Showbusiness Freunde in der Not
Hinter seiner dicken Hornbrille zieht der berühmte Regisseur lustige und zornige Grimassen und zetert: "Ich weiß nicht, was hier vorgeht", weil ihm die lässigste Rock'n'Roll-Band der Welt offenbar nicht mal den Programmablauf des Abends verraten hat. Hektische Techniker, paffende Musiker, kreischende Zuschauer, das alles sieht man im Trailer für den jüngsten Film des Regisseurs Martin Scorsese, der in anderthalb Wochen die Berlinale eröffnen soll.
"Shine a Light" heißt das Werk, für das Scorsese zwei Auftritte der Rolling Stones im New Yorker Beacon Theatre im Herbst 2006 abfilmte. Eines der Konzerte fand zur Feier von Bill Clintons 60. Geburtstag statt. Christina Aguilera hüpft mit auf der Bühne herum, der schwarze Bluesgitarrist Buddy Guy schrummt sich die Seele aus dem Leib, und mittendrin taucht plötzlich ein Interviewschnipsel aus den sechziger Jahren auf, in dem ein jugendfrischer Mick Jagger gesteht: "Ich hätte nie gedacht, dass wir auch nur zwei Jahre durchhalten."
Die Rolling Stones haben inzwischen viereinhalb Jahrzehnte Bandgeschichte auf den (wie Scorseses Film zeigt) bemerkenswert durchtrainierten Buckeln, noch etwas länger im Musikgeschäft ist Bob Dylan. Ihm hat der US-Regisseur Todd Haynes den künstlerisch aufregendsten Musikfilm seit Ewigkeiten gewidmet, in dem der Meister selbst allerdings gar nicht mitspielt. Ende Februar läuft "I'm Not There" in den deutschen Kinos an.
Regisseur Haynes zeigt den glorreichen Barden Dylan im Streit mit schlaumeierischen Journalisten, als auf Güterzüge aufspringenden Vagabunden und in der Rolle des jungen Superstars, der in teuren Hotelzimmern drogensatt herumphilosophiert; verkörpert aber wird der Musiker abwechselnd von vier erwachsenen Männern (dem vergangene Woche verstorbenen Heath Ledger, außerdem Christian Bale, Ben Wishaw und Richard Gere), einem kleinen schwarzen Jungen (Marcus Carl Franklin) und einer Frau (Cate Blanchett).
Hört sich irre an, ist aber ein großartiger, auch musikalisch mitreißender Trip durch die Lebensphasen des faszinierenden und bis heute rätselhaften Großkünstlers Dylan, der unter dem Namen Robert Zimmermann aufwuchs.
Verdiente Popmusik-Helden wie die Rolling Stones und Bob Dylan als Kinostars -
auf dieses Rezept setzen Kinomacher derzeit aus vielerlei Gründen. Der interessanteste hat mit den Segnungen des Computerfortschritts und des Internet zu tun, die der aus Großbritannien stammende Silicon-Valley-Unternehmer Andrew Keen vergangenes Jahr in seinem Buch "The Cult of the Amateur" kritisch beschrieben hat*.
Es schwäche "die Vitalität der Künste", so fasste Keen kürzlich in der Wochenendbeilage des Schweizer "Tages-Anzeigers" seine Thesen zusammen, dass jeder technisch halbwegs versierte Computernutzer heute eigene Texte, eigene Songs und eigene Filme produziere und in die Netz-Öffentlichkeit hinausschleudere. Die schöne neue Internet-Kultur verkläre das Dilettantentum zum Stilprinzip, die derart basisdemokratisch fabrizierte Jedermannskunst aber zeuge nur von privatistischen Befindlichkeiten, "statt die Welt zu spiegeln, in der wir leben".
Der moderne Netz-Nutzer, glaubt Keen, konfrontiere sich kaum mehr mit Kulturgut, das "über seine eigenen Gedanken hinausgeht". Überall, in Blogs, in Nachschlagewerken, vor allem aber auf dem Feld künstlerischer Betätigung, sieht er blutige Ama-
teure am Werk: "Alles, was uns die Web- 2.0-Revolution schenkt, ist also mehr von uns selbst - statt dass sie, wie sie behauptet, neuen Mozarts, van Goghs und Hitchcocks zum Durchbruch verhilft."
