Altersvorsorge Die Hungerrentner von morgen
Sie frisieren in Salons, pflegen in Heimen, kochen in Restaurants, geben Kurse an Volkshochschulen: Tag für Tag schuften zahllose Männer und Frauen an ihrem Arbeitsplatz ganz so, als wären sie dort angestellt. Bloß, einen Gehaltszettel sehen sie nie.
Solo-Selbständige werden solche Kräfte genannt, die auf eigene Rechnung arbeiten: kurzfristig verfügbar, stets flexibel, auch was den Preis angeht, und immer mobil. Sie sind auf alles vorbereitet. Nur nicht auf ihre Zukunft.
Keinen Cent hat Ralph Schüller, 38, bisher für das Alter zurückgelegt. "Ich brauche meine ganzen Einnahmen für die laufenden Kosten", sagt er. Der Mainzer arbeitet als solo-selbständiger Mietkoch, fast jeden Tag steht er hinter einem anderen Herd. Morgens um vier belegt er Hunderte Canapés mit Käse und Lachs, abends gart und brät er in Frankfurter Hotels, oder er bekocht Musiker auf ihrer Tournee.
Seit vier Jahren beutet Schüller sich selbst aus, Kollegen und Freunde raten ihm dringend, etwas für seine Rente zu tun. Seine Nachlässigkeit ist ihm bewusst, "aber bisher ging es einfach nicht anders", beteuert er. Schüller arbeitet weiter, wenn es sein muss, bis zum Umfallen.
Diese Aussicht teilt der Mainzer Mietkoch mit Millionen anderen im Land: mit Minijobbern, Teilzeitkräften, Dauerpraktikanten, Geringverdienern, Langzeitarbeitslosen. Sie alle werden später einmal, wenn sie sich zur Ruhe setzen, ihren Lebensstandard erheblich zurückschrauben müssen. Oft heißt das: Sie verbringen ihre letzten Jahre in bitterer Armut.
Noch sind es wenige Senioren, die am Existenzminimum leben: Nur zwei Prozent der mehr als 20 Millionen Rentner sind auf die Grundsicherung angewiesen, wie die Alten-Sozialhilfe neuerdings stigmafrei umschrieben wird, weit weniger als in den meisten Nachbarländern. Der heutigen Rentnergeneration geht es so gut wie keiner vor ihr. Aber auch so gut wie keiner, die nach ihr kommen wird.
Wenn demnächst die ersten nachkriegsgeborenen Babyboomer das Rentenalter erreichen, wird eine soziale Gruppe zu versorgen sein, deren Mitglieder ganz andere Karrieren gemacht haben als ihre Eltern. Ihre Biografien weisen oft tiefe Brüche auf, mit Monaten und Jahren, in denen sie nur wenig oder gar nichts ins System eingezahlt haben. Diese Lücken konnten oder wollten sie nicht anderweitig auffüllen: mit einer Lebensversicherung etwa oder Immobilien. Das rächt sich nun.
Wer bereits Anfang vierzig ist, der kommt auf keinen grünen Zweig mehr. Der hat so gut wie keine Chance, verlorene Ansparzeit wieder aufzuholen. Mit der gesetzlichen Rente allein jedenfalls werden solche Lücken-Büßer kaum über die Runden kommen: Ein Durchschnittsverdiener, der bloß 30 Jahre eingezahlt hat, bekommt künftig höchstens 650 Euro Rente raus.
Altersarmut, das ist absehbar, wird zu einem Massenphänomen, sie verändert grundlegend das Gesicht des Landes und den Alltag seiner Bürger. Ihnen ist durchaus bewusst, was auf sie zukommt: Fast drei Viertel der Deutschen fürchten, dass sie im Rentenalter ihren Lebensstandard nicht mehr halten können, hat eine SPIEGEL-Umfrage ergeben. Mancher, der in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts im schicken Neubaugebiet aufgewachsen ist, wird froh sein, wenn er in den dreißiger Jahren des 21. Jahrhunderts nicht im Armenasyl endet.
Einige Gruppen trifft der soziale Wandel besonders hart: Da sind die 11,8 Millionen Teilzeitbeschäftigte, 1,4 Millionen mehr als vier Jahre zuvor, die weniger in die Rentenkasse abführen und auch entsprechend weniger aus ihr erwarten dürfen. Rund 75 Prozent von ihnen sind Frauen.
