Zeitgeschichte: Nur zufällig überlebt - DER SPIEGEL
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Zeitgeschichte Nur zufällig überlebt

Waren prominente Politiker, Künstler und Intellektuelle NSDAP-Mitglieder, ohne es zu wissen? Wie weit ging die Verstrickung der letzten Jahrgänge im Zweiten Weltkrieg? Ein Porträt der Flakhelfer-Generation, von Dieter Wellershoff
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das mehr als 60 Jahre nach dem Kriegsende aufgeflammte Interesse an dem Nachweis von Parteimitgliedschaften namhafter Personen des Kulturlebens, die inzwischen um die 80 Jahre alt sind, hat sich zu dem Generalverdacht ausgeweitet, allen Angehörigen der letzten zur Wehrmacht eingezogenen Jahrgänge lasse sich eine enge Beziehung zum NS-Regime nachweisen. Angesichts der totalen organisatorischen und ideologischen Einbindung aller Menschen in die Kriegsdiktatur des "Dritten Reiches" mag das ein verständlicher Verdacht sein.

Hitlerjugend (bei einer Probe für den Reichsparteitag 1938 in Nürnberg): Idealisierung des Militärs

Hitlerjugend (bei einer Probe für den Reichsparteitag 1938 in Nürnberg): Idealisierung des Militärs

Foto: DPA

Vielleicht ist es aber auch nur ein journalistisches Sommertheater, das einen fragwürdigen Reiz daraus bezieht, die letzten noch greifbaren Vertreter der im Krieg aufgewachsenen Jugend, die sich wegen ihrer kulturellen Leistungen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft einen Namen gemacht haben, mit dem beschämenden Odium des Mitläufertums vom Platz zu verweisen. Angeblich unterschriebene Bewerbungen auf Mitgliedschaft in der NSDAP oder auch Namenslisten von Mitgliedern dienen dabei als Rote Karte.

Dem steht gegenüber, dass in den letzten Kriegsjahren, als die heute Verdächtigen das Alter für die Aufnahme in die Partei erreichten, die Zahl der Anträge zurückgegangen war. Weil das nicht zu Unrecht als ein alarmierendes Zeichen wahrgenommen wurde, hat man das Antragsalter um ein Jahr vorverlegt. Und manche Parteiinstanzen sollen in vorauseilendem Gehorsam auch Anträge und Mitgliederlisten gefälscht haben.

Wenn ich jetzt korrigierend auf dieses manipulierte Bild antworte, tue ich das nicht in der Absicht, mich und meine Generation zu verteidigen. Es wäre ja auch ein Unterfangen, das nichts an der Tatsache änderte, dass wir alle mindestens mittelbar, also über längere Handlungsketten, oder unmittelbar in das Geschehen des Krieges verstrickt worden sind.

Über die Unterschiede der Verstrickung entschied in der Regel der Zufall. Viele der 1925 geborenen Rekruten meiner Division, die 1943 in Holland infanteristisch ausgebildet und von dort nach Italien verlegt wurden, gerieten in dem Toskana-Städtchen Civitella in einen Partisanenüberfall und richteten in einer panikartigen Strafaktion ein Massaker unter der Bevölkerung an. Zufällig war ich nicht dabei, da ich zu den 200 Rekruten meines Jahrgangs zählte, die für das in Berlin stationierte "Begleitregiment" der Division ausgewählt und von dort Ende Juli 1944 an die ostpreußisch-litauische Front transportiert wurden.

Nach verlustreichen Abwehrkämpfen - Feuergefechten am Tag und Stoßtruppunternehmungen in der Nacht - musste Anfang Oktober der stark dezimierte Mannschaftsbestand des Regiments durch Rekruten des nächsten Jahrgangs aufgefüllt werden. Viele von ihnen starben schon wenige Tage danach bei einem vergeblichen Angriff im Feuer der russischen Artillerie. Ich wurde damals verwundet und verbrachte, dank eines bei der Notoperation im Bein vergessenen Drainageschlauchs, den letzten Kriegswinter als "nicht verwendungsfähig" eingestuft, im Lazarett, bis eines Tages der Fremdkörper aus der immer noch nicht geschlossenen Wunde herauseiterte und ich zum letzten Akt des Krieges April 1945 an die Oderfront geschickt wurde. Mitten im Chaos der allgemeinen Flucht kam ich zufällig an ein Fahrrad und gelangte damit bis zu den Amerikanern. Sterben musste ich nun nicht mehr. Das war alles, was ich wusste.

