Leichtathletik Die Frontläufer
Morgens um sechs ist es kalt hier oben in Iten, einem Bergdorf 2400 Meter über dem Meeresspiegel in den kenianischen Highlands. Thamer Kamal Ali schnürt seine Laufschuhe und zieht sich die Kapuze über den Kopf, als wollte er sich verstecken. Er ist schmächtig, 19 Jahre alt, fast noch ein Kind. Heute liegen einige Kilometer Landstraße vor dem Hindernisläufer, vorbei an Straßenbarrikaden, ausgebrannten Autowracks und Häuserruinen. Vor sechs Wochen ist der Krieg nach Iten gekommen. Thamer Kamal Ali friert nicht nur. Er hat Angst.
Iten ist eines der vielen Leistungszentren der kenianischen Langstreckenläufer und rund 30 Kilometer von Eldoret entfernt, einer Stadt im Westen des Rift Valley. Weltmeister und Olympiasieger haben in Iten trainiert, in der Fachwelt ist Iten eine Legende. Die Kenianer sind stolz auf dieses Dorf und seine Bewohner, die hier in kleinen Grüppchen durch die Finsternis laufen. Thamer Kamal Ali trainiert jetzt nur noch sehr früh am Morgen. "Später am Tag wird es zu gefährlich", sagt er, "dann beherrschen die Leute mit den Macheten die Straßen."
Das Unglück kam Ende Dezember über das Land, als der Wahlbetrug des kenianischen Präsidenten Mwai Kibaki offensichtlich wurde. Wenige Tage später brannten überall im Land die Barrikaden, und in Eldoret brannten auch Menschen: Kikuyu - das ist die Volksgruppe, zu der auch Kibaki gehört. Seit fünf Jahren regiert er das Land, sein Kabinett gilt als eines der korruptesten Afrikas, Kibakis Clique hat sich schamlos bereichert und ihren eigenen Stamm protegiert. Dabei gibt es in Kenia mehr als 40 Stämme.
Nach der Wahl setzten Angehörige vom Stamm der Kalenjin eine Kirche in der Nähe von Eldoret in Brand. 30 Menschen starben in den Flammen, es waren überwiegend Frauen und Kinder. Kalenjin - das ist der Stamm, dem die meisten Menschen hier im Rift Valley angehören. Viele Kalenjin fühlen sich von den zugezogenen Kikuyu bedrängt und betrachten sich als die eigentlichen Herren des Lands. Kalenjin ist auch die Ethnie vieler Läufer. Seit dem Flammentod der Kikuyu sollen 1000 Menschen getötet worden sein, wahrscheinlich sind es mehr. Sie wurden mit Macheten zerstückelt, mit Giftpfeilen getötet, von Polizeikugeln getroffen. 300.000 Menschen befinden sich auf der Flucht.
Thamer Kamal Ali aber läuft sein Pensum. Er ist Spezialist für die 3000-Meter-Hindernisstrecke. Von den Asian Indoor Games 2005 in Bangkok brachte er zwei Goldmedaillen mit nach Hause. Er ist sehr ehrgeizig. Er läuft jeden Morgen um sechs, es ist kalt, und er hat Angst.
"Soll ich ihm sagen: Geh nach Hause, vernachlässige deinen Beruf, lass alles stehen und liegen?", fragt Alis Coach Yobes Ondieki. Disziplin, sagt er, sei der einzige Weg, mit der Sorge um die Familie und der eigenen Angst umzugehen. Yobes Ondieki war selbst ein Weltklasseläufer. Er war der erste Mann überhaupt, der die 10.000 Meter unter 27 Minuten schaffte, das war am 10. Juli 1993 in Oslo.
Ondieki sitzt im Restaurant des Kerio View Hotels vor einer Coca-Cola und hinter einer riesigen Glasfront. Hier oben, direkt an der Klippe zum Tal, hat man an Schirmakazien vorbei eine traumhafte Aussicht in die Ebene. Ondieki blickt hinunter. Unten, im Grasland, lodern Feuer. Es sind Buschbrände. Der Rauch hat eine milchige Farbe, wie Nebel. Einen Buschbrand erkennt man an seinem weißen Rauch. Wenn Häuser brennen, ist er dunkel, fast schwarz. Früher hat sich niemand darüber Gedanken gemacht, welche Farbe der Rauch hat.
Auch Ondieki hat schon anonyme Hassbotschaften per SMS bekommen. Er wird darin als Kalenjin beschimpft. Als Mörder. "Das Land liegt in Scherben", sagt er, "es gibt keine Sicherheit mehr - nirgends in Kenia, die Polizei schießt selbst auf Kinder mit scharfer Munition." Es ist fast unmöglich, dass sich die Läufer hier auf ihren Sport konzentrieren. Dabei sollten eigentlich demnächst die lokalen Ausscheidungsläufe für die Olympischen Spiele stattfinden, und im April beginnt die Saison der großen Marathonläufe in Europa und den USA.
