USA: Die Clintons im Krieg - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

USA Die Clintons im Krieg

Der Vorwahlkampf wird härter und schmutziger. Nach den überraschenden Erfolgen von Barack Obama ging die New Yorker Senatorin zum Angriff über. Mit großem Engagement stürzt sich vor allem Hillary Clintons wichtigster Wahlhelfer in die Schlacht - ihr Ehemann Bill.
Von Gregor Peter Schmitz und Gabor Steingart
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer für einen Augenblick den Ton ihres Streitgesprächs ausblendet, wer einfach nur die Akteure bei ihren Reden beobachtet, wird plötzlich den Unterschied erkennen: Die beiden aussichtsreichsten Präsidentschaftsbewerber der Demokraten, Barack Obama und Hillary Clinton, mögen zwar auf einer Bühne stehen, aber sie kommen aus verschiedenen Welten.

Am vergangenen Montag, bei ihrer großen Fernsehdebatte in South Carolina, wirkte Obama elegant wie immer. Seine Arme malten Bilder in die Luft. Es waren kraftvolle und zugleich sanfte Bewegungen. Sein Wahlkampfstil lässt sich mit Beach-Volleyball vergleichen. Alles sieht schön und elegant aus, Beach-Volleyball ist ein Spiel für Ästheten.

Neben ihm wartete Hillary Clinton auf ihren Einsatz. Ihr Körper in gespannter Haltung, die Augen starr auf den Kontrahenten gerichtet, die Füße bewegungslos fest in den Boden gestemmt. Ihr Wahlkampfstil ähnelt jetzt dem amerikanischen Football, der von Einsatz, Attacke und Zweikampf lebt. Football ist ein roher Sport, es geht darum, dem Gegner möglichst viel Raum abzujagen.

Obama sprach von Hoffnung und versprach die Wende. Es waren hohe, schöne Bälle, die er da in die Luft warf. Er sagte auch, dass er sich von Hillarys Ehemann Bill nicht korrekt behandelt fühle in diesem Wahlkampf.

Da flackerten ihre Augenlider, das war ihr Startsignal.

Selbstverständlich gehe es bei Wahlkämpfen um die Zukunft der Nation, begann Clinton. Aber man müsse eben auch auf die Karriere des Mitbewerbers zurückblicken und prüfen: Was hat er gesagt? Und was getan?

Da müsse sie nun Zweifel : Sicher habe Barack Obama eine große Rede gegen den Irak-Krieg gehalten, eine beeindruckende Rede, aber damals sei er noch gar nicht Senator gewesen. Und was sei dann passiert? Ein Jahr später, als die meisten Amerikaner kriegsbegeistert hinter ihrem Präsidenten standen, da sei die Rede plötzlich von seiner Website verschwunden. Ein weiteres Jahr später, mittlerweile als Senator in Washington, habe er die Hand für die Finanzierung des Feldzugs gehoben - "immer und immer und immer wieder". Darum gehe es eben auch in diesem Wahlkampf: zu überprüfen, ob Taten und Worte zusammenpassen.

Im Saal wurde es unruhig, Applaus und Pfiffe wurden laut. "Hold on", "Moment mal", rief der Moderator. "Wir wärmen uns doch gerade erst auf", erwiderte eine angriffslustige Hillary Clinton.

Obama versuchte, sich wieder ins Spiel zu bringen, und beschwerte sich über ihren Wahlhelfer Bill Clinton. "Ich bin hier, nicht er", fuhr sie dazwischen, um anschließend wieder loszustürmen: Obama habe kürzlich die Republikaner unter Ronald Reagan für ihre Ideen gelobt. Sie dagegen habe immer gegen diese Ideen gekämpft, "übrigens auch zu jener Zeit, als du in Chicago für einen Immobilienspekulanten gearbeitet hast". Im Februar steht der Mann, um den es hier geht, vor Gericht und muss sich wegen Betrugs verantworten. Er war ein Förderer von Obama, weiß Clinton triumphierend zu berichten.

