SPIEGEL-Gespräch "Ich bin nicht Gott"
SPIEGEL: Herr Bertarelli, als Titelverteidiger beim America's Cup greifen Sie mit Ihrem Boot "Alinghi" erst am 23. Juni im Finale gegen den dann ermittelten Herausforderer ein. Fällt Ihnen das Warten schwer?
Bertarelli: Es nervt brutal. Und es wird immer schlimmer. SPIEGEL: Wir haben Sie schon beim morgendlichen Basketballspiel mit Ihrer Crew gesehen. Was machen Sie den ganzen Tag in Valencia?
Bertarelli: Meist bin ich ab acht Uhr zwei Stunden im Kraftraum, dann arbeite ich bis mittags im Büro. Um eins geht es hinaus mit der Mannschaft, dann segeln wir bis zum frühen Abend.
SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen das Segeln?
Bertarelli: Ich will draußen sein, auf dem Wasser. Ich fühle mich dort wohler als an Land. Eigentlich habe ich schon auf dem Boot laufen gelernt. Mein Vater war Segler, er hat mich damals in jeder freien Minute mit aufs Boot genommen.
SPIEGEL: Als Sie 2003 mit Ihrem Schweizer Segelsyndikat Alinghi erstmals beim America's Cup starteten, leiteten Sie nebenbei noch Europas größten Biotech-Konzern, das inzwischen an den deutschen Wettbewerber Merck verkaufte Unternehmen Serono. Fühlten Sie sich nicht ausgelastet?
Bertarelli: Ich bin ja nicht eines Tages mit dem Gedanken aufgewacht: Du musst jetzt den America's Cup gewinnen. Es war keine Obsession, es hat sich alles Schritt für Schritt ergeben. Aber schon als Kind hatte ich immer, wenn ich auf einem Boot war, das Gefühl: Es muss jetzt schneller gehen. Einfach umherzusegeln, fand ich langweilig. Ich brauchte den Wettkampf.
SPIEGEL: Sie waren als Segler wie als Geschäftsmann erfolgreich. Haben Sie in dem einen Bereich vom anderen profitiert?
Bertarelli: Es gibt einen entscheidenden Unterschied: Beim Segeln gibt es einen Beginn und ein definitives Ende. Wenn du die Ziellinie mit fünf Siegen überquerst, bist du Champion, wenn nicht, war's das. The winner takes it all.
SPIEGEL: Im Geschäftsleben gibt es immer ein nächstes Quartal.
Bertarelli: Ja, da muss man Kontinuität gewährleisten. Dieses Wissen ist manchmal schlecht für die Motivation. Also brauchst du auch da Deadlines. Entweder du hast es bis dahin geschafft oder nicht. Die Konzentration auf ein Ziel habe ich auf das Geschäft übertragen. Daneben bin ich bemüht, in beiden Bereichen dieselbe Kultur zu schaffen.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Bertarelli: Bei der Zusammenstellung eines Teams, ob in der Firma oder beim Segeln, achte ich auf eine möglichst große Vielfalt der Charaktere. Die Kunst besteht darin, die unterschiedlichen Erfahrungshorizonte zu verschmelzen. Unterschiedlichkeit als Stärke anzusehen, das meine ich mit Kultur. So funktioniert Teamwork.
SPIEGEL: Die Führungsrolle übernehmen Sie dann aber am liebsten selbst?
Bertarelli: Führung bedeutet nicht, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Ich will dem Einzelnen ermöglichen, an einem Projekt zu wachsen. Man muss den Leuten klarmachen, warum man gerade sie auswählt.
SPIEGEL: Würden Sie sich selbst auswechseln, wenn es auf dem Boot jemanden gäbe, der besser ist?
B ertarelli: Ja. Aber ich glaube, es ist sehr wichtig, dass ich als Präsident an Bord bin.
SPIEGEL: Sie arbeiten dort als Runner mit, sind also dafür zuständig, dass der Mast richtig steht, oder Sie helfen beim Trimmen des Großsegels.
Bertarelli: Auf dem Boot hat unser Skipper Brad Butterworth die alleinige Entscheidungsgewalt. Wenn es aber um unternehmerische Strategien geht, entscheide ich. Dazu reicht es nicht, dass ich mir die Bedürfnisse der Crew anhöre. Ich muss sie hautnah erleben. So ist es auch in einer Firma. Man muss erkennen können, ob die Mitarbeiter motiviert sind oder frustriert oder verletzt. Eine gute Führungskraft hat ein Sensorium dafür entwickelt.
