Peking Mach mit und sei glücklich!
Vor der Einfahrt zum Olympic Tower steht ein Mann auf einem kleinen Podest. Er trägt eine grau-grüne Uniform mit weißem Gürtel und schwarzen Handschuhen, in seinen Händen hat er zwei Fahnen, rot und grün, die er schwenkt wie ein Artist im Staatszirkus. Lustig sieht das aus, aber er guckt streng wie ein Volksarmist. Grün gibt die Einfahrt frei, Rot verwehrt sie. Meistens schwenkt er Rot. Niemand darf einfach so hinein in die Zentrale des Pekinger Organisationskomitees.
Hinter dem Wachmann ragt der gläserne Turm in den Himmel. 19 Stockwerke hoch, gelegen am Vierten Stadtring Pekings, davor hängen die Fahnen Chinas und des Olympischen Komitees im Smog. An der Fassade ist das Emblem der Spiele befestigt, eine laufende Figur auf rotem Grund, es erstreckt sich über mehrere Stockwerke. Die Lobby hat die Dimension einer Sporthalle: Metalldetektoren am Eingang, ein wuchtiger Empfangstresen, daneben, groß wie eine Kinoleinwand, die Wand mit den Emblemen der Partner und Sponsoren. McDonald's und China Mobile, General Electric und Bank of China, VW und Air China, die Logos von 48 Unternehmen. Die Wand repräsentiert 1,5 Milliarden Euro. Alles ist gigantisch. Alles glitzert. Alles muss unter Kontrolle sein.
200 Tage noch.
Der Olympic Tower ist das Herz und das Hirn dieser Spiele. Hier arbeiten die Funktionäre, abkommandiert aus den staatlichen Sportkomitees, der Stadtverwaltung, dem Staatsrat, der Partei, den Nachrichtenagenturen, den Universitäten. Sie erwarten fast 17.000 Aktive und Offizielle aus 205 Ländern. Sie müssen 302 Wettbewerbe in 28 Sportarten organisieren. Sie werden es mit mehr als 20.000 Journalisten aus dem Ausland zu tun haben, die es gewohnt sind, dass man ihre Fragen beantwortet. Sie schreiben die Einsatzpläne für 100.000 freiwillige Helfer, die 500.000 Touristen durch eine fremde Stadt leiten sollen. Sie haben 38 Milliarden Dollar ausgegeben, 20 Wettkampfstätten neu gebaut, U-Bahn-Schächte durch die Stadt gegraben. Alles läuft hier im Olympic Tower zusammen. Alles muss perfekt sein.
Das Problem ist nur, dass die Welt und die Partei unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was perfekt ist.
Die Wolken über Peking dürfen nicht regnen im regenreichen August. Der Smog muss verschwinden. Taxifahrer sollen Englisch sprechen, Passanten nicht mehr spucken und Hostessen immer lächeln. Die Polizei hat den Befehl, Demonstrationen aufzulösen, am besten so, dass es niemand mitbekommt. Die Zuschauer sollen jubeln während der Spiele, aber nicht zu laut, weil das an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin erinnern könnte. Und Chinas Sportler müssen so viel Gold holen wie möglich, aber nicht so viel, dass es peinlich wird.
Das Land, in dem die Kommunistische Partei seit fast 60 Jahren herrscht, soll sich offen und modern präsentieren, stolz und freizügig. Was die größte aller Aufgaben ist.
200 Tage sind es diesen Montag noch, und Deng Yaping ist im Organisationskomitee dafür verantwortlich, dass mehr als 10.000 Sportler perfekt wohnen, perfekt essen, perfekt leben. Das ist der einfache Teil ihres Jobs.
Deng Yaping, in den neunziger Jahren die weltbeste Tischtennisspielerin und heute Vizedirektorin des olympischen Dorfs, ist auch so etwas wie eine Botschafterin der Spiele. Als das IOC 2001 die Spiele nach China vergab, war sie eine Sprecherin ihrer Delegation. Als 2003 das Logo vorgestellt wurde, stand sie gemeinsam mit dem Hollywood-Star Jackie Chan auf der Bühne. Sie ist so populär wie Franz Beckenbauer in Deutschland. Sie hat bei den Spielen in Barcelona und Atlanta viermal Gold gewonnen, neunmal wurde sie Weltmeisterin. Vor fünf Jahren hat man sie zu Chinas Sportlerin des 20. Jahrhunderts gewählt. Seit 1997 gehört sie zum IOC, sie hat in Nottingham in England Geschichte studiert, in Cambridge Wirtschaftswissenschaft und sitzt gerade an ihrer Doktorarbeit, Thema: Olympic Branding. Weltläufig und vorzeigbar, das ist Deng Yaping, nur 1,50 Meter klein, aber sie fühlt sich groß genug für ihren Job.
