Titel: Die Staatsaffäre - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Titel Die Staatsaffäre

Nicolas Sarkozy und Carla Bruni, der Präsident und der Popstar - es vermählen sich Sex und Politik, Starruhm und Amtswürde. Nirgendwo sonst hat sich Regierungsarbeit so perfekt in eine Soap-Opera verwandelt wie im Mutterland der modernen Demokratie. Von Ullrich Fichtner und Stefan Simons
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gute Zeiten, schlechte Zeiten, sie wechseln sich ab in einem Leben, sie kommen und gehen auch im Alltag der Nationen, und Nicolas Sarkozy wird sie ablesen, künftig, von einer Patek Philippe 3940G in Weißgold, 45 680 Euro unverbindliche Preisempfehlung. Die Uhr lag unter dem Weihnachtsbaum des französischen Präsidenten, "als Symbol für die Stunde des Glücks", wie die "Gala" fein bemerkt, als Zeichen für die Verlobung mit Carla Bruni, die im Gegenzug nicht einen, sondern gleich zwei Ringe zum Geschenk erhielt, "Cupidon" und "Coeur romantique" von Dior, große Teile aus roten Edelsteinen, Weißgold und Brillanten, Ladenpreis 18 500 respektive 19 600 Euro.Die schönen Stücke wurden erstmals ausgeführt in Ägypten, in Luxor, im Tal der Könige, sie waren zu sehen vor dem Weichbild der Pyramiden von Giseh. Dort schlenderten Hand in Hand Carla und Nicolas, oder sie ritten durch die Dünen hoch zu Pferde wie Fürst und Mätresse in einem Rosamunde-Pilcher-Film. Es waren die letzten Tage des vergangenen Jahres, die ersten eines neuen Glücks, und die Fotografen, ein großer, frankophoner Schwarm, sie mühten sich nach Kräften, den unromantischen Größenunterschied zwischen den Liebenden gnädig zu bemänteln.Aber ihr Lächeln - sprach allein Bände. Und ihre Blicke - sagten am Ende alles. Pünktlich zu den Feiertagen, kurz vor der Silvesternacht, hatte Frankreich sein Wintermärchen, eine neue, die bislang beste Episode der täglichen "Sarko-Show".Nur Tage später wird Frankreichs Präsident im Festsaal des Elysée-Palasts vor dem vielköpfigen Korps der Weltpresse verkünden: "Das ist ernst" mit Carla und ihm. Und es ist eine Nachricht, die um die Welt geht: Carla Bruni, ein Top-Model der achtziger, neunziger Jahre, die Ex-Kollegin von Naomi Campbell, Claudia Schiffer, Linda Evangelista, sie schickt sich an, Frankreichs "Première dame" zu werden. Die Ex-Gespielin von Eric Clapton, Mick Jagger, Donald Trump, sie ist auf dem Sprung zur First Lady. Carla Bruni, berühmt mittlerweile auch für ihre bittersüßen Chansons, sie könnte bald im Elysée-Palast für die gepflegte Hausmusik sorgen.Anfangs, eine gute Woche vor Weihnachten, als die ersten, verschwommenen Bilder des neuen Paars aus Disneyland auftauchten ("Sie hat ihm bereits ihre Mutter vorgestellt"), bestanden hier und da noch leise Zweifel ("Idylle - oder mehr?"). Nun aber steht offenkundig schon die Heirat an ("Wer könnten die Trauzeugen sein?"), oder sie ist sogar schon vollzogen ("Heimliche Hochzeit im Elysée!?").Und weil der Präsident auf manchen Fotos aus Ägypten ("Die Liebenden vom Nil") seltsam zärtlich die Hände um ihren Bauch legt, wird nun landauf, landab und jedenfalls nicht nur im großen, regenbogenfarbigenBlätterwald schon über weitere freudige Ereignisse spekuliert ("Ist sie schwanger!?").So oder so sind aus dem Frankreich dieser Tage gleich mehrere Hochzeiten und ein Todesfall zu vermelden: Es vermählen sich, wie nie zuvor in der Geschichte des Landes, Sex und Politik, Starruhm und Amtswürde, Soap-Opera und Staatsgeschäfte, und gleichzeitig erhält das seriöse, würdevolle, schmeichelhafte Selbstbild einer ganzen Nation den Todesstoß.Ein neuer Stil kommt zur Welt, in der feinen Modestadt Paris, der mit "blingbling" bereits hämmernd betitelt wurde; bling-bling, so heißt auf Französisch der protzige Proletenprunk der HipHopper, die sich den glitzernden Schmuck gleich kiloweise um den Hals hängen. Es geht um obszönes Aufsteigertum, um neureiche Peinlichkeit, es geht um das Schreckbild des guten alten bürgerlichen, zivilisierten, katholisch gegründeten Frankreich. Es geht um Nicolas Sarkozy. Seine Rolex-Uhren. Seine Ray-Ban-Brillen. Seine Schuhe von John Lobb. Seine Frauen.Seit acht Monaten ist er im Amt, mit satter Mehrheit gewählt, er hatte seinen Wählern die "rupture" versprochen, den Bruch mit der Vergangenheit, aber niemand konnte ahnen, dass damit zu allererst sein Privatleben und die präsidialeInszenierung gemeint waren. Nun erwachen die Franzosen jäh aus der schläfrigen Epoche, die sich mit dem Namen Jacques Chirac verbindet.Wo gestern noch ein guter Großvater seine Staatsreden durch die Lesebrille vortrug wie gemütliche Märchen, sitzt heute ein Mensch wie ein Turbo, der wohl manchmal von der Nation und ihrer Zukunft, aber auch ununterbrochen von sich selbst spricht. 48-mal hat Sarkozy "ich" gesagt, als er vor drei Wochen seine ersten Neujahrsgrüße live aus dem Elysée-Palast verschickte. Kein Wunder, dass die Angst umgeht, ihm könnte das große, nationale Wir abhandenkommen.Es geht um einen Bruch, der die französische Gesellschaft erschüttert und der kulturelle Risse zwischen ihren Milieus offenlegt. Die Leistungsträger und Befähigten, die Wohlhabenden und Ausgezeichneten, sie erleben Sarkozys erste Monate im Amt als große Befreiung, als quasi offizielle Erlaubnis, das erworbene oder ererbte Vermögen fortan ohne Komplexe zu genießen und auch auszustellen. Vorbei die vornehmen Zeiten, da man in Frankreich das Geld zwar haben, aber nicht darüber sprechen durfte. Jetzt, mit Sarko, ist blingbling.Schon am glorreichen Wahlabend zeigte er sich, der auch mit der Parole gewonnen hatte, er werde die Cliquenwirtschaft ein für alle Mal beenden, im Kreise einer denkbar illustren Clique. Die Gästeliste der Wahlparty im Restaurant Fouquet's las sich wie aus dem "Who's who" abgeschrieben; es waren darunter die reichsten Männer Frankreichs und Belgiens, Bernard Arnault und Albert Frère, Chef des Luxuskonzerns LVMH der eine, Hauptaktionär des internationalen Energieversorgers Suez der andere.Martin Bouygues war dabei, steinreicher Bau-, Telekommunikations- und Medienunternehmer, Vincent Bolloré, Jongleur mit tausendundein Geschäften, die ihn zum mehrfachen Milliardär gemacht haben, Serge Dassault, Rüstungs- und Medienfabrikant, dazu Schauspieler, Radrennfahrer, Fotomodels und Schlagersänger Marke Johnny Hallyday. Anders gesagt: Das Vermögen der Anwesenden war, zusammengerechnet, größer als der Staatshaushalt vieler Länder.Die ersten Fotos des gewählten Präsidenten, aufgenommen am Tag nach der Wahl, zeigten Sarkozy, der angekündigt hatte, er wolle sich nun zurückziehen und in Ruhe auf sein Amt vorbereiten, wie er sich auf der Privatyacht des bretonischen Freunds Bolloré, in Badehosen, von den Mühen der Wahlschlacht ausruhte. Die staunende Öffentlichkeit erfuhr überdies, dass auch die Flüge nach Malta, in einer privaten "Falcon 900", aus der Kasse des reichen Freunds bezahlt worden waren, und trotzdem hielt man dies alles, ganz unaufgeregt und à la