Titel Wo ist die Mitte?
Niemand soll Volker Reinke mit dem Aufschwung kommen. Nicht ihm. "Aufschwung?", fragt er bitter zurück, "welcher Aufschwung?" Dann drückt er seine selbstgedrehte Zigarette aus, verschränkt die Arme und lehnt sich an den wackligen Vorgartenzaun. Nein, bei ihm ist er nicht angekommen, das hätte er merken müssen.
Vor wenigen Jahren noch hat Reinke ordentlich Geld verdient. Manchmal waren es mehr als 2000 Euro im Monat. Er hat als Vorarbeiter in Thüringen in einem Chemiewerk gearbeitet, später als Kundenberater bei der Telekom. Reich ist er nie gewesen, aber es war okay.
Volker Reinke aus Langgöns in Hessen war das, was man einen Durchschnittsverdiener nennt.
Diese Zeiten sind vorbei. Er wurde krank und arbeitslos, die Arbeitsagentur schulte ihn erfolgreich zum Informatiker um, doch einen guten Job bekam er nicht mehr. Seitdem arbeitet Reinke als Zeitarbeiter in Brauereien oder Kunststofffabriken. Häufig verdient er nicht mehr als 900 Euro netto im Monat.
Früher hat Reinke SPD gewählt, doch inzwischen freut er sich über den Erfolg der Linkspartei, die die politische Landschaft "ordentlich durchgewirbelt" hat. Die Volksparteien hätten den Kontakt zum Volk verloren, sagt er. Sie hätten aus der guten Idee der Leiharbeit eine neue Form der "Sklaverei" gemacht. Schließlich verdiene er, Volker Reinke, nur halb so viel wie seine festangestellten Kollegen - für die gleiche Arbeit.
Reinke ist nicht allein. Es gibt viele Reinkes in Deutschland, und von Jahr zu Jahr werden es mehr. Menschen, die früher zur Mittelschicht gehörten und nun nach unten gerutscht sind. In den Datensätzen der beiden Verteilungsforscher Markus Grabka und Joachim Frick vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) tauchen sie als nüchtern-leblose Zahlen auf, als Konstante in mathematischen Mobilitätsanalysen, in Verteilungskoeffizienten und als rosagefärbte Balken in komplexen Diagrammen.
Diese Woche werden Grabka und Frick das Ergebnis ihrer Berechnungen veröffentlichen. Was die beiden Berliner Experten zusammengetragen haben, ist eine erschreckende Zustandsbeschreibung der deutschen Gesellschaft. Resultat: Unter dem Druck der Globalisierung hat sich die soziale Lage der Republik sehr viel unvorteilhafter entwickelt als bislang bekannt.
Zwar haben die Statistiker schon lange darauf hingewiesen, dass der Graben zwischen Arm und Reich auch in Deutschland immer tiefer wird. Doch bislang konnten die Experten stets eine beruhigende Erkenntnis hinterherschieben.
In den sozialen Schichten rund um den statistischen Durchschnitt der Bevölkerung
sei die Lage weitgehend stabil. Auffälligkeiten gebe es allenfalls "an den Rändern der Verteilung", verkündete der Sachverständigenrat der Bundesregierung noch im vergangenen Jahr.
Die neuen Zahlen der Berliner Wirtschaftsforscher belegen nun, dass diese Einschätzung überholt ist. Zunächst langsam und dann immer schneller hat die ökonomische und soziale Spaltung mittlerweile das Zentrum der bundesdeutschen Gesellschaft erfasst.
Ausgerechnet die Mittelschicht, die wie keine andere soziale Gruppe Deutschland nach dem Krieg geprägt hat, leidet unter akuter Auszehrung. Dafür werden die Randzonen der Gesellschaft immer kräftiger.
Grabka und Frick definieren die Mittelschicht ausschließlich mit dem kalten Blick der Ökonomen. Dazu gehört, wer genügend verdient - andere Kriterien wie Bildung, sozialer Status oder Herkunft zählen nicht. Im Jahr 2000 gehörten 62 Prozent der Deutschen dazu, inzwischen sind es nur noch 54. Gleichzeitig wuchsen oben und unten die Ränder der Gesellschaft um rund 23 Prozent.
Was Länder wie die USA oder Großbritannien in den achtziger und neunziger Jahren erlebten, hat nun auch Deutschland erfasst. Die Mittelschicht erodiert - und das in einem atemberaubenden Tempo. Seit der Jahrtausendwende wurden rund fünf Millionen Deutsche aus der Mitte der Gesellschaft an die Peripherie katapultiert. Eine "dramatische Entwicklung", sagt Grabka.
Das Ausbluten der Mittelschicht verändert mehr als nur die Gehaltsstatistik des Landes. So sehr sich Einkommensverhältnisse und Lebensstile in den vergangenen Jahren auch auseinanderentwickelt haben, so sehr blieb der soziale Kern der Gesellschaft der beherrschende Bezugspunkt für Wirtschaft und Politik.
Wer als Unternehmer auf einen Massenmarkt zielte, musste sich vor allem an der Mitte der Gesellschaft orientieren. Und wer als Politiker gewählt werden wollte, nahm den sogenannten Medianwähler ins Visier.
Vom "Wohlstand für alle" eines Ludwig Erhard bis zur "neuen Mitte" Gerhard Schröders zielten alle politischen Erfolgskampagnen der Nachkriegszeit auf die einflussreiche Mittelschicht. Erst im Dezember ließ Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag in Hannover ein ebenso kurzes wie eingängiges Motto plakatieren: "Die Mitte".
