USA Duell der Außenseiter
Barack Obama weiß, wie er seinem Publikum einheizt. Wenige Worte sind es, die ihm dabei gute Dienste leisten: "Hoffnung" ist stets dabei, "Wende" ebenfalls und dann noch "Karl Rove".
"Im November steht George W. Bush nicht mehr auf dem Wahlschein", ruft er vor 2000 Anhängern im texanischen Corpus Christi. Wie auf Knopfdruck belohnt prasselnder Applaus die frohe Kunde, als wäre das etwas ganz Neues.
Obama weiß auch, wie sich der Jubel noch steigern lässt. Dann sei, schiebt er hinterher, Schluss mit der ganzen Karl-Rove-Politik. Die Menge johlt freudig auf.
Karl Rove war das strategische Genie hinter Präsident Bush, und damit ist er für viele Demokraten der Finsterling einer erlöschenden Ära. Sein Name steht für ideologischen Bürgerkrieg, für persönliche Niedertracht gegenüber politischen Gegnern und für das skrupellose Ausspielen aller nur denkbaren Ressentiments, mit denen sich im Vielvölkerstaat USA noch immer trefflich Wahlkampf machen lässt.
Die Freude über den Abgang von Rove könnte allerdings verfrüht sein. Der Mann entfaltet seit Wochen wieder erstaunliche Aktivitäten.
Erst kürzlich wurde er bei einem Treffen im Beverly Wilshire Hotel gesehen, wo einst Julia Roberts als "Pretty Woman" Richard Gere den Kopf verdrehte. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutierten rund 70 Konservative drei Tage lang, wie eine erfolgversprechende republikanische Wahlstrategie aussehen könnte. Prominentester Referent: Karl Rove.
Jeffrey Ressner vom Magazin "Politico" gelangte als einziger Journalist in den Sitzungssaal. Auf der Leinwand war noch eine Powerpoint-Präsentation zu sehen. "Obama ist noch nicht in der Lage, den Posten eines Oberkommandierenden der US-Streitkräfte auszufüllen", hieß es da.
Punkt drei, absichtlich unscharf formuliert, ließ Rove-Kenner aufhorchen. "Es werden ,bestimmte Themen' während des Wahlkampfs aufkommen", stand da - gemeint waren offenbar Obamas eingestandener Drogenkonsum als Jugendlicher, sein in den USA ungewöhnlicher islamischer Mittelname Hussein, vielleicht sogar seine Hautfarbe.
Vieles ist möglich, wenn Strategen wie Rove sich der Sache annehmen. Die Kernbotschaft der Präsentation lautete: "Obamas
größte Schwäche ist seine fehlende Erfahrung. Er kann noch nicht Präsident werden."
Bis zu den Vorwahlen in dieser Woche haben sich Demokraten und Republikaner vornehmlich mit ihren innerparteilichen Rivalen beschäftigt. Wenn aber in der Nacht zum Mittwoch die Stimmen in Texas und Ohio ausgezählt sind, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Linke und die Rechte von der bloßen Feindbeobachtung zur Feindbekämpfung übergehen.
Im Fadenkreuz der konservativen Strategen steht bereits heute der Shooting-Star dieses Wahljahrs, Barack Obama, 46, Vater Kenianer, Mutter aus Kansas. Sollten Hillary Clinton, der Senatorin von New York, wiederum eindeutige Vorwahlsiege versagt bleiben, dürfte dem Senator von Illinois die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten kaum noch zu entreißen sein.
Für die Republikaner bedeutet das: Feuer frei.
Schon heute bestürmen sie John McCain, 71, den republikanischen Bewerber, nur ja nicht die Fehler von Hillary Clinton zu wiederholen. Sie hatte erst den Steigflug ihres Widersachers monatelang ignoriert, dann unterschätzt und war schließlich eher beleidigt als wirkungsvoll gegen ihn vorgegangen.
Deshalb könnte Amerika ein Wahlkampfspektakel bevorstehen, wie es das Land lange nicht mehr erlebt hat. Schwarz gegen Weiß, Irak-Kriegsgegner gegen Vietnam-Veteranen, ein idealistischer Reformer gegen einen erprobten Haudegen, Jungspund gegen älteren Herrn.
McCain müsste vorneweg beweisen, dass eben nicht gilt, was der jüngst Oscarprämierte Film "No Country for Old Men" suggeriert, dass nämlich die USA kein Land für alte Männer seien. Er setzt das Charisma seiner Biografie gegen das Charisma der Person. Ein gelebtes Leben steht gegen die Verkörperung der Hoffnung auf Überwindung vieler Gegensätze.
