Debatte Innerliche Wagenburg
Von Zeit zu Zeit les ich den Walser gern. Wo sonst erfährt man auf hohem sprachlichem Niveau so viel über den Zustand in bestimmten Bereichen "deutscher Befindlichkeit"? An Nietzsche, Novalis und Kafka geschult, kommt dieser Feinkalibreur der Worte in Fragen der Nation wesentlich differenzierter daher als viele seiner Bewunderer und Befürworter. So auch in seinen im SPIEGEL abgedruckten Briefen.
Darin schlägt der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels einen Ton an, der mir seit der Bubis-Walser-Kontroverse vertraut ist. Als dessen Quelle lässt sich ein bestimmter, von nachwirkend deutscher Vergangenheit geprägter Erinnerungszustand ausmachen. Psychoanalytisch könnte er als Unvereinbarkeit zwischen Assoziations- und Affektanteil der Erinnerung an das nationalsozialistische Menschheitsverbrechen gedeutet werden.
Dieser Sicht zufolge wird Erinnerung gestützt, wenn sie emotional unterfüttert ist. Da Identität, ob individuelle, kollektive oder nationale, gleichfalls von Emotionalität getragen wird, ist es schwer erträglich, sich gefühlsmäßig mit negativen Anteilen der Geschichte der eigenen Familie, des eigenen Volkes zu identifizieren. Dies hieße sonst, identitätsbedrohende Elemente dauerhaft in die eigene Persönlichkeit integrieren zu müssen. Wenn auch eine rationale Annäherung der unmittelbar Betroffenen an das belastende Thema der nationalsozialistischen Vergangenheit grundsätzlich möglich ist, so besteht doch ein Bedürfnis, wenn nicht gar Zwang, die damit einhergehende destruktive Emotionalität der Erinnerung aus Gründen des Selbstschutzes abzuwehren. Dabei können rationale und emotionale Anteile bestenfalls in einem labilen Gleichgewicht gehalten werden. Der daraus resultierende Erinnerungszustand kann je nach individueller Ausprägung fragmentarisch, ambivalent, abwehrend oder bedrohlich sein.
Walsers Wahrnehmung der von ihm beklagten "Dauerpräsentation unserer Schande", die von ihrer kollektivierenden Wortwahl her nahelegt, Juden seien keine Deutschen, ist Abkömmling eines solch labilen Erinnerungszustandes. Dadurch wird Walser keineswegs schon zum "Schluss-Strich-Macher". Und dennoch hat er mit seiner 1998 gehaltenen Friedenspreisrede ein Einfallstor in Richtung Schlussstrich aufgestoßen. Da hilft auch nicht der Hinweis, man könne "in diesem Herbst" nirgendwo mehr über Auschwitz lesen als im kürzlich erschienenen zweiten Band von Walsers Tagebüchern. Begründungen nach Menge statt Gehalt hatte Walser schon einmal vorgebracht: bei seiner Berufung auf die große Zahl zustimmender Leserbriefe, die ihn nach seiner "Sonntagsrede" in der Frankfurter Paulskirche erreicht hätten: Quantität als Sachargument - keine erkennbare Sensibilität für Seelenlage und Traumata überlebender Opfer, stattdessen mikroskopisch genaues Beobachten eigener Empfindungen.
Dass solches gelegentlich Unschärfen aufweist, zeigt sich zum Beispiel an seinem Bekenntnis, er habe "lernen müssen, wegzuschauen (...) wenn mir der Bildschirm die Welt als eine unerträgliche vorführt". Welche Anstrengungen hat es ihn wohl gekostet, und wie lange musste er üben, um solches Wegschauen (mühsam?) zu erlernen? Hatte er zuvor jahrelang gebannt auf die grausamen Bilder gestarrt, unfähig, sich davon abzuwenden? Uneingeschränkte Offenheit seiner Äußerungen begründet er mit einer "persönlichen" Sicht der Dinge, die er, unabhängig von Ort und Anlass, überall gleichermaßen vortrage. Den Einwand, an einem zentralen Gedächtnisort wie der Frankfurter Paulskirche dürfe "von jedem Redner erwartet werden, dass er sich der politischen Tragweite seiner Worte bewusst ist", weist Walser zurück.
Er könne in der Paulskirche nicht anders reden als im Literaturhaus Stuttgart oder sonstwo - warum nicht? Weil es ihm, so Walser, nur um seine "persönlichen" Erfahrungen und Empfindungen mit dem jeweiligen Gegenstand gehe. Er wolle dabei niemanden überzeugen und belehren, sondern lediglich erfahren, "ob es nur mir allein so gehe mit diesem Thema oder ob es anderen ähnlich gehe".
