Thriller "Man bearbeitet das Gehirn"
SPIEGEL: Mr Forsyth, zu Beginn Ihres neuen Thrillers "Der Afghane" wird ein Qaida-Anhänger eliminiert, als er ein Mobiltelefon anschaltet und sofort vom amerikanischen Geheimdienst geortet wird. Besitzen Sie ein Handy?
Forsyth: Nein, und einen Computer habe ich auch nicht. Viele machen sich natürlich lustig darüber, dass ich so ein Dinosaurier bin, aber ich habe meine Gründe. Mit meiner Schreibmaschine habe ich noch nie sieben Kapitel in den Cyberspace geschickt und sie dann verloren. Und zweitens: Kein Hacker kann meine Schreibmaschine knacken. Ich verwende das Internet auch nicht für Recherchen, denn ehrlich gesagt traue ich ihm nicht.
SPIEGEL: Trotz aller Skepsis haben Sie das Internet für Werbezwecke eingespannt und die Namen einiger Figuren in Ihrem neuen Buch vorab auf Ebay versteigert.
Forsyth: Ja, ich habe eine stattliche Summe für verschiedene wohltätige Organisationen gesammelt. Die Romanfigur Captain Michael Linnett zum Beispiel, der Offizier eines Sondereinsatzkommandos, trägt den Namen eines Geschäftsmanns aus Northamptonshire.
SPIEGEL: In "Der Afghane" schreiben Sie, dass Internet und Cyberspace für Terroristen unentbehrliche Propagandawaffen geworden seien.
Forsyth: Es ist verdammt gefährlich, denn mindestens die Hälfte der Anwerbungen findet auf diesem Wege statt. Besonders mit Hilfe von Videos, die aus sehr blutigen Szenen zusammengestellt werden und angeblich das Ergebnis amerikanischer Bombenangriffe zeigen sollen. Dazu gibt es noch eine unaufhaltsame Flut von Kinderpornografie, Anleitungen für den Bau von Bomben und Gewehren sowie für das Töten, Verstümmeln und Verkrüppeln von Menschen. Bis zu 50 Prozent des Internet sind bösartig.
SPIEGEL: Bei Ihnen sind die Guten den Bösen allerdings immer noch ein Stück voraus. Vorsprung durch Technik?
Forsyth: Im Vergleich zur heutigen Ausrüstung sieht die Spionagetechnik des Kalten Krieges aus wie Gagarins Raumkapsel. Was die Amerikaner inzwischen schaffen, verschlägt einem schier die Sprache. Ich war für die Recherche meines Buchs im Hauptquartier der National Security Agency in Fort Meade, USA. Die Spezialisten dort können Ihnen sagen, aus welchem Zimmer in Afghanistan ein Anruf getätigt wurde. Deshalb verwenden hochrangige Qaida-Leute keine Mobiltelefone mehr. Sie arbeiten mit persönlichen Abgesandten, die sie mit auswendig gelernten Botschaften manchmal durch die ganze Welt schicken.
SPIEGEL: Trotzdem haben die Geheimdienste Anschläge wie die vom 11. September 2001 nicht verhindert.
Forsyth: Wir haben alle ein wenig geschlafen. Aber der 11. September war ein globaler Weckruf für die Nachrichtendienste. Heute sind sie alle miteinander verbunden. Der einzige Bereich des gemeinsamen Binnenmarktes, der wirklich funktioniert, ist die Zusammenarbeit in der Terrorismusbekämpfung.
SPIEGEL: Als Autor von Spionageromanen waren Sie der große Berufsparanoiker des Kalten Kriegs. In "Der Afghane" warnen Sie jetzt: "Vergessen Sie die zottelbärtigen Schreihälse. Seien Sie auf der Hut vor dem Glattrasierten, der raucht, trinkt, mit Mädchen verkehrt und wie einer von uns aussieht. Verwestlicht. Ein menschliches Chamäleon, das seinen Hass verbirgt." Glauben Sie, dass al-Qaida-Sympathisanten in westliche Geheimdienste eingeschleust werden könnten?