Deng empfängt im elften Stock, in einem Besprechungsraum, durch dessen Fenster man in ein Großraumbüro sehen kann, Stellwände, Kaffeemaschinen, Computer. Hier drinnen glitzert nichts mehr. Sie trägt eine rote Cordhose und dunkelrote Pumps, um den Hals ein Burberry-Tuch.
Sie wurde 1973 in Henan, einer Provinz im Landesinnern, geboren, da war China eine der ärmsten Nationen der Welt, isoliert, von innen abgesperrt, zerstört durch Maos Kulturrevolution. Als sie mit fünf mit dem Tischtennis begann, verkündete der Reformer Deng Xiaoping die Öffnung zum Kapitalismus. Mit neun gewann sie ihre erste Provinzmeisterschaft, aber die staatlichen Trainer glaubten, sie sei zu klein. Sie hat täglich acht Stunden lang trainiert. Wenn sie spielte, sah sie aus wie ein hüpfender Pingpongball mit Armen und Beinen. "Ich schlug schneller und rannte mehr, ich habe hart gearbeitet", sagt sie. "Ich wusste: Wenn ich erfolgreich bin, steht mir ein gutes Leben bevor."
Als sie 1989 das erste Mal Weltmeisterin wurde, zerschlug das Militär auf dem Tiananmen-Platz den Aufstand der Studenten. Und als sie 1999 mit dem Sport aufhörte, war China schon längst auf dem Weg zur Großmacht. Sie ist ein Kind der Kommunistischen Partei, der sie alles verdankt, ihren Reichtum, ihr Studium im Ausland, ihren Ruhm. Deng darf alles, was ihre Eltern nicht durften. Sie kann arbeiten, wo sie will, reisen, wohin sie will, und besitzen, was sie sich leisten kann. Es gibt keinen Grund für Deng, an irgendetwas in ihrem Leben zu zweifeln.
Wenn das Außenministerium anlässlich der Olympischen Spiele zum Tag der offenen Tür einlädt, steht sie mit ihrem Minister an der Platte und spielt gegen die Botschafter Großbritanniens und Griechenlands. Sie ist auch Abgeordnete in der Politischen Konsultativkonferenz, einem Beraterparlament, in dem Vertreter der Blockflötenparteien sitzen und prominente Wissenschaftler und Sportler. Am Neujahrstag hat Präsident Hu Jintao eine Rede vor Vertretern der Konsultativkonferenz gehalten. Er sprach, wie er es seit Jahren tut, von der harmonischen Gesellschaft, die das Land brauche, von der großartigen Reform, die China in den vergangenen 30 Jahren erlebt habe, und auch von dem Kampf gegen die Fehler. Und dass man unbeirrbar an diesem Kurs festhalten müsse.
Geheimnisvolle Menschen mit geheimnisvollen Biografien
"Meine Arbeit in der Konsultativkonferenz", sagt Deng, "besteht unter anderem darin, Vorschläge für Verbesserungen zu machen. Wir haben zum Beispiel durchgesetzt, dass Passagiere die Flughafengebühren nicht mehr extra zahlen müssen, sondern dass diese auf den Preis der Tickets geschlagen werden. Meine Güte, was war das früher für eine fürchterliche Drängelei vor dem Schalter."
Deng glaubt an das, was sie sagt. Und an das, was sie nicht sagt. Sie ist niemand, mit der man über Tibet oder Menschenrechte redet. Wenn ausländische Reporter mit einfachen Leuten sprächen, die kein politisches Bewusstsein haben, könnten Dinge leicht übertrieben werden. Journalisten sähen China durch eine "gefärbte Brille".
