Kultur: "Was erzählt der denn da?" - DER SPIEGEL
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Kultur "Was erzählt der denn da?"

Der Journalist und Buchautor Hellmuth Karasek, 72, über sein neues Buch "Süßer Vogel Jugend", das Veralten des Wissens und die Folgen der lebensverlängernden Medizin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Karasek, in Ihrem neuen Buch "Süßer Vogel Jugend" sprechen Sie offen über die Probleme des Alterns*. Gehört für Sie dazu, dass Ältere dazu neigen, alle Probleme, die sie haben, auf das Alter zu schieben?

Karasek: Ich schiebe vieles auf das Alter, etwa wenn mir Namen nicht einfallen. Dabei sind mir Namen noch nie eingefallen, aber inzwischen schiebe ich es eben auf das Alter, weil ich Angst habe. Die Panik des Alters besteht darin, dass man denkt: Morgen kannst du das nicht mehr! Du glaubst, es ist eine Deadline. Als junger Mensch, wenn einem die Schulter weh tut, sagt man: Ach, die Schulter tut weh, ich bin morgen beim Arzt. Jetzt denkst du: Die Schulter wird nie wieder gut. Das ist der Unterschied.

SPIEGEL: Ihr Buch ist ein grimmiges, ein illusionsloses Buch - das Altern wird mit einem Todessturz verglichen.

Karasek: Ich hoffe, es ist auch ein lustiges Buch! Man beschleunigt im Fall und kann sich unterwegs noch die Illusion machen: "Bis jetzt ist es ja gutgegangen!" Wie in diesem Witz, wo einer von einem Wolkenkratzer fällt. Wenn man sich unter seinen Freunden und Bekannten umguckt, so ist die Rechnung am Ende meist sehr unangenehm. Rudolf Augstein wählte einmal für einen Leitartikel das De-Gaulle-Motto: "Das Alter ist ein Schiffbruch." Das finde ich fabelhaft, wie auch den Satz aus Philip Roths "Jedermann": "Das Alter ist ein Massaker." In der Tat, es ist etwas, wovor man auf einmal Angst hat. Viele Leute hoffen darauf, irgendwann gnädig einzuschlafen. Aber die meisten hoffen in Wirklichkeit, auch wieder gnädig aufzuwachen und noch sehr häufig wieder einzuschlafen.

SPIEGEL: Das größte Rätsel des Menschen bestehe darin, sagt Krishna im "Mahabharata", dass er vergisst, jeden Tag vergisst, dass er sterblich ist. Ist das Alter also die Zeit, in der man an den Tod jeden Tag erinnert wird?

Karasek: Man vergisst es auch dann immer wieder. Das Leben ist so gut eingerichtet, dass man alles vergisst. Man kann ja auch Schmerzen nicht erinnern. Man weiß nicht mehr, wie die Zahnschmerzen waren oder die Schmerzen nach der Operation, allenfalls noch, dass es fürchterlich war. Das heißt, eine der besten und größten Fähigkeiten des Menschen ist, vergessen und verdrängen zu können.

SPIEGEL: Oder wie es bei Martin Walser heißt: "Leben ist immer noch etwas, von dem man nicht genug kriegen kann." Über den alten Helden seines Romans "Angstblüte" steht geschrieben: "Er ist dem Tod sicher so nah wie nie zuvor, aber vom Leben kein bisschen weiter weg als vor dreißig Jahren."

Karasek: Bei Walser ist es vor allem die Sexualität, die den Helden foppt, jetzt wird er nur noch von ihr genarrt. Endlich hört dieser Schriftsteller auf, eitel zu sein! Das hat ihm übrigens Philip Roth immer schon vorausgehabt. Der wusste, wie das Alter ist. Ich erinnere mich noch mit Bewunderung und Grausen an den Roman "Sabbaths Theater". Da übernachtet dieser alte Mann in New York bei einem Freund im Zimmer der abwesenden Tochter. Und was macht er? Er schnüffelt in der Unterwäsche der Tochter des Hauses. Roth hat den Mut zur entwürdigenden Wahrheit.

SPIEGEL: Verliert man im Alter den Anschluss?