So weit, so fies: Der große elegante Obama wirkt wie erstarrt. Ihr Spiel ist erkennbar nicht sein Spiel. Buhrufe tönen aus dem Publikum. Millionen von Fernsehzuschauern haben soeben erlebt, was Wahlkampfstrategen leidenschaftslos eine

Charakter-Beschädigung nennen. So etwas gehört seit neuestem zum Wahlkampfarsenal der Favoritin.

Die Entscheidung des Clinton-Teams, alle Höflichkeit fahren zu lassen und zum Angriff überzugehen, war Wochen vorher gefallen, in der Nacht vom 3. auf den 4. Januar, als Hillary Clinton überraschend die erste Vorwahl verloren hatte.

Für einige Stunden schien es damals, als habe Obama die Regeln des politischen Betriebs außer Kraft gesetzt. Der schwarze Bewerber erhielt im blütenweißen Agrarstaat Iowa die meisten Stimmen. Die Parteijugend geriet aus dem Häuschen. Im Fernsehen war von "Obamania" die Rede.

Im Charterflugzeug verließen das Ehepaar Clinton und der engste Beraterstab den Ort der Niederlage. Die Stimmung in dem kleinen Flugzeug war grimmig, eine Einigung schnell erreicht, berichtete ein Clinton-Berater später. "Hillary has to go negative" - sie dürfe nicht länger nur die eigenen Vorzüge preisen, sondern müsse die Nachteile des Rivalen deutlicher herausarbeiten - vor allem seine fehlende Erfahrung.

Die kleine Truppe beschloss eine Offensive, wie sie das Land in dieser frühen Wahlkampfphase selten erlebt hat. Obama sei der Mann der Worte, sie die Frau der Wirklichkeit. Er sei ein guter Redner, sie die bessere Präsidentin. Das war die neue Angriffslinie. Ab sofort war ein Wahlkampf angesagt, bei dem die Betonung auf Kampf lag.

Allen im Clinton-Team war das Risiko der Entscheidung bewusst. Aus Wahlwerbung würde nun ein Zweikampf werden. Der strategische Schwenk von Sympathiewerbung, bei der die Bewerberin ihren Gegner wegzulächeln versuchte, hin zu einer offenen Feldschlacht kann für sie alles bedeuten - einen triumphalen Sieg auf dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Denver, aber auch das unrühmliche Ende der Ära Clinton.

Der Mann, der die Senatorin gegen ihren Willen zu diesem Schwenk getrieben hat, heißt Mark Penn, 54. Er ist der Chef ihres Wahlkampfstabs, und er gilt als Zauberer. Im Hauptberuf arbeitet er als Präsident des weltweiten PR-Giganten Burson-Marsteller. Sein Tagesgeschäft sind Zahlen, Trends, Marktnischen, denen er bis in kleinste Verästelungen hinterherspürt.

Sein Buch "Mikrotrends" beschreibt "die kleinen Kräfte hinter den großen Veränderungen von morgen". Es zergliedert die amerikanische Gesellschaft - und die Welt - in eine Unzahl winziger Randgruppen und potentieller Kunden - da die Linkshänder, dort Ehepaare, die ihre Hunde wie Kinder behandeln, nicht zu vergessen die Gruppe der Sonnenhasser.

Es gebe nicht mehr ein Amerika, sagt Penn, oder zwei oder drei oder acht. Es gebe Hunderte neuer Nischen, die nur zusammengehalten würden durch gemeinsame Interessen. Präsident oder Präsidentin könne nur werden, wer aus der Mitte der Gesellschaft heraus wie ein starker Magnet die einzelnen Teile zusammenhalte.

