Film Die Kunst des Verrats
Der Erste, der zum Vorstellungsgespräch bei Captain Queenan und Sergeant Dignam antritt, scheint der ideale Kandidat: Colin Sullivan ist intelligent, charmant und hat gleichzeitig den Ehrgeiz und die Härte, die einer aus South Boston braucht, wenn er zur Massachusetts State Police will. Kumpelhaft führen Queenan und Dignam das Gespräch, denn Sullivan ist einer von ihnen, ein Guter. Klar, dass der es dann in die Abteilung zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität schafft.
Der andere ist ein Problemfall. Billy Costigan ist auch in South Boston aufgewachsen - einer Gegend, die beherrscht wird von der irischen Mafia, das Little Ireland der Stadt sozusagen. Eher bockig sitzt er auf dem Stuhl, wie ein Kleinkrimineller beim Verhör, und er wird umso trotziger, je herablassender und fieser Dignam ihm die Kriminalstatistik seiner Verwandtschaft darlegt. Nein, Costigan ist bestimmt keiner von den Guten.
Oder vielleicht doch? "Willst du ein Cop sein, oder willst du ein Cop zu sein scheinen?", fragt der Sergeant den Polizeischulabsolventen Costigan. Die Antwort ist, dass Costigan weder äußerlich noch charakterlich ein Cop zu sein scheint, aber einer ist; er infiltriert als Undercover-Ermittler die irische Mafia in Boston, um deren bizarr-bösen Boss Frank Costello (Jack Nicholson) zu überführen. Sullivan hingegen scheint ein strahlend guter Cop im Kampf gegen die Mafia zu sein, ist aber tatsächlich Costellos Ziehsohn und sein Maulwurf.
Dieser im Dreck des Verbrechens, der Korruption und der Lüge schwer auszumachende Unterschied zwischen Sein und Schein ist es, was den neuen Mafia-Thriller des Star-Regisseurs Martin Scorsese, 64, zum psychologisch packenden Meisterwerk macht.
In "Departed - Unter Feinden", der am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft, spielt Jack Nicholson den Paten als schmierige Kiez-Größe und koksenden Sex-Maniac, der mal mit einer abgetrennten Hand herumwedelt und mal mit einem Dildo, fusselbärtig, grimassierend und völlig von der Leine gelassen. Neben ihm, unter ihm, haben zwei Superstars ihrer Generation weitere Hauptrollen übernommen: Matt Damon spielt den Mafia-Maulwurf Sullivan und Leonardo DiCaprio den Undercover-Cop Costigan. Damon, 36, zeigt, wie tückisch Karrieristen sind, die aussehen wie der ideale Schwiegersohn. Und DiCaprio, 32, der endlich seinen Babyspeck losgeworden ist, beweist, wie cool und durchsetzungskräftig sensible Romantiker und Idealisten sein können.
Auf 3017 Leinwänden lief "Departed" vor zwei Monaten in den USA an und spielte seitdem weltweit knapp 200 Millionen Dollar ein. Sicher wird der Thriller noch Scorseses "Aviator"-Epos über den Milliardär Howard Hughes an den Kassen schlagen, das vergangenes Jahr 214 Millionen Dollar einbrachte. "Departed" wird damit der erfolgreichste Film des Regiekünstlers Scorsese, der bisher immer eher die Kritiker begeisterte als die Masse an der Kinokasse.
Nun also diskutiert Hollywood wieder einmal Scorseses Oscar-Chancen: Wird "Departed" zum besten Film nominiert, wie "Entertainment Weekly" mutmaßt? Hat Matt Damon den Preis als bester Hauptdarsteller sicher, wie "Daily Variety" schreibt? Wird Jack Nicholson mit seinem furiosen Solo einen vierten Oscar in sein Regal stellen können? Vor allem aber: Könnte Scorsese, der schon sechsmal nominiert war, dieses Mal tatsächlich den Oscar bekommen?
Nach den opulent ausgestatteten historischen Filmen "Gangs of New York" und "Aviator", beide auch mit DiCaprio in der Hauptrolle, hat Scorsese nach elf Jahren wieder einen Mafiafilm gedreht - das Genre, mit dem er einige seiner größten Erfolge feierte. Mit "Mean Streets" über eine Gruppe Jugendlicher in New Yorks Little Italy wurde er 1973 berühmt, "Goodfellas" (1990) machte Schlagzeilen wegen einer langen Totschlag-Orgie mit einem Baseballschläger, und in "Casino" (1995) porträtierte der Regisseur diabolisch die Aufsteiger in der Halbwelt von Las Vegas.
Scorseses neuen Thriller nun fand die "Los Angeles Times" "unwiderstehlich", und auch die Kritikerin der "New York Times" war voller Bewunderung für "Departed": "Jeder Scorsese-Film ist so beladen mit Erwartungen und der Größe seiner eigenen Legende", schrieb sie, "dass es ein Wunder ist, dass der Regisseur diese Last tragen kann." Vor allem beeindruckte sie, dass "Departed" dabei auch noch "so leicht wie eine Feder" wirke, unprätentiös, fokussiert und schnell.