Fest in der Hand der Bürokraten
Sie ist stolz auf Veränderungen in ihrem Land, sie hofft, dass die Olympischen Spiele ihr Land weiter öffnen werden. "Zum ersten Mal", sagt sie, "müssen die unterschiedlichen Ministerien und Behörden miteinander kommunizieren."
Das holt keine Menschenrechtler aus dem Gefängnis und erhöht nicht die Löhne der Wanderarbeiter, aber in einem Land der konkurrierenden Bürokratien ist Kommunikation schon ziemlich viel. Regierung, Armee, Verwaltung machen ihre eigenen Regeln, ihre eigene Politik. Nun sind sie sogar angehalten, mit Nichtregierungsorganisationen zu sprechen.
Die Führung des Pekinger Organisationskomitees ist fest in der Hand dieser Bürokraten. Liu Qi heißt der Präsident. Ihm zur Seite stehen eine Vizepräsidentin, drei geschäftsführende Präsidenten, acht stellvertretende geschäftsführende Präsidenten und vier geschäftsführende Mitglieder des Präsidiums. Geheimnisvolle Menschen mit geheimnisvollen Biografien, die Herren tragen Seitenscheitel, die Damen Dauerwelle. Eine ziemlich düstere Truppe, eine Welt der Stellvertreter.
Liu Qi ist dafür zuständig, die Parolen auszugeben. Sie klingen, als seien sie von einem chinesischen Alltagslyriker erdacht, der heimlich westliche Motivationsbücher gelesen hat. Im vergangenen Jahr gab es eine Kampagne, die Pekings Bürger lehren sollte, sich in Schlangen anzustellen, Straßen und Plätze sauber zu halten und bei Besuchen der olympischen Wettbewerbe fremde Sportler nicht unflätig zu beschimpfen. Der Slogan für die Kampagne hieß: "Die Spiele willkommen heißen, gute Manieren betonen, neue Haltungen fördern - ich mache mit, ich bringe mich ein, ich bin glücklich."
Der einzige Amerikaner im Oragisationskomitee
Die Welt wird hier in Gremien und Versammlungen, in Ausschüssen und ständigen Komitees geleitet, geplant und kontrolliert. Niemand erfährt, wann sie tagen und was besprochen wird. Anfang des Jahres hat Liu Qi auf der Vollversammlung des Organisationskomitees die Richtlinien für die nächsten Monate ausgegeben. Eine der Hauptaufgaben sei es, die internationale Kommunikation zu verbessern und eine positive öffentliche Meinung zu schaffen in China und der Welt. Auch das ein gigantisches Projekt. Ein Staatsapparat und dessen Funktionäre, die seit Jahrzehnten wie ein Geheimbund herrschen, sollen plötzlich Transparenz zeigen.
Deswegen arbeiten beim Organisationskomitee Leute wie Jeff Ruffolo, einer von 30 Ausländern. Auf seiner Visitenkarte steht: Senior Expert. Er ist PR-Berater im olympischen Medienzentrum und der einzige Amerikaner im Organisationskomitee. Er war früher als Sportreporter für CNN bei Olympischen Spielen, zuletzt hat er PR gemacht für eine chinesische Fluglinie. Bis er angestellt wurde, brauchte es zwölf Bewerbungsgespräche, nun arbeitet er im Herzen der chinesischen Dunkelheit.
Er kommt aus Los Angeles, ist knapp fünfzig Jahre alt und ein wenig rundlich. Teil seines Jobs ist es, die Presseerklärungen für das Ausland zu verfassen, also kommunistische Verlautbarungslyrik in nachrichtliches Englisch mit klaren Botschaften zu übersetzen. Er muss seinen Leuten im Medienzentrum den Umgang mit Journalisten antrainieren: Interviewtechniken, Hintergrundgespräche, Argumentieren statt Abwimmeln. Er muss ihnen die Angst nehmen, etwas Falsches zu sagen. Er bereitet sie auf etwas vor, von dem sie bisher nur eine dunkle Ahnung haben - die Wucht der Weltöffentlichkeit, die eben nicht zu kontrollieren ist.
Ruffolo ist der Kommunikationskanal zwischen China und der Welt. Manchmal sagt er "wir", wenn er über die Spiele und das Organisationskomitee spricht. Manchmal macht er einen ziemlich verzweifelten Eindruck. Es ist ein schmaler Grat zwischen Loyalität und Fassungslosigkeit.
