Selbstmorde: Einfach verschwunden - DER SPIEGEL
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Selbstmorde Einfach verschwunden

Ein Arbeitsloser hungerte sich in einem Wald bei Göttingen zu Tode - er wollte wohl nicht protestieren, er zog eher die Konsequenz aus dem Scheitern seines Lebens.
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So etwas wie den Vollstreckungsbefehl für sein eigenes Todesurteil gab Peter-Jochen Z. Mitte September 2007 in einem modernen Bürogebäude in der Innenstadt von Hannover. "Ihr Arbeitslosengeld läuft aus. Sie müssen jetzt Arbeitslosengeld II beantragen", hatte ihn die Jobberaterin auf der anderen Seite des Schreibtischs belehrt. Doch der grauhaarige, freundliche Herr schüttelte nur den Kopf: "Hartz IV beantragen? Ich?", fragte er. "Ich weiß wirklich nicht, ob ich das tun sollte." Er wolle keine Almosen vom Staat, und dann fiel ihm noch etwas ein: Er habe doch noch "zwei heiße Eisen" im Feuer. Bald schon seien die Vorstellungsgespräche.

Normalerweise ist es die Aufgabe der Sachbearbeiter in der Bundesagentur für Arbeit, frustrierten Jobsuchenden Mut zu machen. Diesmal jedoch schien der Fall anders zu liegen: Peter-Jochen Z., 58 Jahre alt, geboren im thüringischen Camburg, gelernter Bürokaufmann, ehemaliger Zeitsoldat, Handelsvertreter, schon seit April 2005 arbeitslos, stellte es so dar, als könne er es selbst schaffen - ohne Hilfe, ohne dass die Fassade seines bürgerlichen Lebens zusammenbrechen würde. Das war erstaunlich, galt er doch eigentlich als aussichtsloser Fall, in dem Alter: Nicht ein passendes Vermittlungsangebot hatte die Behörde ihm je geben können.

Doch so kam keine Stütze vom Jobcenter, und als sein Geld aufgebraucht war, fuhr Peter-Jochen Z. mit einem Rad in einen Wald im Solling bei Göttingen. Am vorvergangenen Freitag fanden zwei Jäger oben auf einem Hochsitz seine mumifizierte Leiche. Der Tote lag auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, zugedeckt mit einer alten Steppdecke, gebettet auf eine schmuddelige Schaumstoffmatratze. Daneben lagen ein Rucksack und ein Notizbuch mit blauem Plastikeinband.

Der Mann hat sich zu Tode gehungert. Weitab von allen Menschen war es die leiseste Art, sich zu töten. Mindestens dreieinhalb Wochen hauste der Arbeitslose zuvor allein in fünf Meter Höhe auf der nicht einmal vier Quadratmeter großen Kanzel des Hochsitzes. Er aß nichts, trank nur ab und zu ein wenig Regenwasser. In seinen blauen Block schrieb er, wie es schmeckt, wenn einem langsam die Galle hochkommt, wie es sich anfühlt, wenn die Gliedmaßen ihren Dienst versagen, wie es ist, wenn man dann das Gefühl für Zeit und Datum verliert. Am 13. Dezember, vermutlich seinem letzten Lebenstag, schrieb er: "Nach meinem Tode ist das Heft an meine Tochter zu übergeben."

Man könnte diesen Selbstmord als Anklage verstehen - gegen seine Familie, die ihm nicht geholfen hat, als Anklage auch gegen ein Wirtschaftssystem, in dem 58-Jährige keinen Job mehr finden, und gegen eine Gesellschaft, die Gescheiterte ins Abseits drängt.

Tatsächlich aber taugt Peter-Jochen Z. nicht zum Hartz-IV-Märtyrer. Er hat nicht protestiert. Er wollte so denkbar unauffällig sterben, wie er gelebt hatte. Er wollte wohl einfach verschwinden.

Der Mann war ein Eigenbrötler, der sich mühsam durchs Leben kämpfte, der sich dabei aber von niemanden helfen lassen wollte. Der deshalb glaubte, sich und den Menschen in seiner Umgebung etwas vorspielen zu müssen, der sich eine eigene Wirklichkeit konstruierte, wenn die Wahrheit seinen Ansprüchen an sich selbst nicht genügte - obwohl die sehr gering waren. "Das Leben hat ihn verzehrt", mutmaßt der Essener Psychotherapeut Christian Lüdke, "im Gegenzug hat er seinem Leben die Nahrungsgrundlage verweigert."

Bei flüchtigen Bekannten hinterließ der stets freundliche, zurückhaltende Herr keine Eindrücke, einfach gar keine. Sie wissen oft nicht mal, welche Kleidung er trug, welche Hobbys er hatte, was er sagte oder tat. Sie können ja kaum sagen, wie er aussah.

In den achtziger Jahren lebte der gebürtige Thüringer noch mit seiner Frau, einer gemeinsamen Tochter und dem Stiefsohn in der Nähe von Lübeck. Doch die Ehe hält nicht, die beiden lassen sich bald scheiden, er pflegt danach nur noch sporadischen Kontakt zur Tochter. Zu der privaten Katastrophe kommt eine finanzielle: Peter-Jochen Z. hat zu dieser Zeit hohe Steuerschulden, doch einen Offenbarungseid will er unter keinen Umständen ablegen. Er wäre das Eingeständnis des Scheiterns gewesen.

So versucht er, sich ein neues Leben in Süddeutschland aufzubauen. In Rottenburg an der Laaber arbeitet er für eine Messegesellschaft, macht sich 1993 als Vertreter für Möbel selbständig. Sein damaliger Vermieter kann sich kaum mehr an den schmächtigen Brillenträger erinnern, nur bei einem Autohaus hinterlässt er nachhaltigen Eindruck: Er kann sein Auto nicht bezahlen, die Firma muss jahrelang auf etwa 10 000 Mark warten.

