TV-Trash Maden in Germany
An einem Moppel-Ich wie Dirk Bach perlt so etwas wie Niveau glatt ab. Es geht quasi den Bach runter, würden seine Autoren vielleicht schreiben. Selbstironie ist hier draußen im australischen Dschungel Programm. Mindestens eine Live-Stunde täglich. Auf RTL.
Es ist Freitag früh vergangener Woche, 8.25 Uhr australischer Ortszeit, und dieser lustige Roll- bis Schmollmops hat mit seiner Kollegin Sonja Zietlow gerade die neueste Ausgabe des RTL-Dschungelcamps "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" moderiert. Beide würden schon jetzt gern eine vierte Staffel dekorieren, die aber noch nicht beschlossen ist.
"Ich habe viel Freude daran", gackert Bach, der davor wieder einmal aussah wie eine Mischung aus Urmel und Disco-Kugel, während unten im Camp zehn bislang weitgehend unbekannte "Stars" vor sich hin vegetierten. Die Ex-Schlagergröße Bata Illic dämmerte im Wachkoma. Trotz sorgfältiger Vorbereitung ertrank ein gewisser DJ Tomekk nicht beim Ausstieg aus einem absaufenden Geländewagen. Die Ex-Schauspielergattin Barbara Herzsprung lief sich die Füße schrundig. Und das Ex-Pornosternchen Michaela Schaffrath sah aus, als wäre sie ihr eigener kleiner Bruder.
Alles sehr Ex hier. Ex-trem erfolgreich.
Natürlich gibt es kein richtiges Leben in einem derart falschen. Aber manchmal taugt dieser Dschungel mit all seinen absurden Inszenierungen, Lügen und Langweilern eben auch für Momente überraschender Selbstreflexion. Etwa als die Kandidatin Lisa Bund Anfang vergangener Woche ihren großen Heulauftritt hatte.
Seit sie vor einem Jahr bei "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") rausflog, versucht sie, ihren überschaubaren Bekanntheitsgrad und die noch kleinere Gesangskarriere zu konservieren. So landete sie nun im Dschungelcamp und muss mit anderen Lemuren des Showgeschäfts eine Art Freiluft-WG-Theater aufführen. Sie darf den Mund vollnehmen - aber bitte vor allem mit Kakerlaken oder Mehlwürmern.
Frau Bund weinte dann Rotz und Wasser: "Ich hab versuchen wollen, dass die Leute mich lieben wegen meiner Musik. Und das hat alles nicht so funktioniert, wie ich es wollte. Und jetzt muss ich hierherkommen, um den Leuten was zu beweisen, verstehst du?"
O ja, wir haben verstanden. Und auch Frau Bund scheint zu dämmern: Sie ist jetzt einerseits ganz oben, weil Akteurin in der aktuell erfolgreichsten Show des deutschen Privatfernsehens. Zugleich ist sie ganz unten, weil kaum ein anderes Format Menschen derart lustvoll-schäbig der Lächerlichkeit preisgibt wie diese Art von Sozialstarwinismus.
Frau Bund ist 19 Jahre alt. Wenn man diese junge Frau so sieht, wird Jugendkriminalität zu einer zumindest nachvollziehbaren Alternative. RTL hat Lisa Bund erfunden, RTL trampelt nun auf ihr herum. Beides vor Millionenpublikum.
Das wäre nicht weiter wichtig, wenn sie nicht durchaus exemplarisch dafür wäre, wie sich das deutsche Privatfernsehen mit ihrer Hilfe fröhlich selbst zerlegt - professionell und gewinnbringend, denn die Quoten des Dschungelcamps sind enorm.
Der Sender bemüht sich zwar zu erklären, dass eben nicht die Massen des IQ-Prekariats zuschauen, sondern eigentlich nur noch Nobelpreisträger aufwärts.
Aber das ist erstens vor allem dem CDU-Ministerpräsidenten Günther Oettinger geschuldet, der diverse Kanäle jüngst als "Scheiß-Privatfernsehen" beschimpft hat. Zweitens ist eine andere Zahl viel interessanter. Je jünger die Zielgruppe, umso größer das Dschungelcamp-Interesse.
Bei den unter 20-Jährigen sind die Buschtrommler quasi Pflicht. Es ist die komplette Generation Lisa, die "Stars" gar nicht mehr anders kennengelernt hat denn als stetig wachsenden Haufen grenzdebiler Kurzzeit-Promis mit Woher-kenn-ich-bloßdas-Gesicht.
Das Privatfernsehen erfand und befeuerte diesen Trend. Es muss Geld verdienen. Geld bringt nicht die lange und mühsame Pflege eines Talents, sondern das Prinzip: günstiger Einkauf, schneller Verkauf, Wiedererkennung durch Dauerpräsenz, in der auch noch so alltägliche Leben als Endlos-Seifenoper inszeniert werden können.