Oder die 6,5 Millionen Kräfte, die sich für vier, fünf Euro die Stunde verdingen, die bewachen, putzen, pflegen oder bedienen; der Anteil dieser Niedriglöhner ist seit 1995 um 43 Prozent gestiegen. Das Versorgungsniveau solcher Billigkräfte liege im sonst so reichen Deutschland am unteren Ende dessen, was ansonsten in Industrieländern üblich sei, hat die OECD herausgefunden.
Oder eben die 2,3 Millionen Solo-Selbständigen, eine halbe Million mehr als noch 2000, die sich als Einzelkämpfer durchschlagen: Lebenskünstler, die sich von einem Projekt zum nächsten hangeln, Selbstverwirklicher, die geflissentlich verdrängen, dass sie nicht ewig 27 bleiben.
Immer mehr Arbeitnehmer kehren dem Bismarckschen Sozialsystem den Rücken, ohne für privaten Ausgleich zu sorgen. Meinhard Miegel, Leiter des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft, warnt schon lange vor den Konsequenzen. Miegel erwartet, dass um das Jahr 2030 herum etwa die Hälfte der Seniorenschaft eine Rente beziehen wird, die kaum höher ausfällt als die Grundsicherung.
Einen Vorgeschmack auf die mageren Zeiten bekommen schon heute viele Ostdeutsche, die kurz vor der Rente stehen. Wo die Wirtschaftskrise der Nachwendezeit vielerorts über ein Drittel der Erwerbsfähigen in die Arbeitslosigkeit gedrückt hat, müssen gelernte DDR-Bürger wie der Leipziger Betriebswirt Wolfgang Osterkamp, 61, damit rechnen, bis ans Ende ihrer Tage an der Armutsschwelle zu leben.
Als die Mauer fiel, war Osterkamp Abteilungsleiter eines volkseigenen Textilbetriebs, er zählte zu den Besserverdienern. Dann wurde sein Unternehmen abgewickelt, er verlor den Job. Osterkamp scheiterte bei dem Versuch, sich als Finanzberater selbständig zu machen. Es folgten Sozialhilfe, Hartz IV und die gesicherte Erkenntnis aus 218 Bewerbungen, auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht zu werden.
Sein Vater, ebenfalls ein DDR-Leitungskader, gehörte noch zu den Gewinnern der Einheit. Er konnte sich 1991 nach einem lückenlosen Berufsleben mit einer ansehnlichen Rente von mehr als 1200 Euro in den Ruhestand verabschieden. Wer aber wie Osterkamp junior bereits als Mittvierziger aus dem Erwerbsleben aussortiert worden ist, hat von der Rentenversicherung nicht mehr viel zu erwarten. Er kann allenfalls auf 680 Euro hoffen, hat der Betriebswirt ausgerechnet, das ist kaum mehr als sein heutiger Hartz-IV-Satz.
Inzwischen hat Osterkamp eine neue Karriere begonnen, er leitet ehrenamtlich die Leipziger Sektion des Arbeitslosenverbands, dort ist er nun selbst so etwas wie ein Arbeitgeber. Auf seinem Schreibtisch liegt eine Mappe: die Unterlagen einer 30jährigen Bewerberin mit Diplom und tadellosem Lebenslauf. Die Arbeitsagentur möchte, dass der Verband ihr eine ABM-Stelle anbietet, dotiert mit 900 Euro im Monat. Osterkamp zögert. Ein Job auf dem Zweiten Arbeitsmarkt für eine bestens ausgebildete Akademikerin? "So", seufzt er, "wird Altersarmut programmiert."
Angst vor Altersarmut breitet sich aus wie eine Epidemie
Die Politik hat in der Tat kräftig mitgewirkt am Aufschwung solcher flexiblen, aber fragilen Erwerbsformen. Sie seien "politisch gewollt und finanziell gefördert" worden, bemerkt Uwe Fachinger, Ökonom an der Hochschule Vechta, doch dabei werde ausgeblendet, dass sie "die sozialen Sicherungssysteme vor besondere Herausforderungen stellen". Mit anderen Worten: Eine spätere Politikergeneration wird es ausbaden müssen, dass ihre Vorgänger solche Jobs unzureichend abgesichert haben.