Die Beschäftigung mit unbestritten genialen Heroen der Musikgeschichte, wie sie das Kino derzeit so emsig betreibt, wirkt da wie eine trotzige Reaktion auf den Amateurkult. Allein im Programm der Berliner Filmfestspiele finden sich mehr als ein halbes Dutzend Huldigungen an musikalische Virtuosen und Lichtgestalten; eine Dokumentation über die Countryrocker Crosby, Stills, Nash & Young ("CSNY Déjà vu") zum Beispiel, andere über Meister des argentinischen Tangos, Stars philippinischer Ghettomusik und über Helden des ugandischen HipHop. Sogar ein Reisebericht über den jüngsten Asien-Ausflug der Berliner Philharmoniker wird auf der Leinwand zu sehen sein.
Mehr Rummel dürfte es um die amerikanische Sängerin Patti Smith geben, die in einer Dokumentation mit dem Titel "Patti Smith: Dream of Life" gefeiert wird. Am zweiten Tag des Filmfestivals (also am 8. Februar) gibt sie in der Berliner Passionskirche auch gleich noch ein Konzert.
Und schließlich Madonna: Die bekannt superehrgeizige Popdiva präsentiert ihr Regiedebüt "Filth and Wisdom" in Berlin als Weltpremiere. Der Spielfilm zeigt Szenen aus der Welt osteuropäischer Migranten in London, ist aber, wie man hört, vor allem eine Huldigung an die Gipsy-Punkmusiker von Gogol Bordello und ihren Sänger Eugene Hütz, mit denen die regieführende Sängerin auch schon gemeinsame Konzertauftritte absolviert hat.
Natürlich ist auch der desaströse Zustand der Musikwirtschaft daran schuld, dass sich derzeit so viele Popkünstler hinter und vor den Kameras verausgaben. Seit die CD-Verkäufe einbrechen, mühen sich Künstler und Manager um die Sicherung verbliebener Einnahmequellen: Das Abfilmen von Konzertauftritten ist eine davon.
Popmusik-DVDs gelten als zuverlässige Geldbringer, sie gehören längst so zwingend zu Konzertreisen wie das sogenannte Merchandising, der Verkauf von bedrucktem Krimskrams wie Kaffeebechern oder T-Shirts. Auf erfolgreiche Tourneen folgt zuverlässig ein DVD-Mitschnitt, ob von Madonna, David Gilmour oder Herbert Grönemeyer. Die Rolling Stones ließen ihre "A Bigger Bang"-Tournee gewohnt größenwahnsinnig gleich mit einem 4-DVD-Set verewigen.
Allerhand Geld eingespielt wird auch mit filmischer Recyclingware. Paul McCartney beispielsweise publizierte jüngst seine gesammelten Post-Beatles-Clips aus vier Jahrzehnten auf drei DVDs.
Ungleich brisanter, nicht nur in musikalischer, sondern auch in politischer Hinsicht, ist da die im vergangenen Jahr veröffentlichte Dokumentation "Shut Up & Sing" über die Musik und den kämpferischen Charme der wegen ihrer Kritik an George W. Bush jahrelang angefeindeten US-Countryband Dixie Chicks.
Die Königsdisziplin des Genres aber bleibt die biografische Verewigung einer Musikerkarriere. Gediegene Dokumentationen
lieferten etwa Martin Scorsese mit seiner Dylan-Story "No Direction Home" (2005) und Hollywood-Großmeister Peter Bogdanovich mit der Tom-Petty-Lebensgeschichte "Runnin' Down a Dream" (2007). Publikumshits wurden die Spielfilm-Lebensstorys des schwarzen Sängers Ray Charles und des Countryhelden Johnny Cash, "Ray" (2004) und "Walk the Line" (2005) brachten den Darstellern sogar Oscars ein.
Kein Wunder also, dass sich Holly-wood-Stars um Hauptrollen in diversen anstehenden Musikfilmen bewerben. Für die lang geplante Janis-Joplin-Leinwandbiografie war Lindsay Lohan im Gespräch, das Rennen machte Jungstar Zooey Deschanel. Don Cheadle will den legendären Jazz-Trompeter Miles Davis verkörpern, Mike Myers als extrovertierter und exzentrischer Who-Schlagzeuger Keith Moon vor der Kamera kaspern. Und Scarlett Johansson soll in der Verfilmung des tragisch kurzen Lebens von Grunge-Ikone Kurt Cobain auf Wunsch von Courtney Love deren junges Double spielen.
