Bildung Hörsaal im Wüstensand
Sein bisheriger Job war auch nicht gerade einfach: Über acht Jahre lang hat Burkhard Rauhut die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) in Aachen geleitet und bis zu einer Elite-Uni gebracht. Im Juli wird er emeritiert - und damit beginnt für ihn eine noch größere Herausforderung.
Es fängt schon damit an, dass sein neuer Arbeitsplatz schwierig zu finden ist. Am besten sagt man dem Taxifahrer: An der großen Moschee rechts, vorbei am kleinen Fischmarkt, weiter bis zum Indischen Ozean. Dort stehen zwei weiße Villen zwischen ein paar Dattelpalmen, zwischen denen manchmal eine Herde Ziegen grast.
Was klingt wie die Wegbeschreibung zu einem Club Med, soll zum ersten großen Ableger einer deutschen Universität in der Golfregion werden.
Hier in Maskat, der omanischen Hauptstadt, baut der studierte Mathematiker eine Art RWTH unter Palmen auf: die Oman-German University of Technology (OGTech). Noch klingt sein ambitionierter Plan wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht; noch ist das Rektorenbüro kahl, bis auf ein paar Stühle, zwei Tische, ein kleines Regal. Nur Sultan Kabus Ibn Saïd, der Alleinherrscher des Wüstenlandes mit seinen 3,2 Millionen Einwohnern, lächelt vollbärtig und huldvoll herüber von einem Bild.
Viele Details wirken zunächst überraschend. Formal ist die Uni als Gesellschaft mit beschränkter Haftung eingetragen und befindet sich im Besitz lokaler Investoren. Die RWTH kümmert sich nur um Forschung und Lehre. Die beiden Villen unterstanden zuvor dem Minister für Religiöse Angelegenheiten, der als wichtiger Förderer des Projekts gilt. Der Platz ist knapp, die Chemielabors kommen vorerst in eine Baracke im Hof. Dennoch beherbergen die Villen zwei Gebetsräume: einen für Männer, einen für Frauen.
Seit Oktober büffeln in den Villen bereits 58 Studenten des Vorbereitungsjahrgangs Mathe, Englisch, Wirtschaft, Physik und ein paar andere Fächer. Rund 10 000 Euro Studiengebühren zahlen die Studenten für dieses Jahr; der Unterricht findet von 9 bis 18 Uhr statt, auf Englisch.
Bisher wirkt das Studium eher wie ein Grundkurs der gymnasialen Oberstufe. Doch im Oktober soll es richtig losgehen mit zunächst vier Studiengängen: Ingenieurwissenschaften, Stadtplanung, Geowissenschaft und Informationstechnologie. Am Ende winkt ein Bachelor- oder Master-Abschluss, auf dem neben dem lokalen Logo auch das der RWTH prangt.
"In vier Jahren wollen wir einen eigenen Campus mit einer halben Million Quadratmeter haben, Labors, lokale Drittmittelaufträge
und etwa 2000 Studenten", sagt Rauhut. Und fügt lachend hinzu: "Inschallah" - so Gott will.
Anderswo in der Wüste werden noch weit ehrgeizigere Bildungspläne geschmiedet. Vielerorts in der Golfregion gründen die Herrscher mit ihren Ölmilliarden neue Universitäten. So wollen sie den Sprung in die Wissensgesellschaft schaffen.
Oft helfen dabei deutsche Professoren. Unter Federführung der Technischen Universität München zum Beispiel soll an der jungen Abu Dhabi University eine medizinische Fakultät mit zugehöriger Universitätsklinik entstehen. Um die Ausbildung des Pflegepersonals wird sich ein Team der Universität Bonn kümmern.
Entwicklungshilfe soll die TU München auch beim derzeit kühnsten Hochschulprojekt in der Wüste leisten. Im saudi-arabischen Tuwal, zwischen der Küste des Roten Meers und einer Ölraffinerie, plant die Regierung eine Revolution, die das Land von Grund auf verändern könnte.