Kaum weniger schädlich wirken sich die Reformen aus, die ausgerechnet den unteren Stufen der Einkommensskala weitere Einbußen bescheren. Konnten Arbeitslose früher ihre Rentenansprüche während der Jobsuche annähernd wahren, hat die Regierung nun die Beiträge zusammengestrichen, die sie für sie abführt. Ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger steigert sein Ruhegeld pro Jahr um lächerliche 2,19 Euro.
Kein Wunder, dass sich die Angst vor Altersarmut derzeit wie eine Epidemie ausbreitet, nicht nur unter Billigjobbern. Sandra Schmidt, 37, Verkäuferin in einem Supermarkt in Bramsche, verdient 1200 Euro netto, das ist ganz ordentlich für ihre Branche. Ihr Lebensabend scheint gesichert, entnimmt sie zumindest ihrer Renteninformation. Geht sie mit 67 in den Ruhestand, bekommt sie rund 1015 Euro Rente, steht dort. Beruhigt hat sie die Auskunft dennoch nicht.
Damit die Prognose eintrifft, müsste sie noch drei Jahrzehnte weiterarbeiten, dann hätte sie fast 50 Jahre gerackert. "Schwer vorstellbar" sei das, sagt sie, zumal sich die Arbeitswelt im Einzelhandel rasant verändert: Von den 50 Kollegen in ihrem Supermarkt arbeiten nur noch 16 Vollzeit, eine einzige ist älter als 50 Jahre. Setzt ihr Arbeitgeber sie auf Teilzeit oder wird sie erwerbsunfähig, würde ihr Rentenanspruch rasch auf Hartz-IV-Niveau zusammenschnurren. Wo das Normalarbeitsverhältnis zur Ausnahme wird, entwickelt sich Altersarmut zur Regel.
Was zu tun wäre, sei ihr "vom Kopf her klar", sagt Schmidt. Neulich erst habe es ihr ein Versicherungsvertreter vorgerechnet. 120 Euro müsste sie monatlich in eine Riester-Rente investieren, dann würde ihr der Staat rund 60 Euro zuschießen. Nur, woher, bitte, soll sie das Geld nehmen? Sie wohnt in einer billigen 55-Quadratmeter-Dachwohnung. Das Auto teilt sie sich mit zwei Bekannten. Und was sie im Monat übrig hat, braucht sie, um ihre alleinerziehende Schwester zu unterstützen. "Mein Opa hat sich noch auf die Rente gefreut", sagt sie, "wir haben Angst davor."
Mit diesem Gefühl lässt sich Geld verdienen. Die Banken nutzen die Furcht vor späterer Verarmung neuerdings als wichtige Argumentationshilfe, um ihre Anlageprodukte zu verkaufen. Sie haben die tatsächlich Bedürftigen, Leute wie die Supermarktangestellte Schmidt, dabei freilich nicht im Sinn. Die Finanzinstitute zielen eher auf die Mittel- und Oberschicht, auf Kunden also, die solvent genug sind, über Jahre hinweg ein paar hundert Euro pro Monat auf die Seite zu legen.
Wohin die Entwicklung führt, lässt sich unschwer erkennen: Die künftige Altenrepublik Deutschland wird eine Drittel-Gesellschaft sein. Ein Drittel der Rentner verfügt über die gesetzliche Rente, eine betriebliche Absicherung, Sparvermögen und Immobilienbesitz: Sie haben ausgesorgt. Das zweite Drittel wird mit der gesetzlichen Rente und etwas Erspartem mit Müh und Not über die Runden kommen. Das letzte Drittel aber wird seinen Lebensabend in mehr als bescheidenden Verhältnissen fristen: Sie bleiben ausgegrenzt.
Mag sein, dass manche aus den Problemgruppen noch etwas in der Hinterhand haben - eine Erbschaft etwa oder das Vermögen des Partners -, das sie im Alter finanziell unabhängig macht. Doch nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung wird der Traum von spätem Reichtum wahr, der Rest bleibt in der Armutsfalle gefangen.
Jeder Achte in Deutschland muss mit höchstens 60 Prozent des mittleren Durchschnittslohns zurechtkommen, bei Singles sind das weniger als 781 Euro verfügbares Einkommen im Monat. Die Niedrigverdiener von heute werden die Hungerrentner von morgen sein, sofern die Politik nicht doch noch einen Ausweg findet.