Sehr schnell, tatsächlich. 2,7 Sekunden lang dauere jede Einstellung im Durchschnitt, rechneten Fans in Weblogs aus, bei Scorseses Action-Erfolgen "Goodfellas" und "Gangs of New York" folgte alle 6,7 Sekunden ein Schnitt. Dafür verzichteten Scorsese und sein Kameramann Michael Ballhaus dieses Mal auf opulente Bilder und konzentrierten sich auf die komplexe Story. So entschlackt kam noch kein Scorsese-Film daher.
"Departed" ist das Remake des Hongkong-Thrillers "Infernal Affairs", der vor vier Jahren in Asien so erfolgreich lief, dass zwei Sequels gedreht wurden. Brad Pitt, der nicht nur Schauspieler ist, sondern auch Produzent, kaufte die Rechte an dem Stoff und beauftragte den Bostoner Drehbuchautor William Monahan ("Königreich der Himmel"), daraus einen amerikanischen Film zu machen. Monahan betont, dass er sich "Infernal Affairs" nicht angesehen, sondern ausschließlich das Drehbuch gelesen habe. In großen Teilen hat er sich auch an die verwickelte Geschichte der Vorlage gehalten.
In South Boston müssten die Jungs sich entscheiden - Cop oder Mob, sagt der Mafia-Boss Costello zu Beginn von "Departed", "aber wenn dir jemand eine geladene Knarre unter die Nase hält, wo ist da der Unterschied?" Für Colin Sullivan gibt es jedenfalls keinen, weshalb er als Costellos Ziehsohn beide Karrieren gleichzeitig macht. Er steigt in genau jene Abteilung der Massachusetts State Police auf, die Costello zu Fall bringen will. Kaum planen die Ordnungshüter einen Zugriff, ruft der Maulwurf seinen väterlichen Freund per Handy an und plaudert alles aus.
Costigan, zum Aufbau seiner Legende als Krimineller zunächst ins Gefängnis geschickt, arbeitet sich dagegen brutal in Costellos Bande nach oben und versorgt Captain Queenan (Martin Sheen) und Sergeant Dignam (Mark Wahlberg) mit Informationen über Deals mit Heroin oder gestohlenen Mikrochips.
Bald merken beide Seiten, dass sie einen Verräter in ihrer Mitte haben, und eine so spannende wie vertrackte Jagd beginnt. Dass Sullivan und Costigan sich beide in die Polizeipsychologin Madolyn (Vera Farmiga) verlieben, macht die Story noch komplizierter. Der nervenstarke Sullivan ködert Madolyn mit Witz ("Ich habe einen Toten gesehen und leide an posttraumatischem Stress. Können wir uns zum Mittagessen treffen?"), der angstzerrüttete und inzwischen Valium-abhängige Costigan mit seiner Verletzlichkeit.
In einer dramatischen Szene sind die Maulwürfe Sullivan und Costigan über ein Mobiltelefon verbunden. Niemand weiß, wer der andere ist, und keiner will als Erster reden. Beide hören den Atem des anderen und wissen: Der macht gerade dasselbe durch. Und es ist ihnen klar, dass nur einer überleben kann. Wenn überhaupt.
Drehbuchautor Monahan behauptet, er habe die Geschichte um die irische Mafia herum konstruiert, weil der italienische Mob als Filmmotiv ausgelutscht sei und er keine Lust gehabt habe, "sechs Monate lang im Hauptquartier der russischen Mafia", dem New Yorker Stadtteil Brighton Beach, zu leben, um sich einzuarbeiten. Vielleicht ist das nicht die ganze Wahrheit. Denn als Autor weiß er, dass Fiktionen Parallelen in der Realität haben. Und als Bostoner und ehemaliger Journalist ist ihm bekannt, dass sich ein spektakulärer Korruptionsfall in seiner Stadt abgespielt hat.
Polizeibeamte des FBI in Boston machten mit einem stadtbekannten Gangster zwanzig Jahre lang gemeinsame Sache und schauten ihm so lange zu, bis dieser 18 Menschen auf dem Gewissen hatte. Der Fall ist einer der merkwürdigsten und größten Polizeiskandale der USA - und bis heute nicht restlos aufgeklärt. Die Geschichte beginnt in den vierziger Jahren in South Boston, dem irischen Armenviertel, das vom Rest der Stadt durch breite Straßen und Kanäle abgeschnitten ist.
Hier wuchs James Bulger im "Old Harbor Housing Project" auf. Das sind 34 dicht an dicht gebaute Mietskasernen aus dunklen Ziegelsteinen. Heute wohnen Latinos und Schwarze in den Blocks, früher waren die Bewohner Katholiken irischer Abstammung. In dieser Siedlung lebte damals auch ein blasser Knirps namens John Connolly. Er ging später auf die Polizeischule, machte beim FBI in Boston Karriere - und konspirierte mit Bulger, der sich für den Beruf des Gangsters entschieden hatte.