So ist es immer mit Peter-Jochen Z: Er hastet als Vertreter zwar Tausende Kilometer durch die Republik, von Messe zu Messe, von Ausstellung zu Ausstellung, doch am Ende reicht es gerade so zum Leben. Mal ist er angestellt, dann selbständig, dann wieder ohne Job.

Dabei ist er eigentlich kein schlechter Verkäufer. Im Gegenteil: "Er ging immer offen auf die Leute zu", sagt eine frühere Chefin. Doch er tat das wohl nur, weil es von ihm erwartet wurde. "Nach Dienstschluss

griff er lieber zu einem Buch, statt mit Freunden oder Geschäftspartnern auszugehen", sagt sie. Er zieht sich zurück vom Leben und flüchtet in die Phantasie. Er versucht, selbst ein Buch zu schreiben, hört sich gar nach einem Verlag um.

1996 zieht der Möbelverkäufer nach Essenbach, 70 Kilometer von München. Er wohnt im Erdgeschoss eines modernen Zweifamilienhauses, und das Leben gibt ihm eine Chance. Peter-Jochen Z. hat eine neue Partnerin gefunden: Bianca S., 20 Jahre jünger, schlank, rote Locken. Sein damaliger Vermieter sagt: "Das war ein ganz ruhiger Vertreter. Und 100 Prozent korrekt."

2001 aber erzählt Peter-Jochen Z., er werde mit seiner Freundin nach Norddeutschland gehen, wegen einer neuen Stelle. Doch das ist nur eine Geschichte, die seine Fassade schützen soll. In Wahrheit hat Bianca S. einen anderen kennengelernt. Peter-Jochen Z. ist tief enttäuscht, fühlt sich hintergangen. Bianca S. zieht nach Göttingen, er geht zurück nach Lübeck.

Dort kommt er zunächst bei einem Verwandten unter, in der Hausmeisterwohnung einer Schule. Doch das Zusammenleben scheint nicht einfach gewesen zu sein. Schon im Sommer 2002 jedenfalls wird sein Wohnsitz in der Stadt Lübeck offiziell abgemeldet. Die Behörde registriert ihn nun als obdachlos.

Ein Jahr später, im Sommer 2003, mietet sich der Vertreter im fünf Kilometer entfernten Örtchen Badendorf eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Dort freilich ist er nur selten anzutreffen: Er fährt mit einem Kleinbus eines Möbelunternehmens quer durch die Republik zu Messen und Ausstellungen. In dem Vier-Familien-Haus ist es wie immer: Peter-Jochen Z. hat kaum Kontakt, niemand weiß etwas über Freunde und Bekannte. Nie gibt es eine Feier, zu seinen Nachbarn hält er kaum Verbindung. "Wir haben uns immer freundlich gegrüßt", sagt eine Ex-Nachbarin nur.

Doch das Messegeschäft läuft schlecht. Der letzte Arbeitgeber von Peter-Jochen Z. zieht sich aus dem Bereich zurück. Im April 2005 erhält er die Kündigung. Für den Vertreter muss die Nachricht eine neue Katastrophe gewesen sein: Er zahlt bald keine Miete mehr und bleibt monatelang verschwunden. Schließlich räumen die Vermieter sein Hab und Gut in den Keller.

Zu dieser Zeit hören auch die Ex-Nachbarn in Süddeutschland noch ein letztes Mal von ihm: Plötzlich stehen in Essenbach mehrere Polizisten vor der Tür. In einem Hotel im Bayerischen Wald habe der Handlungsreisende einen Abschiedsbrief hinterlassen, berichten sie. Die Beamten fürchten einen Selbstmord, sie suchen Peter-Jochen Z.

Der hat sich zwar noch nicht umgebracht, doch peinigen ihn offenbar schwere psychische Probleme. Jedenfalls landet Z. im Klinikum am Europakanal in Erlangen. Die Therapeuten halten ihn noch eine Weile im Leben fest.

Im Herbst 2006 zieht er in die Wohnung einer Bekannten in Seelze bei Hannover. Die Frau ist oft bei ihrem Freund und überlässt dem Arbeitslosen ihre Bleibe in einem schlichten Siebziger-Jahre-Bau. Auch dort bleiben nur wenige Spuren von ihm. Immerhin erinnert sich eine Nachbarin, sie habe häufig gesehen, wie der "nette, freundliche Herr" mit seinem Rucksack zu Radtouren aufgebrochen sei. Als er Ende Dezember aufbrach, habe er ihr gesagt, er gehe wegen einer neuen Stelle nach Süddeutschland. Es ist der alte Trick, ein vorletztes Mal.

Tatsächlich versteckt sich Peter-Jochen Z. Anfang 2007 in einer Absteige in Hannover, zwei möblierte Zimmer, rechts im Erdgeschoss. In dem Haus dürfen die Mieter ihre Miete noch in bar bezahlen, und der Ex-Vertreter ist nicht der einzige Arbeitslose dort. Die Behörde hätte seine Miete bezahlt, wie die der anderen, und genug zum Leben obendrein - wenn er im September Hartz IV beantragt hätte. Aber das ist nicht das Leben, das sich Z. vorstellt.

Im Oktober kündigt er die Bleibe. Seinem Vermieter sagt er, er habe nun eine neue Stelle in Köln. Auch zum Schluss soll es so aussehen, als gäbe es eine Zukunft. In Wahrheit steigt er auf sein Fahrrad und fährt in den Wald.