Titel Harry Potter im Casino
Selbst bei der Konkurrenz genoss Jérôme Kerviel einen guten Ruf. Der Börsenhändler des französischen Bankriesen Société Générale (SocGen) galt "als netter und patenter Typ", erzählt ein Pariser Banker. "Wir wollten ihn sogar mal einstellen."
Kerviel war kein Überflieger, aber auch kein arroganter Yuppie. Kein aufgeblasener "Golden Boy", eher "ein introvertierter Typ, der mit sich selbst nicht im Reinen war", sagt ein Kollege. "Er kam nicht als Angeber rüber, sondern als ziemlich hübscher Typ à la Tom Cruise", meint ein anderer. Gegenüber den Vorgesetzten sei er ein Kriecher, "zum Händler hatte er eigentlich nicht die nötigen Voraussetzungen".
Doch vergangene Woche stieg der nette Softie mit Überschallgeschwindigkeit in den Olymp des Casinokapitalismus auf - als größter Börsenbetrüger der Geschichte. Am Donnerstag musste die SocGen bestätigen, dass man wegen der heimlichen Spekulationen des kleinen Dealers Kerviel 4,9 Milliarden Euro abschreiben muss.
"Es handelt sich hier um einen Einzelnen, der die Intelligenz besaß, allen Kontrollprozeduren zu entkommen", so SocGen-Chef Daniel Bouton, der Kerviel "ein außerordentliches Talent zur Verheimlichung" bescheinigte.
Der Chef seines Investmentbankings wurde deutlicher: Kerviel habe innerhalb der Bank eine Art "Scheinfirma" aufgebaut. Für jede seiner Aktienwetten habe er Absicherungsgeschäfte gebucht, so dass die eingegangenen Risiken nicht aufgefallen seien. Doch die Gegenschäfte seien fiktiv gewesen. Daher waren die offenen Positionen viel größer als die Zahlen auf dem Radarschirm der internen Kontrolleure.
Doch wie kann es bei einer Großbank von Weltruf zu einem solchen GAU kommen? Haben die Institute aus dem Fall Nick Leeson nichts gelernt, der 1995 die britische Barings Bank mit Fehlspekulationen ruinierte?
Offenbar konnte Kerviel, von der Pariser Notenbank als "Computer-Genie" beschrieben, ohne Mitwisser und Mittäter das gesamte interne Netz von Sicherheitsvorkehrungen glatt zerfetzen. Dabei half ihm seine Karriere innerhalb der drittgrößten Geschäftsbank Frankreichs. Denn Kerviel hatte nach seiner Anstellung im Jahr 2000 zunächst im "Middle Office" der Bank gearbeitet - einem jener elektronischen Hinterzimmer, in denen die Geldflüsse der Aktienhändler ständig überwacht werden. Hier erfuhr Kerviel vieles über Zugangscodes und Sicherheitsprogramme.
In seiner Parallelwelt mutierte er zu einer Art Harry Potter der Finanzmärkte. Ein heimlicher Magier unter seinen Händlerkollegen, der dank seiner regelmäßigen Mittagessen mit einem Kollegen aus der Kontrollabteilung stets rechtzeitig von bevorstehenden Kontrollstichproben erfahren haben soll.
Mittlerweile war er in der Bank für den Handel mit europäischen Börsenindizes zuständig. Offenbar getrieben vom Kick des Millionen-Zockens, bewegte er immer größere Beträge: 2007 zunächst mit Erfolg, denn zum 31. Dezember weist sein SocGen-Konto mit 1,5 Milliarden Euro einen geradezu astronomischen Gewinn aus.
Doch als Kerviel zu Beginn des Jahres auf den Anstieg der Börsen setzt, kommen die Verluste. Laut Händlerkreisen baute er unter anderem eine gigantische Wette auf dem deutschen Börsenindex Dax auf. Nach Schätzungen von Pariser Marktexperten soll er rund 140.000 sogenannte Dax-Futures gekauft haben. Das sind Terminkontrakte, die an der deutsch-schweizerischen Börse Eurex gehandelt werden und mit einer brutalen Unmittelbarkeit funktionieren. Erfolg und Misserfolg schlagen täglich in bar auf den Kontostand durch.
Nimmt man an, dass Kerviel bei einem Dax-Stand von knapp 8000 Punkten eingestiegen war, so galt für ihn folgende Formel: Für jeden Punkt, den der Dax über 8000 läge, würde die Börse dem SocGen-Konto am Ende des Tages 25 Euro pro Future gutschreiben. Für jeden Punkt darunter würde sie vom Konto 25 Euro abbuchen.
Da wird schnell klar: Gerät die Börse ins Rutschen, ergibt sich für den Spekulanten eine Rechnung des Grauens. Bis zum 18. Januar verlor der Dax 600 Punkte - und Kerviel vermutlich rund zwei Milliarden Euro, spekulieren Insider.
Zu diesem Zeitpunkt könnten das Riesenloch und die Überschreitung von Handelslimits der deutschen Niederlassung des Finanzdienstleisters Newedge aufgefallen sein. Die Firma wickelt für die SocGen die Eurex-Geschäfte ab. Jedenfalls erhielten die Chefs der SocGen angeblich die Alarmsignale aus Deutschland. Panisch liquidierten sie alle Positionen "und bauten die Verluste durch dieses unfassbare Missmanagement noch deutlich mehr aus", glaubt ein Händler.
Am schwarzen Montag vergangener Woche wurden an der Eurex genau 411.701 Dax-Futures gehandelt. Die SocGen dürfte daran erheblich beteiligt gewesen sein - und den Börsencrash an jenem Tag zumindest verstärkt haben. "Kein Kommentar", quittiert eine Banksprecherin die Spekulationen.
Dabei verschafften Kerviel seine Zockereien nicht mal persönliche Vorteile; bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass er Gewinne auf ein privates Konto umleitete. Die Einzeltäterthese lässt indes Verschwörungstheorien blühen. Handelte Kerviel vielleicht im Auftrag von Konkurrenzbanken? Oder versteckt die Société Générale hinter dem Betrug andere Managementfehler?
Im Geschäft mit US-Ramschhypotheken vernichteten die Franzosen allein im vierten Quartal 2007 zusätzlich mehr als zwei Milliarden Euro. Dank Kerviel ging das im allgemeinen Medienwirbel glatt unter.