Seit einigen Wochen werden in Berlin verschiedene Konzepte diskutiert. Sie haben eines gemein: Alle weisen beträchtliche Risiken und Nebenwirkungen auf.
Das gilt beispielsweise für den Vorschlag des Wirtschaftsweisen Bert Rürup, niedrige Altersgelder durch steuerfinanzierte Zuschüsse aufzustocken, allerdings nur für Arbeitnehmer, die 35 Jahre eingezahlt haben. Diese Finanzhilfe könnte zwar manchen Kleinrentner über die Armutsschwelle hieven, zugleich ruft sie aber neue Ungerechtigkeiten hervor. Wer etwa mit seinen Altersbezügen knapp oberhalb der Zuschussgrenze liegt, geht leer aus.
Auf ähnliche Bedenken stößt die Idee des CDU-Sozialexperten Peter Weiß zur Reform der Riester-Rente. Damit Arbeitnehmer nicht vergebens fürs Alter vorsorgen, will der Christdemokrat die private Zusatzvorsorge zumindest teilweise vor dem Zugriff des Staates bewahren. Wer im Alter auf Grundsicherung angewiesen ist, soll wenigstens die Hälfte seiner Riester-Rente behalten dürfen. So will Weiß verhindern, dass Geringverdiener aus Angst vor späteren Verlusten überhaupt nicht privat vorsorgen.
Doch der Vorstoß wirft Fragen auf: Warum werden Riester-Verträge geschützt, nicht aber private Wertpapierdepots? Vor allem: Warum sollen sie besser behandelt werden als die gesetzliche Rente, die weiter voll auf die Grundsicherung angerechnet wird? Die CDU-Führung hat das Konzept ihres Sozialexperten vorerst einmal zu den Akten gelegt.
Kaum besser sind die Aussichten für die Gewerkschaftsforderung nach einer allgemeinen Erwerbstätigenversicherung. Demnach sollten alle Beschäftigten, auch Selbständige, in die Rentenkasse einzahlen. Doch auch der Gewerkschaftsvorschlag stößt auf Vorbehalte, nicht zuletzt bei jenen, denen er eigentlich zugutekommen soll. Viele Selbständige wollen nicht in die Staatsversicherung gezwungen werden, sie sorgen lieber privat vor. Andere warnen, dass sie sich Rentenbeiträge von fast 20 Prozent in den ersten Geschäftsjahren schlicht nicht leisten könnten.
So groß sind die Tücken der Konzepte, dass nicht wenige Experten einen echten Systemwechsel favorisieren: die Einführung einer steuerfinanzierten Grundrente, auf die keine Privatvorsorge angerechnet wird. Dann würde die Allgemeinheit für die Basisversorgung aufkommen, für den Rest müsste jeder selbst sorgen.
An einer solchen Debatte freilich haben die Parteiführer von SPD und Union derzeit kein Interesse. Zu präsent sind noch die quälenden Konflikte um die rot-grünen Rentenreformen und die Agenda 2010, einen neuen Prinzipienstreit um den Sozialstaatsumbau wollen sie vermeiden. Eine weitere Rentenreform, signalisiert das Kanzleramt, sei frühestens "Gegenstand der nächsten Legislaturperiode".
So lange kann nicht jeder warten. Dieter Zimmermann, 69, hat einen anderen Weg gefunden, um seinen Lebensstandard im Alter zu wahren. Er ist dorthin gezogen, wo er mehr für sein knappes Geld bekommt.
Voriges Jahr packte der ehemalige Mitarbeiter der einstigen US-Fluggesellschaft TWA die Umzugskisten und zog von der Taunus-Gemeinde Oberursel ins sächsische Görlitz, direkt an die polnische Grenze. Städte wie Görlitz oder Leipzig werben gezielt um West-Rentner und organisieren eigens für sie Infoveranstaltungen.
Nun kann sich Zimmermann eine Wohnung in einer Gründerzeitvilla leisten, vorher lebte er im Hochhaus. Der Rentner fühlt sich wohl in seiner neuen Heimat: "Hier kann ich mir auch mal ein schönes Essen im Restaurant gönnen." Und zum Einkaufen fährt er manchmal hinüber nach Polen. Dort ist vieles noch mal billiger.