Energie Die Ölpreis-Treiber
Man würde sich nicht wundern, wenn im nächsten Augenblick ein Cowboy um die Ecke geritten käme und sein Pferd vor der Buckhorn Bar anbände.
Cushing, mitten in der Prärie von Oklahoma gelegen, ist ein verschlafenes 8000-Einwohner-Nest im Mittleren Westen der USA. Die Hauptstraße sieht wie eine Western-Kulisse aus, zu den größten Attraktionen gehören ein stillgelegter Bahnhof und ein heruntergekommenes Kino, das für den Eintritt 1,50 Dollar verlangt.
Robert Felts, ein freundlicher alter Herr von der Cushing Industrial Authority, zeigt Besuchern gern die historische Ölpumpe im Zentrum und erzählt dann von 1912, als in der Nähe ein riesiges Ölfeld gefunden wurde und dem Ort für gut zwei Jahrzehnte ein goldenes Zeitalter bescherte. Bis zu 50 Millionen Barrel pro Jahr sprudelten damals aus dem Boden. "Unsere Raffinerien kamen kaum mit dem Verarbeiten hinterher", sagt Felts - deshalb setzten die Ölbarone jener Zeit große Tanks in die Steppe.
Mehr gibt es aus der Kleinstadt eigentlich nicht zu melden. Trotzdem versetzen Berichte zur Lage in Cushing jeden Mittwochmorgen um 10.30 Uhr die Weltmärkte in Bewegung. Denn dann veröffentlichen US-Behörden den Pegelstand in Hunderten Tanks, die sich hier mittlerweile meilenweit am Horizont erstrecken.
Es ist das größte Öllager der USA, direkt am Knotenpunkt des nordamerikanischen Pipelinesystems. Hier wechselt das an der weltweit führenden Rohstoffbörse von New York gehandelte Öl konkret den Besitzer. Sind die Tanks prall gefüllt, sinken die Preise; fallen jedoch die Pegel, dann steigen die Kurse. So lautet die Faustregel
der Händler. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmt das Geschehen.
So jedenfalls sollte es sein. Doch in den vergangenen Monaten sind die Dinge ziemlich durcheinandergeraten. Binnen Jahresfrist verdoppelte sich der Ölpreis von 50 auf 100 Dollar in der vorigen Woche. Nichts scheint mehr unmöglich. Manche Analysten sehen die Kurse schon auf 120 bis 150 Dollar steigen - mit dramatischen Folgen für die Weltwirtschaft.
Vergleichbar spektakuläre Preisentwicklungen hat es in den vergangenen Jahrzehnten nur viermal gegeben: 1973, als die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) erstmals ein Embargo verhängte, 1979 infolge der iranischen Revolution, ein Jahr später beim Einmarsch des Irak in Iran und 1990, als Saddam Hussein Kuweit überfiel.
Eine der zurzeit spannendsten Fragen der Weltwirtschaft lautet deshalb: Warum explodieren die Preise jetzt wieder?
Antworten gibt es viele. Manche machen die Krise im Nahen Osten und die stetig steigende Nachfrage im boomenden China verantwortlich. Andere geben den Förderländern die Schuld, die den Ölhahn nicht weit genug aufdrehen.
Überzeugend ist das alles nicht. "Angebot und Nachfrage können die hohen Preise nicht begründen", sagt einer der renommiertesten Rohstoffanalysten, Fadel Gheit von Oppenheimer & Co. Gheit hält wie viele seiner Kollegen Finanzinvestoren für die wahren Preistreiber im Ölgeschäft. Er fühlt sich an die Internet-Blase der Jahrtausendwende erinnert. Auch beim Öl gebe es nun "exzessive Spekulation".
Die Opec kommt zum selben Ergebnis. "Die Fundamentaldaten stimmen", so die Botschaft von Opec-Präsident Mohammed al-Hamli. Seit Anfang Februar erwartet das Kartell sogar ein Überangebot auf den Märkten - als Folge der amerikanischen Wirtschaftskrise.
Der Preis pro Barrel müsste deshalb eher fallen. Stattdessen haben die Händler nun schon zum zweiten Mal binnen weniger Wochen die magische 100-Dollar-Grenze geknackt.
Von globalen Rezessionsängsten gänzlich unbeeindruckt herrscht Partylaune bei den modernen Ölbaronen. Gerade erst meldete Exxon Mobil seinen Jahresgewinn für 2007. Es waren 40,6 Milliarden Dollar, ein Rekordwert für den weltgrößten Energiekonzern - und die internationale Wirtschaftsgeschichte: Nie zuvor hat ein Unternehmen so viel verdient.