So wurde einst aus Verona Feldbusch eine frühe Marke und aus "Big Brother" ein erster Publikumserfolg, der zugleich das Missverständnis nährte, die Zuschauer würden sich ihre Stars fortan selbst machen. Erschaffen werden aber vor allem Karikaturen. Die Zuschauerauslese hat nichts mit Demokratisierung zu tun, sondern mit der effizienten Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette.
Folglich fängt die Arbeit heute schon beim Casting an, um das herum die Sender ein komplettes Genre gezimmert haben, das von "Popstars" auf ProSieben bis zu "DSDS" auf RTL reicht. Es zeigt Menschen der Generation Lisa, die für ein bisschen TV-Ruhm jede Demütigung ertragen und von Einpeitschern wie Dieter Bohlen schnell verinnerlicht bekommen, dass das Hochkommen und Obenbleiben ein ewiger Kampf ist, für den man seine Menschenrechte tunlichst an der Studiogarderobe abgeben sollte. Die Sender zeigen die Mühsal, die Erniedrigungen, Tränen und Verlogenheit.
Das Dschungelcamp ist der Gegenentwurf. Es ist das Abklingbecken und zugleich die Wiederaufbereitungsanlage für jenen völlig verstrahlten TV-Bodensatz bisweilen tragischer Ex-Irgendwasse, die hier eine Chance zu Rückkehr und Resozialisierung oder zum Total-Aus erhalten.
Carlo Thränhardt war auch schon ein Ex, als er vor vier Jahren ins erste Dschungelcamp zog, aber ein vergleichsweise noch bekannter. Der Ex-Hochsprungstar hatte damals allen Ernstes gedacht, RTL sei der Sportsgedanke wichtig, der Teamgeist, die Idee, dass bei den täglichen Prüfungen die Stärken der einen die Schwächen anderer Kandidaten ausgleichen könnten.
Thränhardt kam glimpflich davon. Er musste keine Känguru-Hoden essen oder sich mit Kakerlaken und Maden überschütten lassen. "Dass ich dabei war, hat das Publikum schnell wieder vergessen. Schwamm drüber! Als soziologisches Experiment war's dennoch eine interessante Erfahrung", sagt er heute. "Aber dass jemand da auch heute noch einsteigt, wo auch der Letzte weiß, was an Wahnsinn auf ihn zukommt, verstehe ich ehrlich gesagt nicht."
Dabei ist es ganz einfach: Formate wie das Dschungelcamp werden für eine wachsende Zahl von TV-Gesichtern die Endstation Sehnsucht. Die Zahl derer, die noch über eine Art Restwürde verfügen, sich zu verweigern, nimmt ab. Die Zukunft gehört Geschöpfen wie Lisa Bund oder deren Co-Kandidaten Ross Anthony. Ross wer?
Er war Mitglied der bei "Popstars" gekürten Band Bro'Sis, die sich längst zerlegt hat. Die Generation Lisa kennt ihn. Ross ist 33, weint viel, hält sich im Camp an seinem scheddrigen Teddybär fest und dürfte vor zwei Jahren die erste Therapie benötigt haben. Es ist tragisch, ihm dabei zuzusehen, wie er sich im Dschungelcamp endgültig zum tuntigen Volltrottel abstempeln lässt. Aber genau deshalb ist die Show auch große Unterhaltung.
Weil sie mit allen Inszenierungstricks alle Instinkte anspricht: von Voyeurismus und Schadenfreude über die Grusellust am Ekel bis zu schierem Mitleid. Ideal übrigens für Stammtische wie Medienjournalisten: Die einen begeistert Kandidatin Isabel im Schleimbad. Die andern freut es, wenn DJ Tomekk und Ross sich einander das Herz ausschütten und die Regie die Musik des Schwulendramoletts "Brokeback Mountain" drunterlegt.
Das Dschungelcamp ist mal anarchisch und subversiv, mal plump und zugleich selbstzerstörerisch. Weil das Privatfernsehen darin den Starkult banalisiert, den es doch so braucht. Weil es den eigenen Ereignischarakter aushöhlt, wenn es doch nur noch Verlierer produziert. Weil es die Verlogenheit des Mediums zelebriert, als gäbe es kein Morgen.
In rund zehn Jahren wird die Riege der letzten echten Fernsehstars in der Jauchschmidtgottschalk-Kategorie allmählich abtreten. Sie werden ersetzt von einem Heer verhaltensgestörter Kurzzeit-Freaks, Zielgruppen-Ikönchen und Nischen-Berühmtheiten. Ab Mittwoch dieser Woche wird das Reservoir weiter gefüllt werden, denn dann beginnt die neue Staffel von "Deutschland sucht den Superstar". RTL verspricht sich auch davon viel. Aber ganz sicher keinen Star.