Wenn man sich einen Überblick verschaffen will über die prägenden Erfahrungen und Wandlungen im Lebenslauf der heute über 80-Jährigen, dann geschieht das wohl am besten, indem man von diesem Nullpunkt des historischen Stillstandes zurück- und vorausblickt. Bei den 1925 Geborenen, also meinem Jahrgang, stößt man dabei auf das Zusammentreffen zweier prägender Erfahrungen - den Beginn der Pubertät und den Anfang des Krieges.

Bekanntlich ist die Pubertät die Entwicklungsphase, in der sich der Heranwachsende aus der engen symbiotischen Bindung an seine Eltern löst und sich im erweiterten Blick auf die Welt ein eigenes Ich-Ideal erschafft, mit dem er sich identifizieren kann.

In der Nachkriegszeit sind das seit Jahrzehnten die bejubelten Stars der Popmusik oder des Sports. Für uns waren es damals die Kriegshelden in ihren Jagdflugzeugen, U-Booten, Sturmgeschützen, und überhaupt alle Soldaten, die bereit waren, ihr Leben zu riskieren für das "Heilig Vaterland", wie es in oft gesungenen Versen von Rudolf Alexander Schröder hieß, die, wie auch berühmte Gedichte von Friedrich Hölderlin, den Tod fürs Vaterland als höchste Idealität verklärten.

In der Vorahnung, dass dies einmal auch von uns verlangt werden würde, jagten mir diese Worte einen Schauer über den Rücken. Als mein Freund Franz und ich als Vertreter des Gymnasiums an der Beerdigung unseres Klassenlehrers teilnahmen, der als Reserveoffizier im Frankreichfeldzug gefallen war, beeindruckte uns das militärische Zeremoniell mit der über dem Grab gesenkten Fahne, dem Trommelwirbel und den Salutschüssen so stark, dass Franz anschließend zu mir sagte - aber ich hätte es auch sagen können: "Hoffentlich dauert der Krieg so lang, dass wir auch noch Soldat werden." Der Wunsch ist für ihn mit tödlicher Konsequenz in Erfüllung gegangen. Er wurde in den letzten Kriegstagen durch den Helm in den Kopf geschossen.

Die Verklärung der Soldaten und der in den ersten Kriegsjahren wie in einem nationalen Allmachtstraum immer siegreichen Wehrmacht hatte eine deutliche Entwertung des zivilen Lebens zur Folge. Die normalen bürgerlichen Existenzen hatten in unseren Augen nichts Begeisterndes, Vorbildhaftes, sondern erschienen uns langweilig und banal. Das war im Grunde schon so gewesen, als wir noch Indianerbücher lasen. Doch das war eine untergegangene, nur noch imaginäre Welt. Und nun aber war mit dem Krieg eine neue, phantastische Realität aufgetaucht, die die alltägliche Welt der Schule und der bürgerlichen Berufe noch gründlicher in Frage stellte.

Zwar war es nur ein Scherz, aber es spiegelte die Wertordnung, dass bei der Einkleidung der Rekruten die noch nicht Eingekleideten als "Zivilunken" bezeichnet wurden.

Meine Verachtung und auch die mancher Altersgenossen galt jedoch den braunen "Bonzen und Heimatkriegern", die als vom Wehrdienst freigestellte Parteifunktionäre die braune Pseudouniform trugen. Sie wurden auch als "Goldfasane" bezeichnet, was "überflüssiges Ziergeflügel" bedeutete und als popanzhafte Erscheinungsform galt. Dazu wollte man nicht gehören. Um keinen weiteren Schritt in diese Richtung zu tun, ließ ich mich nicht in die Hitler-Jugend übernehmen, von der man anschließend mehr oder minder automatisch in die Partei aufgenommen wurde. Stattdessen zog ich es vor, Jungvolkführer zu werden, was spielerischer und jugendbewegter und jedenfalls weniger spießig war.