française, für eine kleine, verzeihliche Überspanntheit der noch taufrischen Macht.Aber Bollorés Privatjet ist des Präsidenten neues Lufttaxi. Die Maschine brachte ihn und Carla Bruni auch in die Weihnachtsferien nach Ägypten. Anfang Januar ließ sich das Paar vom jordanischen Königshaus zum Besuch einladen, und es flog hin, diesmal nicht mit Bolloré, sondern an Bord eines Flugzeugs, das der Monarch als perfekter Gastgeber großzügig in Paris vorbeigeschickt hatte, um die Liebenden der Einfachheit halber abzuholen. Und auch dies: Sarkozys letzte Sommerfrische, noch an der Seite von Ex-Frau Cécilia, in Wolfeboro, Maine, USA. Sie wurde bezahlt, 44 000 Euro all inclusive, von namentlich nicht genannten Gönnern.Wer nun die Namen schwärzte, wer nicht wüsste, dass von Frankreich die Rede ist: Was für ein Land hätte er vor Augen? Eine Demokratie? Man stelle sich vor, nur eine Sekunde lang, die deutsche Kanzlerin ließe sich ihre Ischia-Ferien mit Joachim Sauer von, sagen wir, Tchibo bezahlen. Und sie flöge im Hubschrauber von Hans "Haribo" Riegel zum Ausspannen an die Côte d'Azur. Man stelle sich weiterhin vor, sie träfe sich, auf Sylt oder Guernsey, zu Grillabenden mit Anton Schlecker und Hasso "SAP" Plattner, und immer freitags spielte sie, in Rimini oder Heiligendamm, Canasta mit Karl "Aldi" Albrecht, Friede Springer und, warum nicht?, Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe. Was stünde in den Zeitungen? Und wie lange wäre Angela Merkel noch im Amt? In Deutschland, der vergleichsweise so jungen Republik?Frankreich, das Land der Revolution, die Geburtsstätte der Menschenrechte und der modernen Demokratie, gerät unter Sarkozy ins Fahrwasser einer bizarren Form der Restauration. Der neue Präsident, der einerseits die schiere Gegenwart bis hin zur bunten Patchworkfamilie repräsentiert, der im verschwitzten T-Shirt lässig grüßend an seinen Republikanischen Gardisten vorbeijoggt, der ein Erbe John F.Kennedys sein will - er schaltet und waltet doch zugleich wie ein absolutistischer Fürst, oft nach Gutdünken und immer hart am Rand der verbrieften wie der ungeschriebenen Rechte des französischen Staatsoberhaupts.Sarkozy treibt auf die Spitze, was ihm andere Staatenlenker im heutigen Europa und in Übersee vorgemacht haben. Er vereint die rabiaten Nehmerqualitäten eines Berlusconi mit Schröders breitbeinigem Auftritt, wie Blair sucht er die Nähe zu Pop und People, und nun, mit seiner neuen Assistentin Carla Bruni zur Seite, möbliert er die erotischen Phantasien der Welt noch viel schöner, als es Bill Clintons Affäre mit dem dicklichen Mauerblümchen namens Lewinsky je vermocht hätte.Die Vergleichbarkeiten liegen auf der Hand. Sarkozy ist zwar kein reicher Unternehmer von eigenen Gnaden wie Berlusconi, weit davon entfernt, aber wie dem italienischen Milliardär ist es ihm schon lange vor der Wahl gelungen, Kapital und Medienmacht zu einer Maschine zusammenzubauen, die alle gewünschten Bilder ausspuckt und transportiert.Das Netzwerk des Präsidenten, sein "réseau", wie die Franzosen sagen, besteht aus Verlegern, Fernsehmagnaten, Chefredakteuren. Nein, er kann sich keine Sender kaufen. Aber er kann sich, vermittelt durch die guten Freunde, ihrer fast nach Belieben bedienen. TF1, neben Canal+ der erfolgreichste Privatsender Frankreichs, dient seinen Zwecken mit einem Tuttifrutti aus Show, Spielfilmen und möglichst wenig Politik, und wenn Politik, dann die richtige.Nein, er spielt nicht Klavier für viel zu große, viel zu blonde Schönheiten und verteilt auch nicht galant Schokolade und Blumen an seine Sekretariate, wie es der römische Buffo tat. Aber auch er zeigt sich seit je mit den Größen des konventionellen Amüsierbetriebs, sitzt bei Schlagerkonzerten in der ersten Reihe, lässt sich bei Kumpeleien zeigen mit Schauspielern und Sportlern von Jean Reno bis Basile Boli.Darin gleicht er Tony Blair, der in alter angelsächsischer Tradition die Popkultur bediente, um als zeitgeistig, jung, dynamisch dazustehen. In Number 10 Downing Street gingen die Frontleute der, man stelle sich vor, Boomtown Rats ein und aus, und Blair war es, der die widerspenstige Queen dazu drängte, der in Paris verunglückten Diana endlich die Ehre und Trauer zu erweisen, die das britische Volk viel zu lange von ihr erwartet hatte. Diana, die Jahrhundertfigur des tragischen Pop.Es geht dabei, wer wollte es leugnen, um Attraktivität, die mit Politik wenig, mit Sex aber viel zu tun hat. Es geht, bei Sarkozy, bei Berlusconi, bei Blair, immer auch um die Erotik der Macht, ihren irisierenden Mehrwert, ihre geheimnisvolle Kraft, die in die Psyche des Menschen hineinfasst. Kein Mensch kann dies ganz allein liefern, deshalb leihen sich die Führer Glanz und Gloria bei den Showgrößen ihrer Welt, und sie stellen sich möglichst in ihre Nähe, um möglichst viele Strahlen vom Rampenlicht abzukommen.Aber es gibt auch Grenzen in diesem Spiel, und Sarkozy ist gerade dabei, sie zu erreichen. Es geht nicht um Scham, oder doch nur am Rande, es geht darum, beim Buhlen um die Gunst des Publikums nicht zu überziehen, nicht "abzuheben", nicht zu weit aus dem Ruder zu laufen, es geht gewissermaßen um die Lehren, die Gerhard Schröder am Beginn seiner Amtszeit schmerzhaft ziehen musste.Nach 16 Jahren Helmut Kohl - das ist gut vergleichbar mit den 12 Jahren Chirac - bewirkte auch Schröder eine Art kulturelles Aufatmen nach der Kohlschen Epoche des Neo-Adenauer. Und sichtlich genossen der Kanzler und sein Außenminister Fischer das Leben da oben. Schnell aber wurde dieser genussvolle Umgang mit höchsten Ämtern zum Bumerang. Schröder mit der Cohiba, Schröder vor dem Glas Brunello, Schröder endlich als "Brioni-Kanzler", als "Genosse der Bosse", er fing sich, wie Sarkozy jetzt, den Vorwurf ein, ein gockelhafter Parvenü zu sein, einer, der im Vergleich zu einem Brandt, einem Schmidt besoffen wurde in der dünnen Luft, und vollständig erholte sich der Kanzler davon nie.Sarkozys Cohiba, sein Brioni-Anzug heißen nun, in Frankreich, wo man Zigarren und gute Kleidung leichter verzeiht, Carla Bruni. Er mag gemeint haben, mit ihr Punkte zu machen, seinen Status alsAlpha-Tier noch weiter aufzupolieren, aber es scheint, als ginge diese Damenwahl nach hinten los. Carla Bruni ist genau den Tick zu schön, das Gramm zu heavy, als dass sie vom Volk als neue Landesmutter fröhlich begrüßt werden könnte. Jeder spürt: Ja, es mag dabei um Liebe gehen, aber hier beginnt aller Voraussicht nach nur eine Spielerei, eine Lebensabschnittspartnerschaft, und so verliert Sarkozy, der verliebte Regent, an Seriosität.Er kompensiert Rückschläge, indem er nur noch mehr arbeitet. Dabei bündelt der "Hyperpräsident" persönliche Macht wie keiner seiner Vorgänger. Hatte er im Wahlkampf noch eine demokratische Umverteilung der Macht versprochen, dem Parlament mehr Rechte zugedacht, mehr Autonomie für Minister und den Regierungschef eingefordert, so spielt er sich jetzt derart gnadenlos an die Rampe, dass seine Minister nur