Bei aller Unterschiedlichkeit verzeichnen beide Bewerber zumindest eine Gemeinsamkeit: McCain und Obama sind Nonkonformisten, Ausnahmefiguren in ihrer Partei. Wer allerdings deshalb einen einigermaßen friedlichen Wahlkampf erwartet, könnte enttäuscht werden. In beiden Lagern ist der Wunsch groß, den jeweils anderen möglichst wirkungsvoll zu attackieren.
Viele Demokraten sehnen sich nach einer Art Endabrechnung mit der Ära Bush samt ihren arroganten Neokonservativen. Obama soll das Weiße Haus gleichsam im Sturm erobern.
Von McCain wird im Gegenzug erwartet, dass er sich tapfer für die Anliegen des bedrängten rechten Lagers schlägt und - in bewährter Rove-Manier - gegen den Rivalen vom Leder zieht. Zuspitzen, wenn nötig verleumden, das war bisher die Rezeptur konservativer Wahlerfolge.
Geradezu mustergültig belegt der Wahlkampf vor vier Jahren die Wirksamkeit ihrer Offensivstrategie. Mit chirurgischer Präzision zerstörten Rove und seine Mitstreiter den Nimbus des demokratischen Kandidaten.
Der veritable Kriegsheld John Kerry wurde im Laufe des Wahlkampfs zum Weichei herunterverleumdet und zur Karikatur eines wankelmütigen "flip-floppers" umdefiniert, der seine Meinung ständig ändert. Wie so etwas gemacht wird, demonstrierte ein Werbespot, der Kerry beim Windsurfen zeigte - als jemand, der seine Meinung wechselnden Winden anpasst.
Schon heute schwärmen republikanische Strategen davon, wie sie das hehre Bild von Obama verdüstern könnten. Da wäre etwa die Aufzeichnung jener Worte seiner Frau Michelle, die kürzlich gesagt hat, sie sei nun zum ersten Mal stolz auf ihr Land. Wirklich? Zum ersten Mal? Oder die Szene mit Obama, in der er beim Absingen der Nationalhymne vor einer US-Flagge als Einziger nicht die Hand aufs Herz legt. Ist der Mann etwa kein Patriot?
Auch das Foto des Obama-Auftritts in somalischer Nomadenkleidung, das vorige
Woche prominent auf der Website des konservativen "Drudge Report" zu sehen war, wird wohl zu einem Klassiker dieses Wahlkampfs werden - um den Eindruck zu festigen, der demokratische Bewerber mit dem merkwürdigen Namen und der ungewöhnlichen Biografie gehöre irgendwie nicht nach Amerika.
Der konservative Stratege Grover Norquist, im Hauptberuf Washingtoner Lobbyist, sagte der Londoner "Sunday Times": "Das ist der große Vorteil für Republikaner im Duell gegen Obama. Er ist bislang relativ unbekannt, bei Wechselwählern können sie das Bild von ihm noch prägen."
Deshalb drängt auch Karl Rove darauf, die von Hillary Clinton begonnenen Attacken auf Obama fortzusetzen. Drei Angriffsflächen bieten sich den Republikanern, zunächst vor allem das Thema, mit dem die Demokraten eigentlich die Wahl gewinnen wollten: der Krieg im Irak.
Den bezeichnet Obama zur Freude seiner Anhänger mittlerweile regelmäßig als "Bush/McCain-Krieg". Fraglich ist nur, ob die Wähler in der Mitte und auf der Rechten dieser Ausweitung des Feindbilds folgen werden.
Denn McCain hat Bush immer für sei- ne Kriegsführung kritisiert. Beraten von Henry Kissinger, der mit dem Rückzug aus dem vietnamesischen Dschungelkrieg seine eigene leidvolle Erfahrung gemacht hat, entwickelte McCain jene Strategie der Truppenaufstockung, die Präsident Bush unter dem Druck des blutigen Chaos schließlich ins Werk setzte - mit einigem Erfolg. "No surrender", ergib dich nie, lautet die Maxime von McCain.
Die Konservativen arbeiten bereits an einer Dolchstoßlegende, wonach Obama und seine Anhänger einen Sieg in Bagdad verhindern würden und deshalb für den dann ausbrechenden Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten verantwortlich seien. Obama gefährde durch seine Rückzugspläne den Erfolg im Anti-Terror-Kampf, das wäre die Botschaft. "Die Demokraten haben mit der nationalen Sicherheit ein echtes Problem", sagt Karl Rove. "Zu viele demokratische Führer widersetzen sich einer Politik, die zu Amerikas Durchbruch im Nahen Osten führen wird." Obama soll so als ein Mann gezeichnet werden, der mit seiner Rückzugspolitik die Schmach von Vietnam wiederholen würde.
Vorsorglich versucht der nun, die offene Flanke zu schützen, indem er zum Beispiel größeres Engagement im Afghanistan-Krieg verlangt - allerdings von den Nato-Verbündeten. Es gehe nicht an, dass Amerikaner und Briten "die Drecksarbeit" im Kampf gegen die Taliban allein übernehmen müssten, sagte er vorige Woche.