Karasek: Immer wenn ich Fernsehsendungen machte oder in Talkshows dabei war, wurde von den Verantwortlichen gesagt: Oh, hoffentlich kriegen wir die Quote der Käuferschicht! Das waren früher die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die am meisten konsumierten. Inzwischen sehe ich im Fernsehen meinesgleichen in der Werbung. Ein Mann sitzt im Auto, lächelt glücklich, weil er sich sagt: Der Stau macht mir nichts aus, ich mache mir trotzdem nicht in die Hose, ich habe ein gutes Mittel. Die Alten werden beworben.

SPIEGEL: Alter wird Mainstream?

Karasek: Wir werden jedenfalls immer mehr.

SPIEGEL: Sogar die Kinokultur richtet sich inzwischen an Alte, auch die Literatur in diesem Herbst: Philip Roth, Martin Walser, außerdem essayistische und autobiografische Bücher wie Ihres. Eine neue Mode?

Karasek: Für mich keine Mode, ich habe keine andere Wahl. Ich bin alt.

SPIEGEL: Sie könnten einen Roman darüber schreiben, wie es war, jung zu sein.

Karasek: Ich könnte einen Frühlingsroman schreiben, ja. Schon aus diesem Grund: Die Alten werden gnadenlos gezwungen, jung zu bleiben. Das ist nach wie vor so, und das hat mehrere Gründe. Ich habe das auch in meinem Buch zu schildern versucht.

SPIEGEL: Wird einem nicht gestattet, alt zu sein? Muss man immer noch ewig jung sein, jung bleiben?

Karasek: Ja, wir haben die Verpflichtung, jung zu bleiben. Die erste Verpflichtung aber ist, gesund zu bleiben. Auch subjektiv ist da wirklich ein neues Gefühl entstanden. Man möchte mitlaufen können, und man möchte fit sein.

SPIEGEL: Die medizinische Lebensverlängerung - verlängert sie nur ein reizloses Leben?

Karasek: Es gibt kein reizloses Leben. Es gibt nur ein Leben. Selbst ein verzweifeltes Leben ist nicht reizlos. Ich habe ja keine Alternative zum Leben. Ich denke nicht, dass ich irgendwo im Chor auf der Wolke sitze und Halleluja singe.

SPIEGEL: Es heißt sogar in Ihrem Buch an einer Stelle: "Hoffentlich gibt es kein Leben nach dem Tode!"

Karasek: Eine Erkenntnis, die ich von Nestroy gelernt habe und die ich in diesem Buch an Kafka durchgespielt habe. Wenn er ein ewiges Leben hätte, dann würde er von oben sehen: Ich bin auf einmal der größte Dichter des 20. Jahrhunderts. Eine wunderbare Vorstellung. Und was würde er noch sehen? Dass seine Lieblingsschwester im KZ umgebracht worden ist.

SPIEGEL: Wird man im Alter schroffer, missgünstiger statt weise und milde?

Karasek: Ich denke, man ist in der Jugend auch nicht besser: Man ist auch in der Jugend schroff, man mobbt andere Leute raus, man nimmt ihnen weg, was man kann. Die Welt ist durch Konventionen, durch Gesetze, durch Regeln, durch die Zivilisation so gefügt, dass unsere Bestialität in Schranken gewiesen ist, und da bleibt sie in jedem Lebensalter. Im Alter kommt aber etwas sehr Unangenehmes dazu. Die schlimmste Angst ist nicht, dass morgens die Schulter endlos schmerzt, sondern die schlimmste Angst der Alten ist es, entmündigt zu werden, wieder wie ein Baby behandelt zu werden, weil man sich auch nicht wehren kann, die Angst, seine eigene Person zu verlieren - was auch bei alten Ehepaaren manchmal zu beobachten ist.

SPIEGEL: Kann das Altern nicht auch ein angenehmes Bilanzziehen sein?

Karasek: Früher war es so, dass man sich sagte: Wenigstens habe ich keine Existenzangst mehr. Jetzt, wo dich die Ärzte notfalls auf 110 Jahre bringen, Gott sei es geklagt, da wird deine Rente nie reichen, jetzt kriegst du auch noch Existenzangst, und die Kinder bekommen sowieso nichts mehr ab.