noch wie Statisten in der Kulisse herumstehen und auf ihr Stichwort warten.Sarkozys Vorgänger - von Charles de Gaulle bis Jacques Chirac - wachten im Elysée-Palast mit landesväterlicher Attitüde über die Geschicke der Nation. Als Symbolträger der Republik konzentrierten sie sich auf Diplomatie und Äußeres, nach innen auf mahnende Worte über das Große und Ganze, auf die Richtlinien der Politik. Die Arbeit an den Details überließen sie, selbstverständlich, Premierministern und deren Regierungen.Sarkozy dagegen drängt sich seit Amtsantritt in alle Ressorts, er gibt den Staats- und Regierungschef in Personalunion, undseinen Premierminister titulierte er gar als "collaborateur", als bloßen "Mitarbeiter". In Brüsseler Sitzungen hat er schon kurzerhand seine Wirtschaftsministerin ersetzt, in einem "Brief an die Lehrer" steckte er, nun auch Bildungsminister, den Kurs für das Schulwesen ab, und seinem Minister-Mitarbeiter für "Immigration und nationale Identität" diktierte er die Abschieberaten für illegale Zuwanderer.Er werde, so hat er dem Wahlvolk oft angekündigt, ein "regierender Präsident" sein, und an dieser Stelle hat er zweifellos Wort gehalten. Selbst sperrige Themen, für die er keine raschen Lösungen parat hat, hält er dennoch besetzt, indem er präsidiale Kommissionen gründet.Fast hundert Arbeitsgruppen arbeiten in seinem Auftrag an Verfassung oder Zuwanderung, sie beraten über Renten- und Gesundheitsreformen, sie beugen sich über das Problem digitaler Raubkopien oder den Umgang mit Alzheimerpatienten. Obendrein fungiert der Staatschef auch noch als heimlicher Partei- und Fraktionsführer, wacht über die Seilschaften seiner Regionalfürsten und kontrolliert den Kurs der im März anstehenden Kommunalwahlen. Wann er jemals schläft, mit oder ohne Carla Bruni, ist ein Rätsel.Denn weil er auch geliebt werden will, weil er nicht nur den energischen, sondern auch den guten König mimt, nimmt er sich noch immer Zeit, um streikende Studenten, Arbeiter im Ausstand, bedrückte Fischer, geschlagene Frauen, Witwen von Feuerwehrleuten oder Eltern ermordeter Kinder zu empfangen. Er kann der Barmherzige sein, der Mitfühlende - und die öffentlich zelebrierte Anteilnahme verschaffte ihm monatelang und parteiübergreifend höchste Popularitätswerte.Aber sie sind nun, erstmals, bedrohlich abgesackt, um glatt 10 Punkte und auf unter 50 Prozent, und das hat mit harter Politik zu tun, aber ebenso mit seinem weichen Herzen und dem unstillbaren Drang, es öffentlich auszuschütten. Eine große Mehrheit der Franzosen äußert sich, je älter, umso ablehnender, über die amourösen Eskapaden des Präsidenten und ihre dauernde Zurschaustellung. Sarkozy, der Vorkämpfer der "untadeligen Republik", der Rächer der Anständigen, der Bannerträger derer, "die früh aufstehen", die "mehr arbeiten wollen, um mehr zu verdienen", er "betreibt mit seinem Exhibitionismus die Demontage einer Institution", glaubt der Philosoph Michel Onfray (siehe Interview auf Seite 100).Aber gute Zeiten, schlechte Zeiten, der Elysée-Palast hat sie alle erlebt, er hat Revolutionen überstanden, zwei Weltkriege, selbst den Mai 1968, und es besteht Anlass, darauf hinzuweisen, dass Madame de Pompadour, die Mätresse König Ludwigs XV., das schöne Stadtschloss kaufte.Wer heute auf den Champs-Elysées schlendert, sieht vom Palast nur den Giebel, weit hinten, hinter hohen Mauern, davor noch ein Park. Polizei streicht durch die Gegend, Republikanische Garden, der Palast ist ein nationales Heiligtum, sofern es derlei geben kann in einer Republik, und jedenfalls wäre bislang niemand daraufgekommen, den schönen Bau als Lustschloss zu bezeichnen oder sich darin ein Musikzimmer von Carla Bruni vorzustellen, die in "wilder Ehe" mit dem Präsidenten lebt.Wer verstehen will, wie Sarkozys Gebaren im Öffentlich-Privaten das französische Spiel der Politik, der Gesellschaft, der Medien verändert, wer Anhaltspunkte dafür sucht, warum der Auftritt Carla Brunis zur veritablen Staatsaffäre geworden ist, dem hilft ein Blick auf die Frauen und die lebenslangen Ehen der Vorgänger im Amt. Es liegt dann bald der Schluss nahe, dass jede Gesellschaft genau die Staatschefs und First Ladies hervorbringt, die sie verdient. Und jedenfalls erzählen die Biografien der Präsidenten der Fünften Republik - und vor allem ihrer Frauen - eine Sittengeschichte Frankreichs, das im Augenblick viel prüder tut, als es in Wahrheit immer war.Das gilt ausdrücklich nicht für Yvonne de Gaulle, die ihrer Nation eine moralische Mutterfigur war. Eine gläubige Katholikin, geboren 1900, schon damals eine altmodische Gattin, die an ihrem Esstisch keine Geschiedenen zuließ. Nur widerwillig akzeptierte sie, dass zur jährlichen Sommerparty im Garten des Elysée-Palasts auch dubiose Mitbürger wie Brigitte Bardot, Charles Aznavour oder gar Josephine Baker erscheinen durften.Sie rechnete, wenn sie im präsidialen Amtssitz Enkel- und andere Kinder bewirtete,noch auf Francs und Sous mit dem Staat ab, um keinesfalls in den Verdacht zu geraten, sich am Geld der Franzosen zu bedienen. Claude Pompidou, Première dame Nummer zwei, betrat das Stadtschloss im Jahr 1969 bereits in Chanel, und sie markierte, als Liebhaberin moderner Kunst, als modisch interessierte Frau, einen damals als so groß empfundenen Schnitt, dass das in Sachen Satire immer zuverlässige Wochenblatt "Le Canard enchaîné" sie bald als "Madame de Pompidour" titulierte.Wenn Sarkozy stilistische Vorbilder hätte, wäre Pompidou ein geeigneter Kandidat. In seinen Amtsjahren geriet das präsidiale Leben bereits merklich mondäner, und im langen Schatten des Generals de Gaulle entfaltete sich bereits, was die französischen Medien heute als "Peopolisation" verspotten, was ins Deutsche übersetzt ungefähr Schickimickisierung wäre. Denn damals, bei "Madame de Pompidour", ging Coco Chanel ein und aus, die Grimaldis waren oft zu Gast, Jackie Onassis schaute vorbei, und man speiste heiter mit Willy Brandt, Marc Chagall und den Nixons.Auf ihrer Amerika-Reise 1970 hatte Claude Pompidou 32 komplette Haute-Couture-Garnituren im Schrankkoffer dabei, Modellkleider und zugehörige Mäntel und Hüte von Cardin, Dior, Chanel und Yves Saint-Laurent, und sie trug während ihres Aufenthalts so viele davon, dass die "Washington Post" eine Doppelseite mit Fotos druckte und begeistert den Pariser Chic besprach.Zu Hause wurde gespottet über das "Mannequin der Republik". Man fand sie, wörtlich, zu "yé-yé", und so musste die Frau des Präsidenten öffentlich versichern, die Kleider von den Couturiers natürlich nur geliehen zu haben, denn "die Franzosen sollen nicht glauben, dass ich ihr Geld für meine Garderobe ausgebe". Ihr Mann, der Präsident, schimpfte darüber, dass die Presse nun "so tief gesunken" sei, dass sie nicht einmal mehr vor persönlichen Attacken auf seine Frau zurückschrecke.Mit Valéry Giscard d'Estaing zog 1974 der jüngste Staatschef in den Palast ein, auch er hatte schon vom Bruch gesprochen, aber tatsächlich zeigte