Hörspiele Renaissance der Radiokunst
Ein Ton reicht, und ein Bild entsteht. Wenn ein Uhu ruft, ist es Nacht. Wenn Blätter rascheln, schleichen Menschen durch den Wald. Wenn es knackt, wird eine Waffe entsichert.
Ein Hörspiel ist wie Malen nach Zahlen, die richtigen Schlüsselreize können die Phantasie lenken. Kino im Kopf, das Versprechen des Genres, meint ein imaginierendes Sehen, bei dem der visuelle Raum unbegrenzt ist.
"Es können Welten entstehen zwischen zwei Worten", sagt Ekkehard Skoruppa, Hörspielchef des Südwestrundfunks (SWR). Das klingt erhaben, nach hoher Kunst und Erbauung. Wenn die Bilderflut des visuellen Zeitalters erst einmal ausgeschaltet ist, kann es aber auch Spaß machen, sich eigene Welten zu erschaffen.
Das zeigen die ersten Folgen der aufwendigen Krimi-Reihe, die am Mittwoch dieser Woche um 20.05 Uhr zeitgleich in allen neun Landesrundfunkanstalten der ARD startet: "Radio Tatort", angelehnt an den Quotenrenner im Fernsehen. Nie zuvor haben Hörspiele in Deutschland dauerhaft eine so große Bühne bekommen. Die neue Serie ist ein Paukenschlag für das ebenso alte wie legendäre Genre, das eigentlich als antiquiert galt.
Geboren wurde es zur Zeit der Weimarer Republik. Auf der Suche nach einer origi-nären Radiokunst schrieb der Frankfurter Rundfunkpionier Hans Flesch das erste deutsche Hörspiel "Zauberei auf dem Sender". Am 24. Oktober 1924 ging es live über den Äther.
Die ganz große Zeit kam nach dem Zweiten Weltkrieg. Fast alle bekannten Autoren verfassten Hörspiele: Friedrich Dürrenmatt, Ilse Aichinger, Heinrich Böll, Max Frisch, Marie Luise Kaschnitz, Siegfried Lenz, Ingeborg Bachmann und Martin Walser. Der wichtigste war Günter Eich, Mitgründer der Gruppe 47. Unvergessen sein Nachkriegshörspiel "Träume" mit Inge Meysel, das Der Hörverlag im vergangenen Jahr neu aufgelegt hat.
Die bekannten Namen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem leichte Unterhaltungshörspiele beliebt waren: Krimi-Serien wie "Paul Temple" waren Straßenfeger, die ein Millionenpublikum faszinierten.
In den sechziger Jahren kam der Niedergang. Das Fernsehen drängte das Radio zurück, Experimentierstücke verprellten die Fans. Ernst Jandl, Friederike Mayröcker und Wolf Wondratschek prägten die politische Sprachkritik des sogenannten Neuen Hörspiels; Autoren wie Günter Wallraff und Erika Runge schufen mit Originaltönen einen Dokumentarismus im Hörspiel. Spätestens in den achtziger Jahren verkam das Genre vom Publikumsliebling zur Nischenkunst - sicher auch, weil es der wortfeindlichen Ideologie des Formatradios widersprach, die sich nicht nur in Privatsendern breitmachte.
Vor einigen Jahren aber begann, völlig überraschend, der Hörbuchboom: Während die Umsätze der Musikindustrie einbrachen, verkauften sich CDs mit gesprochenem Wort immer besser. Allein von November 2006 bis November 2007 stieg der Umsatz um 8,5 Prozent. Mehr als 150 Millionen Euro bringt das Geschäft inzwischen pro Jahr, etwa 20.000 Hörbücher sind lieferbar, 2000 kommen jedes Jahr dazu. Das Branchenmagazin "BuchMarkt" kürte Claudia Baumhöver, Chefin des Marktführers Der Hörverlag, gar zur Verlegerin des Jahres.
Im Windschatten der Lesungen auf CD gewinnen nun auch Hörspiele wieder an Reiz, meist als Roman- oder Filmadaptionen. Zur Zielgruppe gehören junge Erwachsene, die mit Hörspielen aufgewachsen sind: die Kassettenkinder von der Autorückbank mit nostalgischen Erinnerungen an Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg oder Detektivgeschichten wie "TKKG", "Fünf Freunde" und "Die drei ???".
