SPIEGEL-Gespräch: "Alles nur für mich" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

SPIEGEL-Gespräch "Alles nur für mich"

Formel-1-Chef und Milliardär Bernie Ecclestone über den neuen Superstar Lewis Hamilton, die zunehmende Ehrlichkeit im Alter und die vergeblichen Versuche, seine Töchter zur Sparsamkeit zu erziehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Mister Ecclestone, mit 76 Jahren sind Sie einer der reichsten Briten, Ihr Vermögen wird auf über zwei Milliarden Pfund geschätzt, das Geschäft mit der Formel 1 läuft bestens. Trotzdem reisen Sie nächstes Wochenende zum Großen Preis von Europa auf dem Nürburgring. Haben Sie keine Hobbys?


Ecclestone:
Mein Geschäft ist mein Hobby. Es ist das, was ich am besten kann und am liebsten mache. Ich wüsste nicht, warum ich mich aufs Sofa setzen sollte.

SPIEGEL: Sie zitieren gern das Motto: Erst stellst du dich auf eigene Füße, dann wirst du reich und danach ehrlich. Ihre Frau Slavica sagt, Ihr Problem sei, dass Sie immer noch versuchen, reich zu werden.

Ecclestone: Ich mache das bestimmt nicht mehr, um Geld zu verdienen.

SPIEGEL: Wie nah sind Sie der Ehrlichkeit denn schon gekommen?

Ecclestone: Jeder ist so ehrlich, wie er es sich leisten kann. Glücklicherweise bin ich inzwischen in der Lage, mir das ziemlich oft leisten zu können.

SPIEGEL: Klingt nach Unabhängigkeit.

Ecclestone: Unabhängig war ich schon immer. Ich habe nie Wert darauf gelegt, dass andere Leute über mich sagen: 'Oh, ist das ein toller Typ!' Ich kandidiere nicht als Bürgermeister. Wenn sich jemand an mir oder meiner Arbeitsweise stört, arbeiten wir halt nicht zusammen.

SPIEGEL: Sie sind als Sohn eines Fischkutterkapitäns aufgewachsen, auch Ihre Frau stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Hat Sie das geprägt?

Ecclestone: Ja. Wenn ich den Raum verlasse, schalte ich das Licht aus, und wenn ich etwas kaufe, schaue ich nach einem Rabatt. Ich hasse Verschwendung.

SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen Geld?

Ecclestone: Was mich daran reizt, ist, es zu verdienen. Luxus an sich bedeutet mir nichts, auch wenn ich mir einige luxuriöse Dinge zugelegt habe, ein Flugzeug zum Beispiel, das ich für mein Geschäft nutze, ein Boot für den Urlaub, aber darauf habe ich bisher erst ein paar Tage verbracht. Wahrscheinlich ist es Unsinn, und ich sollte es verkaufen. Und in das Haus, das ich vor ein paar Jahren erworben habe, sind wir nie eingezogen.

SPIEGEL: Eine Zwölf-Schlafzimmer-Villa in Kensington, für 50 Millionen Pfund.

Ecclestone: Es war zu groß. Ich habe es wieder verkauft.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihren Töchtern Tamara und Petra beigebracht, dass Geld nichts Naturgegebenes ist?

Ecclestone: Es war sehr schwierig. Ich habe immer versucht, ihnen den Wert von Geld begreiflich zu machen. Dass sie sich beim Kaufen fragen: Wie viel Zeit müsste man normalerweise aufwenden, um sich das leisten zu können?

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie sogar die Handy-Rechnungen kontrolliert haben?

Ecclestone: Ja. Nicht die Nummern, aber die Kosten einzelner Gespräche.

SPIEGEL: Hat es etwas genutzt?

Ecclestone: Nein. Viele Eltern versuchen, ihren Kindern ein leichteres Leben zu ermöglichen, als sie es selbst hatten. Ich glaube mittlerweile, dass das ein Fehler ist.

SPIEGEL: Ihre Tochter Tamara bewundert Paris Hilton. Ist sie auf dem richtigen Weg?

Ecclestone: Ich hoffe nicht, dass sie ihr nacheifert. Sie würde es hassen, im Gefängnis zu sitzen.