Riesige Geldmengen fließen derzeit in den Handel mit Ölkontrakten. Während das amerikanische Immobiliendebakel von Aktien bis Anleihen immer weitere Teile des Kapitalmarkts infiziert, suchen Investoren weltweit nach Alternativen. Öl mit seinen vermeintlich einfachen Marktgesetzen und erfreulich steigenden Kursen scheint da das perfekte Instrument zur Risikostreuung und Gewinnmaximierung - vielen Anlegern steht die Einsicht, dass sie nur einen anders dekorierten Casinosaal betreten haben, noch bevor.
Die New York Mercantile Exchange, kurz Nymex, ist der zentrale Austragungsort dieses Spiels. 100 Jahre lang haben die Händler hier, an der Südspitze Manhattans, direkt am Hudson, ihre Warentermingeschäfte getätigt, mit Butter, Käse und Kartoffeln; bis sie 1978 erkannten, dass im Öl die Zukunft liegt.
Wie eine römische Arena sieht der Handelsraum der Rohstoffbörse Nymex aus, in den Rängen stehen, schreiend, gestikulierend, die Händler und vollführen ein fast archaisches Ritual. Wenn zwei sich auf einen Deal geeinigt haben, schreiben sie die Eckwerte auf einen Zettel und schmeißen ihn ins Zentrum der Bühne. Dort steht ein stämmiger Börsenmann mit Schutzbrille, damit die Papierflieger nicht seine Augen verletzen. Er hebt die Fetzen auf, stempelt sie, und schon haben etliche Barrel Öl den Besitzer gewechselt.
"Ich handle mit Nachrichten", sagt Chris Motroni, 29. Er verdient sich als kleiner, unabhängiger Händler in der Nymex sein Geld, mit niedrigen Einsätzen und großem Selbstbewusstsein. "Die Preise werden noch bis 115 Dollar steigen", sagt er. Motroni liebt die Stimmung auf dem Parkett, schon sein Vater und sein Bruder haben hier gearbeitet. Doch sie haben sich längst vom Präsenzhandel verabschiedet.
Genauso wie die großen Akteure: Banken, Hedgefonds und Pensionskassen spielen über ihre Computerleitung mit. Die Umsätze sind explodiert. Pro Tag verbraucht die Welt 86 Millionen Barrel Öl, doch das Handelsvolumen ist 15-mal so
hoch - die Differenz steht für Wetten auf die künftige Preisentwicklung.
Selbst im US-Kongress, eigentlich kein Feind der Ölindustrie, sorgt das Treiben der Händler schon für scharfe Kritik. "Spekulation auf dem Rohölmarkt" lautete der undiplomatische Titel einer Anhörung im Dezember. Ergebnis: Bis zu 45 Prozent aller Ölkontrakte werden inzwischen von Spekulanten gehalten, dreimal so viele wie noch zur Jahrtausendwende. "Die Preise werden verzerrt", schimpfte der zuständige Ausschussvorsitzende, Carl Levin; wären allein Angebot und Nachfrage entscheidend, würde Öl mindestens 20 Dollar weniger kosten.
Wie konnte es dazu kommen?
Eines der weltweit zehn größten Handelshäuser, Mercuria, sitzt an der Place du Molard in Genf. 70 Mitarbeiter analysieren von hier aus den Markt, sie kümmern sich um Tankerrouten und Lagerbestände, 30 Milliarden Dollar pro Jahr fließen durch die Konten des Unternehmens.
Firmenchef Daniel Jaeggi handelte einst für Goldman Sachs Terminkontrakte. Er weiß noch genau, wie sich Ende der neunziger Jahre das Geschäft veränderte. "Die großen Pensionskassen begannen, ihre Mittel zu diversifizieren und zunehmend auch in Öl zu stecken", sagt er, so wurden sie zum "treibenden Faktor im Markt".
Die Wall-Street-Banken haben diese Nachfrage nur zu gern bedient, Goldman Sachs an erster Stelle. "Die haben eigens einen Rohstoffindex erfunden, der auch Öl enthält", sagt Jaeggi. Der neue Index wurde zum Selbstläufer: Je mehr Großanleger in das Produkt investieren, desto mehr Ölkontrakte kauft Goldman und desto höher steigen die Preise. Eine gewaltige Marktmacht entstand.
Und alle machen mit. Morgan Stanley, Deutsche Bank und etliche andere Finanzriesen haben ihr Handelsvolumen mit Ölkontrakten dramatisch ausgebaut. Investmentbanken wie Goldman halten sich sogar, als wären sie ein Energiekonzern wie BP, eigene Ölvorräte - und versprechen sich davon einen besseren Einblick ins tatsächliche Marktgeschehen. Es könnte ja ihre Wettsicherheit erhöhen.
