu einer romantischen Rückbesinnung auf Natur und Heimat führen. In Schlitz nicht.