Bereits in den deutschen Kinos an- gelaufen ist "Control", das Spielfilmdebüt des Musiker-Fotografen Anton Corbijn. Es erzählt vom kurzen Leben des unglücklichen, epilepsiekranken, genialen Joy-Division-Sängers Ian Curtis, der sich 1980 das Leben nahm. Die Musik, der Hauptdarsteller Sam Riley und Alexandra Maria Lara in einer Nebenrolle machen das gestylte Schwarzweißwerk erträglich, trotzdem gilt für "Control" das Verdikt des kalifornischen Popkultur-Professors Todd Boyd: "Wenn man einen dieser Musikerfilme gesehen hat, kennt man eine Million." Stets setze sich ein armer, begabter Schlucker gegen böse Widerstände durch und werde auf dem Gipfel des Erfolgs von den Dämonen seiner Kindheit eingeholt. Schluchz.
Ende Februar läuft in den deutschen Kinos die Rock'n'Roll-Komödie "Walk Hard", die dieses Prinzip gründlich veräppelt. Der Held des Films schläft mit 411 Frauen, zeugt 22 Kinder und trifft Elvis ebenso wie die Beatles, außerdem wirft er mehr Drogen ein, als ihm guttut - das ganze Programm wird hier noch mal zum finalen Ablachen durchgenudelt.
In einer originelleren Story ist die Sängerin Norah Jones derzeit in "My Blueberry Nights" zu bestaunen. Die sentimentale Amerika-Ballade des chinesischen Regisseurs Wong Kar-wai zeigt, wie Jones als Wandersfrau durch ein buntes Traumland stapft, das so wohlig warm und watteweich ist wie ihre schwer kitschverdächtigen Lieder. Die meisten Kritiker langweilten sich ein bisschen mit diesem Film, für den Jones auch Musik lieferte, weil aber Jude Law die männliche Hauptrolle in Wongs buntem Märchen ist, sind viele weibliche Zuschauer absolut hingerissen von "My Blueberry Nights".
Bei allen Schwächen knüpft Wong durchaus geschickt an die Tradition jener Musikfilme an, die wie Richard Lesters Beatles-Film "A Hard Day's Night" (1964) Pop und Kinobilder zum Ausdruck eines aktuellen Lebensgefühls verschmelzen. Die Rock'n'Roll-Filme der fünfziger Jahre, Fließbandproduktionen mit marginaler Handlung und viel Musik von Bill Haley oder Elvis Presley, hatten dieses Versprechen nur ausposaunt, aber nicht eingelöst.
In den sechziger Jahren jedoch, zuerst in "A Hard Day's Night", später in Godard-Werken wie "One Plus One" (1968), wurden Pop und Kino wirklich eins. Und in ein paar anderen großartigen Filmen spielten Popsongs immerhin tragende Rollen, so die verhuschten Balladen von Simon & Garfunkel in "Die Reifeprüfung" (1967) oder der Rock von den Byrds und von Steppenwolf in "Easy Rider" (1969).
Jean-Luc Godard gruselte sich Ende der Siebziger vor Musikfilmen wie "Saturday Night Fever" und "Grease" und nannte sie "richtige Monsterfilme, die einem keine Angst, die einen aber hinterher selber monströs machen" - weil sie aufs Klebrigste das Bewusstsein manipulierten.
Das Elend aller reinen Musikfilme seit der Konzertdokumentation "Woodstock" ist dagegen ihre Unfähigkeit zur Manipulation. Für uneingeweihte Menschen, die Nichtfans, sind sie sturzlangweilig. Das gilt sogar für Martin Scorseses "The Last Waltz" über das Abschiedskonzert der Dylan-Begleitcombo The Band im Jahr 1976, die Mutter aller modernen Konzertfilme - und es dürfte in ganz besonderer Weise für die Rolling-Stones-Gala "Shine a Light" gelten.
Die Stones setzen zwar bei ihren Tourneen Rekordsummen um, schafften es zuletzt aber nicht mehr, die überteuerten Karten für ihre Auftritte komplett loszuschlagen. In Deutschland spielten sie in nicht ausverkauften Arenen - und nun soll ihnen Scorseses Beistand neue künst- lerische Attraktivität bescheren? Mal abwarten.
In Interviews hat sich der Regisseur bereits dafür gerechtfertigt, dass er sich nur der Musik widmet und den faltigen Rockern selbst nicht noch mal Fragen zum Beispiel nach ihrem Polit-Engagement stellt: Die Jungs seien oft genug verhört worden, "was, um Himmels willen, soll man von denen noch wissen wollen?"
Vermutlich ist genau das der Unterschied, der die Dylan-Hommage "I'm Not There" zum großen Ereignis macht: Todd Haynes zelebriert nicht den schrillen Ausverkauf, sondern das fröhliche Mysterium einer Poplegende: Tausend Facetten ergeben das glanzvolle Porträt eines niemals greifbaren Helden.