Die Folge: Das Handelsvolumen in Rohöl hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdreifacht, während die Nachfrage nach dem echten, flüssigen Stoff jährlich nur um 1,9 Prozent stieg.
Endgültig vorbei sind damit die Zeiten, in denen es allein um Fördermengen und um den Verbrauch der Industriestaaten ging. Öl gehört inzwischen in jedes gutstrukturierte Portfolio, nicht anders als bis vor kurzem jene abstrakten Papiere, welche die Teilnahme am amerikanischen Immobilienboom sichern sollten.
Auf den Rohstoffmärkten ist seither nichts mehr, wie es war. Jede noch so kleine Nachricht reicht aus, um die Ölkurse auf Achterbahnfahrt zu schicken - so wie im Januar das gewaltfreie Zusammentreffen von US-Kriegsschiffen mit iranischen Schnellbooten in der Straße von Hormus.
Und immer wieder sorgt die Lage in Cushing für Hochspannung unter den Händlern.
Nebel legt tagelang den Hafen von Houston lahm, so dass der Ölnachschub aus Übersee nicht in amerikanische Pipelines fließen kann? Schon leeren sich in Oklahoma die Tanks. Versorgungsengpass. Hoch mit den Preisen! Die McKee-Raffinerie in Texas muss wegen eines Brands zeitweise den Betrieb einstellen und fällt als Großkunde aus? Da steigen die Pegel in Cushing, und aus den Kursen entweicht der Druck.
Regelmäßig kommt es so zu merkwürdigen Preisverzerrungen. Die gesamten Öllagerbestände der USA befinden sich seit langem über dem Fünfjahresdurchschnitt, doch für die Rohstoffbörsen zählen aus historischen Gründen allein die Pegelstände in Cushing und die dort gelagerte Ölsorte West Texas Intermediate.
"Es ist schon verwunderlich, dass eine Sorte, von der täglich nur rund 300.000 Barrel gefördert werden, die Richtgröße für die gesamte Welt vorgibt", sagt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Er vermutet gar, dass Marktteilnehmer die maßgeblichen Cushing-Statistiken "durch gezielte Handlungen zu beeinflussen versuchen".
Klassische Erklärungsmuster dagegen spielen kaum noch eine Rolle. Dass sich das Verhältnis zu Iran etwas entspannt hat, ist den Händlern genauso egal wie die vorsichtig verbesserte Lage im Irak. Sie beschwören ungerührt mal die Krise im Nahen Osten, mal den Winter, Unruhen in Nigeria oder die explodierende Nachfrage der Chinesen.
"Nichts davon ist neu", sagt Fadel Gheit, "im Nahen Osten hat es seit biblischen Zeiten noch keinen Frieden gegeben. Und der Konflikt in Nigeria dauert auch schon seit 40 Jahren an." Von der regelmäßigen Wiederkehr des Winters ganz zu schweigen.
Gheit ist seit 30 Jahren im Geschäft, er hat bei Mobil Oil und JP Morgan gearbeitet, bevor er zu Oppenheimer kam: Er kann sich noch an Ölpreise von neun Dollar pro Barrel erinnern. Bei der Anhörung im US-Kongress war er eine Art Kronzeuge wider den Irrsinn der Spekulanten. "Die Händler nutzen jeden Vorwand, um die Preise nach oben zu peitschen", sagt er, "das ist pure Hysterie." Manchmal kommt er morgens in sein Büro in Manhattan, da haben Londoner Händler die Kurse über Nacht um vier Dollar nach oben getrieben, weil irgendwo eine Pipeline platzte. "Ich bin gelernter Ingenieur", sagt Gheit, "so was ist keine Herztransplantation, es ist ein Klempnerjob, kinderleicht." Bevor er überhaupt davon erfährt, ist der Schaden repariert - und die Händler haben schon ihren Gewinn gemacht.
Fragt sich nur, wie lange dieser Preisgalopp noch anhalten kann, ohne US-Konjunktur und Weltwirtschaft nachhaltig zu schaden. Weiter steigende Preise für Sprit, Heizöl oder Flugtickets werden den Inflationsdruck erhöhen und kurz- bis mittelfristig die Nachfrage abkühlen.
Es ist, sagt Gheit, ein gebürtiger Ägypter mit Sinn für drastische Vergleiche, wie bei einem schwerbeladenen Kamel: "Am Ende bricht ihm ein Strohhalm den Rücken." Oder wie bei einem Gewichtheber, der 20, 40, 100 Kilo stemmt - dann legt man noch einen Stift obendrauf, und er kracht zu Boden.
"Dies ist eine Blase", sagt er, "und sie wird platzen."