SPIEGEL: Sie haben im Alter von 30 Jahren die Führung eines milliardenschweren Familienunternehmens übernommen. Woher kam Ihr Sensorium?
Bertarelli: Ich habe mir anfangs wenig prestigeträchtige Aufgaben gesucht, zum Beispiel die Post eingesammelt und Botendienste gemacht. Viele sehen mich seither als Kollegen an, nicht als Chef. Wenn ich eine Organisation führe, versuche ich, mich in ihr zu bewegen wie eine Fliege, die überall mal herumschwirrt, unauffällig.
"Ehrliche Liebe zum Segeln"
SPIEGEL: Die Auswahl der richtigen Leute sei bei Alinghis Triumph vor Neuseeland 2003 der Schlüssel zum Sieg gewesen, hat ein Crew-Mitglied gesagt.
Bertarelli: Das sehe ich auch so. Wer hat das gesagt?
SPIEGEL: Ihr damaliger Skipper Russell Coutts. Sie haben sich von dem Neuseeländer, dem erfolgreichsten America's-Cup-Segler aller Zeiten, im Streit getrennt.
Bertarelli: Das Problem zwischen uns war, dass wir uns nicht früh genug hingesetzt hatten, um über die Zukunft des America's Cup zu sprechen, für deren Gestaltung wir als Titelverteidiger zuständig sind. SPIEGEL: Es heißt, Coutts habe mehr Einfluss gewollt, er sei auch gegen den Austragungsort Valencia gewesen. Dann weigerte er sich, das Steuer bei Testwettfahrten zu übernehmen. Offenbar provozierte er 2004 seine Entlassung.
Bertarelli: Unser Team bestand aus zwei Teilen - den Seglern, gemanagt von Russell, und den Marketingleuten unter Michel Bonnefous, der das sogenannte America's Cup Management leitete. Für mich war klar, dass man beide Bereiche trennen muss. Michel und ich sahen es als Verpflichtung an, ein phantastisches Ereignis aus dem Cup zu machen. Wir wollten möglichst viele Leute teilhaben lassen und es entsprechend groß aufziehen. Russell war halt anderer Meinung.
SPIEGEL: Im Finale geht es für Sie nun ausgerechnet gegen Team New Zealand.
Bertarelli: Ich kannn ihnen versichern, dass wir alles tun werden, um den Cup zu verteidigen. Neuseeland ist ein schönes Land, aber es wäre ein Schritt zurück, wenn der nächste America's Cup dort stattfände
SPIEGEL: Die Kiwis zählen zu jenen Kritikern, die Ihnen Gigantismus vorwerfen - der Neubau des Hafens etwa hat über 300 Millionen Euro verschlungen, die Top-Teams haben über 100 Millionen Euro investiert. Dadurch, so der Vorwurf, gehe das Ursprüngliche verloren.
Bertarelli: Dank der neuen Infrastruktur für den Cup kommt 2008 sogar die Formel 1 nach Valencia. Die Champions League im Fußball ist auch durch und durch vermarktet, und trotzdem gibt es da großartigen Sport. Das Ursprüngliche? Meine Güte! Natürlich ist es mehr als ein Geschäft. Neulich schrieb uns ein Schweizer Junge, sein Großvater träume davon, einmal bei uns mitzusegeln. Eigentlich machen wir so etwas nicht, aber der Brief war so rührend, dass wir ihn mitgenommen haben. Der Mann war über 70, er hat vor Freude geweint.
SPIEGEL: Der America's Cup vor Valencia sollte den Segelsport in Europa populär machen. Dann fielen an den ersten 18 Renntagen die Wettbewerbe mangels Wind elfmal ganz oder teilweise aus. Hat die Flaute dem Image des Spektakels geschadet?
Bertarelli: Ich bin nicht Gott, ich kann nicht das Wetter kontrollieren.
SPIEGEL: Das hat auch niemand verlangt.