SPIEGEL: Sind Ihre Töchter Fans von Lewis Hamilton? Mit 23 und 18 Jahren sind sie genau in der Zielgruppe.

Ecclestone: Das glaube ich nicht. Sie interessieren sich nicht für die Formel 1. Aber er hat ja genug andere Fans.

SPIEGEL: Kaum war Michael Schumacher zurückgetreten, da kam Hamilton. Ist er schon der neue Superstar?

Ecclestone: Es ist ja kein Zufall, dass Sie von ihm sprechen und nicht von Heidfeld oder Rosberg. Er hat schon jetzt eine unglaubliche Resonanz in den Medien. Warum? Seine Leistungen sind exzellent, erstens. Zweitens ist er ein gutaussehender Typ. Drittens ist er nahbar, er öffnet sich gegenüber Fans und Medien.

SPIEGEL: Was sagt es über die Formel 1 aus, wenn ein 22-jähriger Neuling auf Anhieb der Schnellste ist?

Ecclestone: In erster Linie sagt das etwas über den Fahrer aus. Er war in seinen ersten neun Rennen neunmal auf dem Podium. Das ist beeindruckend.

SPIEGEL: Ist er schon reif für den Titel?

Ecclestone: Er hat zwölf Punkte Vorsprung in der Meisterschaft. Mathematisch gesehen hat er die besten Chancen.

SPIEGEL: Hamilton gilt wie seine jungen Kollegen als extrem fokussiert und erfolgsorientiert. Wie unterscheidet sich diese Generation von früheren?

Ecclestone: Ach, kein Vergleich. In den siebziger und achtziger Jahren gab es viele, die auch außerhalb des Cockpits als Typen aufgetreten sind. Heutzutage gilt für die meisten: Sobald sie mit ihrem Job fertig sind, gehen sie nach Hause. Zum einen, weil sie zu viel Geld besitzen, zum anderen, weil sie Angst haben.

SPIEGEL: Wovor?

Ecclestone: Davor, das Falsche zu sagen oder zu tun. Heute werden die Fahrer viel stärker von ihren Teams und deren Sponsoren bestimmt. Was dabei herauskommt, ist eine Generation von Konformisten.

SPIEGEL: Andererseits scheint Hamilton bereits genau zu wissen, wie man sich geschickt äußert. Als ihn in Monaco die Teamstrategie den möglichen Sieg kostete, ließ er sich seinen Unmut deutlich anmerken. Die britische Presse hetzte daraufhin tagelang gegen McLaren-Mercedes.

Ecclestone: Hamilton ist sehr intelligent. Er weiß, was er sich erlauben kann und was nicht.

SPIEGEL: Leidtragender des Trubels um den jungen Engländer ist dessen Teamkollege, Weltmeister Fernando Alonso, der ebenfalls neu ist bei McLaren-Mercedes.

Ecclestone: Was heißt hier Leidtragender? Er fährt das gleiche Auto. Er hat einfach eine schlechte Phase.

SPIEGEL: Aber schon jetzt bleibt ihm nur eine Nebenrolle.

Ecclestone: Stellen Sie sich vor, Sie wären letzte Saison sein Manager gewesen und hätten gesehen, dass ihn ein Teamkollege erwartet, der vorher noch nie einen Grand Prix gefahren ist - Sie hätten deswegen wohl kaum von dem Wechsel abgeraten. Es ist eben unglücklich gelaufen für Fernando. Das war unvorhersehbar.

SPIEGEL: Einst hatten Sie sich für die Formel 1 einen erfolgreichen deutschen Fahrer, einen Schwarzen, einen Chinesen und eine Frau gewünscht. Dann tauchte erst Michael Schumacher auf, jetzt Hamilton.

Ecclestone: Ist Hamilton wirklich schwarz? Ich würde eher sagen, er sieht so aus, wie Leute aussehen wollen, wenn sie aus dem Urlaub kommen.

SPIEGEL: Mal ehrlich: Haben Sie das überhaupt jemals so gesagt?

Ecclestone: Hm, wahrscheinlich.

"Eines Tages wird wohl ein Chinese mitfahren"


SPIEGEL: Glauben Sie, dass die anderen Wünsche noch in Erfüllung gehen?

