Tiere: Suche nach Leben im Tod - DER SPIEGEL
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Tiere Suche nach Leben im Tod

In Salzburg fand die Weltmeisterschaft der Präparatoren statt. Tierleichen sind die Objekte der exzentrischen Zunft, Skalpell und Entfetter ihr Handwerkszeug. Am Ende siegte ein Deutscher.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Zauber liegt in den zusammengekniffenen Augen der Fähe: Ein wenig wendet sie ihren Kopf vom jüngeren Tier neben sich ab, genervt und doch voller Zuneigung.

Wie eine Königin erträgt sie die Demut der anderen. Noch ist das Maul geschlossen. Gleich wird sie gähnen. Doch da bricht Dirk Opalka die Andacht. "Die musste ich noch mal neu machen", sagt der 40-Jährige und deutet auf die gelben Augen des einen Fuchses, "die saßen falsch - und dann ist auch noch die Tonmasse in den Augenlidern verrutscht."

Opalka ist Tierpräparator. Seine Mission ist fast religiös zu nennen: Er sucht das Leben im Tod. "Das Präparat muss ganz lebendig aussehen, das ist das Geheimnis", sagt der Mann aus Fuhlendorf bei Rostock. Acht Wochen dauerte der Schöpfungsakt. Es hat sich gelohnt. Opalka ist Sieger eines Wettbewerbs der besonders bizarren Art.

Am Sonntag ging in Salzburg die Weltmeisterschaft der Präparatoren zu Ende. 140 Teilnehmer aus 25 Ländern eilten in die Mozartstadt, um zu ermitteln, wer das Nasenloch eines Hirschs am besten präpariert, die Lefzen einer Hyäne perfekt modelliert oder die Analöffnung einer Zwergfledermaus besonders rosig zu kolorieren vermag. Über 500 tote Tiere verwandelten die Salzburgarena des Messegeländes in das Hauptdeck einer Arche Noah des Absurden voller erstarrter Passagiere.

Tierleichen sind die Objekte der exzentrischen Zunft, Kühltruhe, Skalpell und Entfetter ihre Werkzeuge. Und sie eint die verstörende Leidenschaft, mit geradezu andächtiger Besessenheit die Schönheit der Natur über den Tod hinaus zu bewahren.

"Präparation ist nicht nur ein Handwerk, es ist eine Kunst", sagt der Amerikaner Larry Blomquist, Doyen der Präparatorenzunft und Organisator des Wettbewerbs, der nun zum ersten Mal in Europa stattfand: "Ich bin begeistert von der Qualität, die wir hier zu sehen bekommen."

In der Kunst der Präparation übten sich schon die Ägypter. Popularität gewann das Handwerk im 19. Jahrhundert, als es galt, die Trophäen kolonialer Jagdgesellschaften zu konservieren. Heute ist die Taxidermie, die Anordnung der Haut, ein Multimillionengeschäft, vor allem in den USA, wo geschätzte 50.000 Präparatoren Jagdtrophäen und anderes Getier für amerikanische Kaminzimmer präparieren.

Im deutschen Verband sind rund 260 biologische Präparatoren vereint. Es sind Profis wie Ex-Weltmeister Berend Koch, der an der TU Darmstadt eine in der Zunft hochgeachtete Menagerie geschaffen hat. Vor allem aber sind es Ich-AG-Präparatoren, die mit Leidenschaft die Leichen erlegter Ricken in Polyethylenglykol baden oder verblichenen Enten dunkelbraune Augen der Firma KL-Glasaugen, Durchmesser neun Millimeter, einsetzen.

Sie alle sind nach Salzburg gekommen, um sich auf einer Leistungsshow der Tierkörperverwertung mit den Besten der Welt zu messen. Der Wettstreit wird ausgetragen von Menschen in Outdoor-Klamotten, deren größtes Glück es ist, einem Alpenmurmeltier oder einem kapitalen Weißwedelhirsch das Fell über den Kopf zu ziehen.

Zwei Wochen vorher in Magdeburg: Die Decke von Dirk Grundlers Präparationswerkstatt ist niedrig, der Teppichboden mit Haaren und Schaumresten übersät. Pinsel, Zangen, Harze, Farben, Haarspray und Lacke vollenden das Chaos. Willkommen im Zoo der Wunderlichkeiten: Elstern mit flatternden Flügeln, in der Bewegung erstarrt, tanzen am Boden, an der Decke fliegt ein riesiger Kolkrabe, daneben Bartmeise, Wiedehopf und Steinauerhahn.

"Der kommt vom Baikalsee", sagt Grundler. Der 43-Jährige, Vollbart, graue Weste, kräftige Statur, wirkt nicht wie ein Feinmotoriker. Sein täglich Brot indes ist reine Fisselarbeit. "Ich präpariere nur Vögel", sagt Grundler. Dabei verfährt er nach dem Motto: geleert und gefedert. Er balgt die Vögel ab, schnitzt Körper aus Polyurethanschaum, spritzt Beine mit Formalin auf ("damit sie nicht schrumpeln"). Dann modelliert er den abgezogenen Balg über den Kunstkörper. Am Schluss trägt er ein Mittel gegen Insektenfraß auf. An "nackten Hautteilen" wird mit der Airbrush-Pistole nachkoloriert.