Für Penn ist Amerika das größte Unternehmen der Welt. Gesucht wird, sagt er, ein "Chief Operating Officer", ein Zupacker, kein Wolkenschieber, ein Leitender Angestellter der USA Inc. und nicht ein Prediger. Hoffnung und Wandel? Penn verzieht das Gesicht, wenn er Obamas wichtigste Schlagworte nur hört. Der Bewerber habe "doch selbst schon zugegeben, dass er sich nicht vorbereitet fühlt".

In Wahrheit hat Obama dem Marketing-Guru eine empfindliche Schlappe bereitet. Penn hat ihn erst nicht wahrgenommen und dann unterschätzt. Warnungen des eigenen Teams hat er ignoriert oder abgebürstet. Erst kürzlich landete eines jener Memos in der Presse, die Penn nicht gut aussehen lassen. "Man kann Obama nicht schlagen, wenn man ihn nicht richtig angreift", hatte ein Stratege gewarnt.

Nun also wird geholzt. Das "negative campaigning", das Schlechtreden des anderen, ist die schwierigste, die gefährlichste und - wenn sie funktioniert - auch die effektivste Wahlkampfstrategie. Sie zielt darauf, den anderen zu zerstören.

Solche Schlammschlachten bedienen sich bewährter Methoden: Da ist zunächst einmal die Flüsterkampagne, bei der die Urheber im Dunkeln agieren und die Helfershelfer Gerüchte, Halbwahrheiten oder auch schlichte Verleumdungen des Gegners verbreiten. Dem Republikaner John McCain haben die unsichtbaren Einflüsterer bei den republikanischen Vorwahlen des Jahres 2000 ein uneheliches schwarzes Kind angedichtet - das in Wahrheit sein Adoptivkind aus Bangladesch ist. Der Senator aus Arizona war damals dem Establishment-Kandidaten George W. Bush zu nahe gekommen.

Fast alle Wähler behaupten, dass sie Werbespots und Anzeigen, in denen der jeweilige Gegner niedergemacht wird, schrecklich finden. Fast alle Forscher sagen aber auch, dass sie trotzdem wirken. Die Geschichte der amerikanischen Wahlkämpfe ist auch eine Geschichte der dreisten Lügen wie der der subtilen Verleumdung.

Das schärfste Geschütz der Wahlkämpfer ist ohne Zweifel der Angriff auf den Charakter des Rivalen, der einem Säureattentat auf dessen Glaubwürdigkeit gleichkommt. Im Wahlkampfteam der Senatorin Clinton erledigt vornehmlich ihr Ehemann Bill solch riskante Arbeit. Und der macht sich an die Aufgabe mit der Lust eines geborenen Raufbolds. Ein Politikerleben lang hat sich Bill Clinton verteidigen müssen - wegen seines Marihuanakonsums, wegen fragwürdiger Grundstücksgeschäfte, wegen seiner vielen Frauengeschichten; im Falle der Praktikantin Monica Lewinsky brachte ihm das sogar ein Amtsenthebungsverfahren ein. Nun kann er selbst austeilen, kann als "attack dog" antreten, als Kampfhund, der

sich fest in die Hosenbeine des Barack Obama verbissen hat.

In einem wohlkalkulierten Zornausbruch griff der Ex-Präsident Obamas Image als Gegner des Irak-Krieges an. "Give me a break", rief er Studenten am noblen Dartmouth College in New Hampshire zu, was so viel heißt wie, hört doch mit so was auf. "Diese Geschichte vom Kriegsgegner Obama ist das größte Märchen, das ich kenne."

Seither muss Obama landauf, landab erklären, dass er immer noch gegen den Krieg ist, obwohl er inzwischen mehrfach für dessen Finanzierung gestimmt hat. Er habe halt nicht der kämpfenden Truppe in den Rücken fallen wollen. Die Clinton-Berater reiben sich die Hände: Ein Popstar, der sich fortwährend rechtfertigen muss, hört irgendwann auf, ein Popstar zu sein. So macht man aus Gegnern Beschuldigte.