"Selbstaufgabe", sagt Ondieki, "wäre jetzt das Schlimmste." Zumindest der Schein von Normalität soll gewahrt bleiben, damit die Läufer nicht auch innerlich kollabieren, wo sich schon um sie herum alles in Auflösung befindet.
In Eldoret hat sich Moses Tanui in seinem Hotel Grandpri verbarrikadiert. Seit dem 31. Dezember wagt sich der ehemalige Weltmeister über 10 000 Meter kaum noch auf die Straße. An jenem Abend wurde sein bester Freund, der 400-Meter-Läufer Lucas Sang, ermordet. Sang und Tanui galten als unzertrennlich. Sie hatten sich 1985 in London kennengelernt, sie hatten denselben Manager, sie trainierten zusammen im Hochland.
Lucas Sang war in einen Aufruhr von Kikuyu geraten. Sie hackten ihn mit Macheten zu Tode. "Alle kannten Lucas", sagt Tanui, "er war ein Held." Sang und Tanui gehören zu den Kalenjin, im neuen Kenia kann das ein Todesurteil sein.
"Wir wollen laufen und nicht kämpfen"
Auch Moses Tanui ist bekannt in Kenia. Auch Moses Tanui hat Geld. Doch der Reichtum schützt ihn nicht. Im Gegenteil: Er ist sogar ein Grund, weshalb kenianische Spitzensportler in Angst leben. Irgendwann kamen nämlich Gerüchte auf, dass die Läufer Stammesmilizen finanzieren, zum Beispiel eine Gruppe namens Kalenjin Warriors. Gerüchte, dass die Athleten mit ihrem Geld Waffen kaufen und in ihren großen Autos transportieren und dass sich in ihren geräumigen Häusern die Marodeure treffen. "Es gibt Leute, die behaupten, mein Hotel sei der Versammlungsort von Killergruppen", sagt Moses Tanui, "aber das ist Unsinn, wir sind Sportler, wir wollen laufen und nicht kämpfen." Dann verriegelt er die Tür und schaut zur Straße hinüber. "Wir befinden uns auf dem Weg zum Bürgerkrieg", sagt er, "es ist der Krieg eines Stammes gegen den Rest des Landes, das kann furchtbar werden."
Nach dem Mord an einem Oppositionspolitiker durch einen Polizisten vor knapp zwei Wochen sind die Stammeskämpfe im Rift Valley schlimmer geworden, ein Ende ist nicht in Sicht. Wo keine Ordnung mehr ist, werden alte Rechnungen beglichen, brechen längst vergessene Rivalitäten auf, überlagern sich die Konflikte, bis irgendwann kaum noch jemand durchblickt. Jede Seite hat dann ihre Toten zu beklagen und zu rächen, und jede Seite fürchtet die Rache der anderen. Das ist kein afrikanisches Phänomen, das war auf dem Balkan nicht anders.
Es geht um Clan-Zugehörigkeiten. Es geht um Land. Es geht um Geld. Auch Neid spielt eine Rolle: Wo Gewalt herrscht, rächen sich auch die Zukurzgekommenen. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist groß in Ostafrika.
Ein ehemaliger irischer Missionar als Lehrer in der Einöde
Sogar in normalen Zeiten ist der irische Lauftrainer Colm O'Connell, der ebenfalls oben in Iten ein Trainingslager betreibt, immer auch als Psychologe gefragt. "Man darf nie vergessen, in welcher Welt wir hier leben", sagt O'Connell. "Ein normaler Kenianer verdient vielleicht 100 Dollar im Monat, viele haben kein Geld für anständige Schuhe, es reicht nicht mal, um die eigenen Kinder satt zu bekommen." Und die Läufer? "Wer den London-Marathon gewinnt, geht mit 100.000 Dollar nach Hause und streicht von seinem Ausstatter vielleicht noch 50.000 Dollar zusätzlich ein, die Auflaufprämie gar nicht mitgerechnet."
Colm O'Connell ist ein gedrungener Typ mit einem roten Kopf. Man kann ihn sich gut in einem Pub in Dublin vorstellen. Seit 1976 lebt der ehemalige Missionar aus Cork als Lehrer in der Einöde der Highlands, in denen es damals weder Strom noch fließend Wasser gab. O'Connell hat das Lauftalent der Kenianer schnell erkannt, schon an seinem zweiten Tag in Iten wurde er Coach, heute hat Brother Colm 45 Athleten unter Vertrag und gilt als einer der erfolgreichsten Trainer in Afrika.
Die Lage ist für viele kenianische Sportler kaum noch zu ertragen. Aber wohin sollen sie ausweichen? Wenn es ganz schlimm werden sollte, vielleicht nach Uganda, auf die andere Seite der Grenze, oder nach Äthiopien. Viele müssten dann ihre Familie zurücklassen. Außerdem bietet Iten beste Trainingsbedingungen. In dieser Höhe gibt es keine Malaria, das Klima ist mild, die Luft klar. Für Ausdauersportler ist Iten ein Paradies. Sogar deutsche Läufer schlagen hier ihr Trainingsquartier auf - in ruhigeren Zeiten. Vor vier Wochen wurden die letzten ausländischen Sportler evakuiert.