Bulger war brutal und skrupellos: Manchen seiner Opfer schoss er eine Kugel durch den Kopf, andere erwürgte er. Einige Leichen warf er in die Kanalisation, andere vergrub er nachts am Strand von South Boston.
Menschen, die gegen Bulger aussagen wollten und sich vertrauensvoll an Polizeibeamte in Boston wandten, bezahlten das mitunter mit dem Leben. Ihre Namen wurden von korrupten FBI-Beamten an Bulger verraten. Dessen Rache war gnadenlos: Den Kleinkriminellen Brian Halloran etwa machte er im Mai 1982 kalt, am Pier von South Boston, mit 30 Schüssen.
Kurz bevor er festgenommen werden konnte, gelang Bulger die Flucht. Der heute 77-Jährige steht, hinter Osama Bin Laden, in den USA auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher.
Einer von Bulgers Brüdern arbeitete sich ebenfalls aus dem Elend empor und wurde zu einem der mächtigsten Politiker von Massachusetts. William Bulger war 18 Jahre lang Präsident des Senats dieses US-Bundesstaates und zählte die Senatoren Ted Kennedy und John Kerry zu seinen Parteifreunden. Anschließend, von 1996 bis 2003, arbeitete er als Präsident der University of Massachusetts. William Bulger behauptete stets, praktisch keinen Kontakt zu seinem kriminellen Bruder gehabt zu haben. Dies wurde nie widerlegt, obwohl William Bulger direkt neben einem Haus lebte, in dem sein Bruder und dessen Kumpane ein- und ausgingen: Hier haben sie Schutzgelderpressung und Wettbetrug geplant, Waffen gehortet, ihre korrupten FBI-Freunde bewirtet - und im September 1981 die damals 26 Jahre alte Debra Davis erwürgt.
In dem Moment, als Monahan "Departed" nach Boston verlegte, sagt der Ex-Polizist Thomas Duffy, "waren die Parallelen zum FBI-Skandal um Bulger gegeben". Als Ermittler der Massachusetts State Police hat Duffy, 56, Bulger zehn Jahre lang gejagt. Diese Erfahrung machte Scorsese sich zunutze und heuerte ihn als Berater an. Der Schauspieler Damon verdankt dem Experten, dass er zur Filmvorbereitung bei einer echten Polizeirazzia dabei sein durfte, in schusssicherer Weste und bewaffnet mit einer Taschenlampe.
Mit Damon und DiCaprio hat Scorsese die Hauptrollen genial besetzt. Denn es ist nicht nur der simple Kampf zwischen gutem und bösem Cop, den "Departed" schildert. Zwei Ideologien treten hier gegeneinander an, die beide grundamerikanisch sind. Damon steht für das Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Prinzip, DiCaprio dagegen ist der Idealist, der die Welt verbessern will. Der Egoist gegen den Altruisten. Der Yuppie gegen den sozialen Verlierer.
Für diese Rollen haben sich Damon und DiCaprio schon mit früheren Filmen qualifiziert. Damon überzeugte als oberflächlich sympathischer und hübscher, in Wahrheit aber geldgieriger und verkommener Kerl in der Patricia-Highsmith-Verfilmung "Der talentierte Mr. Ripley". DiCaprio dagegen starb in "Titanic" für seine Liebe und besiegte in "Gangs of New York" einen sadistischen Bandenboss.
Auch wenn der moralische Sieger feststeht, gibt es dennoch keine Gewinner in "Departed" und erst recht keinen Unschuldigen. Und so ist, wie Scorsese es beschreibt, DiCaprios Gesicht ein "Schlachtfeld moralischer Konflikte", und wo Schlachten toben, da gibt es Opfer, physischer, seelischer, ideeller Art. Damons stupsnasigem Gesicht gehört dagegen das letzte Lächeln in "Departed", auch wenn es kein glückliches ist.
"Wie geht es deiner Mutter?", fragt der Mafiachef Costello einen Bekannten. "Sie hat es bald hinter sich", antwortet der. Und dann sagt Costello den Satz, der die Botschaft des Films (Originaltitel "The Departed", deutsch: "Die Verstorbenen") zusammenfasst: "Das gilt für uns alle. Verhalte dich entsprechend."
Ach ja: Ein geständiges Ex-Mitglied der realen Bostoner Mafia sagt, der verschwundene Pate James Bulger sei womöglich in Deutschland untergetaucht. Sauberkeit und Zuverlässigkeit der Deutschen hätten Bulger nämlich auf früheren Reisen beeindruckt. "Departed" könnte den gesuchten Mörder nun aus seinem Versteck locken. Wer im Kino also einen rüstigen Amerikaner (blaue Augen, weißes Haar, etwa 1,70 Meter groß) erspäht, ist vielleicht im richtigen Film.