Gern erklärt Bill Clinton in schönster Gönnerpose, Obama sei ein exzellenter Politiker - um dann listig nachzusetzen, er habe leider noch nicht genug Erfahrung. In schöner Scheinheiligkeit vergleicht Clinton den Konkurrenten seiner Frau mit sich selbst - im Jahre 1988. Damals entschied sich der junge Gouverneur von Arkansas gegen eine Präsidentschaftsbewerbung.

Vorige Woche verbrachte Bill Clinton in South Carolina, um schwarze Wähler davon abzuhalten, Obama zu wählen. In seinen Reden griff er den 46-jährigen Senator aus Illinois als politischen Naivling an, als Reagan-Bewunderer, Kriegsunterstützer - und als unfairen Wahlkämpfer.

Der Vorwurf bezieht sich auf die Vorwahlen von Nevada, in denen die Gewerkschaft der Casino-Mitarbeiter Obama unterstützte. Beim Ex-Präsidenten hörte sich das viel dramatischer an: Clinton-Wähler seien von der Gewerkschaft unter Druck gesetzt worden. "In meinen 35 Jahren in der Politik habe ich so etwas noch nicht erlebt. Ist das der neue Stil der Politik?"

Clinton ist der beliebteste Aggressor, der sich denken lässt. Die Menschen hängen an seinen Lippen, nicht zuletzt weil seine Präsidentschaft den Wohlstand der kleinen Leute spürbar gemehrt hat. Begeistert beklatscht, paddelt Clinton sich durch die Menschenmengen, als sei er noch immer im Amt, als habe es die sieben mageren Bush-Jahre nie gegeben.

Diese hohe Glaubwürdigkeit beim Wahlvolk setzt das Clinton-Team nun ein, um die nächste Trophäe nach Hause zu tragen: eine dritte Amtszeit für die Familie.

Parteiveteranen sind bereits besorgt, der Wahlkampf könne zu schnell zu schmutzig werden und damit parteischädigend wirken. Hillarys Senatskollege Ted Kennedy mahnte den Ex-Präsidenten am Telefon zu mehr Überparteilichkeit. Als "Elder Statesman" dürfe er nicht derart aggressiv in den Wahlkampf eingreifen und Obama, den Hoffnungsträger für Millionen, so zurichten. Sein einflussreicher Kollege Patrick Leahy, der Vorsitzende des Justizausschusses im Senat, schimpfte: "Diese billigen Attacken sind unter der Würde eines ehemaligen Präsidenten."

Doch so leicht lässt sich Bill Clinton nicht zur Ordnung rufen. Wie viele andere Wahlkämpfer schätzt auch er die Ergebnisse des Psychologen Drew Westen, der in seinen Untersuchungen belegt, dass Wahlkämpfe durch Emotionen und nicht durch Sachthemen entschieden werden. Und Westen ist überzeugt, dass ein Wahlkämpfer beide Arten von Emotionen freisetzen muss, positive und negative, Zuneigung und Hass.

Von höflicher Zurückhaltung hält Westen wenig. Es sei ein weitverbreiteter Irrtum der Demokraten zu glauben, "negative campaigning", die Angriffe auf die Integrität des Gegners, seien unethisch, unwirksam, und wenn sie von der Gegenseite betrieben werden, lasse man sie besser unbeantwortet.

Wenn er so etwas hört, spitzt Bill Clinton die Ohren. Auf einem Kongress der Demokraten kam es zum ersten Kontakt mit Westen. Clinton zeigte sich als Kenner und Bewunderer seiner Thesen. Wenige Monate später, Westen saß gerade in einer Starbucks-Filiale in Atlanta, klingelte dessen Handy.

Ob er sprechbereit sei für den ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, fragte eine freundliche Frauenstimme. Bill Clinton knüpfte da an, wo ihr letztes Gespräch geendet hatte. Er wollte lernen. 30 Minuten erläuterte Westen, die Straße vor dem Starbucks auf und ab marschierend, seine Kernbotschaft. Man müsse das über den Gegner sagen, was die Masse auch denkt, aber bisher nicht auszusprechen wagt.