Hörspiele mit Krimi-Handlung laufen bis heute besonders gut. So ist jede vierte Produktion des SWR ein Krimi, im Hörverlag überspringen Krimis oft die magische Hürde von 10.000 verkauften Exemplaren.
Kein Wunder also, dass die ARD auf eine Krimi-Serie setzt, um wieder einmal eine wirklich breite Masse auch für Originalhörspiele zu gewinnen. "Das wird ein Bringer", sagt Skoruppa, der den "Radio Tatort" für die ARD koordiniert. Er hoffe auf bis zu 700.000 Hörer.
Im Monatsrhythmus werden neue Fälle laufen, stets innerhalb von fünf Tagen auf allen Sendern. Im Internet sind sie eine Woche lang kostenlos zu hören. Kooperationspartner ist Der Hörverlag, der im Sommer die ersten Stücke auf CD in den Handel bringen will.
Helfen sollen auch bekannte Namen: In "Der Emir", vom WDR als Auftakt der Reihe produziert, wird die Hauptrolle des Kommissars Nadir Taraki von Baki Davrak gesprochen, der als türkischer Germanistikprofessor in Fatih Akins aktuellem Kinofilm "Auf der anderen Seite" glänzt. Den Kriminaldirektor Wilfried Suttner gibt Rudolf Kowalski, bekannt als Kriminalhauptkommissar Stolberg in der gleichnamigen ZDF-Fernsehserie.
Einige der Autoren haben auch schon Drehbücher für Fernseh-"Tatorte" verfasst. Ein Hinweis ist Skoruppa daher wichtig: "Das Hörspiel beansprucht, eine eigene künstlerische Form zu sein." Die Autoren zum Beispiel müssten anders schreiben: "Ihre Dialoge müssen prägnanter sein. Einen Fernseh-'Tatort', den man nur akustisch wahrnimmt, wird man kaum begreifen." Die Schauspieler sind ja ihrer Gestik und Mimik beraubt.
Baki Davrak, der als Kind "TKKG" hörte, stand erstmals selbst im Hörfunkstudio: "Vor der Kamera mag ich es gar nicht, viele Worte zu machen", sagt er. Das Hörspiel sei ein spannender Kontrast, viel theatralischer: "Der ganze Körper arbeitet dahin, Sound zu machen."
Sandra Borgmann, die für den NDR auf Verbrecherjagd geht, berichtet von spielerischen Szenen: Bei einer Verfolgungsjagd saßen die Sprecher auf Stühlen neben- und hintereinander. "Ich musste mich zusammenreißen, nicht auch noch das Auto nachzumachen und zu quietschen."
Letztlich zählt natürlich nicht die Machart, sondern das Ergebnis - und das überzeugt: Die drei ersten Fälle des "Radio Tatorts" lassen akustische Lebenswelten entstehen, als eigene Kunstform.
Im Beitrag des SWR, der unter dem Titel "Himmelreich und Höllental" läuft, ist der Soundteppich am dichtesten: Vogelzwitschern, knirschende Schritte, rasselndes Zaumzeug, ein "Brrr" - und der Hörer steht an einer Pferdekoppel in der südwestdeutschen Provinz, wo Kommissarin Brändle mittags "veschpert" und abends "Dienschtschport" macht. Mundart und Mentalitäten machen Regionen hörbar.
Wenn im Februar im MDR-Fall "Schöne Aussicht" einmal eine hallende Durchsage im Hintergrund zu hören ist, weist das auf einen Bahnhof hin - aber der könnte überall stehen. Nach Mitteldeutschland versetzt den Hörer erst die grummelnde, knarzige Stimme Hilmar Eichhorns, der den Hauptkommissar Jost Fischer spricht, einen bekennenden und eigenbrötlerischen Ossi.
Der WDR-Fall "Der Emir" kommt als Großstadtkrimi im Multikultimilieu daher, inklusive orientalischer Musik. Kommissar Taraki ist ein Halbafghane mit palästinensischer Freundin, der einen libanesischen Menschen- und Drogenhändler zur Strecke bringt.
Ein rechtschaffener Migrant, der einen schurkischen Migranten aus dem Verkehr zieht - das trifft den Zeitgeist bestens.