Ecclestone: Eines Tages wird wohl ein Chinese mitfahren, das ist wahrscheinlicher als eine Frau. Das Problem ist, dass sie vermutlich niemals richtig ernstgenommen werden würde.

SPIEGEL: Warum nicht?

Ecclestone: Weil sie kaum gleich zu Beginn einen Platz in einem der Top-Autos bekommen würde. Wenn sie irgendwo im hinteren Feld führe, würde sie jeder bloß als Accessoire der Formel 1 betrachten. Sie bräuchte schon eine so erstklassige Rennfahrerausbildung wie Hamilton.

SPIEGEL: Neben dem Fahrerfeld ändert sich der Rennkalender. 2008 kommen Valencia und Singapur als Austragungsorte hinzu, 2009 Abu Dhabi, weitere Kandidaten sind Indien und Südkorea. Zurzeit gibt es 17 Grand Prix, werden es bald 25 sein?

Ecclestone: Nein. Wir müssen sehen, wie viele wir brauchen, eine exakte Zahl kenne ich selber noch nicht.

SPIEGEL: Es finden immer mehr Rennen in Asien statt, aber immer weniger in Europa: In Deutschland und Italien jeweils nur noch eins, bald werden vielleicht auch Magny-Cours und Silverstone gestrichen.

Ecclestone: Wir wollen eine Weltmeisterschaft austragen, keine Europameisterschaft.

SPIEGEL: Entwurzeln Sie damit nicht die Formel 1?

Ecclestone: Wir haben mit Valencia gerade ein Europa-Rennen ergänzt, Istanbul ist vor zwei Jahren hinzugekommen. Dass wir früher fast nur hier gefahren sind, lag daran, dass es anderswo nicht möglich war. Hätte ich in den Achtzigern vorgeschlagen, nach China zu gehen, die Leute hätten mich für verrückt erklärt.

SPIEGEL: Liegt die Orientierung gen Osten nicht vor allem daran, dass die Europäer nicht mehr das von Ihnen verlangte Startgeld aufbringen können? Die deutschen Rennveranstalter machen große Verluste, zuletzt hieß es aus Magny-Cours, man könne sich den Grand Prix nicht mehr leisten.

Ecclestone: Magny-Cours will weitermachen, ich habe vorhin noch eine E-Mail bekommen, in der sie das schreiben. Wir werden sehen, was passiert.

SPIEGEL: Außerdem zeichnet sich ein Trend hin zu Strecken inmitten von Metropolen ab. Was gefällt Ihnen so daran?

Ecclestone: Wenn ich das Hotel verlasse und sofort an der Strecke bin, finde ich das toll. Schätze, das wird auch vielen Fans und den Herren Journalisten gefallen.

SPIEGEL: Sollen die Rennen einfach mehr Spektakel bieten?

Ecclestone: Wir sind Teil der Unterhaltungsindustrie. Wie viel Spektakel am Ende herauskommt, hängt von den Veranstaltern ab.

SPIEGEL: Wie sieht es mit anderen Kandidaten für Stadtrennen aus? Die Pläne für London sind ad acta gelegt, aber Sie waren kürzlich in Las Vegas und Paris.

Ecclestone: In Las Vegas hat man uns signalisiert, dass die Strecke wahrscheinlich nicht über den Strip führen könnte, vorbei an den großen Hotels. Dann lassen wir es eben bleiben. Ein Wüstenrennen brauchen wir nicht, das haben wir schon in Bahrein.

SPIEGEL: Und Paris?

Ecclestone: Dort wäre die wahrscheinlichste Option, ins Euro Disney zu gehen. Die Infrastruktur ist perfekt, es gibt viele gute Hotels, Zuganbindung und eine Autobahn.

SPIEGEL: Viele Fahrer beklagen das erhöhte Unfallrisiko bei Stadtkursen.

Ecclestone: Keiner der Fahrer wird zur Teilnahme gezwungen.

SPIEGEL: Seit Ayrton Sennas Tod 1994 haben sich die Sicherheitsstandards drastisch erhöht - und plötzlich geht man in die Städte, wo es kaum Auslaufzonen gibt und es schwierig ist, Verunglückte zu bergen.

Ecclestone: Stadtrennen werden nicht gefährlicher sein als die übrigen. Wo gab es denn den letzten schweren Unfall?