Während in den letzten Kriegsjahren die Anträge auf Aufnahme in die Partei zurückgingen, meldeten sich weiterhin ganze Schulklassen freiwillig zur Wehrmacht. Das hatte allerdings auch praktische Gründe. Man konnte einen Wunsch äußern, zu welcher Waffengattung man wollte, und es gab begrenzte Möglichkeiten, dass er berücksichtigt wurde. So habe ich mich auf den Rat meines Vaters zur Division Hermann Göring gemeldet, einer Panzerdivision, die zur Luftwaffe gehörte und sich zum großen Teil aus den Schülern von Forstschulen rekrutierte, wo ich zum Panzergrenadier ausgebildet wurde. Da Göring und Himmler gegenseitig ihre persönlichen Machtbereiche respektierten, galt die Division HG als Alternative zur Waffen-SS, die mich als Jungvolkführer massiv umworben hatte. Ob das ein großer, geringer oder kein Unterschied war, hing in den letzten Kriegsjahren wohl vor allem von den Situationen ab, in die man hineingeriet.

Vom "Sohn vom Baumeister" zum "Sohn des Hauptmanns"

Für meine Idealisierung des Militärs war ich familiär vorgeprägt. Mein Vater, der im Ersten Weltkrieg Artillerie-Offizier bei der Marine gewesen war, hatte sich neben seinem Beruf als Baumeister in den Jahren der Wiederaufrüstung zum Flakoffizier ausbilden lassen, unter anderem auch deshalb, weil er darin einen Schutz vor weiterer Vereinnahmung durch die Nazis sah. Anfänglich nämlich war er in die SA eingetreten, die sich ihm als die neue Volksarmee empfohlen hatte. Das muss ihm wohl bald als Fehler erschienen sein. Denn gleich nach dem sogenannten Röhm-Putsch, bei dem die Führung der SA von der SS exekutiert wurde, kündigte er seine Mitgliedschaft und wandte sich der nun von Hitler favorisierten traditionellen Armee zu.

Diese Positionierungsprobleme haben die Eltern wohl miteinander besprochen. Einmal hörte ich sie nachts im Nebenzimmer darüber reden. Aber ich verstand nicht viel und vergaß es wieder. Dauernd geschah ja etwas Neues. Zum Beispiel, dass der Vater uns jetzt oft wochenlang verließ, weil er an militärischen Übungen teilnahm. Und dass er dabei die blaugraue Offiziersuniform der Luftwaffe trug, die mir viel besser gefiel als die der SA. Anfang des Krieges befehligte er dann eine Flakbatterie zum Schutz der Bayer-Werke. Dort habe ich ihn als 14-Jähriger besucht und mir die neuen 8,8-Zentimeter-Flakgeschütze zeigen lassen. Jetzt war ich nicht mehr "der Sohn vom Baumeister", sondern "der Sohn des Hauptmanns" Walter Wellershoff.

In den folgenden Kriegsjahren habe ich ihn nur noch während seiner kurzen Urlaubswochen gesehen. Aber der abwesende Vater bleibt der unvermeidlichen kritischen Musterung des heranwachsenden Sohnes länger entzogen. Er rückte in höhere Luftwaffenstäbe und die dazugehörigen Offizierskasinos auf, während mein jüngerer Bruder und ich mit der kränkelnden, von Depressionen und Ängsten heimgesuchten Mutter zusammenlebten. Früher hatte ich die Eltern selbstverständlich als Paar gesehen. Jetzt schien mir, dass sie nicht mehr zusammenpassten.

Weil der Keller unseres Hauses als Luftschutzkeller ausgebaut war, kamen bei Fliegeralarm die Nachbarn zu uns rüber. Ich schämte mich dann oft meiner Mutter, weil sie vor Angst zitterte, wenn Bomben fielen, und verließ gegen ihren Einspruch den Keller, um mir das Schauspiel am Himmel anzusehen. Das Bellen der Flakgeschütze und das Motorengeräusch der Bombergeschwader gehörten zur Welt des Vaters. Doch was sich über uns abspielte, sah so aus, als ob er auf der Seite der Verlierer kämpfte. Nahezu ungestört flogen die Bomber über uns hinweg.

