Gastronomie: Auf zur Kippenschlacht - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Gastronomie Auf zur Kippenschlacht

Seit Jahresbeginn verbannen die meisten Wirte ihre qualmenden Gäste brav vor die Tür. Doch einige Rebellen wehren sich standhaft gegen das Rauchverbot.
Von Merlind Theile
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Solange Helmut Meinecke diese Kneipe führt, bleiben die Aschenbecher auf den Tischen, ganz klar. "Zur lustigen Mamma" heißt sein Eckladen in Hamburg-St. Pauli, es ist ein wohnzimmergroßer Raum mit Holztresen, Jukebox und Spielautomat. Ein Jedermann des deutschen Schankwesens, wie es ihn überall im Land gibt - Zigarettenqualm inklusive. "80 Prozent meiner Gäste rauchen", sagt Meinecke, 61, und sie tun das zur Genüge auch an diesem Januarabend, obwohl das Rauchverbot in Hamburg zu Jahresbeginn in Kraft getreten ist.

Kneipe auf dem Hamburger Kiez: Don Quichotte gegen das Rauchverbot

Kneipe auf dem Hamburger Kiez: Don Quichotte gegen das Rauchverbot

Foto: DPA

Meinecke, grauer Rolli, weiße Haare, roter Kopf, zapft Pils hinterm Tresen und redet sich in Rage. "Ich bin sauer bis zum Gehtnichtmehr", sagt er. "Wenn meine Gäste hier nicht mehr rauchen dürfen, muss ich den Laden dichtmachen." Doch bevor Meinecke dann nach 42 Arbeitsjahren in Hartz IV abrutscht, lässt er Werner und Edith und das übrige Stammpublikum lieber weiterqualmen. Rauchverbot hin oder her, Meinecke zieht das jetzt durch, "von mir aus bis zur Beugehaft".

Hinter Gittern wird Meinecke wohl erst mal nicht landen, aber seit Anfang des Jahres müssen Rebellen wie er mit Geldbußen bis zu 1000 Euro und dem Konzessionsentzug rechnen. In zwölf Bundesländern gilt seit Januar das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und der Gastronomie, die Mehrheit der Tabak-User passt sich dort an. Sachsen folgt am 1. Februar, das Saarland und Rheinland-Pfalz zwei Wochen später.

Das Regelwerk zur Kippenschlacht ist unübersichtlich wie so vieles im deutschen Föderalismus, die Übergangsfristen, Ausnahmeregelungen und Strafen sehen in jedem Bundesland anders aus. Eines aber eint den Paragrafenwirrwarr: Der Kneipenbesitzer, der in seinem Eckladen keinen separaten Quarzraum einrichten kann, ist fast überall der Verlierer.

Doch in vielen Winkeln der Republik ziehen die Don Quichottes vom Tresen gegen das übermächtige Rauchverbot zu Felde. Nicht alle wählen als Kampfmittel den zivilen Ungehorsam à la Meinecke. Eine beliebte Waffe im Feldzug für die Rauchfreiheit ist auch das Volksbegehren - allerdings muss man dafür meist Zehntausende Unterschriften sammeln.

Wen diese Mühen der Ebene schrecken, der kann auch gleich nach Karlsruhe gehen. Verfassungsbeschwerde, mithin die Königsdisziplin der Bürgerwehr, haben inzwischen bereits Wirte aus Bayern, Hessen und Baden-Württemberg eingelegt.

Bei Deutschen ebenfalls beliebt: die Gründung eines Vereins. Die Besitzerin der Hamburger Bar "Parallelwelt" etwa wandelte ihren Laden einfach in einen Raucherverein um. Wer für sechs Euro Jahresbeitrag Mitglied wird, darf wie bisher eintreten und weiter rauchen.

Zudem schlägt nun die Stunde findiger Tüftler. Nicht nur Wintergartenhersteller wittern jetzt die Chance, ihren Kundenstamm von Reihenhausbesitzern auf verzweifelte Schankwirte auszudehnen. Gläserne Qualmkabinen - sieht so die Zukunft des zechenden Rauchers aus?

Für die Gäste der "Lustigen Mamma" in Hamburg kommt solch ein Unsinn überhaupt nicht in Frage. "Dieses ganze Rauchverbot ist doch die reine Bevormundung", sagt etwa Daniela Ilian, 59, die hier nur deshalb ihr Bier trinkt, weil sie dazu eine rauchen darf. "Wenn's wirklich um die Gesundheit ginge, dann müsste man die Zigaretten ganz verbieten. Aber dann hat der Finanzminister ja nix mehr davon."

Über 110 Milliarden Euro an Tabaksteuer sackte der Staat seit 1999 ein. Noch raucht ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland, an den direkten Folgen sterben jährlich rund 140.000 Menschen. Der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung verzeichnet außerdem etwa 3300 Nichtraucher, die jedes Jahr durch die Folgen des Passivrauchens zu Tode kommen.

In Irland habe die Zahl der Herzinfarkte seit dem Rauchverbot im März 2004 um elf Prozent abgenommen, sagen irische Forscher. In Italien, wo das Rauchverbot vor drei Jahren in Kraft trat, ging die Infarktrate in der Region Piemont bei den unter 60-Jährigen ebenfalls um elf Prozent zurück. Und im US-amerikanischen Pueblo, Colorado, sank sie im Jahr 2006 nach dem Rauchverbot gar um 27 Prozent.

Kneipenwirt Meinecke weiß um die Gefahren des Rauchens, er hat ja selbst damit aufgehört nach seinem Herzinfarkt vor 18 Jahren. Doch die Gesundheit spielt in Meineckes Kampf eben nur eine Nebenrolle - ihm geht es um die Freiheit.

Prominente Unterstützung kommt aus der Politik. Hinnerk Fock, FDP-Spitzenkandidat bei der Hamburger Bürgerschaftswahl am 24. Februar, hat kürzlich in Meineckes Kneipe pressewirksam das erste Plakat seiner Anti-Rauchverbot-Kampagne angebracht. Der Slogan "Freie Wahl für Gäste und Wirte" prangt jetzt in blauen Lettern auf gelbem Grund an der Backsteinwand im Schankraum.

Auch in Hessen und Bayern wollen die Liberalen damit in den Landtagswahlkämpfen auf Stimmenfang gehen. Im Freistaat, wo das strikteste Rauchverbot der Republik künftig sogar aus den Wiesn-Zelten sämtliche Glimmstengel verbannt, sollen freiheitsliebende Raucher die seit Jahren darbende FDP endlich wieder über die Fünf-Prozent-Hürde hieven.

Ein Schlupfloch für renitente Qualmer gibt es im strengen Bayern freilich jetzt schon: In den Arbeitsräumen von Prostituierten dürfen die Anwesenden auch weiterhin nach Lust und Laune rauchen.