Musiker: "Ich bin zu weit gegangen" - DER SPIEGEL
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Musiker "Ich bin zu weit gegangen"

Der Berliner Swingmusiker Andrej Hermlin über seine Haft in Kenia, sein politisches Engagement und seine Liebe zur Eleganz der dreißiger Jahre
Von Joachim Kronsbein
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hermlin, 42, leitet das Berliner Swing Dance Orchestra, das er schon zu DDR-Zeiten gegründet hat. Der Sohn des Schriftstellers Stephan Hermlin ("Abendlicht") wuchs in Pankow auf und lebt abwechselnd in seinem Elternhaus in Berlin und in Kenia. Er ist in zweiter Ehe mit einer Kenianerin verheiratet.

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SPIEGEL: Herr Hermlin, Sie sind zwei Tage lang in Kenia wegen des Verdachts, terroristische Akte vorzubereiten, festgehalten worden. Was haben Sie verbrochen?

Hermlin: Ich weiß es immer noch nicht. Mir hat man bis heute die Vorwürfe nicht erklärt. Der Fotograf Uwe Hauth und ich sind auf dem Flughafen von Nairobi festgenommen worden, als wir schon eingecheckt hatten und im Duty-free-Bereich waren. Wir haben nie eine Anklage ausgehändigt bekommen. Wir wurden durchsucht, aber die Beamten haben nichts Relevantes gefunden, weil es nichts Relevantes gab.

SPIEGEL: Wie wurde Ihnen die Arrestierung erklärt?

Hermlin: Gar nicht. Uns wurden Fragen gestellt. Das aber geschah sehr freundlich. Wenn ich mir jetzt überlege, dass gegen uns immerhin der Verdacht auf Terrorverbindungen bestand, ist diese Freundlichkeit noch erstaunlicher. Im Vergleich dazu, wie Terrorverdächtige in den USA oder Großbritannien behandelt werden, lief alles bei uns geradezu herzlich ab. Es gab nie eine Drohung.

SPIEGEL: Und wie erklären Sie sich die Aktion? Sie sind ja im Präsidentschaftswahlkampf als Anhänger des jetzigen Oppositionsführers Raila Odinga aufgetreten.

Hermlin: Ja, ich bin schon auffällig geworden, sicher. Wenn ein Weißer sich prononciert für Odinga einsetzt, mit dem ich übrigens bekannt bin, dann kann es schon sein, dass sich die Behörden fragen, was macht der da eigentlich? Mein Verhalten hat Missverständnisse und falsche Schlussfolgerungen provoziert. Ich glaube, die Aktion war der Versuch, mir auf den Zahn zu fühlen.

SPIEGEL: Sie kamen durch Einsatz des deutschen Botschafters wieder frei.

Hermlin: Botschafter Walter Lindner hat sich enorm für uns eingesetzt, dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

SPIEGEL: Der Diplomat, ein Jazz-Fan, hatte Sie im Oktober ja schon ins Gebet genommen und Sie aufgefordert, Ihre politischen Aktivitäten in Kenia einzustellen.

Hermlin: Richtig. Ich hatte im August auf dem Land eine Rede für die Odinga-Partei ODM gehalten. Die führende Zeitung Kenias, "Daily Nation", machte daraus einen hanebüchenen Artikel, in dem behauptet wurde, ich sei dort mit Investoren aufgetreten, ich hätte im Namen der deutschen Bundesregierung gesprochen und zur Revolution nach venezolanischem Muster aufgerufen, was schon deshalb Schwachsinn ist, weil es dort keine Revolution gegeben hat. Walter Lindner hat mich jedenfalls später gebeten, mich in politischen Fragen zurückzuhalten.

SPIEGEL: Was treibt Sie dazu, sich ungebeten in die inneren Angelegenheiten eines fremden Landes einzumischen?

Hermlin: Ich habe eine kenianische Frau, habe mir ein Haus am Fuße des Mount Kenya gebaut und bin sehr oft in diesem herrlichen Land. Ich reagiere beim Thema Kenia sehr emotional. In dem Dorf, in dem unser Haus steht, haben meine Frau und ich für Straßenbeleuchtung, Müllabfuhr, einen Kinderspielplatz und anderes gesorgt.

SPIEGEL: Sind Sie nun ernüchtert?

Hermlin: Ich muss mein Engagement in Kenia überdenken. Ich

werde mich auf das Dorf beschränken. Politisch werde ich mich künftig zurückhalten. Ich bin wohl einfach zu weit gegangen. Und: Habe ich Odinga wirklich genützt? Das ist ja auch nicht sicher.

SPIEGEL: Jedenfalls ist er nicht Präsident geworden.

Hermlin: Ich halte das Wahlergebnis nach wie vor für gefälscht. Ich glaube weiter, dass Kenia unter einem Präsidenten Odinga ein gerechteres Land geworden wäre.

SPIEGEL: Im Land herrscht Chaos, Hunderte Menschen sind getötet worden, und Sie hielten über Tage die deutsche Botschaft auf Trab. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Hermlin: Doch natürlich, aber ich habe mich noch nie so gefreut, die deutsche Flagge zu sehen, wie in jenem Augenblick, als Lindner mit dem Botschafts-Mercedes und Staatsstander vor dem Polizeigebäude vorfuhr. Das war ein rührender Moment. Plötzlich wusste ich, wo ich zu Hause bin.

SPIEGEL: Welches Deutschland hatten Sie da vor Augen? Sie sind in der DDR aufgewachsen.