die gefühlte Linie der bürgerlichen Moral, der gesellschaftlichen Etikette, absteigend von den Höhen einer Yvonne de Gaulle, immer weiter bergab. Der Präsident und seine Frau Anne-Aymone nutzten die Macht des Amtes bereits weidlich für ihr eigenes Wohlergehen aus. Sie ließen sich, wenn es auf Reisen ging und weil selbst die erste Klasse nicht genügte, für sich und die vier Kinder eigene Salons in Linienmaschinen der Air France einbauen, und auch als Gastgeber liebten sie es exquisit.Juan Carlos von Spanien, Gracia Patricia und Rainier aus Monaco, König Hussein von Jordanien und seine Frau Nur, Scheichs und Eminenzen gaben sich die Klinke in die Hand, und Anne-Aymone Giscard d'Estaing, eine Frau mit einem aristokratischen Stammbaum, der hinunterreicht bis zu Ludwig XV. (der sich die Pompadour als Mätresse hielt), zeigte sich, groß und schlank, vorzugsweise in Jean Louis Scherrer.Mit der Familie Giscard d'Estaing, in den siebziger Jahren, begann die öffentliche Ausstellung des Privatlebens der Politik. Man posierte für die Fotografen als großbürgerliche Idealfamilie mit den Kindern und gleich sechs reinrassigen Hunden, und Frankreichs First Lady gab bereitwillig Interviews und machte eine gute Figur, auch in italienischen und spanischen Illustrierten.Es scheint, als hätte Frankreichs politisches System keine eingebauten Korrektive gegen den Missbrauch präsidialer Macht. Die aktuell noch immer gültige Verfassung wurde geschneidert auf den Leib des moralisch unantastbaren Kriegshelden Charles de Gaulle, der von ganz allein wusste, was privat und was des Staates ist.Je weiter aber die Nachkriegsgeschichte fortschritt, je stärker sich die Gesellschaft umformte, je mehr sich Individualisierung, Libertinage, neuer Hedonismus breitmachten, desto größer klafften plötzlich die gesetzgeberischen Lücken in SachenKontrolle der Amtsträger. Frankreichs Präsidentschaft wurde "zu groß" für die arg geschrumpfte ethische Grundausstattung der Nachfolger de Gaulles. Sie profitierten davon, dass die uferlosen Rechte und Kompetenzen an zu wenig Rechenschaft und Pflichten geknüpft waren.François Mitterrand hat mit der Verfassung der sogenannten Fünften Republik gemacht, was er wollte. Es gelang ihm Großes dabei, aber je weiter sein Tod zurückliegt, umso mehr Übelriechendes tritt zutage. Mitterrand nutzte ein - legales - System schwarzer Kassen, aus denen er sich frei bediente, etwa um seine parallel geführte Zweitfamilie zu alimentieren und über Jahre hinweg seine uneheliche Tochter Mazarine vor der Öffentlichkeit zu ver-stecken. Mitterrand, den sie "Dieu" nannten, Gott, ließ politische Gegner - legal - bespitzeln, er unterhielt eigene, kleine Geheimkommandos, die in Wohnungen Wanzen setzten und die sich darum kümmerten, dass er auch in die Wohnungen begehrter Frauen hineinhorchen konnte.Die Frau an seiner Seite, Danielle, muss ein Mensch aus sehr hartem Holz sein, mit ihr endeten vorübergehend die Bussi-Gesellschaften im Elysée, oder sie pflegte sie jedenfalls nicht sonderlich. Sie kämpfte mit Eifer um die Menschenrechte in aller Welt und stieg in ihren Jahren im Elysée zur weltweit geachteten Aktivistin auf. Still und duldsam ertrug sie das bizarre Doppelleben ihres Mannes und pflegte ihn noch bis zu seinem Tod. Ihr Name ist in der Nachkriegsgeschichte der Präsidentengattinnen der einzige, der sich nicht zuerst mit Modeschöpfern und berühmten Gästen verbindet, sondern mit Politik.Mütterlich zog danach Bernadette Chirac in den Palast ein, eine geborene Chodron de Courcel, Abkömmling von Staatsdienern unter Talleyrand, von Botschaftern unter Napoleon III. Sie verströmte von Beginn an den heimeligen Duft traditioneller Backrezepte und ihre stets wolkige Frisur, ihre riesigen Handtaschen gaben den Satirikern der Republik zwölf Jahre lang gute Arbeit. Auf ihrem Schreibtisch stand zentral ein Bild von Jacques Chirac, mit dem sie sich bis heute siezt und den sie selbst dann noch vorbehaltlos unterstützte, als seine außerehelichen Amouren längst stadtbekannte Legende waren."Ich habe ihm immer ein heiteres und ruhiges Familienleben gegeben, wenn er von seinen Pflichten, von seinem Amt erschöpft nach Hause kam", das hat Bernadette Chirac in vielen Interviews gesagt, in immer neuen Variationen, aber auch ihr eigenes Leben wird so schlecht nicht gewesen sein. Selbst zu Zeiten, als ihr Mann noch Bürgermeister von Paris war, verfügte sie bereits über einen Butler, einen Koch, eine Waschfrau, dazu drei Haushälterinnen, drei Fahrer, einen Gärtner und einen Floristen - für den Blumenschmuck der Dienstwohnung, 1600 Quadratmeter in der ersten, der Beletage des Hôtel de Ville.Frankreich ist eine Demokratie im Dekor der absoluten Monarchie, und es scheint so, als färbe die grandiose Bühne Paris unweigerlich auf die Menschen ab, die sie betreten. Wer als deutscher Staatssekretär sein genormtes Büro in einem modernen Berliner oder gar Bonner Zweckbau betritt, hört den Mantel der Geschichte nur an seltenen Tagen flattern. In den Pariser Palästen aber, wo die Minister residieren, sind immer schon Könige gegangen, Kardinäle, Revoluzzer, und es kann passieren, dass an den Schreibtischen und auf den Stühlen einst ein Robespierre gesessen hat, ein Danton oder gleich Napoleon persönlich.Wer diese Amtssitze nur einmal kurz von innen gesehen hat, das Hôtel Matignon des Premierministers, die Residenz des Justizministeriums an der Place Vendôme, oder wer in Senatsgeschäften unterwegs ist im Palais du Luxembourg, kann leicht verstehen, wie schnell einem die Macht in Frankreich zu Kopf steigen kann. Der Größenwahn ist den Amtsstuben gewissermaßen eingebaut, und schnell fühlt sich selbst ein kleiner Sachbearbeiter wie ein Prinz der Republik.Immer waren die historisch geadelten Orte Spielplätze der Mätressen, die im Hofstaat ihre angestammte Rolle spielten. Louise de La Vallière, Marquise de Montespan, Marquise de Maintenon, sie waren stille und diskrete Beischläferinnen ihres Königs und dabei Machtfaktoren im höfischen Fluss der Gerüchte und Informationen. Diese Rolle haben im modernenFrankreich die Medien übernommen, und die französischen sind unschlagbar darin, mahnende Leitartikel mit lustvollen Klatschgeschichten zu kombinieren.Die Sarko-Show ist für viele Zeitungen und Zeitschriften ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden, was sie gern unterschlagen, wenn ihre Kommentatoren wieder Klage führen über Sarkozys Instrumentalisierung der Öffentlichkeit, die allgemeine Verflachung und überhaupt: den Verfall der guten Sitten. Wenn aber der seriöse linke "Nouvel Observateur" den Präsidenten oder eine seiner Frauen auf den Titel hebt, steigt auch seine Auflage um glatte 30 Prozent.Die bunten Blätter und die Frauenmagazine feiern mit Nicolas, Carla und Cécilia historische Rekordauflagen: Als die "Elle" im vergangenen Oktober das erste Exklusiv-Interview mit Cécilia Sarkozy nach der Scheidung auf dem Titel hatte, verkaufte sich das Heft, von dem sonst 330.000 Exemplare verkauft werden, über 600.000-mal. Die französische "Gala" kann mit Sarkozy-Themen teils an der 500.000er Marke kratzen. Und selbst die linke "Libération", einst von Jean-Paul Sartre gegründet, aber mittlerweile nur noch am Leben von Rothschilds Gnaden, rückt in jüngster Zeit auffällig oft den Präsidenten und seine gefährlichen Liebschaften auf Seite eins, um im Innern die totale Mediatisierung empört und politisch korrekt zu kommentieren.Geht es in Frankreich überhaupt noch um Politik? Um Realität? Um Alltag? Nun, es kommt durchaus vor, und im Grunde waren Sarkozys erste Monate, als ihn die Hormone noch nicht regierten, alles andere als eine verlorene Zeit.Tatsächlich legte der Präsident ein atemberaubendes Tempo vor: Die angekündigte Senkung der Spitzensteuersätze auf 50 Prozent - abgehakt; die Befreiung der Überstunden von Sozialabgaben und Steuern - erledigt. Die Hochschulreform, die den Universitäten weitgehende Autonomie einräumt - beschlossen. Die große Justizreform - in Arbeit.Aber Sarkozy hatte während seines furiosen Wahlkampfs Größeres, Faszinierenderes versprochen. Er wollte dem Land zum Aufbruch aus der Starre der Chirac-Zeit verhelfen, wollte den radikalen Umbau der verstaubten Institutionen, eine Art geistig-moralische Wende in Bildung, Erziehung, Wissenschaft und Wirtschaft. Vor allem aber versprach er den Menschen, allen Menschen, mehr Geld in ihre Tasche zu spülen, ihre Kaufkraft zu erhöhen. "Pouvoir d'achat", Kaufkraft, war das Mantra seiner Reden, und diese Verheißung wird sich aller Voraussicht nach nicht so schnell erfüllen.Die Konjunktur dümpelt bei 1,9 Prozent Wachstum, mit ähnlich mageren Aussichten für das laufende Jahr. Frankreichs Neuverschuldung lag 2007 bei 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, ein Platz auf den hinteren Rängen der EU, und das Ziel einer ausgeglichenen Bilanz, angekündigt für 2010, hat Sarkozy bereits vertagen müssen. Im Außenhandel, wo Deutschland mit vielen Milliarden Euro im Plus liegt, steht Frankreich mit 38 Milliarden im Minus - ein böser Indikator für mangelnde Konkurrenzfähigkeit. Sarkozy hatte noch am Beginn seiner Amtszeit die Umkehrung des Trends versprochen und obendrein drei Prozent Wachstum als Zielmarke ausgegeben. Aber dieses Wirtschaftswunder bleibt aus.Gründe dafür findet Sarkozy nun viele, die Stärke des Euro, die amerikanische Finanzkrise, die Ölpreise, alles muss herhalten, um die Leute weiter hinzuhalten. Ausgeblieben ist aber der groß angekündigte "Schock des Vertrauens", den seine Wahl auslösen sollte. Sarkozy hat wirklich geglaubt, das Zutrauen der Unternehmen, ihre Bereitschaft zu Investitionen werden wie automatisch zurückkehren, nur weil er auf dem dicksten Sessel des Landes Platz nimmt. Aber diese Wette ist geplatzt.Die Hoffnung erweist sich als Schimäre, und nun rächt sich, dass der Präsident mit dem Verzicht auf Erbschaftsteuer und dem Höchststeuersatz von 50 Prozent zwar die Besserverdienenden und die richtig Reichen bedient hat. Ihm fehlt aber nun das Geld für weitere Wahlgeschenke.Und, schlimmer noch: Die steigende Inflation und der Anstieg der Preise für Butter, für Brot, für Obst und Strom, für die alltäglichsten Dinge, sie treffen vor allem die unteren Einkommensschichten hart.Rentner, Alte, die Wähler Sarkozys, sie haben nicht, wie versprochen, deutlich mehr, sondern immer weniger in der Tasche, und sie werden mit wütendem Interesse zur Kenntnis genommen haben, dass sich Sarkozy die eigenen Bezüge um 170 Prozent auf fast 20 000 Euro monatlich erhöhte.Dies, obwohl man sagen kann: "Frankreich ist praktisch bankrott." Für diesen Satz gibt es die denkbar beste Quelle, François Fillon sagte ihn, der Premierminister, im Herbst. Für seinen Anfall von Ehrlichkeit musste er böse Schläge vom Chef einstecken, aber offenkundig beschleicht diesen selbst mittlerweile der Gedanke, Fillon könnte recht gehabt haben.Bei der großen Pressekonferenz im Elysée, als Sarkozy auch über den Ernst der Lage in Sachen Carla Bruni Bericht erstattete, entfuhr ihm der erstaunliche Satz, dass "die politische Debatte einzig und allein auf die Frage der Kaufkraft zu reduzieren, absurd" sei. Und er verstieg sich gar zu einer Art Offenbarungseid von ganz oben, als er anfügte, kämpferisch und nicht etwa kleinlaut: "Was erwarten Sievon mir? Soll ich Kassen leeren, die bereits leer sind?"Es kann, politisch-ökonomisch, nur besser werden in Frankreich. Und erste dicke Nägel für künftige Erfolge sind eingeschlagen. In einer nachgerade historischen Anstrengung vermochte es Sarkozy, durchaus mit dem Beistand seines bulligen Arbeitsministers Xavier Bertrand, das labyrinthische Privilegiensystem der Renten in den Staatsbetrieben abzuschaffen. Eine historische Leistung, denn die Sonderregelungen für Lokführer, für Gas- und Elektrizitätswerker, für Notariatsschreiber und Opernpersonal, sie galten bis dahin als unantastbarer Teil der sozialen Errungenschaften.Gleich darauf gelang ihm noch ein zweiter Sieg, wenn nicht eine regelrechte Revolution. Die "Modernisierung des Arbeitsmarktes" - Kernstück von Sarkozys unternehmerfreundlicher Wirtschaftspolitik - drückte der Präsident tatsächlich und wider Erwarten durch, und zwar im Konzert mit Arbeitgebervertretern und Gewerkschaften, die sich in Frankreich noch lange nicht als "Sozialpartner" verstehen.Der Staatschef zwang sie in viermonatige Verhandlungen, und am Ende einigten sie sich tatsächlich auf eine Lockerung des starren Arbeitsrechts, auf ein neues System, das neben der Kündigung auch eine "freundschaftliche Trennung" vorsieht. "Flexsécurité" heißt die einvernehmliche Scheidung vom Arbeitsplatz, die Unternehmern die Entlassung zwar erleichtert, den Entlassenen aber den Jobverlust mit Garantien für Fortbildung, Gesundheitsversorgung und Arbeitslosenunterstützung wenigstens ein wenig versüßt.Es war mithin, in Sarkozys ersten Monaten, nicht alles Bruni, und nicht alles drehte sich um Cécilia, des Präsidenten Ex. Aber die Frauengeschichten, sie drängten wieder mit Macht an die Öffentlichkeit seit dem Sommer, seit sich erste Journalisten damit zitieren ließen, sie wüssten seit langem schon von der finalen ehelichen Zerrüttung im Hause Sarkozy.Cécilia, "la belle et rebelle", die Vorgängerin Carla Brunis im nicht dotierten Amt der Première dame, sie hielt das Leben im Schatten des kleinen Giganten nichtmehr aus. Im Oktober wurde still und leise die Scheidung offiziell verlautbart, und jetzt, im Januar, folgte ein Nachbeben von so gewaltiger Stärke, dass selbst im sturmerprobten Elysée-Palast die Wände gezittert haben müssen.Der feierliche Einzug der Patchworkfamilie in den Elysée-Palast war schon eine gutgespielte Verlogenheit, vielleicht noch mit dem Unterton der Tragödie. Aber Cécilias koketter Auftritt danach in Heiligendamm, als die Sarkozys noch einmal das Ehepaar aufführten, war zweifellos bereits die Farce. Im Spitzenkleidchen von Azzedine Alaïa sah sie neben den grobgliedrigeren Frauen