Obama hat nun zwei Clintons gegen sich. Manchmal wisse er nicht mehr, gegen wen er da Wahlkampf führe, klagte er jüngst. Aber Jammern bringt keine Stimmen, ein Wahlkampf ist eben auch ein Härtetest für die Belastbarkeit des jungen Konkurrenten.

Für Obama ist es schwer, diesem Wahlkampfstil zu begegnen. Sein Schlüsselwort heißt Wandel. Er verspricht ein Ende des Parteienhaders, nicht seine Neuauflage.

Clintons dagegen setzt auf "Erfahrung". Sie bietet sich als Managerin der America Inc. an: "Ich bin ein Problemlöser."

Die unterschiedlichen Botschaften bedingen einen unterschiedlichen Wahlkampfstil. Der Botschafter des Wandels hat sauber zu bleiben. Das Klein-Klein der Sachpolitik muss er meiden, schmutzige Tricks sind für ihn verboten. Von ihm wird eine gewisse Eleganz geradezu erwartet. Beach-Volleyball kennt keinen Körperkontakt und kein Foulspiel.

Der "Chief Operating Officer" dagegen hat die Ärmel hochgekrempelt. Durchsetzungskraft und Raffinesse sind seine Spezialität. Er darf ruhig ruppig spielen, Rempeleien sind erwünscht.

Obamas Gegenwehr fällt daher eher verzagt aus. Natürlich bestreitet er Verbindungen zu dubiosen Geschäftemachern in Chicago. Nur fünf Stunden habe er als junger Anwalt in einem Team seiner Kanzlei für den jetzt angeklagten Immobilienspekulanten gearbeitet, sagt er.

Obama will - bisher jedenfalls - nicht aggressiver zurückschlagen. "Ich möchte in den nächsten vier Jahren nicht noch einmal die Schlachten der neunziger Jahre ausfechten", sagt er. Damit meint er die polarisierenden Clinton-Jahre, die sich nicht wiederholen dürften.

Aber solche rhetorischen Spitzen sind wie Blumen in einem Gewehrlauf. Gegen die Clinton-Artillerie vermögen sie wenig auszurichten. Eines ihrer schwereren Geschütze ist der Vorwurf an Obama, er sei ein Drogennutzer gewesen.

Dazu muss man wissen: Auch Bill Clinton wurde in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf 1992 des Drogenkonsums bezichtigt, es ging um einen Joint in Studententagen. Clinton musste schließlich erklären, er habe wohl dran gezogen, aber eben nicht inhaliert, womit die Angelegenheit im Hohngelächter unterging.

Weil er solche Peinlichkeit vermeiden wollte, hat Obama seinen Drogenkonsum zu Jugendzeiten frühzeitig selbst eingeräumt. Als einsamer Teenager, schreibt er in seiner Autobiografie, sei er wie so viele schwarze Jugendliche auf dem besten Weg zum Junkie gewesen: Haschisch, auch Kokain, habe er konsumiert, wenn er es sich leisten konnte. Heroin probierte er angeblich nur deshalb nicht, weil er den Dealer nicht leiden konnte.

Damit hat er nun selbst die Munition geliefert, die das Clinton-Team gegen ihn abfeuert. Es war Bill Shaheen, ein hauptamtlicher Clinton-Mitarbeiter in New Hampshire, der sich als Erster scheinbar fürsorglich Gedanken über Obamas damaligen Fehltritt machte. Shaheen heuchelte Besorgnis: "Die Republikaner könnten fragen: Hast du jemals Drogen an andere gegeben? Oder gar welche verkauft?" Für solche Abgefeimtheiten ihres prompt gefeuerten Mitarbeiters musste sich Hillary Clinton bei Obama entschuldigen.

