Titel "Obszönes Gehabe"
SPIEGEL: Sarkozys neue Liebschaft bewegt Frankreich: eine Privat- oder eine Staatsaffäre?
Onfray: Sarkozy betreibt damit praktisch die Abschaffung der Fünften Republik, denn er verengt seine Rolle auf die eines Monarchen. Es geht zu wie bei Hofe - das Publikum erlebt Morgentoilette, Mittagessen und Abendbrot, die Szenen seiner Ehe, seine Scheidung, seine Affären - und das Volk hat keine Möglichkeit einzugreifen.
SPIEGEL: Steht der klare Wahlsieg nicht für den Bruch mit dem Stillstand seines Vorgängers?
Onfray: Nach zwölf Jahren an der Macht hatte Chirac viele seiner Landsleute und selbst manche seiner Anhänger ermüdet. Gewiss wollten die Franzosen den Generationswechsel und einen lockereren Regierungsstil - nicht aber das haltlose, obszöne Gehabe von Sarkozy.
SPIEGEL: Erwartet die wertkonservative Mehrheit von ihrem Präsidenten noch immer, dass er das Amt vor allem mit Würde ausfüllt?
Onfray: Zumindest mit einem gewissen politischen Esprit. Wenn wir aber mit einer Person konfrontiert sind, die weder Niveau noch historisches Bewusstsein hat, kein Gespür für die Vergangenheit, keine Vision der Zukunft - dann haben wir ein Problem.
SPIEGEL: Färbt die bewegte Vergangenheit des Ex-Models Carla Bruni auf das Prestige von Nicolas Sarkozy ab?
Onfray: Bruni ist ein weiblicher Don Juan: Die Liebe, sagt sie, beschränkt sich auf bestenfalls drei Monate, sie bekennt sich öffentlich zur Polygamie, und zur Liste ihrer illustren Liebhaber zählen Minister der Linken wie Rechten, Unternehmer wie Rockstars.
SPIEGEL: Keine dauerhafte Beziehung für den Präsidenten also?
Onfray: Bruni sammelt Männer, und Sarkozy ist so größenwahnsinnig zu glauben, dass die Serie jetzt zu Ende geht, weil Bruni mit ihm nun endlich den richtigen Partner für eine dauerhafte Beziehung gefunden hat - vielleicht dauert sie ein Jahr.
SPIEGEL: Ist die Haltung der Medien - moralische Aufregung und detailliertes Ausbreiten der Affäre - verlogen?
Onfray: Dahinter verbirgt sich eher das Ende der Politik. Wir haben eine Rechte, die wie die Linke denkt, und umgekehrt: Die Sozialistin Ségolène Royal singt ebenso wie Nicolas Sarkozy das Hohelied der wirtschaftlichen Liberalisierung - was nicht in dieses Konzept passt, wird klaglos gestrichen. Übrig bleiben die Anekdötchen um Heirat, Liebhaber und heimliche Liaisons. Ein Ablenkungsmanöver: People statt Politik.
SPIEGEL: Hat der Präsident, wie er sagt, nicht "ein Recht auf Glück"?
Onfray: Gewiss, aber Glück muss man sich auch verdienen. Sarkozy benutzt Menschen wie ein Machiavellist, als Objekte oder Staffagen. Er instrumentalisiert sie einzig für seine Ziele - erst mit der Absicht, an die Macht zu kommen, dann, um an der Macht zu bleiben.