Titel "Ich bin nicht zur Zierde da"
Scheicha Lubna al-Kassimi ist die Nichte des Herrschers von Schardscha, Dubais Nachbar-Emirat. Die Informatikerin erhielt 2004 als erste Frau in der arabischen Welt einen zentralen Kabinettsposten: Wirtschaftsministerin der Vereinigten Arabischen Emirate.
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SPIEGEL: Scheicha Lubna, der Ölpreis steht bei 90 Dollar, Geld fließt in Strömen in die Kassen der Golfstaaten, gerade erst hat Ihr Land die Beamtengehälter um 70 Prozent erhöht - stehen Sie eigentlich noch auf dem Boden der Wirklichkeit, oder haben Sie schon abgehoben?
Lubna: Keine Sorge, wir stehen auf festem Grund. Was die 70 Prozent Gehaltserhöhung für unsere Bundesbeamten angeht, mussten wir einfach der Inflation nachkommen ...
SPIEGEL: ... die 9 Prozent beträgt.
Lubna: Ja, aber die Gehälter in der Privatwirtschaft sind so rapide gestiegen, dass wir Gefahr laufen, unsere besten Leute zu verlieren.
SPIEGEL: Solche Sorgen hätten andere arabische Regierungen gern.
Lubna: Zurzeit geht es uns gut, das ist wahr. Unsere Wirtschaft wuchs vergangenes Jahr um neun Prozent, und was besonders schön ist: 62,5 Prozent unseres Bruttosozialprodukts erzielen wir inzwischen nicht aus der Ölproduktion. Wir haben schwer gelitten, als die Ölpreise in den Achtzigern so niedrig waren. Also haben wir eigenes Know-how entwickelt, das wir heute exportieren: Tourismus, Logistik, Luftfahrt- und Flughafen-Management. Das alles wiederum bringt ausländisches Investment zurück - zwölfeinhalb Milliarden Dollar im vorigen Jahr. Glauben Sie mir, dieses Kapital käme nicht, wenn wir die letzten 20 Jahre nicht sehr diszipliniert gearbeitet hätten.
SPIEGEL: Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass der Aufschwung anhält?
Lubna: Wir haben sehr schnell gelernt. Schauen Sie sich unsere jungen Leute an: Die sprechen Arabisch und Englisch, sind fix im Internet, haben Selbstbewusstsein; wir nennen sie Wissensarbeiter. Dann unsere Infrastruktur: Autobahnen, Häfen, Flughäfen, unsere Freihandelszonen, wo 50 Prozent der Importe wieder re-exportiert werden - da ist binnen kurzem viel geschaffen worden. Und schließlich das Wirtschaftsklima, unsere transparente Gesetzgebung, unsere Zuverlässigkeit, unsere Wettbewerbsfähigkeit. Wenn Irland ohne Erdölreserven eine Erfolgsgeschichte schreiben konnte, warum sollen wir das dann nicht schaffen?
SPIEGEL: Was hat der Boom am Golf der arabischen Welt bislang gebracht?
Lubna: Frauen als Wirtschaftsminister zum Beispiel! Ich bin nicht zur Zierde da. Ich stehe für etwas: für Wachstum, für eine solide Marktwirtschaft, dafür, wie man Dinge richtig macht. Das haben wir der Region gegeben: Know-how.
SPIEGEL: Und davon haben Frauen mehr als Männer?
Lubna: Sie werden jedenfalls nach ihren Fähigkeiten beurteilt, nicht nach ihrem Geschlecht. Unsere Führung hat einen sehr entspannten, sehr selbstbewussten Umgang mit Frauen.
SPIEGEL: "Ändert euch, oder man wird euch ändern", hat Scheich Mohammed von Dubai die arabische Welt gewarnt. Was meinte er damit?
Lubna: Er wollte Führung in Zeiten der Globalisierung fordern: Risiken eingehen, Vorbild sein, Einfluss an die Jüngeren abgeben. Wer das nicht macht, den spült der Fortschritt weg wie ein Tsunami. Ich zum Beispiel war Scheich Mohammed aufgefallen, weil ich unseren Hafen und eine Internet-Plattform gut gemanagt habe. Als ich Ministerin wurde, rief er an und sagte: "Gratuliere, ich habe noch mehr Arbeit für dich."