Es ist die größtmögliche Perfektion gefragt


Das Fachwissen des Präparators ist enorm. Nur so könne die Arbeit gelingen, sagt Grundler. Die Vogelanatomie etwa kennt er aus dem Effeff. Halslängen? "Wanderfalkenweibchen 5,5 Zentimeter, Stockente 19, Rotschulterente 9."

"Es ist die größtmögliche Perfektion gefragt", erläutert der Autodidakt. "Man muss wissen: Wie sieht der Vogel in der Natur aus? Wie würde er sich jetzt bewegen? Wenn der Fasan zum Beispiel zur Seite wegguckt, dann kriegt der so einen gewissen Schwung in den Hals rein."

In zwei Transportkisten sitzen bereits die Vögel für Salzburg. Grundler will zum ersten Mal in der anspruchsvollsten Klasse antreten. Ein Wanderfalke ist unter seinen Präparaten, ein Eisvogel mit schillernd blauem Federkleid, ein Uhu, mindestens einen halben Meter groß. Woher kommen die Tiere? "Alle gezüchtet", versichert der Präparator, "alles andere wäre illegal."

Das ist ein Grundproblem der Präparatoren: Exotische Arten sind für sie Herausforderung und Fluch zugleich. Einer findet sich immer, der dem Großwildjäger den frischgeschossenen Löwen präpariert.

Die Taxidermisten argumentieren, dass es ohne Jagdtourismus vielen Arten schlechterginge. Doch was ist davon zu halten, wenn Ron aus Texas in Afrika einen Leoparden erlegt, ihn ausstopft und sagt: "Ich liebe es, etwas Leblosem wieder neues Leben einzuhauchen und es wieder zu dem zu machen, was es da draußen in der Wildnis war"?

Ob Tiger, Bechsteinara oder Komodo-Waran: Den Präparatoren geht es vor allem um die hohe Kunst. Legendär etwa die Arbeiten des Kanadiers Ken Walker, der sich auf die Schöpfung ausgestorbener Arten spezialisiert hat. Bei der Weltmeisterschaft 2005 verblüffte er die Szene mit einem Riesenhirsch. Die Art starb vor über 7500 Jahren aus. Um das Tier zu rekonstruieren, nähte Walker die Häute dreier Hirsche zusammen.

Oder Matthias Fahrni: Der Schweizer gilt als Koryphäe in der Kunst der Fischpräparation. "Seit Kindesbeinen" interessierten ihn vor allem Fische, sagt der Präparator, "wahrscheinlich ein genetischer Schaden", scherzt er. Fahrni präpariert fast nur Schuppentiere, die kleiner sind als 15 Zentimeter. In puncto Detailversessenheit übertrifft der Schweizer jeden Modelleisenbahner.

Mit Mikroskalpellen und Instrumenten aus der Augenchirurgie zieht er die Fischhaut mitsamt den Schuppen ab. Dann lagert er, ähnlich wie Körperwelten-Chef Gunther von Hagens, Kunststoff ein. Der Kopf bleibt der des Originals. Schließlich wird koloriert. Als Vorlage dienen lebende Tiere. "Ein Fisch verändert die Farbe und den Ausdruck der Augen in den ersten fünf Minuten nach dem Tod", sagt Fahrni. Deshalb hat er eine Methode entwickelt, die Anschauungsobjekte zu narkotisieren.

Eine Groppe und einen Flussbarsch hat Fahrni mit nach Salzburg gebracht. Sie ruhen nun effektvoll beleuchtet neben all den anderen sterblichen Überresten. Ein paar tuschelnde Männer, die Augen hinter dickglasigen Lupenbrillen verborgen, beugen sich über die Tierkörper. Es sind die Juroren, ausgewiesene Experten, die hier die Noten vergeben.

Drüben bei den Hirschen etwa leuchtet der Amerikaner Joe Meder einem kapitalen Zwölfender mit einer Taschenlampe in die Nasenlöcher. Der letzte Farn seines Lebens hängt ihm aus dem Mund heraus. Peter Sunesen beugt sich unterdessen über eine Gabelracke. "Dieser Vogel hat Probleme mit der Anatomie", urteilt der Däne. Das gibt Punktabzug.

Oder Dieter Schön vom Münchner Museum Mensch und Natur: Der 46-Jährige hat den 2006 in Bayern abgeschossenen Bär Bruno präpariert. Jetzt liegt sein kritischer Blick auf einem Eversmann-Zwerghamster. "Die Schnurrhaare sind sehr gut", sagt Schön zu Berend Koch. Der ist skeptisch: "Der Körper ist viel zu komprimiert - das Tier sieht halb verhungert aus."

Morbide Leichenfledderei oder hohe Kunst am Leben? Es ist der Kontrast zwischen geradezu liebevoller Hingabe und makabrer Schlachthofatmosphäre, die gleichzeitig verstört und fasziniert.

Am Ende decken sich die Präparatoren an den Messeständen noch mit Bärenzungen aus Plastik und künstlichen Löwengebissen ein. Dirk Grundler ist zufrieden. Für seinen Eisvogel hat er 88 von 100 möglichen Punkten erhalten. Auf 96 Punkte haben sich die Juroren für die Füchse des Gesamtsiegers Opalka geeinigt.

"Dieses Präparat fängt die Essenz des Augenblicks ein", sagt Larry Blomquist. Andächtig streicht der Amerikaner mit der Hand über das rote Fell der einen Fähe: "In der Natur bekommen sie so etwas fast nie zu sehen."