Die Parteien werden sich umorientieren müssen, wenn der Trend anhält, den die Berliner Verteilungsforscher errechnet haben. Nach deren Erkenntnissen verlagert sich der soziale Schwerpunkt des Landes zügig und vor allem unaufhaltsam aus dem Zentrum an die Ränder der Gesellschaft. Besorgt registrieren die beiden Ökonomen zudem, dass die Abwanderung aus der Mittelschicht weit häufiger nach unten als nach oben erfolgt.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der sozialen Absteiger um mehr als ein Drittel gestiegen. Jeder vierte Deutsche gehört damit mittlerweile zu den sogenannten armutsgefährdeten Schichten - mehr als je zuvor.
Hinzu kommt, dass mittlerweile ausgerechnet jene Einkommensgruppen die stärksten Verluste hinnehmen müssen, die nicht der unteren Mittelschicht angehören, sondern quasi aus der Mitte der Mitte kommen. Bislang galt auch: Wer zur Mittelschicht gehört, hat gute Chancen, seine soziale Position zu halten. Doch diese Gewissheit gilt nicht mehr.
Die Angst vor dem Abstieg greift um sich. Stabil ist die Lage nur ganz unten. Wer einmal dort angelangt ist, hat kaum noch eine Chance, wieder aufzusteigen. 66 Prozent der Menschen aus der Unterschicht sind auch vier Jahre später noch ganz unten. Vor einigen Jahren lag diese "Beharrungsquote" noch deutlich niedriger - bei 54 Prozent.
Bei der Analyse der Ursachen dieser Entwicklung sind sich die Experten weitgehend einig. Es ist ein explosives Gemisch aus wirtschaftlichen Trends und politischen Entscheidungen, das die Gesellschaft immer weiter auseinandertreibt:
* Der globale Wettbewerb hat den Arbeitsmarkt tief gespalten. Während Spitzenkräfte heute bessere Verdienstaussichten haben als je zuvor, sind die Chancen für Geringqualifizierte stetig geschrumpft, einen ordentlich bezahlten Job zu finden. Menschen, deren Fähigkeiten am Markt wenig gefragt sind, müssen sich oft mit Leiharbeit, Minijobs oder Teilzeitstellen abfinden.
* Die rot-grüne Steuerreform hat vor allem Spitzenverdiener entlastet, die Einkünfte der Unterschicht dagegen litten unter der Hartz-IV-Reform.
* Die Globalisierung hat Dividenden, Kapitalrenditen und Unternehmensgewinne explodieren lassen. Während die
Gehälter der Mittelschicht stagnierten, explodierten die Vermögensgewinne der Wohlhabenden.
Die Folgen zeigen sich in den Statistiken der Verteilungsforscher. Zwar wandert der weit größere Teil von der Mitte nach unten ab, aber etwa elf Prozent haben es geschafft, bis nach ganz oben vorzudringen. Zwischen 2000 und 2006 wuchs der Anteil der Spitzenverdiener an der Bevölkerung von 18,8 auf 20,5 Prozent.
Es sind Menschen wie Thomas Zöphel, der als Ingenieur beim Mannheimer Technologiekonzern ABB arbeitet. Zöphel hat in Berlin Elektrotechnik studiert und sein Diplom mit Bestnoten erreicht. Es war die Grundlage für eine steile Industriekarriere.
Heute baut und verkauft er Umspannanlagen für Stromnetze in die ganze Welt, verdient etwa 100.000 Euro im Jahr und sucht als Führungskraft händeringend nach ähnlich gutausgebildeten Ingenieuren. "Gutqualifizierte Leute sind dringend gesucht", sagt er.
Die Nachfrage nach Leuten wie Zöphel treibt nicht nur die Zahl der Topverdiener nach oben, so die DIW-Studie. Sie führt auch dazu, dass die Besserverdiener einen Großteil des volkswirtschaftlichen Reichtums unter sich aufteilen können und ihre Einkünfte schneller wachsen als im Rest der Bevölkerung. Nüchtern konstatieren die Verteilungsforscher eine "Zunahme der Einkommensungleichheit".
Kein Wunder, dass die Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung eher düster ist. Trotz des Aufschwungs machen sich aktuell drei Viertel aller Deutschen Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Noch vor sieben Jahren lag diese Zahl zehn Prozentpunkte niedriger. Der Mainzer Sozialforscher Stefan Hradil spricht von der "Angst, die die Bürotürme hinaufkriecht".
Es ist ein düsteres Bild, das die DIW-Forscher von der sozialen Verfassung des Landes zeichnen. Einer prosperierenden Oberschicht steht eine wachsende Unterklasse der Absteiger und Ausgestoßenen gegenüber, während in der Mittelschicht die begründete Sorge wächst, bald selbst zu den Verlierern zu gehören.
Die DIW-Verteilungsforscher machen auch der Politik wenig Hoffnung. Einfache Rezepte, mit denen sich das Auseinanderdriften der Gesellschaft rasch stoppen ließe, kennen sie nicht. Zu fundamental sind die Kräfte, die das Sozialgefüge auseinandertreiben. Und zu leicht können sich vermeintliche Gerechtigkeitsprogramme als kontraproduktiv erweisen.
So seien Forderungen nach höheren Tarifabschlüssen zwar "nachvollziehbar", heißt es in der Studie, doch zugleich müssten "die Risiken zunehmender Arbeitslosigkeit berücksichtigt werden".
Am Ende, sagt Grabka, bleibe den Deutschen wohl nur die Einsicht, "dass die Erosion der Mittelschicht ein irreversibler Prozess" sei.