Trotzdem wartete ich ungeduldig darauf, mich aus dem Bannkreis meiner Mutter zu entfernen. Es gab ja auch keinen anderen Weg. Sie hatte das angstvoll vorausgesehen und nicht wahrhaben wollen, und zu meinem Erschrecken stieß sie einen Schrei aus, als sie mich im Frühjahr 1943 beim Besuchstag im Arbeitsdienstlager in einer marschierenden Kolonne erblickte. Das war das letzte Mal, dass ich sie sah. Es mag einzig mit dem zufälligen Umstand einer missglückten Gallenblasenoperation zu erklären sein, aber es wirkt trotzdem symbolisch, dass sie wenige Wochen nach meinem Weggang gestorben ist.

Für meinen fünf Jahre jüngeren Bruder, der die letzten Kriegsjahre in einem Internat mit lauter Jungens aus vom Krieg zerstörten Familien verbrachte, war das einschneidender als für mich. Denn ich hatte inzwischen einen jahrelangen Ablösungsprozess hinter mir, der parallel zu der Wende des Krieges als ein Zerfall meiner pubertären Größenphantasien verlief.

Schwer zu sagen, was die Ursachen waren. Es scheint ein ganzes Bündel gewesen zu sein. Im Winter 1941 war ich sehr krank geworden und dadurch auch wieder in die Obhut meiner Mutter geraten. Es war eine schwer zu behandelnde Skala von Angina, Kopfgrippe und Gelenkrheumatismus, von der ich mich nur langsam erholte. Ich erlebte diese Krankheit als ein Versinken in Apathie. Der Krieg drang kaum noch zu mir durch. Es gab ja auch seit den letzten Wochen keine Anlässe mehr zu dem schmetternden Triumphsignal der "Préludes" von Franz Liszt, mit dem der Großdeutsche Rundfunk die Siegesmeldungen des Oberkommandos der Wehrmacht angekündigt hatte. Seit der schweren Niederlage der nicht für den Winterkrieg ausgerüsteten Wehrmacht vor Moskau war die allgemeine Stimmung gedrückt. Fast alle Familien hatten Tote zu beklagen, und immer unabweisbarer wurde der Gedanke, der Krieg könne verlorengehen.

Aber darüber konnte man nicht sprechen, einerseits weil es verboten war, aber auch, weil man es sich selbst verbot, defätistische Gedanken zu äußern. Bei der Wehrmacht galt das als "Zersetzung der Wehrkraft" und konnte genau so wie "Desertion" mit dem Tod durch Erschießen bestraft werden. In der Berliner Kaserne, in der ich stationiert war, wurden solche Kriegsgerichtsurteile durch Kommandos von Freiwilligen vollstreckt, die meistens danach anerkennend erzählten, dass sich der zum Pfahl geführte Verurteilte gut gehalten habe. Das hörte sich an, als habe er in ihren Augen durch seine Haltung ein letztes, seine Schuld tilgendes Bekenntnis zur militärischen Disziplin abgegeben.

Die letzte Steigerung dieser Denkweise war es, dass Göring kurz nach dem Attentat vom 20. Juli unser Regiment mit einer gebrüllten Rede an die Front schickte, in der er sagte, jeder von uns sei verpflichtet, "einen feigen Hund, der seine Waffe wegwirft und die Flucht ergreift, sofort zu erschießen". Es war eine Darbietung von Brutalität und verleugneter Ohnmacht, die mich tief befremdete. Immerhin gab es aber auch einen Unteroffizier - kein Berufssoldat, sondern ein eingezogener Architekt aus Düsseldorf -, der Görings Formel, mit der er die Front des Regiments abgeschritten hatte, am Abend danach zum allgemeinen Gelächter mit röhrender Stimme parodierte: "Wo ich vorbei bin, kann gerührt werden." Ich glaube nicht, dass außer jenem Unteroffizier irgend jemand von uns dachte: "Ja, wenn es mit ihm vorbei sein wird und wir dann noch leben sollten, sind wir frei."

Das vor ein paar Tagen gescheiterte Attentat auf Hitler hatte uns verwirrt. Was wäre denn passiert, wenn das Attentat geglückt wäre? Hätten wir dann gegen die SS oder mit ihr gegen andere Teile der Wehrmacht kämpfen müssen? Oder wäre einfach alles zusammengebrochen?