Der Auftrag kommt von ganz oben, von seiner Hoheit Abdullah Ibn Abd al-Asis Al Saud, Hüter der beiden Heiligtümer Mekka und Medina, Herrscher über Saudi-Arabien. Sein Auftrag lautet: Nehmt 12,5 Milliarden Dollar, stampft eine futuristische Hochschule aus dem Wüstensand, stattet sie mit internationalen Spitzenforschern aus und mit einem Budget, das manch eine Eliteuniversität erblassen lässt. Der Name dieser Vision: King Abdullah University of Science and Technology (Kaust).
Der König hat das Prestigeprojekt seinem Erdölminister Ali al-Naimi anvertraut. Ein großer Teil der derzeitigen Führungsriege der Kaust kommt vom staatlichen Ölgiganten Saudi Aramco, der auch mit dem Bau der Hochschule beauftragt ist. Die Schwerpunkte: Energie und Umwelt, Biowissenschaften, Materialwissenschaften und Computertechnologien.
"Die Vision des Königs ist es, mit Kaust ein neues Zeitalter der Aufklärung in der Region zu starten und den Wandel hin zu einer Wissensgesellschaft voranzutreiben", sagt der interimistische Dekan Ahmed al-Chuweiter. "In zehn Jahren möchten wir zu den 50 besten Forschungsuniversitäten der Welt gehören."
Verblüffend erscheint auf den ersten Blick, dass Männer und Frauen an der neuen Universität Seite an Seite arbeiten sollen - und nicht in getrennten Räumen, wie es an den meisten Bildungseinrichtungen in dem streng islamischen Land Sitte ist. Als revolutionäre Neuerung möchte Chuweiter dies indes nicht verstanden wissen: "Forschungsarbeit hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Wenn Sie wissenschaftliche Publikationen aus Saudi-Arabien anschauen, sehen Sie, dass Männer und
Frauen bei uns heute schon zusammenarbeiten."
Mit ganzseitigen Inseraten in arabischen und internationalen Medien werben die Planer derzeit für die neue Super-Uni. Abgesandte reisen um die ganze Welt, um sich nach geeigneten Partnern umzusehen - unter anderem in Deutschland. So besuchte der Erdölminister persönlich im vergangenen Juni die TU München. Vor kurzem wurde ein Vertrag über die Zusammenarbeit unterzeichnet.
Wolfgang Herrmann, Präsident der TU München, war auch dabei, als der saudiarabische König im vergangenen Oktober in einer feierlichen Zeremonie in Tuwal den Grundstein für die künftige Eliteuniversität legte. "So eine Zeremonie habe ich noch nie erlebt", schwärmt Herrmann. "Mehr als tausend Gäste aus aller Welt waren in einem riesenhaften Zelt versammelt."
Dann verkündete König Abdullah: "Es gibt hier keine Grenzen, was Raum und Geld angeht, aber es gibt zu wenig Talente." Herrmann grinst breit: "Da hab ich mir gedacht, bei uns daheim ist es grad umgekehrt, und drum passen wir gut zusammen."
Auf dem Weltmarkt für Wissen ist der Exportweltmeister Deutschland gleichwohl nur ein Zwerg. Bislang kooperieren die Araber vor allem mit Privat-Unis aus den USA, Großbritannien, Kanada oder Australien. Im kleinen Golfstaat Katar etwa, der Heimat des TV-Senders al-Dschasira, entsteht eine riesige Wissenschaftsstadt ohne deutsche Beteiligung. Und in Dubai errichtet die Harvard Medical School eine ganze Forschungsklinik unter eigenem Namen. Sogar die französische Sorbonne unterhält einen eigenen Campus im benachbarten Abu Dhabi. Verglichen damit mutet das Engagement deutscher Universitäten eher bescheiden an.
"Deutschland bleibt weitgehend außen vor", kritisiert ein internes Strategiepapier, das von einer Auslandsvertretung vor Ort erstellt wurde. Was fehle, seien akademische "Rundum-sorglos-Pakete" und eine Erfolgs-Uni mit "Leuchtturmfunktion".