"Davon wissen wir nichts"
Seit ein paar Wochen organisiert er jeden Dienstagmorgen um halb zehn ein Treffen von führenden Leuten aus dem Organisationskomitee mit Journalisten. "Getting to Know" nennt er diese Veranstaltung, angekündigt ist diesmal ein stellvertretender Direktor des Media Operations Department. 90 Journalisten sind gekommen, zwei Stunden dauert das Treffen, aber der stellvertretende Direktor sagt kein Wort, zwei Stunden lang lächelt er sanft, einmal flüstert er seinen Begleitern kurz etwas zu. Das ist alles.
Stattdessen reden zwei Kollegen, es sind ehemalige Journalisten der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua, einer hat lange aus Brüssel über die EU berichtet, der andere war Korrespondent im arabischen Raum, wo er Ausbildungslager von al-Qaida besucht hat. Die beiden sind bemüht und freundlich, sie beantworten Fragen zu den Arbeitsbedingungen, Visa; alles fühlt sich an, wie es sich anfühlen sollte.
Dann stellt ein Journalist eine Frage zu den Plänen der Regierung, eine Datei über die mehr als 20.000 Journalisten anzulegen, die man in Peking und im ganzen Land erwartet. Die Pressebehörde hatte die Erfassung damit begründet, den Missbrauch der journalistischen Tätigkeit zu bekämpfen.
Die beiden wirken ernsthaft überrascht: "Davon wissen wir nichts", sagen sie. "Wir wollen niemanden bedrohen. Unser Interesse ist es, den Journalisten zu helfen. Wir sind offen und transparent. Natürlich wollen wir das Image Chinas verbessern, aber wir haben es nicht in der Hand, dass sie nur die guten Seiten Chinas zeigen. Sie werden über das berichten, was sie sehen, was die Realität ist. Aber natürlich waren die negativen Geschichten in der Vergangenheit nicht wirklich objektiv. Unser Ziel ist es, dass sie es besser machen können."
"Baby-Steps"
Als Peking sich 2001 für die Spiele bewarb, versprach der damalige Vizebürgermeister dem IOC, dass man nicht nur die Entwicklung der Stadt fördern wolle, sondern auch die der Gesellschaft, inklusive Demokratie und Menschenrechte. Das war der Deal für die Vergabe. Ende vergangenen Jahres wurde der Bürgerrechtler Hu Jia wegen "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" in Haft genommen. Ein Anwalt wird ihm verwehrt, weil es in diesem Fall auch um Staatsgeheimnisse gehe. Hu Jia hat sich für Aidskranke und Dissidenten eingesetzt. Das halbe Jahr zuvor war er unter Hausarrest, vor seiner Festnahme sagte er, die Hoffnung, dass die Spiele Offenheit und Demokratie in China förderten, sei enttäuscht worden. Die Kommunistische Partei benutze die Spiele, um ihre Herrschaft zu legitimieren.
200 Tage noch, bis dahin wird es viele solcher Fälle geben, der Protest lauter werden, der Druck immer größer. 41 Aktivisten sollen derzeit im Gefängnis sein. Die Grenzen sind deutlich, und es ist fraglich, ob sie jemals fallen. "Wir organisieren die Spiele", sagt Ruffolo, "und äußern uns nicht zu politischen Fragen. Es ist nicht angemessen, über so etwas zu sprechen."
"Baby-Steps" nennt Ruffolo das, was er seit März vergangenen Jahres dort macht.
Er ist auch dabei, als das nationale Trainingszentrum Chinas, in dem fast alle Elitesportler für die Spiele zusammengezogen worden sind, zum ersten Mal seit Monaten wieder Journalisten hineinlässt. Auch so ein Baby-Step, aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit.
"Training ist die Basis, Innovation die Seele, Erfolg das Ziel"
Wahrscheinlich gibt es keinen anderen Ort, wo so viele Weltmeister und Olympiasieger trainieren. Jede einzelne Disziplin hat riesige Trainingshallen, die vor kurzem renoviert wurden. Die Sportler sind Staatsangestellte, sie leben in Unterkünften in der Nähe, Busse fahren sie hin und her, wie Arbeiter in eine Fabrik. 570 Sportler sollen starten, das größte Team Chinas aller Zeiten. Man darf sie betrachten wie in einem Zoo, Interviews sind nicht möglich, die Sportler dürfen nicht mal ihre Telefonnummern weitergeben.