SPIEGEL: Sie beschreiben sehr anschaulich, was es heißt, 70 zu sein und immer noch eine Mutter zu haben.

Karasek: Ja, das hat etwas Unnatürliches, finde ich, als 70-Jähriger immer noch Sohn zu sein. Wenn man zu seinen Eltern kommt, vor allen Dingen zu seiner Mutter, dann ist man immer das Kind, dann denkt man immer, jetzt wird sie gleich sagen: Sitz gerade, und jetzt wird sie dir gleich den Mund abwischen. Das macht sie aber nicht. Ich habe ein sehr schönes Trennungserlebnis von meiner Mutter gehabt. Ich kann sehr gut Suppen kochen, und als sie sehr krank war, bin ich nach Frankfurt gefahren, und sie hat gesagt: Mir schmeckt nichts. Da habe ich eine Hühnersuppe für sie gekocht, und die hat ihr geschmeckt. Da war ich erwachsen. Mit 70.

SPIEGEL: Sie haben längst selbst erwachsene Kinder und solche, die noch studieren. Wie fühlen Sie sich damit?

Karasek: Heute machen wenige Jahre schon große Unterschiede aus. Mein Sohn sagt über seine etwas ältere Schwester: "Ach, wie die mit dem Computer umgeht, völlig veraltet." Drei Jahre Unterschied sind eine Welt. Das heißt aber auch: Ich werde von der nächsten Generation nie mehr gefragt werden wie ein alter Handwerker früher, ein Tischlermeister nach seinen Erfahrungen gefragt wurde - oder ein Bauer: "Sag mal, was machst du, wenn die Ernte nass wird?"

SPIEGEL: Ihr Wissen ist nicht mehr nützlich?

Karasek: Mein Wissen ist nicht mehr gefragt. Die wollen Kuriositäten von mir und sagen: "Papa, erzähl doch mal, wie man im Zug noch das Fenster aufmachen konnte." Und ich erzähle ihnen, dass es Schilder gab: "Aus dem Fenster spucken verboten". Das stand da in drei Sprachen. Die Jungen denken dann, was erzählt der da?

SPIEGEL: Sie aber sammeln alte Lexika. Wozu stehen die bei Ihnen in der Wohnung herum?

Karasek: Ich kann genau sagen, was das für ein Trieb ist. Ich bin in der DDR zur Schule gegangen, und die Bildungsvermittlung war ziemlich mies, die alten Lehrer haben zwar noch gut Latein unterrichtet, Geschichte konnten sie aber nicht mehr gut unterrichten, Russisch hatten sie selbst nicht gelernt und so weiter und so fort. Ich hatte aber Meyers Lexikon von 1907, und ich habe das wirklich immer wieder gelesen. Ich habe mich damals auch kundig gemacht, was Onanie für Folgen hat.

SPIEGEL: Im Lexikon aus dem Jahr 1907?

Karasek: Doch, doch, das steht drin. Es wird nur eine schwache Rückenmarkschwindsucht angedroht, es war ein liberales Lexikon. Billy Wilder, noch eine Generation älter, hat mir erzählt, als er zur Schule ging, war da ein anderer Junge, der hat gedacht, beim 200. Mal müsse man sterben. Also gut, dachte er, schob seinen Eltern am Abend einen Abschiedsbrief unter die Schlafzimmertür und bekam, als er dennoch lebendig erwachte, eine Tracht Prügel von seinem Vater. Das sind alles Sachen, die die heutigen Jugendlichen nicht mehr kümmern.

SPIEGEL: Gibt es gar nichts Gutes am Alter?

Karasek: Es gibt nur ein Gutes am Alter: dass es keine Alternative dazu gibt. Und dass man sich von außen zusehen kann, wie das eigene Leben komisch wird. Die komische Alte, der alte Hagestolz, das sind ewig wiederkehrende Theaterfiguren im Leben. Lustige Könige Lear.

SPIEGEL: Ihr Lebensmotto war immer der Satz aus der "Fledermaus": "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist."

Karasek: Ja, das ist so. Ich meine, das Buch ist ja auch ein Versuch zu zeigen: Man kann auch damit umgehen, und sei es auch nur für den Moment, wo man schreibt.

INTERVIEW: VOLKER HAGE, MATTHIAS MATUSSEK