Aber Chefstratege Penn weiß, wie man auch nach Spielende noch Punkte machen kann. In einer Fernsehdebatte schwor er feierlich, "dass wir das ganze Thema Kokain-Missbrauch nicht hochziehen werden". Ein Teilnehmer der Talkshow heulte auf: "Genau das machen Sie jetzt schon wieder."

Auch in der Abtreibungsfrage, seit je eines der wichtigsten Themen für die Frauen an der Parteibasis, knöpft sich das Clinton-Team den Herausforderer vor. Dass weibliche Wähler in Iowa nicht für die Senatorin stimmten, war ein Schock, den Hillarys Helfer seither nicht vergessen können.

In einem Flugblatt, das in New Hampshire vor allem an Frauen verschickt wurde, berichtet das Clinton-Team, Obama habe als Parlamentarier in Illinois siebenmal mit "Enthaltung" gestimmt, als es um Abtreibungsgesetze ging. "Das Recht einer Frau zu entscheiden", heißt es in dem Papier, "erfordert einen Führer, der aufsteht und dieses Recht verteidigt."

Mit solcher Wahlwerbung zielt die Senatorin direkt auf die Frauen, die 57 Prozent der eingeschriebenen demokratischen Parteimitglieder ausmachen. Clinton-freundliche Organisationen haben in den Tagen vor der Wahl in New Hampshire bis zu 300.000 Dollar pro Tag für solche Wurfsendungen ausgegeben. Mit Erfolg. Just in dieser Zeit vor der Wahl schwenkten viele Frauen ins Hillary-Lager. Das Ausspielen der "gender card", der Geschlechter-Karte, hatte sich gelohnt.

Das heikelste und zugleich vielversprechendste Spiel der Strategieberater aber ist das mit der "race card", der Rassen-Karte. Das Spiel hat zwei Teile. Der offizielle Teil sieht so aus: Feierlich erklärt die Präsidentschaftsbewerberin Clinton: "Es sollte bei dieser Wahl weder um Hautfarbe noch ums Geschlecht gehen. Wir verdanken es den Verdiensten von Martin Luther King, dass wir hier sind. Aber manchmal haben wir etwas zu leidenschaftliche Anhänger."

So weit, so hochgemut. Teil zwei des Pokers mit der Rassenzugehörigkeit ist komplizierter und düsterer. Die Spieler wissen, dass die Gesellschaft und ihre verschiedenen ethnischen Teile auf bestimmte Reizworte reagieren. Die Volksgruppen lassen sich schon durch feine rassistische Untertöne beeinflussen und gegeneinander ausspielen.

Barack Obama tut daher einiges, um nicht ausschließlich als Interessenvertreter der Afroamerikaner wahrgenommen zu werden. Je deutlicher Obama sich als Schwarzer zu erkennen gibt, je aggressiver er das Erbe Martin Luther Kings für sich in Anspruch nimmt und damit in die Fußstapfen gescheiterter schwarzer Präsidentschaftsbewerber wie Al Sharpton oder Jesse Jackson tritt - desto besser für Hillary Clinton. Sie hat ja nichts dagegen, ihn zum Minderheiten-Kandidaten schrumpfen zu lassen, zum Außenseiter, der in zu kleinen Schuhen steckt, um das ganze Land zu repräsentieren.

In ihrem Beraterstab heißt dieser heikle Wahlkampffaktor "Jesse Jackson plus". Der Prediger und Bürgerrechtler Jackson hat sich zweimal um die Präsidentschaft beworben, 1984 und 1988. Beim zweiten Mal hat er immerhin elf Vorwahlstaaten gewonnen - doch ein ernsthafter nationaler Bewerber, wie es Obama heute ist, war Jackson nie.

Ein tiefschwarz lackierter Obama, so funktioniert die Logik des Rassenpokers, lässt Hillary umso weißer erstrahlen. Wie aber führt man das Thema in den Wahlkampf ein, ohne dass es auf einen selbst zurückschlägt?