Überall hängt die chinesische Flagge, kleben Parolen an den Wänden. "Solidarität, Demokratie, Selbstdisziplin" steht bei den Turnern, "Das Vaterland im Herzen, den Blick auf die Welt, trainiere hart und gewinne Ruhm für das Land" bei den Tischtennisspielern. In der Halle der Gewichtheber hängen neben der Fahne Chinas auch die der USA und Russlands. Sie hängen dort wie bei einer olympischen Siegerehrung, die Siegernation hängt am höchsten: China.
Sie ist sehr schön. Sie macht Werbung für McDonalds
Sport ist hier keine Unterhaltungsindustrie und nicht ökonomisiert. Sport ist etwas, das der Staat und die Partei kontrollieren. Nach sowjetischem Vorbild wurde das Land mit einem Netz von Sportschulen überzogen, in den Städten und den Provinzen. Sportler gehören dem Staat.
"Training ist die Basis, Innovation die Seele, Erfolg das Ziel" steht im Gebäude der Wasserspringer. Guo Jingjing trainiert dort in der Gymnastikhalle den Handstand. Vor vier Jahren in Athen gewann sie zwei Goldmedaillen. Sie ist neben dem Hürdenläufer Liu Xiang und dem Basketballspieler Yao Ming die populärste Sportlerin des Landes. Sie ist sehr schön, seit Athen macht sie Werbung für McDonald's und Coca-Cola, sie trägt Dior und führte das Leben eines Superstars. Funktionäre kritisierten ihren Lebensstil. Sie entschuldigte sich dann öffentlich im Fernsehen und versprach, all ihre Kraft dem Ruhm Chinas zu widmen. Vor ein paar Monaten, als sie noch Interviews geben durfte, sagte sie: "Ich mache alles, was mir das Sportministerium sagt."
Guo Jingjing wird einer der großen Stars dieser Spiele, so wie es die Aborigine-Läuferin Cathy Freeman vor acht Jahren in Sydney war. Danach will Guo ihre Karriere beenden. Vielleicht wird sie Schauspielerin oder Model. Sie wird frei sein, frei sein wie Deng Yaping, die ehemalige Tischtennisspielerin, sie wird arbeiten, was sie will, sie wird besitzen, was sie sich leisten kann, und reden, mit wem sie Lust hat.
Vor der Besichtigung hat das Sportministerium zu einer Pressekonferenz geladen. Roter Samt, gelbe Schriftzeichen, grüner Tee und graue Funktionäre auf dem Podium, Vizeminister Cui Dalin und ein paar Ministeriumsdirektoren, zuständig für einzelne Disziplinen. Der Vizeminister spricht von den Spielen als Chance, Chinas Geschichte und Kultur zu verbreiten.
Er klingt, als verkündete er ein Ernteergebnis
Der Funktionär der Turner döst zum ersten Mal kurz weg. Die Spiele, sagt Cui, seien eine Gelegenheit, die Völkerfreundschaft zu fördern. Der Turndirektor steht auf und telefoniert. Und natürlich seien die Spiele eine Bestätigung der Reformpolitik, der wirtschaftlichen Entwicklung und der sozialen Stabilität im Land. Der Turndirektor säubert sich die Fingernägel.
Dann spricht Cui Dalin über die Aussichten des "Teams China" bei den Spielen. Noch immer seien die Amerikaner überlegen, vor allem in der Leichtathletik und im Schwimmen, Disziplinen, in denen die meisten Medaillen zu holen sind. Auch Russland sei stärker. Zwar habe es beim Boxen oder Rudern gute Erfolge gegeben, aber die Leistungen der chinesischen Athleten seien noch nicht konstant. Nur im Tischtennis, Badminton, Gewichtheben, Wasserspringen und Schießen sei China Weltspitze. Er klingt, als verkündete er ein Ernteergebnis, das deutlich zurückfällt hinter den Erwartungen.