der anderen G-8-Staatenlenker zwar noch ein letztes Mal wie eine schwarze Prinzessin aus, aber im Herzen war sie schon einsam und allein. Und ihr bizarrer Einsatz als Bond-Girl bei der Befreiung der bulgarischen Krankenschwestern aus libyschen Fängen war endgültig ihr allerletzter Dienst an der Nation.Vorvergangene Woche erschienen, auf einen Schlag, gleich drei Bücher über sie, und das ärgste, geschrieben von der Journalistin Anna Bitton, enthält die bittere Abrechnung einer enttäuschten Frau mit ihrem enttäuschenden Mann. Man stelle sich vor, die Ex-Frau eines deutschen Kanzlers hätte ihrem Gatten hinterhergerufen, was Cécilia Sarkozy jetzt zugeschrieben wird: dass er ein "geiler Bock" sei, ein Schürzenjäger, eine "lächerliche Figur". "Unwürdig, das Amt zu bekleiden", mit einer Politik "wie eine Westernkulisse mit nichts dahinter", obendrein "geizig" und im Übrigen einer, "der niemanden liebt, nicht einmal seine eigenen Kinder". Die "Bild"-Zeitung fände keine Buchstaben, groß genug, die Botschaft unters Volk zu bringen.Natürlich wird nun gesagt, hier spreche eine bittere Frau, eine Verlassene, natürlich hat Cécilia, pro forma, gegen die Indiskretion der Journalistin geklagt. Nur inhaltlich hat sie kein Wort dementiert. Die Klage vor Gericht auf Schadensersatz, sie drehte sich nicht um die Verbreitung falscher Tatsachen, um üble Nachrede oder Ähnliches, sie wandte sich nur gegen die Verletzung der Privatsphäre, und das kann nur heißen: Der ganze Rest stimmt.So ist die moralische Geschichte des privaten Elysée-Palasts, die bei Yvonne de Gaulle sozusagen im Beichtstuhl begann, mit Cécilia endgültig angekommen auf dem Boulevard, an der Bordsteinkante, knapp vor der Gosse. Und Sarkozy kommentiert zwar nichts, aber er spielt die Bälle scharf angeschnitten und über Bande hundsgemein zurück.Schon dass sich Carla Bruni und er in Disneyland outeten, war eine Spitze gegen Cécilia, die sich bei Micky und Goofy gern mit den Kindern die Zeit vertrieb. Kein Zufall auch, dass Sarkozy mit Carla in der jordanischen Felsenstadt Petra Händchen hielt - dort hatte einst Cécilia den Gatten hintergangen, mit ihrem Liebhaber des Jahres 2005, Richard Attias. Und als wären dies nicht schon der Hiebe genug, kursieren auch noch Gerüchte, dass Sarkozy ein "Coeur romantique", das "Romantische Herz", das nun Carla Bruni zum Christfest bekam, auch schon seiner Cécilia einst zum Geschenk gemacht hatte.Die Frage geht um, ob ein Mann, der derlei Spielchen nötig hat, als reif genug erachtet werden darf, einer G-8-Nation, einem Atomwaffenstaat gar, als Staatschef vorzustehen. Die Antwort vieler Franzosen heißt mittlerweile eindeutig: Nein. Selbst bei einem Gutteil seiner eigenen Wähler findet sich Sarkozy in der Situation, dass seine politischen Erfolge von den privaten Tumulten aufgefressen werden.Wieder und wieder hat er in der Vergangenheit beteuert, sein Privatleben künftig nicht mehr auszustellen, nur um die Szenen seiner Ehe kurze Zeit später erneut in offener Feldschlacht auszutragen. Ungezählt sind seine Zitate zum Thema, und manche werden durch den Gang der Ereignisse nur ständig peinlicher. Genussvoll zitieren die Schreiber heute aus seinem Buch "Bekenntnisse", in dem er der reuig zurückgekehrten Ehebrecherin Cécilia die Liebeserklärung hinschrieb: "Wir haben uns wieder gefunden, zum Guten, zum Wahren, zweifellos für immer."Frankreichs heutiger Präsident wäre, bei geringerer Herkunft, schlechterer Ausbildung und anderem Werdegang, aber bei gleicher psychischer Ausstattung, fraglos ein perfekter Kandidat für jede Container-Show. Er ist ein Mensch, der über sich öffentlich die intimsten Details verbreiten kann, die Scham vor der Masse ist ihm fremd, der seelische Striptease ein offenkundiges Bedürfnis. Er hat sich selbst als "Kind des Fernsehzeitalters" bezeichnet, und das war durchaus als Bekenntnis gemeint.Seine Image-Gestalter vom Dienst müssen ihn nicht dazu überreden, medial präsent zu sein. Er selbst treibt sie an, dafür zu sorgen, dass der öffentliche Bilderregen nie versiegt. Es steckt Strategie dahinter, und zwar eine höchst fragwürdige. Märchenhaft will Sarkozy als Präsident erscheinen, der überall gleichzeitig Hand anlegt und keinem Problem aus dem Weg geht, eine Technik, die sich schon Diktatorenzu eigen machten, aber sie mussten, gute, alte Zeit, zum Erreichen des Ziels noch mit Doppelgängern arbeiten.Im digitalen Heute ist die Dauerpräsenz viel leichter herzustellen, zumal sich der Präsident auf Frankreichs televisuelle Medien blind verlassen kann, nicht zuletzt, weil er in vielen Sendehäusern Freunde an den Hebeln sitzen hat. Ruft der Elysée zum Termin, reist der ganze Tross wie an der Schnur gezogen aus der Hauptstadt an, zu Lande, zu Wasser oder durch die Luft, und selbst Reden zur Geflügelzucht oder Besuche bei der Verkehrswacht werden von einem Dutzend Kamerateams begleitet.So trägt das Fernsehen selbst den größten Teil zur Sarko-Show bei. Und der Präsident kann Angriffe mit der spitzen Bemerkung kontern: Wenn sich die Medien von ihm "nicht instrumentalisieren lassen" wollten, dann sollten sie ihm künftig einfach keine Fotografen und TV-Kameras mehr hinterherschicken. Das Problem ist nur in diesen Zeiten: Womit sollen sie dann ihre Sendungen noch füllen?Es ist eine kollektive Sucht nach Sarko-Bildern ausgebrochen, und wer die fortlaufende Berichterstattung lückenlos verfolgen wollte, könnte seinen Beruf an den Nagel hängen. Der Normalbürger, der am Abend den Fernseher einschaltet, muss sich fühlen wie in einer Endlosschleife, Sarko hier, Sarko da, und der Präsident im Zeitalter seiner endlosen technischen Reproduzierbarkeit zerfließt zum omnipotenten Macher, wobei sich das herrliche Bild des Herrschers dickund breit vor alle Probleme schiebt. Am Ende sieht man irgendwie nur noch ihn. Und da ist es ein Glück, das nun Carla Bruni für attraktive Abwechslung sorgt.Sie ist zweifellos das perfekte Trophy-Weib, und dabei ein Wanderpokal der Schönen, Reichen und Berühmten, "die Rolex unter den Frauen", wie ein anonymer Vertrauter Sarkozys zitiert wurde, ein Supergirl. Zu ihren besten Zeiten als Model brachte sie 7,5 Millionen Dollar Jahresgage nach Hause, und ihr bisheriges Leben verlief ungefähr so, wie man sich in seinen kühnsten Träumen die eigene Geburtstagsparty wünscht.Es kursieren nun von ihr, auf YouTube und anderswo, die Nacktfotos reihenweise, mal mit schwarzen Katzen auf dem Arm, mal mit nassen, mal mit trockenen Haaren, es gibt sie, nur mit roten Schuhen bekleidet, in der Sauna, es gibt sie softpornografisch in vielerlei Stellungen, oben ohne auf dem Laufsteg, unten ohne in gekachelten Räumen, sie fläzt sich auf Konzertflügeln oder schäbigen Stühlen, und auf einem Foto Helmut Newtons sieht sie, auf dem Schoß ihres alten, würdevollen Vaters, wie eine ganz schlimme Lolita aus.Leicht zu erraten, dass aus ihrem Mund niemals Bernadette Chiracs Satz vom Dienst am Mann kommen könnte, unvorstellbar, dass sie eines