Hermlin: In dem Moment war es das Deutschland der Freiheit und der Demokratie. Kenia hat allerdings auf diesem Gebiet, glaube ich, in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Als ehemaliger DDR-Bürger kann ich das einschätzen. Wenn die Stasi mich unter Terrorverdacht verhaftet hätte, wäre ich nicht in zwei Tagen rausgekommen, und ich wäre mit Sicherheit anders behandelt worden.

SPIEGEL: Immerhin haben Sie in der DDR ganz gut gelebt. Ihr Vater war ein privilegierter Schriftsteller, und Sie haben sogar noch am 40. Jahrestag der Staatsgründung im Palast der Republik ein Konzert mit Ihrer Band gegeben. Da war das System schon aus den Fugen.

Hermlin: Das DDR-System habe ich immer kritisiert. Ich habe die DDR aber nicht weggewollt, ich wollte sie anders. Ich habe 1989 im Palast der Republik gespielt, weil ich vorhatte, dort etwas zu sagen. Ich habe tatsächlich eine pathetische Rede gehalten. Dem Sinn nach ging das so: Dies ist kein Tag zum Feiern, sondern einer zum Nachdenken. Wenn wir morgen nicht mit Reformen im Sinne von Gorbatschow beginnen, werden wir die DDR verlieren. Von den anderen Künstlern, die da aufgetreten sind und die sich nach der Wende so kritisch über die DDR äußerten, hat übrigens an jenem Abend niemand etwas gesagt.

SPIEGEL: Wie haben die Regierenden auf Ihren Vorstoß reagiert?

Hermlin: Die hatten in den Tagen anderes zu tun, als einer kleinen Swingband die Spielerlaubnis zu entziehen, die waren gerade dabei, ihr Land zu verlieren.

SPIEGEL: Wie politisch ist Swingmusik?

Hermlin: Sie hat weder etwas mit Kapitalismus noch mit Sozialismus zu tun. Swing ist Unterhaltungsmusik, die in den frühen dreißiger Jahren in den USA entstanden ist. Sie ist natürlich im Zweiten Weltkrieg von beiden Seiten für propagandistische Zwecke verwendet worden. Die Amis hatten Glenn Miller, und in Deutschland gab es Charlie and his Orchestra, eine Swingband von Goebbels' Gnaden.

SPIEGEL: Aber die Nazis haben doch die sogenannte Swingjugend verfolgt.

Hermlin: Schon, diese jungen Leute mochten ja die HJ nicht, trugen das Haar lang und schwärmten für amerikanische Musik. Etliche von ihnen sind im KZ gelandet. Aber es gab eben auch quasioffizielle Swingbands. Und selbst in Ufa-Filmen finden sich Anklänge an den Swing. Diese

Musik war nicht automatisch Widerstandsmusik. Natürlich griff der "Völkische Beobachter" den amerikanischen Swing an - mit Formulierungen wie "das jüdischbolschewistische Klarinettengewinsel von Benny Goodman".

SPIEGEL: Klang deutscher Swing anders?

Hermlin: Ja, steif und ein bisschen zickig, wie das im Jazzjargon heißt. Ich traue mir zu, nach einer Minute Zuhören sagen zu können, ob es eine deutsche oder eine amerikanische Aufnahme ist, die gespielt wird.

SPIEGEL: Sind Sie aus nostalgischen Gründen oder aus Protest zum Swingmusiker geworden?

Hermlin: Weder noch. Ich habe mich als kleiner Junge in diese Musik verliebt. Es gibt keinen Moment meiner Kindheit, an den ich mich erinnern kann, ohne diese Musik. Wenn mein Vater Jazzmusik auflegte, was selten genug geschah, kam ich die Treppe hinunter und hörte aufmerk-sam zu. Das begann, als ich drei Jahre alt war. Ich liebe an dieser Musik und auch am Stil der dreißiger Jahre diese wunderbare Eleganz.

SPIEGEL: Wie kamen Sie denn mit einer solchen Einstellung ausgerechnet zur PDS? Hermlin: Ich bin 1990 eingetreten, als alle anderen austraten. Ich liege mit einigen Dingen, die die heutige Linkspartei vertritt, quer, besonders hier in Berlin. Zum Beispiel bin ich vehement gegen die Schließung des Flughafens Tempelhof.

SPIEGEL: Warum?

Hermlin: Weil ich die Fliegerei mag und es deshalb ungern sehe, wenn ein Flughafen geschlossen wird. Ich habe immer versucht, mir eigenständiges Denken zu bewahren, deshalb bin ich für Parteien auch nicht wirklich geeignet. Wenn schon eine Partei, kann es für mich nur die Linkspartei sein, weil sie die einzige Partei ist, die noch Fragen aufwirft.

SPIEGEL: Sie sind eine schwer zu verortende Persönlichkeit: Sie machen auf eigene Faust Entwicklungspolitik, treten als Dandy auf, arbeiten in der Linkspartei und machen Swingmusik. Eine exzentrische Mischung.

Hermlin: Ich sehe mich nicht als Exzentriker. Ich bin ein politisch interessierter Jazzmusiker, der vielleicht zu einer gewissen Extravaganz neigt. Mir war immer gleich, was andere über mich denken. Ich versuche, nichts zu tun, wofür ich mich schämen müsste. Ich werde manchmal unwirsch, das gefällt mir nicht an mir. Aber ich kann mich inzwischen auch für verbale Attacken entschuldigen.

SPIEGEL: Woher kommt die Aggression?

Hermlin: Vielleicht daher, dass ich viele Jahre hindurch ein Außenseiter war. Schon in der Schule. Als Sohn eines Schriftstellers war ich natürlich Neid ausgesetzt. Wir machten zum Beispiel im Westen Urlaub, die anderen nicht. Ich laufe aber niemandem hinterher. Da blieb mir nur, mich abzusetzen. Im Habitus und rhetorisch.

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