Forsyth: Nun ja, sie könnten schon, aber das wäre sehr auffällig. Ich glaube nicht, dass besonders viele Menschen im Westen auf al-Qaida hereinfallen. Die Wiedereinführung des Kalifates? Die Rückeroberung Südeuropas durch islamische Kräfte? Es wäre schwer, einen Deutschen davon zu überzeugen, dass dort die Zukunft liegt.
SPIEGEL: War es klug von Gerhard Schröder, den Irak-Krieg nicht zu unterstützen?
Forsyth: So, wie es sich heute darstellt, war es das wohl. Aber ich glaube nicht, dass er damals - vor dem Einmarsch - in der Lage war, die Katastrophe vorherzusehen, die jetzt über den Irak hereingebrochen ist. Diese wäre, meines Erachtens, vermeidbar gewesen. Die amerikanische Eroberung war wie aus dem Lehrbuch; was nach dieser Eroberung geschah, war Inkompetenz von geradezu unfassbarem Ausmaß. Irgendjemand hat dem Weißen Haus eingeredet, Saddam sei wichtiges Ziel beim Krieg gegen den Terror. Inzwischen wissen wir: Egal was man ihm sonst alles vorwerfen kann, er verabscheute und verachtete den islamischen Fundamentalismus, und dessen Ideologen wiederum hassten ihn. Also wurden mindesten 70 Prozent der ganzen Energie auf das verkehrte Ziel gelenkt.
SPIEGEL: Warum hat Tony Blair Präsident Bush im Irak unterstützt?
Forsyth: Blair ist im Grunde genommen ein schwacher Mensch. Aber unterschätzen Sie nie die Sturheit eines schwachen Menschen. Die Schwachen neigen dazu, sehr stur zu sein, wenn sie sich erst einmal für etwas entschieden haben. Wir haben in England viele Nahost-Experten, und alle haben Blair gesagt: Das wird ein Irrsinn. Durch eine Mischung aus Eitelkeit und Dummheit ist er nun an eine Entscheidung gebunden, die er nicht rückgängig machen konnte.
SPIEGEL: Sie behaupten an einer Stelle des Romans, dass die Amerikaner auf dem großen Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan Gefangene foltern. Wie kommen Sie zu dieser Annahme?
Forsyth: Guantanamo ist linken Journalisten und Menschenrechtsaktivisten ein Greuel. Sie vergessen Bagram, ein Areal so groß wie Berlin, eine gewaltige, ehemalige Sowjetbasis mit Verwaltungsgebäuden und riesigen Flugzeughangaren. Heute fungiert ein Teil als Untersuchungsgefängnis, und dort gibt es keinen Häftling, der nicht singt.
SPIEGEL: Sie glauben wirklich, dass die Amerikaner dort systematisch Gefangene foltern? Haben Sie Beweise?
Forsyth: Wir reden hier nicht von den Methoden von früher - Fingernägel ausreißen oder auspeitschen. So etwas setzt man heute nicht mehr ein. Heute sind es chemische Keulen. Entweder handelt es sich um eine Art tiefe Hypnose, weit über Entspannungsdrogen wie Scopolamin hinaus, oder Natriumamytal. Man bearbeitet das Gehirn, und am Ende kommt Griesbrei raus. Ich habe noch keinen guten Artikel gelesen, in dem beschrieben wird, was gewisse chemische Stoffe heute im menschlichen Hirn bewirken können. Ein Mann wie Chalid Scheich Mohammed hat das keine Woche ausgehalten. Niemand hat es dort ausgehalten.
SPIEGEL: Sie schreiben sehr kühl über das Foltern und Töten und die Arbeit des Scharfschützen, der sich bis ins kleinste Detail mit Waffen und Munition beschäftigt und sein Opfer nicht mehr als Mensch, nur als Ziel wahrnimmt. Ihre Kritiker werfen Ihnen deshalb vor, keinen moralischen Standpunkt einzunehmen. Schreiben Sie aus der Perspektive des Scharfschützen?