Tages sagen wird: "Ich habe ihm immer ein heiteres und ruhiges Familienleben gegeben." Gegeben hat sie sich ein Leben auf der Überholspur, sie muss die Männer zeitweise gewechselt haben wie ihre Höschen, und einmal bereits hat sie die Klatschsucht Frankreichs vollendet bedient, als sie mit dem Philosophen und Verleger Jean-Paul Enthoven zum Chillen nach Marokko fuhr, nur um nach kurzer Zeit mit dessen Sohn Raphaël im Arm wiederzukommen.In vielen Gesprächen hat sie sich freimütig zur Polygamie bekannt und selbst das Wort "Polyandrie" in den Mund genommen, das so viel bedeutet wie: Vielmännerei. Auf ihrer Beuteliste stehen neben den Genannten Clapton, Jagger, Trump angeblich auch Kevin Costner und Sean Connery, Arno Klarsfeld und diverse Kleindarsteller des französischen Kinos. Manche dieser Beziehungen werden ihr nur "nachgesagt", für viele liegen Fotobeweise vor, sicher ist, dass Clapton geweint hat, als sie ihn für Jagger verließ, und auch Donald Trump soll nach ihrem Abgang ein Taschentuch gebraucht haben.Carla Bruni, sie gehört offenkundig nicht in die Reihe der "Ersten Damen" Frankreichs. Sie gehört in die Riege der großen, historischen, sagenhaften Mätressen. Ihre Masche dabei, ihren Lockstoff hat sie selbst schön beschrieben, als sie sich vor fünf Jahren zu ihrer Erfolgs-CD "Quelqu'un m'a dit" äußerte. Sie wünschte sich damals, ihre Musik möge wirken "wie ein Mädchen, das gerade aufwacht, mit einem morgendlichen Gesicht, nochein bisschen nackt, nur halb angezogen, ganz ohne Schminke im Gesicht".Mehr als zwei Millionen Mal verkaufte sich dieses zarte Kind der Musik, noch so ein strahlender Erfolg, und doch wäre es unfair zu verschweigen, dass es im Leben der Carla Bruni auch böse Einbrüche gab, die sie immerhin acht Jahre lang eine Psychoanalyse machen ließen.Es heißt, dass ihr der Vater, Alberto Bruni Tedeschi, auf dem Sterbebett mitgeteilt habe, dass er wohl ihr Vater, aber vielleicht doch nicht der wirkliche, leibliche sei. Kurz darauf jedenfalls begann die Bruni ihre Analyse, und wirklich tauchte später in Südamerika ein Turiner auf, der dem Alter nach ihr Vater hätte sein können und den sie jedenfalls fortan häufig besuchte. Dass ihr älterer Bruder vor eineinhalb Jahren an Krebs starb, gehört auch zu den schlechten Zeiten Carla Brunis, und doch überwiegen die guten bei weitem.Ihre Herkunft ist patrizierhaft fast bis zum Komischen. Castagneto Po heißt ihr Elternhaus, eine Villa, erbaut im elften Jahrhundert, ihre Kindheit fand statt im Piemont zwischen alter Kunst und erlesenen Antiquitäten, gesammelt vom steinreichen Vater, der zwar eigentlich Industrieller war, aber in seiner freien Zeit Opern komponierte, die selbst an der Mailänder Scala gespielt wurden. Die Mutter Marisa, eine Konzertpianistin, füllte die Räume mit ihrer Musik, und ab und an schauten Gäste vorbei, aber nicht irgendwelche, bei Bruni Tedeschis waren Maria Callas und Herbert von Karajan gern gesehen.Anfang der siebziger Jahre, als sich Italien vor den Roten Brigaden ängstigte, ging die Familie ins Exil nach Paris. Carla, damals fünf Jahre alt, erlebte den Abschied als schmerzlichen Bruch. Später durfte sie sich trösten lassen an einem Schweizer Internat, das anschließende Studium an der Sorbonne brach sie schnell ab, um sich ganz dem Model-Beruf zu widmen: eine 19-jährige Frau am Beginn einer strahlenden internationalen Karriere.Der Laufsteg, die Werbung, das Leben und Arbeiten in totaler Öffentlichkeit, die Existenz als Objekt und Projektionsfläche für die Träume und Sehnsüchte Fremder, sie schaffen eine erkennbare Verbindung zwischen Bruni und Sarkozy. In einem Interview mit "Paris Match" im Januar vergangenen Jahres sagte sie, befragt nach dem mäßigen Erfolg ihrer zweiten, englisch gesungenen Platte: "Es ist mir lieber, dass jemand Gemeinheiten über mich sagt, statt gar nichts zu sagen. Indifferenz ist das Schlimmste." Und, noch besser, in der "Elle": "Ich brauche es so sehr, dass man mich sieht, dass mir alles andere egal ist."Wer Gemeinsamkeiten zwischen den Liebenden sucht, wird spätestens an dieser Stelle fündig. Vielleicht sind sie doch kein so unmögliches Paar, wie es zunächst den Anschein hat. Vielleicht sind sich zwei "Kinder des Fernsehzeitalters" begegnet und haben sich tief in die wunden Seelen geschaut, in denen sich ein exhibitionistischer Zwang sublimiert, wer weiß. Im präsidialen Alltag wird das Paar, solange der Trauschein nicht ordentlich bei den Papieren liegt, so oder so ein Spießrutenlaufen erleben.Schon anlässlich der Ägypten-Reise zeterten Abgeordnete über das unschickliche Paar, und in Indien, wo sich Sarkozy diese Woche als Staatsgast angemeldet hat, hört man von großer Nervosität beim dortigen Protokoll, weil niemand weiß, wie mit der Geliebten eines Staatschefs umzugehen sei. Auch wird schon jetzt die Delikatesse des Besuchs bei der britischen Queen erörtert, die Sarkozy im März im Buckingham Palace empfangen will. Es steht indes zu vermuten, dass die Queen, in derlei Dingen weiß Gott hart geprüft, einen Weg finden wird, auf dem nicht allzu viel Porzellan zerbrechen kann.Wird Carla Bruni zum Störfall der französischen Außenpolitik? Bislang erledigte das Nicolas Sarkozy im Alleingang. Während sich Chirac nur hin und wieder zu Staatsvisiten aufraffte, reist der neue Präsident als "Speedy Sarkozy" um die Welt wie ein Rockstar auf Tournee. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass er in London,in Madrid, in Berlin, in Warschau, in Kairo gesehen worden wäre. Und verreist er nicht selbst, dann lädt er sich interessante Gäste ein, wie jüngst Muammar al-Gaddafi.Für den jahrzehntelang geächteten Revolutionsführer Libyens wurde die Visite in Paris zur langerhofften moralischen Rehabilitierung auf internationaler Bühne - für Sarkozy ein fünf Tage sprudelnder Quell der Peinlichkeiten.Der Operetten-Scheich führte ein Stück auf, das seinen Gastgeber zum Statisten degradierte: Gaddafi reiste im Gefolge von 400 Begleitern und mit einem Wagenpark von 100 Limousinen an, der Garten des noblen Stadtpalais Marigny musste als Zeltplatz herhalten. Als der Wüstensohn durch den Louvre hastete oder auch nur zum Shopping aufbrach, wurden Straßen, Brücken und Gebäude weiträumig gesperrt, als hätten sich alle G-8-Chefs auf einmal zum Lunch bei Sarkozy angekündigt.Der pompöse Empfang gehörte offenkundig zum obskuren Deal um die Freilassung der bulgarischen Gefangenen, und wäre nicht Rama Yade gewesen, die Staatssekretärin im Außenministerium, so hätte niemand den Mund aufgemacht angesichts der königlichen Behandlung eines Staatsgasts, der gestern noch Terrorist gerufen wurde. "Unser Land", sagte sie, "ist keine Fußmatte, auf der ein Führer seine Füße vom Blut seiner Verbrechen reinigt." Sie klang wie Sarkozy zu Wahlkampfzeiten. Nur pfiff sie der Sarkozy im Amt nun scharf zurück.Lauwarm verteidigte er den Besuch mit dem Hinweis auf Absatzmärkte und Arbeitsplätze, und er brüstete sich noch damit, dem Oberst Verträge über Geschäfte im Wert von "rund zehn Milliarden Euro" abgehandelt zu haben, darunter auch Kampfjets für Libyen und ein bisschen - zivile - Nukleartechnik.