Als Seismograf in eigener Sache wird Öffentlichkeit für Walser zum Resonanzboden von Gefühlsschwankungen, zum gleichsam "persönlichen" Gradmesser von Zustimmung und Dissenz. Im Bereich der Literatur mag Walser seine "persönliche" Sicht auf die jüngste deutsche Vergangenheit in künstlerischer Freiheit kultivieren - im Bereich der Politik, zumal in der Frankfurter Paulskirche und vor über 670.000 Fernsehzuschauern, schrumpft ein sich bloß introspektiv gebender Blick zum Tunnelblick. Dabei müsste er die unterschiedliche politische Bedeutung unterschiedlicher Orte aus Erfahrung kennen. Würde er auch im Literaturhaus Stuttgart wie in der Paulskirche seinen eigenen Worten zufolge "vor Kühnheit" zittern, wenn er dort auf Auschwitz zu sprechen käme? Offenbar möchte er um jeden Preis in seiner Wagenburg der Innerlichkeit verharren, gleichzeitig aber aus deren Deckung heraus künstlerische Narrenfreiheit auch für den rauen Bereich der Politik in Anspruch nehmen.
Walsers besondere Ausformung eines labilen Erinnerungszustandes hinterlässt Spuren in Formulierungen wie "Dauerpräsentation unserer Schande". Warum beklagt er in seiner "Sonntagsrede" nur die "Schande" und spricht fast nie von "Schuld"? Zwar erkennt er sie als "zurechnungsfähiger Mensch" an, nicht aber im Sinne einer aus diesen Verbrechen erwachsenden Bringschuld den Opfern gegenüber. Daher schmiedet er sich anstelle des Begriffs der "Schuld" denjenigen der "Schande". Und gegen das angeblich ständige Vorhalten dieser "Schande", dessen Quelle ahnungsvoll im Dunkeln bleibt, kann er sich, im Unterschied zur "Schuld", wortreich wehren.
Walsers Sprachverwirrung durch Begriffe wie "Schande" anstelle von "Schuld" oder "Beschuldigte" statt "Schuldige" schlägt unverkennbar eine Schneise in Richtung Schlussstrich, zumindest aber in die des Revisionismus. Die Nähe von Walsers "Moralkeule" zu der im rechtsextremen Milieu verwendeten "Auschwitz-Keule" ist unübersehbar. Begrifflich wie argumentativ nimmt Walser Auschwitz nicht als Schuld wahr, sondern nahezu ausschließlich als Vergegenwärtigung "unserer Schande" und damit als Schandfleck auf der deutsch-nationalen Identität. Es ist sein "persönlicher" Versuch, den Bodensee-Blick auf die deutsche Geschichte ungetrübt zu wahren. Begriffe wie "Schande", "Drohroutine", "Moralkeule" werden in Stellung gebracht, um aus dem Schandfleck der Nation die zu Unrecht bedrohte Nation zu konstruieren - bewusst oder unbewusst: ein erster Schritt zur Täter-Opfer-Umkehr. Instrumentalisierendes Interesse an der schuldhaften deutschen Vergangenheit, so insinuiert Walser, ohne dabei Ross und Reiter zu nennen, haben vor allem Juden. Er ist geschickt genug, es bei Suggestivfragen zu belassen, die zugehörigen Antworten lediglich anzudeuten, sie dem Hörer oder Leser gleichsam aufzudrängen. Welche Vorurteile auch immer damit klammheimlich bestärkt werden: Juristisch bleiben Walsers Äußerungen unangreifbar.
Argumentationsmuster solcher Art werden keineswegs durch Walsers Hinweis erträglicher, er habe "in der Paulskirche in einer persönlichen Sprache geredet über ein Thema, über das sonst in öffentlichen Sprachen geredet und geschrieben wird". Im vorliegenden Zusammenhang stehen nicht "Selbsterfahrung" und "tendenzlose Bekenntnisse" im Vordergrund, sondern - Ort, Anlass und Kontext gemäß - inhaltliche Aussagen frei von mehrdeutigen, missverständlichen Formulierungen. Und sollte er tatsächlich bis heute den Unterschied zwischen Frankfurter Paulskirche und Literaturhäusern verkannt haben, dann geriete seine damit verbundene trotziglutherische Haltung des "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" in die Nähe des Starrsinns. In Anspruch, Wortwahl und Auftritt erinnert Walser mich gelegentlich an Maurice Sendaks Kinderbuchtitel "Es muss im Leben mehr als alles geben".
Möge Martin Walser als ständiger Beobachter seiner selbst, als literarischer Ritter ohne Furcht und Tadel weiterhin "persönliche" Forschungsreisen in den Mittelpunkt seiner Innerlichkeit unternehmen und uns noch lange an seiner untergründigen Gefühlstektonik teilhaben lassen. Das wirft nicht nur ein Schlaglicht auf herrschende "Normalität" im Umgang mit der jüngsten deutschen Vergangenheit, mit Erinnerung und deren Brechungen. Es zeugt vor allem davon, wie "Es" aus den Betroffenen spricht und hinter wohlgesetzten Worten unversehens Verborgenes preisgibt.
Widerspruch ist willkommen, denn wir bleiben dort lebendig, wo wir gefährdet oder gefordert sind.