Kino: Kassengift Superstar? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kino Kassengift Superstar?

Hollywood, durch den Autorenstreik in einer schweren Krise, kann sich auch auf seine populärsten Schauspieler nicht mehr verlassen. Selbst Tom Cruise, Brad Pitt und Angelina Jolie sind keine Publikumsmagneten mehr. Woran liegt das?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieser Sonntag, 13. Januar 2008, wird als schwarzer Tag in die Geschichte Hollywoods eingehen, ein Desaster für die gesamte Filmindustrie beim fröhlichen Zocken um Geld und Einfluss.

Eigentlich sollte an diesem Abend im Beverly Hilton Hotel in Los Angeles wie jedes Jahr eine pompöse Gala stattfinden: Der Verein der Auslandspresse, ein internationaler Journalistenklüngel, vergibt seine Golden Globes an die üblichen Verdächtigen.

Erwartet wurden Weltstars wie Cate Blanchett, Jodie Foster, Angelina Jolie, George Clooney und Tom Hanks, dazu viel branchenübliches Eigenlob, verbunden mit satten Erlösen für die Veranstalter. Der Fernsehsender NBC, der die Show live übertragen wollte, kalkulierte mit Werbepreisen von einer halben Million Dollar für einen 30-Sekunden-Spot.

Doch der Promi-Auflauf - die Golden Globes gelten traditionell als Generalprobe für die Oscar-Verleihung Ende Februar - musste kurzfristig abgesagt werden. Die Stars hatten mit Boykott gedroht, aus Solidarität mit den vergleichsweise lausig bezahlten Drehbuchautoren, die seit Anfang November für höhere Gewinnbeteiligungen streiken. "Wir sind alle sehr enttäuscht", stöhnte Jorge Camara, Präsident des Vereins der Auslandspresse.

Wegen des Autorenstreiks werden in den USA zurzeit praktisch keine neuen Spielfilme, TV-Serien und -Shows produziert; sogar die Oscar-Zeremonie ist gefährdet. Dass sich nun auch einige Stars verweigern, verschärft den Konflikt zusätzlich. Dabei hätten die Studios ohnehin guten Grund, auf die Stars sauer zu sein: Viele sind ihr Geld nicht wert.

Selten zuvor in der Geschichte Hollywoods mussten so viele Spitzenschauspieler katastrophale Flops hinnehmen wie in den vergangenen Monaten. Der Science-Fiction-Film "Invasion" mit Nicole Kidman und James-Bond-Darsteller Daniel Craig spielte in den USA nur gut 15 Millionen Dollar ein - und damit kaum die Gage der Schauspielerin. Weltweit beliefen sich die Einnahmen des Films etwa auf die Hälfte seiner Produktionskosten von 80 Millionen Dollar.

Angelina Jolies Entführungsthriller "Ein mutiger Weg" kam sogar nur auf 19 Millionen Dollar. Noch schlimmer traf es ihren Lebensgefährten Brad Pitt. Sein Western "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford", auf dem Festival von Venedig gefeiert, starb an der Kasse mit kaum vier Millionen Dollar in den USA. Auch in Deutschland wollten weniger als 200.000 Zuschauer die drei Filme von Kidman, Jolie und Pitt sehen.

Selbst das altbewährte Rezept des Starensembles geht nicht mehr auf. In dem Polit-Drama "Von Löwen und Lämmern" waren Robert Redford, Meryl Streep und Tom Cruise, drei der erfolgreichsten und

beliebtesten Schauspieler der vergangenen Jahrzehnte, zum ersten Mal gemeinsam in einem Film zu sehen.

Doch das darstellerische Großereignis lockte kaum Zuschauer. Mit einem US-Box-Office von 15 Millionen Dollar verbuchte Cruise das schlechteste Einspielergebnis seit seinem Durchbruch vor 25 Jahren. Für den Star, der bislang als sicherer Kassenmagnet galt, dessen Filme allein auf dem nordamerikanischen Kinomarkt knapp drei Milliarden Dollar erlöst haben, war dies ein Sturz ins Bodenlose - zumal er den Film mit seiner neuen Firma United Artists auch produziert hatte.

Die Verunsicherung über diese Pleitenserie ist in Hollywood inzwischen so groß, dass schon die Dämmerung des jahrzehntelang erfolgreichen Starsystems heraufbeschworen wird. "Wenn ein großer Star die Besetzungsliste anführt", schrieb Peter Bart, Chefredakteur des wichtigen Branchenblatts "Variety", "sollte man die kommerziellen Erwartungen herunterschrauben." Der Star, ein Kassengift?

Unverblümt fragt Bart, ob das Konzept des Filmstars "heute ein Anachronismus" sei. Gestützt wird seine Skepsis vom britischen Marktforschungsinstitut "ScreenDigest", das feststellte, die Hollywood-Studios würden defizitär arbeiten, nicht zuletzt, weil die Stars zu hohe Gagen und zu fette Gewinnbeteiligungen kassierten.

So soll Tom Cruise am dritten Teil von "Mission Impossible" im Jahr 2006 angeblich 70 bis 90 Millionen Dollar verdient haben - weit mehr als das Studio Paramount. Und Cameron Diaz bekam allein dafür, dass sie der computeranimierten Prinzessin Fiona in "Shrek der Dritte" (2007) ihre Stimme lieh, 30 Millionen Dollar. Verträge, die den Stars Beteiligungen am Einspielergebnis oder am Gewinn einräumen, sind in Hollywood längst üblich.

Für die Studios sind diese Klauseln eine Kalamität. Denn sie schmälern den Gewinn. "Im Vergleich zu den Stars verdienen die Studios nur noch Peanuts", klagt Sumner Redstone, Großaktionär und Kopf des Viacom-Konzerns, zu dem das Paramount-Studio gehört. "Wir müssen lernen, endlich auch mal wieder nein zu sagen, sonst können die Studios nicht überleben."

Die Solidaritätsbekundungen der US-Schauspielergewerkschaft mit den streikenden Drehbuchautoren in Hollywood kommt für die Studios zur Unzeit: Wenn auch noch die Autoren am Einspielergebnis oder Gewinn beteiligt werden, schmilzt die Gewinnmarge noch mehr.

Hollywoods Schauspieler und ihre Gewerkschaft beobachten den Arbeitskampf zwischen den Autoren und den Studios genau. Denn es geht bei diesem Streik, einem der härtesten Konflikte in der Geschichte der Traumfabrik, vor allem um Beteiligungen der Künstler am Erfolg ihrer Filme durch den Vertrieb auf DVD und im Internet. Diese Beteiligungen wollen die Schauspieler im Sommer für sich selbst erhöhen - und vielleicht sogar notfalls dafür streiken.

Dabei waren Stars stets die berechenbarsten Größen in einer extrem unberechenbaren Industrie. Schon zu Stummfilmzeiten hat Hollywood Schauspieler wie Mary Pickford, Douglas Fairbanks oder Rudolph Valentino systematisch zu Stars aufgebaut. Da wurden Nasen und Biografien begradigt, Zähne gerichtet, Namen geändert und Menschen nach allen Regeln der Kunst in Mythen verwandelt.

Einen Star zu kreieren, der "bigger than life" war, überlebensgroß, das bedeutete für viele Beschäftigte in der Traumfabrik harte Arbeit - vor allem für die Stars selbst. Sie mussten in eine neue Identität schlüpfen, auch jenseits der Leinwand eine Rolle spielen. Sie mussten Knebelverträge eingehen, die sie über Jahre an ein Studio banden und ihnen kaum die Wahl ihrer Rollen ließen. Sie mussten sich verpflichten, nicht über die Stränge zu schlagen.

Als besonders schwerer Sündenfall galten Schwangerschaften, wie die Schauspielerin Lana Turner erfahren musste. Weil sich Mutterschaft schlecht mit Turners Sexsymbol-Image vertrug, verlangte ihr Arbeitgeber, der Studioboss Louis B. Mayer, sie müsse das Kind abtreiben. Turner gehorchte.

Das System war unbarmherzig, aber es funktionierte. Ein Käfig mit goldenen Gitterstäben schirmte die Stars ab und überhöhte sie ins Märchenhafte; Skandale und Affären blieben meist geheim, die Presse parierte. Das Publikum schaute zu ihnen auf wie zu den Sternen am Himmel. Kein Makel, nirgends.

Und heute? Wenn ein Star wie Mel Gibson betrunken den Pacific Coast Highway

in Malibu entlangrast, festgenommen wird und Polizisten anpöbelt, dauert es nur ein paar Stunden, bis dieser Ausfall weltweit Schlagzeilen macht. Wenn Lindsay Lohan angeschickert aus einer Disco in Beverly Hills torkelt, warten ein Dutzend Fotografen. Und wenn Angelina Jolie bei einer Preisverleihung auftaucht, lobt die "Bild"-Zeitung ihren "ungewohnt üppigen Vorbau" und spekuliert über eine mögliche neue Schwangerschaft.

Der heutige Starrummel sei "grotesk", sagt Jolies Kollegin Julia Roberts. Das Ganze komme ihr vor "wie eine Zirkusshow. Ich weiß nicht, warum heute überhaupt noch jemand ins Showbiz will".

Doch nicht nur die Stars selbst, auch das Publikum ist empfindlich geworden. Es reagiert auf Nachrichten aus den Niederungen der Unterhaltungsbranche meist mit Verachtung oder mit Gleichgültigkeit. Warum sollten Menschen ins Kino gehen, um einen Schauspieler zu bewundern, der sein Leben noch weniger im Griff hat als sie selbst?

Auch auf der Leinwand wurden die Stars für das Publikum immer unberechenbarer. Robert De Niro etwa, der als größter Darsteller seiner Generation gilt, spielte so unterschiedliche Rollen wie psychotische Taxifahrer, schüchterne Analphabeten, Al Capone und Frankensteins Monster. Vielleicht gerade deshalb wurde er nie zur festen kommerziellen Größe, sondern verbuchte auch sehr viele Flops.

Denn die Zuschauer wünschen sich von einem Star nicht unbedingt, dass er sie überrascht. Sie wollen vor allem, dass er ihnen gibt, was sie von ihm erwarten. Über zwanzig Jahre spielte Tom Cruise erfolgreich den jugendlichen Helden, der mit einem breiten Lächeln die Welt retten kann. Für seine Fans ist er ein Mann der Tat. Verwickelt er sich in komplizierte Wortge-

fechte wie in "Von Löwen und Lämmern", interessiert er sie nicht.

Die Stars, die ihre Karriere in den siebziger oder achtziger Jahren begonnen haben, Tom Cruise, Tom Hanks, Mel Gibson oder Julia Roberts, kommen in die Jahre und taugen immer weniger als Identifikationsfiguren für das jugendliche Kinopublikum. Neue Stars wachsen kaum nach.

Für den Thriller "Machtlos" stellten die Produzenten zwei der größten jungen Hoffnungsträger Hollywoods vor die Kamera: Reese Witherspoon ("Natürlich blond!"), 31, die inzwischen 20 Millionen Dollar Gage pro Film verlangen kann, und Jake Gyllenhaal ("Brokeback Mountain"), 27, der sich seinen Dackelblick ebenfalls teuer bezahlen lässt. Doch die Rechnung ging nicht auf: Keine zehn Millionen Dollar Kasse machte der Film in den USA; in Deutschland lockte er nicht einmal 70 000 Zuschauer an.

Kein Wunder, unkten hinterher einige Experten: "Machtlos" und andere Flops wie "Von Löwen und Lämmern" oder "Ein mutiger Weg" seien düstere Werke, die die aktuelle US-Politik widerspiegeln - so viel Realismus wolle im Kino niemand sehen. Eine lahme Ausrede: In den siebziger Jahren verwandelten Stars wie Robert Redford oder Dustin Hoffman beklemmende Polit-Themen, etwa den Watergate-Skandal, in Publikumshits wie "Die Unbestechlichen" oder "Die drei Tage des Condor".

Hollywoods Antwort auf die Krise des Starkinos ist das Großspektakel in Serie. "Spider-Man 3", "Fluch der Karibik 3", "Shrek der Dritte", der fünfte "Harry Potter", "Rush Hour 3", "Bourne Ultimatum", "Stirb langsam 4.0" und "Ocean's Thirteen" begeisterten im vergangenen Jahr vor allem die Studiobuchhalter.

"Blockbuster sind entscheidend für die Profitabilität der Studios", kommentierte das Magazin "New Yorker", "doch viele dieser Filme brauchen nicht zwingend Stars."

Mit einer Mischung aus freudiger Neugier und leichtem Grusel erwartet die Filmbranche nun die Fortsetzungen von zwei weiteren einst erfolgreichen Blockbustern. Das Problem: Die Hauptdarsteller, früher verdiente Actionstars, sind mittlerweile im Rentenalter.

Ab Ende Januar kämpft der rüstige Sylvester Stallone, 61, zum vierten Mal als John Rambo gegen renitente Dschungelbewohner. Und im Mai schwingt Harrison Ford, 65, wieder die Peitsche. Zum vierten Mal und wieder unter der Regie von Steven Spielberg will Ford in "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" die Massen begeistern - wie einst anno 1981. "Niemand hat sich verändert, wir sehen alle so aus wie damals", juxt Spielberg.

Als einziger Lichtblick im moribunden Starsystem gilt derzeit Will Smith. Für 2008 gebe es in Hollywood keinerlei Gewissheiten, schrieb unlängst die Zeitschrift "Hollywood Reporter", "außer vielleicht, dass jeder neue Film mit Will Smith gigantisch anlaufen wird". Denn Smith, 39, Hauptdarsteller von "Men in Black" (1997) oder "Hitch - Der Date-Doktor" (2004), ist der verlässlichste Bringer Hollywoods.

Seine letzten sechs Produktionen haben in den USA allesamt locker die magische 100-Millionen-Dollar-Grenze überschritten. Sein neuer Science-Fiction-Thriller "I Am Legend", der gerade in Deutschland gestartet ist, hat weltweit schon über 400 Millionen Dollar eingespielt. "Smith hat das altmodische Kino-Startum wiederbelebt und neu definiert - in Zeiten, in denen Kino-Startum suspekt geworden ist", analysiert die Zeitschrift "Entertainment Weekly".

Inzwischen kann es sich Will Smith sogar leisten, das System zu veralbern: In seinem nächsten Film "Hancock" spielt er einen Superhelden, der beim Publikum in Ungnade gefallen ist.