Traumberuf Läufer
Dass gerade die Kalenjin so viele Weltklasseläufer produzieren, wundert O'Connell nicht. Anders als die Kikuyu, die den Bantu zugerechnet werden, sind die Kalenjin Niloten. Sie sind schlank und hochgewachsen, ihre Vorfahren waren Nomaden, die wochenlang mit den Herden durch das karge Land zogen, ihre Ernährung ist schlicht. Es gibt in Kenia nicht viele Möglichkeiten, dem Kreislauf aus Arbeitslosigkeit und Armut und Hunger zu entrinnen. Läufer zu sein, das ist in den Highlands von Kenia ein Traumberuf.
Auch für Thamer Kamal Ali, der jetzt jeden Morgen um sechs mit dem Training beginnt. Er kommt eigentlich aus Marakwet, einem Distrikt, in dem auch der berühmte Moses Kiptanui groß geworden ist. Kiptanui war dreimal Weltmeister über 3000 Meter Hindernis, er hat mehrere Weltrekorde aufgestellt, bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 holte er Silber. Kiptanui ist ein Volksheld, immer wenn er in seine Heimat kommt, wird er gefeiert. Thamer Kamal Ali wollte schon früh so werden wie sein Idol.
Seit 2005 trainiert Ali im Sportzentrum von Yobes Ondieki in Iten. Er gilt als großes Talent. Das hat sich sogar bis nach Katar herumgesprochen. Ali hat die Staatsbürgerschaft der Katarer angenommen und läuft nun für die Ölscheichs. Er verdient gutes Geld, mit dem er auch seine Eltern und die acht Geschwister ernähren kann.
Alis Vorbild Moses Kiptanui hat nach seinem Rücktritt 2000 als Talentsucher, als Coach, sogar als Trainer der kenianischen Nationalmannschaft bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris gearbeitet. Inzwischen hat er eine Immobilienfirma aufgebaut. Er ist das, was der irische Trainer Colm O'Connell "role model" nennt.
"In diesem Land kann die Polizei Menschen ermorden"
Aber auch Kiptanui lebt in Angst. Vor drei Wochen wurde sein Fahrer von Polizisten gestoppt. Er hatte einen Sack Kartoffeln gekauft. Jeder kennt Kiptanuis Autos. "Du transportierst Waffen", sagten die Polizisten. Dann schlugen sie seinen Fahrer zusammen und verabschiedeten ihn mit den Worten: "Wir werden dich umbringen, und wir werden auch deinen Boss umbringen."
Kiptanui sagt: "In diesem Land kann die Polizei Menschen ermorden. Jeden. Zu jeder Zeit. Einfach so."
Nach diesem Zwischenfall hat Moses Kiptanui gemeinsam mit 56 anderen Athleten, darunter der Olympia-Sieger Ezekiel Kemboi, einen Brief verfasst. Es sollte ein Hilferuf sein. Die Sportler wollten der Welt erklären, was in Kenia passiert und dass sie unschuldig sind. "Uns wird vorgeworfen, dass wir Gewehre, Bögen und Pfeile und andere Waffen gekauft und transportiert haben, die in der Gewalt nach den Wahlen zum Einsatz gekommen sind", sagen die Sportler, "aber das ist nicht wahr."
Kiptanui hat seinen Fall öffentlich gemacht. Nun muss er fürchten, damit erst recht in die Schusslinie der Fanatiker zu geraten. Drei Wochen nach dem Mord an Lucas Sang wurde der Marathonläufer Wesley Ngetich von einem vergifteten Pfeil getötet, und Luke Kibet, der Marathonweltmeister von 2007, wurde von einem Stein am Kopf getroffen. Er hatte Glück, seitdem schützt er sich mit einem G3, einem deutschen Schnellfeuergewehr. Moses Kiptanui aber möchte sich nicht mehr verstecken.
Es scheint, als seien Kenias Athleten in einen tödlichen Kreislauf geraten. "Natürlich helfen sie mit ihrem Geld ihrer Gemeinschaft, dazu sind sie doch schon moralisch verpflichtet", sagt Colm O'Connell, "und wer weiß am Ende schon, ob für das Geld ein Bogen oder wirklich ein Sack Mais gekauft wurde?" Dass ausgerechnet Kenias Sportidole gemeinsame Sache mit irgendeiner Miliz machen, glaubt aber kaum jemand im Rift Valley.
"Es ist absurd", sagt Moses Kiptanui, "im Ausland laufen wir alle für Kenia und gelten als der Stolz des Landes - egal, welcher Volksgruppe wir angehören. Doch hier zu Hause bricht alles auseinander, und wir bekämpfen einander."