Etwa so, wie es Hillary Clinton gemacht hat bei ihrem Versuch, die historische Rolle von Martin Luther King zu relativieren. "Der Traum von Dr. Martin Luther King wurde Wirklichkeit, als Präsident Lyndon Johnson 1964 die Bürgerrechte per Gesetz in Kraft setzte", sagte sie in einem Fernsehinterview. "Es brauchte einen Präsidenten, um diese Dinge zu schaffen."

Die unausgesprochene Botschaft war klar: Träumer allein verändern die Welt nicht. Taten zählen mehr als Worte, Erfahrung ist wichtiger als Inspiration.

Natürlich zielte das auf Obama und zwang ihn gleichzeitig, sich zum Erbe des Bürgerrechtlers aus Atlanta zu bekennen. Gezwungenermaßen musste er nun selbst Clinton angreifen: "Sie hat viele gekränkt,

die an King und die Bürgerrechtsbewegung glauben", sagte er. Er war in der Rassenfrage deutlich geworden, hatte sich bekennen müssen, wahrscheinlich gegen seinen ursprünglichen Willen.

Clinton dagegen ging es wohl gar nicht darum, Bürgerrechtserfolge für weiße Politiker zu reklamieren. Sie hatte eine andere Minderheit im Sinn. Die Spannungen zwischen Afroamerikanern und Latinoamerikanern sind in den vergangenen Jahren gewachsen, beide Volksgruppen konkurrieren um Aufstiegschancen. Viele Einwanderer lateinamerikanischer Herkunft wollen, das zeigen die einschlägigen Untersuchungen, keinen schwarzen Präsidenten.

Je mehr Obama als Kandidat der Schwarzen auftritt, desto stärker die Latino-Unterstützung für Clinton. Zu den Meinungsforschern, die für das Clinton-Team arbeiten, gehört auch Sergio Bendixen, der sich auf das Wahlverhalten der verschiedenen Minderheiten spezialisiert hat: Das Votum der Latinos, sagt er, sei extrem wichtig für Clintons Chancen. Die Latinos seien ihre "firewall".

Beim Computer soll so eine "firewall" das Eindringen schädlicher Viren verhindern, auf den Wahlkampf bezogen soll die Brandmauer der Hispanoamerikaner helfen, dass sich der Flächenbrand, den Obama entfachen konnte, nicht weiter ausbreitet.

Ein Wahlsieg in schwarzen Bundesstaaten wirkt sich, dieser Logik folgend, positiv auf die Hochburgen der Hispanics aus: Gewinnt Obama das stark von Afroamerikanern geprägte South Carolina, bekommt er die Quittung dafür im deutlich größeren Kalifornien - wo Weiße und Latinos dominieren. Dort sind ungleich mehr Delegiertenstimmen zu holen.

Mit einer solch wuchtigen Angriffswelle hatten Obama und seine Berater offenbar nicht gerechnet. "Wir spüren, dass die Wähler unsere Botschaft eigentlich attraktiver finden. Aber die Clintons sind einfach verdammt gerissene Wahlkämpfer", sagt einer aus dem persönlichen Umfeld des Senators.

Bill und Hillary Clinton scheinen dagegen ganz zufrieden mit ihrer Arbeitsteilung: Während der eine Partner bellt, kann der andere beißen.

Und beide haben jetzt einen neuen Gegner entdeckt - die Obama-freundlichen Medien der USA.

Einer CNN-Reporterin, die es gewagt hatte, die ausgeklügelte Negativstrategie der Clintons zu beleuchten, hielt der Ex-Präsident eine Standpauke: "Die Obama-Leute füttern Sie mit diesen Geschichten über unsere Angriffe, weil sie wissen, dass Sie nach so was lechzen - aber die Wähler interessiert das gar nicht. Sie sollten sich schämen."

Und dann noch mal, aus vollstem Herzen: "Shame on you."