Bertarelli: Die ganze Kritik wegen der Flaute erinnert mich an primitive Völker, bei denen es nach einem Erdbeben heißt: Lasst uns eine Ziege schlachten. In unserer Gesellschaft zeigen alle gern mit dem Finger auf andere. Wo war denn Wind in den letzten Monaten in Südeuropa?
SPIEGEL: Den Plan, den Cup möglichst groß zu vermarkten, teilen Sie mit Larry Ellison, dem Chef der Kampagne von BMW Oracle. Er gilt als sehr exzentrisch. Wie kommen Sie mit ihm aus?
Bertarelli: Larry ist nicht exzentrisch.
SPIEGEL: Nun ja, nach gewonnenen Rennen soll er schon mal mit seinem Kampfjet über das Wasser gekreist sein, um seine unterlegenen Gegner zu ärgern.
Bertarelli: Ich gebe zu, als ich 2001 zum ersten Mal davon hörte, dass Larry Ellison am Cup teilnehmen will, dachte ich auch: Oh, mein Gott. Aber jetzt kenne ich ihn seit sechs Jahren und muss sagen, er ist ein normaler, sehr freundlicher, aufmerksamer Typ. Er ist sehr erfolgreich, vielleicht ist das exzentrisch. Er mag Schönheit, er hat eine schöne Frau, ein schönes Flugzeug, eine schöne Yacht.
SPIEGEL: Die größte Privatyacht der Welt.
Bertarelli: Mir sagte er, dass ihm sein Boot in Wahrheit zu groß sei, weil er es kaum noch steuern könne. Eigentlich bereut er den Kauf, er will lieber wieder ein kleineres.
SPIEGEL: Auch seinetwegen hat sich bei vielen das Bild verfestigt, dass sich beim America's Cup verrückte Milliardäre zum Bötchenspielen treffen. Es gab einige Schadenfreude, als sein Team - das teuerste überhaupt - nun im Halbfinale deutlich geschlagenwurde.
Bertarelli: Ach wissen Sie, ob es jetzt Larry oder mich oder die anderen Teambesitzer betrifft: Wir haben viel Geld, ja. Sollen wir uns dafür entschuldigen? Ich habe Leute kennengelernt, die am America's Cup teilgenommen haben, um ihren Namen möglichst oft in der Zeitung zu lesen. Sie sind längst wieder verschwunden. Denn man braucht mehr als Geld. Entschuldigen Sie das Pathos: Man braucht Leidenschaft. Was die jetzigen Syndikatschefs eint, ist ihre ehrliche Liebe zum Segeln.
SPIEGEL: Werden Sie aus lauter Liebe noch einmal antreten?
Bertarelli: Möglich wäre ein dritter America's-Cup-Start schon noch, zu alt wäre ich nicht. Aber warten wir erst mal diesen ab.
SPIEGEL: Wie sind Alinghis Siegchancen?
Bertarelli: Schwer zu sagen, im Vergleich zu 2003 eher größer, da wir fürs Finale gesetzt sind. Andererseits hat unser Gegner den Vorteil, bereits am Limit gegen andere starke Crews gefahren zu sein, während uns nichts anderes blieb, als zu trainieren und zuzuschauen.
SPIEGEL: Als Titelverteidiger hätten Sie diese Regel ändern können. Gab es diese Überlegung?
Bertarelli: Wir sollten nicht die Dinge ändern, die den Cup zu einem der ältesten Sportereignisse der Welt gemacht haben. Es gibt ihn seit 156 Jahren. Diese Regel ist charakteristisch für den Cup, ebenso die Match-Races, also dass zwei Boote gegeneinander fahren.
SPIEGEL: Der Cup fand zuletzt vor vier Jahren statt. Viele erwarten, dass Sie diesen Abstand aus Vermarktungsgründen verkürzen, sollten Sie wieder gewinnen.
Bertarelli: Das habe ich noch nicht entschieden.
SPIEGEL: Sie haben vielleicht eine Idee.
Bertarelli: Vier Jahre sind eine lange Zeit. Diesmal haben wir sie gebraucht, um einen würdigen Cup hier in Europa zu organisieren. Es ist möglich, dass wir den Abstand zwischen den Rennen verkürzen, vielleicht auf drei, vielleicht auch auf zwei Jahre. Je kürzer, desto besser. Wir wollen schließlich segeln und nicht auf dem Sofa sitzen.
SPIEGEL: Herr Bertarelli, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.