SPIEGEL: In Kanada, wo BMW-Pilot Robert Kubica abflog.

Ecclestone: Auf einem normalen Kurs also, und da ist das Auto an der Wand gelandet, obwohl es riesige Auslaufzonen gibt. Ein Restrisiko bleibt immer. Ob ein Fahrer das eingehen will oder nicht, liegt bei ihm.

SPIEGEL: Auch Nachtrennen unter Flutlicht, in Asien und Australien, werden diskutiert.

Ecclestone: Richtig. Die Rennen würden dann in Europa zu einer vernünftigen Sendezeit übertragen. Die Fans sind sicher dankbar, wenn sie nicht mehr um 4 Uhr morgens aufstehen müssen.

SPIEGEL: Alonso hält das für Unsinn.

Ecclestone: Aha. Auch zu gefährlich?

SPIEGEL: Ja. Manche fürchten zum Beispiel einen Stromausfall.

Ecclestone: Dann wäre es schwierig weiterzufahren, richtig. Aber seien Sie sicher: Wir werden nicht so dumm sein, das zuzulassen. Wenn wir so etwas einführen, wird es funktionieren.

SPIEGEL: Wollen Sie auch mit 80 noch arbeiten?

Ecclestone: Ich habe keinen Zeitpunkt ins Auge gefasst, wann ich aufhöre.

SPIEGEL: Haben Sie sich schon mal Gedanken über einen Nachfolger gemacht?

Ecclestone: Nein, darüber sollen sich andere den Kopf zerbrechen.

SPIEGEL: Gibt es wenigstens jemanden, dem Sie die Aufgabe zutrauen?

Ecclestone: Ich bin sicher, es gäbe Leute, die den Job besser machen würden als ich.

SPIEGEL: Sie kokettieren. Nie war Ihre Macht so groß wie jetzt, weil die Autohersteller ihre Drohung fallengelassen haben, eine eigene Rennserie aufzuziehen. Jeder Nachfolger würde es schwer haben.

Ecclestone: Erstens, meine Macht war immer gleich groß. Zweitens, natürlich müsste ein Nachfolger seinen eigenen Weg finden. Ich habe in den letzten 35 Jahren viele enge Verbindungen aufgebaut, weltweit. Die Leute wissen, dass sie sich bei mir auf einen Handschlag verlassen können.

SPIEGEL: In Kürze soll Ihre Biografie auf den Markt kommen, mit drei Jahren Verspätung allerdings.

Ecclestone: Das wird noch ein bisschen dauern. Ich habe dem Projekt sowieso nur zugestimmt, weil ich die Autorin seit Jahrzehnten kenne. Ich persönlich lege keinen großen Wert auf das Buch. Was bringt es mir zurückzuschauen? Am besten wäre, die Biografie käme erst heraus, wenn ich in meinem Garten unter dem Rasen liege.

SPIEGEL: Warum?

Ecclestone: Es wäre wahrscheinlich besser für einige Leute, mit denen ich zu tun hatte und zu tun habe.

SPIEGEL: Die Queen will Sie, so heißt es, zum Ritter schlagen.

Ecclestone: Halt! Falls es mir angeboten würde, läge es ja erst mal an mir, ob ich überhaupt annähme.

SPIEGEL: Wäre "Sir Charles Bernard Ecclestone" keine angemessene Anrede?

Ecclestone: Nein.

SPIEGEL: Aha.

Ecclestone: Schauen Sie, worum ging es ursprünglich bei dieser Auszeichnung? Die Queen belohnt jemanden, der etwas Ehrenhaftes für das Land getan hat. Und nun schauen Sie sich jene Leute an, die heutzutage mit so einem Titel herumlaufen. Für ihr Land haben die alle nichts getan.

SPIEGEL: Sondern?

Ecclestone: Sie hatten Erfolg. Mehr nicht. Das Gleiche gilt für mich: Habe ich das, was ich in den letzten Jahrzehnten getan habe, für das Land getan? Nein, ich habe das alles nur für mich getan.

SPIEGEL: Das klingt jetzt aber stark nach dem letzten Teil Ihres Mottos.

Ecclestone: Nach Ehrlichkeit? Sie sehen, ich arbeite daran.

SPIEGEL: Mister Ecclestone, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Detlef Hacke und Daniel Pontzen