Dass der Krieg verloren war, konnte nach der gelungenen Landung der Alliierten in Frankreich eigentlich niemand mehr übersehen. Ich sprach vorsichtig mit einem Freund darüber. Wir zogen aber keinen Schluss daraus. Was hätten wir auch sagen oder tun können. Zwei Tage später besetzte unsere Einheit eine Auffangstellung, die nur ein frisch ausgehobener Laufgraben war, und wir warteten beklommen auf die russischen Angriffsspitzen. Stattdessen kamen am nächsten Tag die zurückströmenden Reste der zerschlagenen Heeresgruppe Mitte: völlig erschöpfte, meistens verwundete, humpelnde, aufeinander gestützte Soldaten, die uns zuriefen: "Kommt mit, Jungens! Es hat keinen Zweck mehr!" Einige riefen auch: "Kriegsverlängerer!", ein Wort, das ich aus Büchern über den Ersten Weltkrieg kannte. Wiederholte sich nun alles?

Als ich im Frühjahr 1943 das Elternhaus verließ, war ich ohne Illusionen in den Krieg gezogen. Der Untergang der 6. Armee in Stalingrad war ein unübersehbares Zeichen gewesen, denn es bedeutete die Umkehrung eines mühsam erkämpften Sieges in eine totale Niederlage. Und nun hatte ich auch noch, heimlich am leise gestellten Radio lauschend, von BBC London die höhnisch zelebrierte Nachricht gehört, dass das deutsche Afrikakorps, das bei der Jugend eine geradezu mythische Verehrung genossen hatte, geschlossen in Gefangenschaft gegangen sei. Das löschte die Reste meines militärischen Illusionismus. Wenn dies möglich war, war alles möglich. Ich wusste nun, dass ich in die Katastrophenszenarien der sich anbahnenden Niederlage zog.

Was das bedeutete, kann man aus der Tatsache erschließen, dass in den knapp zehn Monaten, die der Krieg nach dem Attentat vom 20. Juli noch dauerte, fast genau so viele deutsche Soldaten gefallen sind wie in allen vorausgegangenen Kriegsjahren zusammengenommen. In diesem Verhältnis spiegelt sich die extreme waffentechnische und zahlenmäßige Unterlegenheit der letzten Jahrgänge, die verheizt wurden, um Hitler und seinen Paladinen noch einige Monate Lebenszeit zu erkämpfen.

So klar sahen wir das allerdings nicht, denn wir waren Tag und Nacht mit dem eigenen Überleben und dem sich fortsetzenden Sterben beschäftigt, und zwar in einer Weise, die einen Durchmesser von 200 bis 500 Metern hatte. Ein Außerhalb gab es nicht, und überleben konnte man nur im Zusammenhalt seiner Gruppe. Die Russen forderten uns zwar mit Lautsprechern auf überzulaufen und warfen aus Flugzeugen sogenannte Passierscheine über unseren Stellungen ab. Aber eine Gefangenschaft in Sibirien galt als sicheres Todesurteil.

Wir machten also weiter, bis auf einen, der sich selbst ins Bein schoss, weil er den täglichen Schrecken nicht mehr ertrug. Die Selbstverstümmelung wurde an Spuren von Pulverschmauch in der Wunde erkannt. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.

Seltsamerweise habe ich kaum Angst gehabt. Es war wohl eine Art von Verdrängungsschutz. Trotzdem weiß ich, dass ich nur zufällig überlebt habe. Dieses Wissen ist für mich der Grundstein eines neuen, bewussteren Lebens geworden, denn ein solches Geschenk wollte ich nicht vertun. Doch es hat sich unauflöslich verbunden mit zwei alles in Frage stellenden Schreckensvorgängen: dem vielfachen Millionenmord des Holocaust und den in der Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung dokumentierten Kriegsverbrechen der Wehrmacht.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen, als ich die fotografischen Dokumente sah. Als ich zu Ehren der mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichneten Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt eine Rede hielt, wurde ich in der Erinnerung an die Toten meiner Generation von dem Gedanken gestreift, die Gegensätze der vielen Toten einer barbarischen Zeit in einer unteilbaren Trauer aufzuheben. Doch zu einer umfassenden Versöhnung, die nichts verleugnen muss, war die Zeit nicht reif. Und ist es auch heute nicht. Reden wir also weiter über echte oder unechte Unterschriften auf echten oder unechten Papieren.