SPIEGEL: Seither sind Sie als Handelsreisende für die Wirtschaft der Emirate unterwegs. Welcher Trip war der erfolgreichste?
Lubna: Das waren wohl meine USA-Reisen, nachdem Dubais Übernahme von sechs großen amerikanischen Häfen gescheitert war. Ich fuhr hin, um Stereotypen aus dem Weg zu räumen - und um aus Fehlern zu lernen, was uns gelungen ist. Wir haben unser Image in den USA gründlich revidiert: Die wissen jetzt, dass wir, Öl ausgenommen, ihr wichtigster Handelspartner in der arabischen Welt sind.
SPIEGEL: Welche Rolle spielt Europa?
Lubna: Die Europäer sind unsere ältesten und als Block unsere größten Partner.
SPIEGEL: Bundeskanzlerin Angela Merkel macht sich Sorgen, dass ausländische Staatsfonds nach Mehrheiten in Schlüsselindustrien schielen. Abu Dhabi hat den größten dieser Fonds: 875 Milliarden Dollar.
Lubna: Die Staatsfonds der Golfstaaten zählen zu den etabliertesten, die es gibt. Sie haben in den USA, in Europa und im Fernen Osten dazu beigetragen, die Wirtschaft zu stabilisieren, Defizite abzubauen, Arbeitsplätze zu schaffen. Wir sind als Investoren sehr gefragt. Und ohne Deutschland im Besonderen anzusprechen: Wer sich dem Wettbewerb um diese Investments nicht stellen mag, der wird am Ende leer ausgehen. Dann geht dieses Geld eben woanders hin.
SPIEGEL: Es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass die Golfstaaten gern wirtschaftlich mit Israel zusammenarbeiten würden.
Lubna: Dazu müsste erst das Nahostproblem gelöst sein, und es müsste zwei souveräne, gleichberechtigte Staaten geben. Hier hat die Politik den Vorrang, die Wirtschaft kommt danach.
SPIEGEL: Sie haben einmal für eine Software-Firma gearbeitet, deren Chef ein Inder war ...
Lubna: Stimmt, und wenn ich ihn heute treffe, sage ich immer noch "Boss" zu ihm, was ihn sehr freut. Ich war die einzige Frau, die einzige Araberin und die einzige Prinzessin in seiner Firma. Ich habe im Monat tausend Dollar verdient - und von ihm gelernt, was Disziplin ist:
Einmal gab es ein Problem mit der Buchhaltungssoftware. "Ich kümmere mich morgen darum", sagte ich zu meinem Boss. "Nichts da", antwortete er, "das machst du heute noch. Da warten 2000 Leute auf ihr Gehalt."
SPIEGEL: So geht es heute vielen ausländischen Arbeitern in Ihrem Land: Sie schuften hart und warten oft monatelang auf ihren Lohn.
Lubna: Die ausländischen Buchhalter, Ingenieure und Dienstleister in den Emiraten verdienen gut - sonst wären sie längst weg. Aber bei den Bauarbeitern, die Sie meinen, hat es eine Weile gedauert, bis wir die Probleme sahen: Sehr viele von ihnen sind innerhalb sehr kurzer Zeit gekommen. Manche Arbeitgeber haben sie unfair behandelt. Zwar hat es von Anfang an Gesetze gegeben, um die Arbeiter zu schützen, aber die Durchsetzung dieses Rechts war mangelhaft.
Inzwischen gibt es drakonische Strafen für ausbeuterische Arbeitgeber, und wir bauen unser Justizsystem mit Hochdruck auf. Aber wir wollen nicht darum herumreden: Es gibt Missstände, und diese Missstände können wir uns nicht leisten. 80 Prozent unserer Bevölkerung sind Ausländer, sie bauen unser Land mit uns auf. Wir sind auf unsere Arbeiter angewiesen. INTERVIEW: