Literatur Plapperndes Ich
Das Einfache tun. Ein Feuer herunterbrennen sehen, einschlafen ohne Tabletten. Einen Hügel erklimmen, ohne auf dem Weg dorthin die Themen Waldsterben, Terrorismus und sexuelle Untreue im Kopf gewälzt zu haben. Ankommen, ohne stolz auf sich zu sein.
Harold Cleaver führt ein Leben, von dem viele träumen: Er ist Großbritanniens wichtigster Fernsehjournalist, er verkehrt mit Prominenten, er ist witzig, geistvoll und einflussreich, er ist Frauenheld und Familienvater, er ist in jeder Hinsicht unschlagbar. Und er hat es satt. Sich selbst und seinen Erfolg, die ständige Überbietung seiner selbst und seines Erfolgs. Die Welt in all ihrer Komplexität, nach der er griff und die ihn nun im Griff hat, in der er erfolgreich funktioniert, indem er tausend Dinge gleichzeitig erledigt - telefoniert und dabei Taxi fährt, ein Interview mit dem Präsidenten vorbereitet, auf dem Weg zum Studio noch ein Treffen mit seiner Geliebten erledigt ... Er hat das Rauschen satt, das Rauschen der Welt und das in seinem Kopf. Und er sehnt sich nach dem Leben, wie es vielleicht die anderen führen - ein Leben, in dem die Wirklichkeit nicht Gegenstand eines Kommentars, einer Diskussion oder eines Films ist, nichts, das wieder zurück zum eigenen Ego führt, diesem aufgeblasenen Ego des Harold Cleaver. Er flieht. Was er am Ort seiner Flucht in Südtirol erlebt, in einem abgelegenen Haus in einer Gegend, deren Sprache er nicht spricht, schafft die äußere Handlung des Romans "Stille" von Tim Parks. Wie stets bei dem englischen Schriftsteller geht es jedoch um das Innenleben des Helden. Parks' Figuren sind damit beschäftigt, durch den mitreißenden Strom aus gedachten Gefühlen und gefühlten Gedanken einen Weg in die Wirklichkeit zu finden, die vor allem eins verspricht: Entlastung vom lästig plappernden, mit sich selbst beschäftigten Ich. Wie immer erzählt Parks spannend und mit Witz. Er schreibt die Tradition der modernen englischen Bewusstseinsprosa fort mit den Mitteln der Unterhaltungsliteratur - zum Vergnügen des Lesers.