Überhaupt: die neue Atompolitik. In seiner kurzen Amtszeit hat der Präsident nicht nur mit Libyen, auch mit Algerien bereits einen Kooperationsvertrag über die nukleartechnische Zusammenarbeit geschlossen - was vielen Außenpolitikern diesseits und jenseits des Atlantik den Schlaf raubt. Wann immer sich Sarkozy ins Ausland aufmacht, fragen sich Europas Diplomaten: Was kommt jetzt wieder?Von Beginn an hat er sich provokativ von Frankreichs außenpolitischen Traditionen abgewandt. Wo Chirac - vor allem seit dem Irak-Krieg - die Distanz zu Washington betonte, überhäuft Sarkozy den Amtskollegen George W. Bush mit Komplimenten, sehr zum Missfallen der Mehrheit der Franzosen. Wo Chirac stets streng aufs Protokollarische achtete, vermischt Sarkozy fröhlich Privates mit Politischem, wenn er etwa, aus jenem Sommerurlaub in Wolfeboro, einen Abstecher zum Picknick auf dem Sommersitz von Bush in Kennebunkport macht.Er ist ein notorischer Duzer, das Sie ist ihm fremd, ein großer Schulterklopfer und Armdrücker, und so verstand er sich auf Anhieb mit Russlands Präsident Wladimir Putin allein schon durch die Körpersprache. Bei ihrer ersten Begegnung während des G-8-Gipfels in Heiligendamm sah man die beiden bald witzelnd am Handy, und auch diese Bilder fanden die Franzosen zu Hause nur schrecklich-schön.Zwar haben sie nichts dagegen, dass ihr Präsident auf Augenhöhe mit den Staatenlenkern der Welt verhandelt, Kumpanei aber, und zumal mit einem wie Putin, ist ihnen doch befremdlich. Musste es sein, dass Sarkozy dem neuen russischen Freund zu "seinem Wahlsieg" gratulierte? Während der Rest der Welt die Wahl als undemokratisch, wenn nicht als faul verurteilte?Im Wahlkampf hatte Sarkozy das Bild von Frankreich als dem Hort der Menschenrechte noch in jeder zweiten Rede bedient. "Nur weil China und Russland sehr große Mächte sind", so stand es in seinen Redetexten, "darf man sich nicht versagen, die Verletzung von Menschenrechten anzuprangern." Kaum im Amt, hat der Präsident derlei moralischen Ballast abgeworfen und macht Realpolitik - sehr gern im Alleingang und ohne Rücksicht auf Europa und erst recht achtlos gegenüber dem deutschen Partner.Natürlich, in den Schaufenstern der Völkerfreundschaft werden die Versicherungen gegenseitiger Wertschätzung weiterhin ausgestellt - und das wird auch in dieser Woche nicht anders sein, wenn 45 Jahre deutsch-französischer Freundschaftsvertrag zu kommentieren und zu feiern ist. Doch hinter der Fassade kracht es im Gebälk. Sarkozys überdimensioniertes Ego und sein nassforscher Geltungsdrang sorgen für andauernde Irritation.Schon bei seiner ersten EU-Gipfelteilnahme in Brüssel spielte sich Sarkozy maßlos in den Vordergrund und reklamierte den Durchbruch bei der EU-Verfassungsdebatte als Erfolg seines persönlichen Nachteinsatzes. Wenn es ihm innenpolitisch gerade passt, rügt er nach außen die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, oder er schert gleich ganz weit aus mit nicht abgestimmten Drohgebärden Richtung Teheran. Vergangene Woche überraschte er die Welt mit neuerlichem Lob für Putin und dessen konstruktive Rolle beim Versuch, Irans Nuklearpläne zu stoppen - eine Aktion, die Berliner Diplomaten als Sabotageversuch gegen geplante Uno-Sanktionen vorkommt.Nach mildem Spott über den nimmermüden "Duracell-Präsidenten", wie Merkel Sarkozy genannt haben soll, macht sich in Berlin jetzt Ärger über den Pariser Solisten breit. Im Juli will er in Paris, allen Bedenken der EU zum Trotz, die "Mittelmeer-Union" vom Stapel lassen. Der bunte Club aus zwei Dutzend Staaten soll sich um Lösungen für Umwelt-, Erziehungs- und Energiefragen verdient machen, aber das ist eigentlich schon vorab eine Ente.Die faszinierende Kopfgeburt des Präsidenten hat keinerlei Aussicht auf Erfolg. Erzfeinde wie Marokko und Algerien, Israel und Syrien dürften sich selbst bei harmlosen Nebensachen sofort und dauerhaft blockieren. Aber wer wird danach fragen, wenn sich Frankreichs Staatschef bei der feierlichen Gründungskonferenz als visionärer Brückenbauer zwischen Europaund Nordafrika präsentieren kann? Und wenn die Botschaft von der wiedererstarkten, großen, wenn nicht gleich Grande Nation in alle französischen Wohnzimmer flimmert, wo Sarkozys eigentliche Zielgruppe sitzt?Beharrlich sucht er nach Gelegenheiten, seine Tatkraft unter Beweis zu stellen. Anfang November bot sich eine neue, als die Repatriierung französischer Journalisten anstand, die mit den dubiosen Helfern von "L'Arche de Zoë" im Tschad festgehalten worden waren. Sarkozy arrangierte den Heimflug als dramatische Rettungsaktion. Ausgestellt müde und glücklich kam der Präsident in der Heimat an, im Gesicht einen Ausdruck wie: mission accomplished.Keine Allianz im Auswärtigen ist ihm zu schal, solange sich mit ihr im Inland punkten lässt. Er schüttelt die Hände übelster afrikanischer Diktatoren, und beim Bemühen um die Befreiung von Ingrid Betancourt aus dem kolumbianischen Dschungel machte er sich jovial mit seinem venezolanischen Amtsbruder Hugo Chávez gemein - und verhalf auch ihm zu internationalem Ansehensgewinn. In direkter Ansprache von Mann zu Mann forderte er den Rebellenführer der Farc im Radio zum Einlenken auf - als wäre so jemals eine Geisel, egal in welchem Erdteil, zu retten gewesen.Die Außenpolitik, sie ist nur ein exotischeres Szenenbild im Zirkus Sarkozy. Am Ende wird alles als Erfolg verkauft, was Aufträge und Arbeitsplätze bringt. Aus Peking brachte Sarkozy den Abschluss über die Lieferung zweier Druckwasserreaktoren und einen Airbus-Deal mit, Wert: 20 Milliarden Euro. In Abu Dhabi, wo Frankreich bald bis zu 500 Soldaten stationieren wird, um sich als Schutzmacht am Golf zu inszenieren, stand er als Pate dabei, als EADS-Thales Millionenverträge aushandelte. Und in Katar fädelte er ein 470-Millionen-Geschäft für den Atomanlagenbauer Areva ein. Realpolitik, sie wird in Sarkos medial-virtueller Welt aus Fotos gemacht, und aus guten Nachrichten, die sich gut filmen lassen."Téléprésident" heißt ein eben erschienenes Buch, und der Titel ist zugleich These. Die Autoren beschreiben "eine neue Figur der politischen Vermarktung", und natürlich ist ihr Name: Nicolas Sarkozy. Auf ihn kommen noch reichlich gute Zeiten, schlechte Zeiten zu, sie sind das täglich Brot der Magazine, und kaum je war ihr Tisch in Frankreich so reich gedeckt wie in diesen Monaten und Wochen.Der Präsident ist verliebt. Der Präsident lässt sich scheiden. Der Präsident hat eine neue Uhr. Trägt der Präsident einen Ehering? Und welche Anzugmarke? Der Präsident - ist Nicolas Sarkozy. Und seine Frau, auf Zeit, für immer - ist jetzt Carla Bruni. Sie besetzen die Hauptrollen im temporeichsten Boulevardstück, das seit langem auf Frankreichs Bühnen gespielt wurde. Aber das Publikum weiß noch nicht, ob es ihm wirklich gefällt.