So etwas Ähnliches könnte nun der Aachener Ableger in Oman leisten. "Unser Vorteil ist, dass wir von den Fehlern der anderen lernen können", sagt der Uni-Chef Rauhut. "Wir wollen keine reine Lehruniversität, die einfach ihre Studieninhalte aus dem Heimatland klont." Stattdessen möchte er eine waschechte Forschungsuniversität aufbauen, eng verzahnt mit der lokalen Wirtschaft. Noch dieses Jahr soll ein Verbindungsbüro vor Ort Drittmittelaufträge akquirieren.
Nirgendwo am Golf sind die Bedingungen für die Zusammenarbeit so gut wie in Oman. Ein Großteil der Touristen kommt aus Deutschland; der Sultan besitzt ein Anwesen in Garmisch-Partenkirchen. Und während Turbostaaten wie Dubai sich als Spielcasino für Spekulanten geben, sehen viele Omaner ihr Land eher als behutsamen Wohlfahrtsstaat mit Öko-Image.
Das RWTH-Experiment soll kein abgeschotteter Elfenbeinturm werden, sondern auf die Besonderheiten der lokalen Kultur eingehen - was nicht ohne Risiko ist. Rauhut mag sich auf dem glatten Parkett der Spitzenforschung auskennen; aber in Oman läuft er über einen diplomatischen Orient-Teppich, eng geknüpft aus kleinen Fallstricken.
Die RWTH-Forscherin Barbara Stäuble zum Beispiel, die in Maskat die Lehrpläne ausarbeitet, wurde schon einmal von einem wichtigen Meeting ausgeschlossen, weil sie als einzige Frau in einem Raum mit lauter Männern gewesen wäre - das gilt in dem muslimischen Land als anstößig. Wie sollen aufgeklärte Akademiker mit derlei Zumutungen umgehen?
Der große Brückenbauer in derlei Fragen ist Michael Jansen, RWTH-Professor für Stadtbaugeschichte und Gründungsrektor der OGTech. Im Süden von Oman hat er schon vor Jahren einen archäologischen Park aufgebaut und nebenher ein kompliziertes Netz aus persönlichen Freundschaften geknüpft. Ohne seine Verbindungen hätte es die Filiale der RWTH Aachen in der Wüste wohl nie gegeben. Durch ihn wurde der Exzellenz-Ableger zu einem Labor der akademischen Freiheit und des kulturellen Austauschs.
Doch nun hat Rauhut die Aufgabe, aus dem Experiment eine Institution zu machen. "Es ist immer schwer, solche Projekte von der persönlichen Freundschaft in eine tragfähige Struktur zu überführen", sagt Rauhut, "aber es muss sein."
Aus diesem Grund hat er Experten wie Robert Schmitt mitgebracht, einen Maschinenbauprofessor, der früher bei MAN im Lastwagenbau Qualitätssicherung betrieben hat: Nun soll er in der Oman-Filiale der RWTH eine strikte Überwachung des akademischen Standards einführen.
Wer ein paar Stunden dem Unterricht zugesehen hat, weiß, welch schwierige Aufgabe der Maschinenbauprofessor hat: Die omanischen Studenten wirken derzeit eher wie Schüler. Sie respektieren die Autorität der Lehrer, sie stellen kaum kritische Fragen; und statt Probleme kreativ zu lösen, setzen viele von ihnen eher aufs Ablesen und Auswendiglernen. Dieses Zeugnis wird dem Schulsystem der Region immer wieder ausgestellt - sogar von der Bildungsministerin von Oman selbst.
Andererseits sind die Fortschritte beachtlich. Noch 1995 gab es in Oman nur ein College. Heute dagegen leben über 17 000 Studenten im kleinen Wüstenland, und über die Hälfte von ihnen sind Frauen. Auch an der RWTH-Filiale sind zwei von drei Studierenden Frauen. Das liegt nicht nur daran, dass arabische Frauen generell als lernmotivierter gelten. Sondern auch an der Sorge der Familie um den guten Ruf: Nur ungern lassen sie Töchter unbeaufsichtigt ins Ausland.
Umso willkommener ist daher das behütete Klein Aachen am Strand von Maskat: Wenn die Studenten abends mal am Strand grillen, bemühen sich die deutschen Akademiker, so lange als Anstandswauwau dabei zu bleiben, bis auch wirklich die letzte Studentin in ihren Mercedes gestiegen ist.