Glauben Sie denn, dass China mehr Gold holen kann als die USA?
"Unrealistisch", sagt Cui.
Sieben Monate vor Beginn der Spiele will China nicht als unbesiegbarer Gigant dastehen, als unheimliche Leistungsmaschine, mit bislang unbekannten Supersportlern, vollgepumpt mit unbekannten Drogen. Tatsächlich gilt die chinesische Anti-Doping-Agentur als eine der besseren im internationalen Vergleich. Nichts wäre peinlicher als ein Dopingfall im Team China.
In 217 Tagen sind die Spiele vorbei. Wird die Meteorologin Zhang Qiang vom Weather Modification Office es tatsächlich geschafft haben, mit ihren Granaten, gefüllt mit Silberjodid, die Wolken außerhalb der Stadt zum Regnen zu bringen? Werden Fahrverbote und Fabrikschließungen den Himmel über Peking geöffnet haben? Und Dissidenten in Freiheit erleben, wie die Welt einfällt in China?
Ren Hais Englisch klingt chinesisch
Es gibt auch Optimisten. Einer von ihnen ist Ren Hai, Soziologe an der Sport-Universität Peking. Er ist alles andere als ein Dissident. Er glaubt an sein Land, an die Partei, aber er hat die Welt gesehen. In den achtziger Jahren hat er in Ontario in Kanada studiert. Er ist jetzt 57 Jahre alt, als er 18 wurde, während der Kulturrevolution, schickten sie den Akademikersohn aufs Land, in die Provinz Gansu, drei Jahre lang musste er als Schmied arbeiten, bevor er wieder zurückdurfte. Er bekam jeden Monat 500 Gramm Fleisch. Seit 1994 ist er Professor. Er reist oft ins Ausland und hat enge Verbindungen zur Deutschen Sporthochschule in Köln. Er sagt, er hätte nie geglaubt, wie sich dieses Land in seinem Leben habe ändern können. Und: China sei das am meisten missverstandene Land auf der Welt.
Sein Englisch klingt chinesisch, sein Tee schmeckt wie warmes Wasser. Seit 20 Jahren ist er in der Partei. Er sagt: "Die Kommunistische Partei mag von außen noch so aussehen, als sei sie die alte, aber im Innern hat sie sich schon längst verändert."
Die Spiele werden China öffnen, sagt er, sie werden nicht nur ein Erbe aus Beton hinterlassen, die Stadien und die Wolkenkratzer, sondern auch ein weiches Erbe. "China wird zu internationaler Kooperation gezwungen", sagt Ren, "und lernt gerade, damit umzugehen."
Was ist eigentlich Kommunismus?
"Für mich", sagt er, "heißt Kommunismus, dass ich ehrlich bin zu meinen Studenten. Ich mag keine Propaganda."
Die Zentralregierung verliert die Kontrolle, der Kapitalismus macht, was er will. Nun kommt die Welt nach China, der Rest sieht dann jeden Tag im Fernsehen, was passiert in diesem Land. Jede Diktatur hat Angst, die Kontrolle endgültig zu verlieren.
Die weißen Flure des Instituts sind menschenleer. Draußen ist es dunkel, Smog liegt über der Stadt, am Ende der Straße schimmert eine weiße Mao-Statue. Aus Lautsprechern an den Straßenlaternen spricht eine weibliche Stimme. Sie klingt, als verkünde sie die neuesten Parolen.
Es ist das Campusradio, das jeden Abend sein Programm ausstrahlt. Die Studentin wirbt nur für eine Berufsberatung: "Hast du jemals darüber nachgedacht, ein eigenes Unternehmen zu gründen?"
Der Weg zurück ins Zentrum führt vorbei am Nationalstadion, am sogenannten Vogelnest, gebaut von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, der schönsten Sportarena seit dem Kolosseum in Rom. Das Vogelnest wird das Symbol dieser Spiele. Man kann es auf viele Arten deuten. Als Gefängnis aus Stahl. Oder als Brutstätte der Demokratie.
Niemand weiß genau, was aus dem Stadion nach den Spielen werden soll. Kein Sport in China wird diese Arena regelmäßig füllen. Es gab auch den Vorschlag, sie nach den Spielen wieder abzureißen.