Forsyth: Naja, es ist eine journalistische Perspektive. Als ich ein junger Journalist war, sagte man uns: Lasst die Adjektive weg. Also schreibe ich: Das ist es, was ein Scharfschütze tut, und so macht er es. Wenn Sie als Leser schockiert sein wollen - in Ordnung. Wenn Sie fasziniert sein wollen - in Ordnung. Wenn Sie voller Bewunderung sein wollen - in Ordnung. Es ist Ihre Wahl, nicht die meine.
SPIEGEL: Wie kommen Sie an Ihre Quellen im Geheimdienstmilieu?
Forsyth: Es beginnt mit einem Kontaktmann, der vielleicht schon pensioniert ist. Bevor das Gespräch zu Ende ist, sagt er womöglich: Geben Sie mir 24 Stunden, ich werde ein paar Telefonate führen. Und dann kommt er wieder: Hören Sie, da ist einer, der bereit ist, mit Ihnen zu reden. Im Buch gibt es zum Beispiel eine Stelle, an der erzählt wird, wie der Geheimdienstler Mike Martin früher einmal einer der ganz wenigen Männer des Special Air Service war, die mit einer "Blowpipe"-Flugabwehrrakete hinter die sowjetischen Linien in Afghanistan gingen, um dort die Kämpfer um Ahmed Schah Massud auszubilden.
SPIEGEL: Also gab es den SAS-Offizier Mike Martin wirklich?
Forsyth: Ja, ich habe über einen alten Freund bei der SAS einen Mann getroffen, der mir alles erzählt hat. Alles, was Mike Martin in meinem Buch widerfährt, war diesem Typen passiert. Selbst der Angriff durch einen Kampfhubschrauber. Ziemlich beängstigende Sachen.
SPIEGEL: Der mysteriöse Tod des russischen Ex-KGB-Spions Alexander Litwinenko in London erinnert fast an einen Geheimdienstthriller aus der Zeit des Kalten Kriegs. Wenn Sie so etwas geschrieben hätten, wer wäre Litwinenkos Giftmörder?
Forsyth: Ein Berufskiller aus dem Osten. Vielleicht hat Putin nicht gesagt: Ich will, dass dem Mann dieses oder jenes zustößt. Aber es gibt Menschen in seiner Umgebung, besonders im Inlandsgeheimdienst FSB, die wie König Heinrich II. über Erzbischof Thomas Becket rufen: "Wer schafft mir diesen störrischen Priester vom Hals?"
SPIEGEL: Die hohen Kosten des Polonium 210 lassen viele Beobachter auf eine staatliche Quelle schließen.
Forsyth: Wenn man zufällig einen Staat leiten würde, der zufällig einen ziemlich rücksichtslosen Geheimdienst unterhalten würde, der zufällig Kontakte zu einer ebenso rücksichtslosen kriminellen Unterwelt hätte, da wäre es sehr leicht, jemanden liquidieren zu lassen. Aber warum nicht mit einem Messerstoß oder einer Kugel ins Herz? Der Killer könnte schon am nächsten Morgen im Flugzeug nach Moskau sitzen, während die Leiche noch irgendwo unentdeckt liegt. Wenn man ihm lediglich seine Brieftasche und sein Handy abnähme, würde es wie ein Überfall aussehen. Warum also diese absonderliche Methode? Der einzige Grund, der mir einfällt, ist Abschreckung. Vor 400 Jahren haben Richter manchmal den Leichnam eines Hingerichteten mehrere Wochen lang am Galgen hängen lassen zur Abschreckung. Es kann sein, dass jemand drüben in Moskau sagt: Von jetzt an solltet ihr sehr, sehr große Angst haben - und schweigen.
INTERVIEW: MALTE HERWIG