Titel: Die letzten Paradiese - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Titel Die letzten Paradiese

Trotz des Kampfs gegen Steueroasen boomt das Geschäft mit der Steuerflucht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Flucht des Bürgers vor den Steuereintreibern ist so alt wie der Abgabenstaat. Doch mit der beschleunigten Globalisierung seit Anfang der neunziger Jahre ist das Problem in neue Dimensionen vorgedrungen: Der weltweite Sieg des Kapitalismus, die damit einhergehende Durchlässigkeit der Grenzen und der freie globale Kapitalverkehr haben die Geldströme in reißende Flüsse verwandelt. Nie war es einfacher, Vermögen an fast jeden Ort der Welt zu transferieren.

Die Boston Consulting Group schätzte in einer Studie das gesamte Offshore-Privatvermögen auf sechs Billionen Dollar. Offshore-Länder, das sind Steuerparadiese wie Singapur oder die Bermudas. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich geht davon aus, dass etwa ein Sechstel aller Bankguthaben in solchen Ländern geführt wird.

Steuerparadiese unterschiedlicher Qualität aber gibt es auch in Europa. Neben Liechtenstein sind das die Schweiz, Luxemburg, aber auch die britischen Kanalinseln und Monaco.

Etliche von ihnen kamen in den vergangenen Jahren allerdings unter Druck. Denn sowohl die OECD als auch die EU bemühen sich, die Steuerflucht einzudämmen. Doch das ist ein mühseliges Unterfangen - und nur teilweise von Erfolg gekrönt. Die OECD etwa stellte 1998 einen Katalog von Praktiken auf, die es zu bekämpfen gelte, und benannte Kriterien, die Staaten zu Steueroasen machten - von der Steuerfreiheit von Einkommen bis zur mangelnden Transparenz des Steuersystems.

Zwar rühmt die OECD die Fortschritte, die im Kampf gegen die Steuerflucht erzielt wurden. Doch zugleich räumt sie ein, dass ihre Mitgliedsländer Österreich, Schweiz und Luxemburg noch ebenso sperrig sind mit der Herausgabe von Bankinformationen wie Offshore-Zentren wie Zypern oder Panama. Zudem haben viele Steueroasen zwar die OECD-Richtlinien unterschrieben, aber nicht umgesetzt.

Im Jahr 2005 feierte die Politik die EU-Richtlinie zur Zinsbesteuerung als Meilenstein in der Bekämpfung der Steuerhinterziehung. Seitdem werden alle Zinszahlungen von Banken an Ausländer direkt an den Heimatfiskus gemeldet. Um ihr Bankgeheimnis zu wahren und ihre ausländischen Kunden zu schützen, dürfen jedoch die EU-Mitglieder Luxemburg, Österreich und Belgien, aber auch Steuerfluchtburgen wie Guernsey, Andorra oder die Schweiz eine anonyme Quellensteuer auf Fremdkonten erheben; beginnend mit 15 Prozent und bis 2011 auf 35 Prozent ansteigend. Drei Viertel des Erlöses werden an die Heimatländer überwiesen.

In Wahrheit ist die EU-Zinssteuer ein Schlupfloch. Denn tatsächlich betrifft die Richtlinie nur die Sparzinsen. Viele Anlageformen werden nicht erfasst - Aktiendividenden ebenso wenig wie andere Kapitalerträge. Zudem gilt die Quellensteuer nur für "natürliche Personen"; Trusts, Stiftungen und andere Konstruktionen sind von ihr verschont.

Kein Wunder, dass Deutschland aus der Schweiz 2006 gerade mal 63 Millionen Euro aus der Quellensteuer erhielt, Österreich überwies für deutsche Anleger 33 Millionen Euro und Liechtenstein gar nur 4,4 Millionen Euro.

An dem Geschäft mit dem mobilen Vermögen verdienen viele: die renommierten Banken und die privaten Geldhäuser, die weltweiten Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfer, Anwaltskanzleien, Steuerberater und Vermögensverwalter.

Ob Konzern, Mittelständler oder Privatanleger - für jeden hält die Branche globale "Steueroptimierungsmodelle" bereit. Längst betreuen die Ableger europäischer Banken in Singapur vor allem steuermüde Kunden aus der Alten Welt. Nicht umsonst strebt die EU Gespräche zur Zinsrichtlinie mit Singapur, Macao und Hongkong an.

Aber auch in den Industrienationen blüht das Geschäft mit der Steuervermeidung. In den USA gibt es in Delaware Firmen und die passenden Steuerkonstruktionen von der Stange. In internationalen Bilanzskandalen wie etwa bei Enron tauchten immer wieder niederländische Briefkastenfirmen auf. Deutschen Kunden bietet die Raiffeisenbank im österreichischen Kleinwalsertal das Goldfinger-Konto. Sie wirbt damit, dass Kundendaten nicht in der EDV des Rechenzentrums gespeichert werden. Um sich zu identifizieren, reichen ein Passwort und ein Fingerabdruck.

Ob Steueroase oder nicht - manchmal ist es auch nur eine Frage der Perspektive. Für manchen Schweizer ist Deutschland das Paradies. In der Schweiz müssen die Banken bei ihren inländischen Kunden bei Sparzinsen 35 Prozent Quellensteuer abziehen, in Deutschland entfällt dieser Abzug für Eidgenossen. Zudem müssen die deutschen Banken die Zinserträge nicht den Schweizer Behörden melden.

Und so werben die Banken an der Grenze im Internet um Kunden wie die Sparkasse Hochrhein: "Als Schweizer Staatsbürger bekommen Sie Zinserträge ohne Steuerabzug ausbezahlt!"