Der zweite Schwachpunkt des Senators aus Illinois ist sein Mangel an Erfahrung. Für die Wähler der Mitte und auf der Rechten besitzt der Nachweis politischer Durchsetzungskraft traditionell große Bedeutung. Es komme nicht allein auf die Botschaft an, predigt Rove, sondern auch auf das politische Geschick ihres Überbringers.
Als dritte Angriffsfläche soll ausgerechnet jene Behauptung dienen, der Obama seine bisherigen Erfolge verdankt, dass er nämlich ein Politiker neuen Typs sei, ein Brückenbauer, der Amerika mit sich selbst aussöhnen könne. Dagegen wollen die Konservativen ihn als klassischen linken Politiker entlarven, als einen Demokraten wie viele andere auch. William Kristol, der Herausgeber des Neocon-Hausblatts "The Weekly Standard", sagt dazu: "Wenn McCain diese Wahl in eine Abstimmung verwandelt, ob man Barack Obama trauen kann, kann er gewinnen."
Aber können die Republikaner mit den alten Methoden auch 2008 wieder Erfolg haben? Oder haben sich die Zeiten geändert - und hat Obama doch recht?
Ausgerechnet ein konservativer Vordenker wie Newt Gingrich, einst einer der Wortführer der konservativen Revolution gegen zu viel Staat, warnt davor, beim Kampf gegen Obama nur aufs alte Spiel zu vertrauen. In seinem neuen Buch "Real Change" schreibt er: "Die Republikaner können nicht dauerhaft als die wütende Anti-Staats-Partei erscheinen. Das wollen die Wähler einfach nicht."
Die Auseinandersetzung dürfe diesmal nicht als ein Kampf des verlässlichen Status quo gegen den unzuverlässigen Wechsel er-
scheinen, es gehe vielmehr um die richtige Wende. Auch McCain müsse als ein Mann auftreten, der die Verhältnisse ändern möchte: "Wenn die Leute nur die Wahl haben zwischen einem Wechsel in der Politik und überhaupt keinem Wechsel", sagte Gingrich unlängst, "wird immer der Kandidat gewinnen, der den Wandel predigt."
So könnte McCain auch sein hohes Alter vergessen machen, seinen allergrößten Schwachpunkt.
Und was denkt McCain selbst? In den letzten Wochen erweckte er den Eindruck, ihm sei beim Gedanken an einen aggressiven Wahlkampf eher unwohl. "Ich glaube, die alte Strategie, nur die republikanische Basis zu pflegen, funktioniert nicht mehr", sagte er und fügte hinzu: "Und eigentlich wäre das doch auch langweilig."
Das klingt frisch und unkonventionell - und stößt wahrscheinlich genau deshalb in Teilen seiner eigenen Partei auf Widerstand. McCain, das wurde in der vergangenen Woche wieder deutlich, kämpft einen komplizierten Zweifrontenkrieg.
In Cincinnati, Ohio, wurde der Senator aus Arizona von einem rechten Radiomoderator namens Bill Cunningham dem Publikum vorgestellt. Wie zufällig nannte der Einpeitscher Obama dreimal mit seinem vollen Namen - Barack Hussein Obama, erkennbar in der Absicht, ihn in die Nähe von Muslimen zu rücken. Obama aber ist praktizierender Christ. McCain entschuldigte sich umgehend und versprach, so etwas nie wieder zuzulassen.
McCain begnügt sich momentan mit dem ihm eigenen beißenden Humor. Eine Gelegenheit ergab sich vorige Woche, als Obama im TV-Duell mit Hillary Clinton sagte, auch nach einem Abzug aus dem Irak werde er US-Truppen wieder dorthin zurückschicken, sollte sich das Terrornetzwerk al-Qaida im Zweistromland ausbreiten.
"Ich habe Neuigkeiten für Senator Obama", rief McCain. "Al-Qaida ist schon im Irak." Großes Gelächter, großer Beifall.
Obama, auch nicht auf den Mund gefallen, antwortete darauf: "Ich habe Neuigkeiten für John McCain. Al-Qaida war nicht im Irak, bevor George W. Bush und John McCain dort einmarschierten." Auch für ihn Gelächter und großer Beifall.
Obama hat eine gewisse Fertigkeit, auch seinen eher höflichen Worten über McCain eine Prise Gift beizumischen. Er nennt den 25 Jahre älteren Vietnam-Veteranen, der fünfeinhalb Jahre in Hanois Folterverliesen verbrachte, zwar oft einen "amerikanischen Helden", erinnert aber auch, scheinbar ehrerbietig, an dessen "halbes Jahrhundert in politischen Ämtern". Die Floskel lässt McCain noch viel älter erscheinen, als er ohnehin schon ist.
McCain ist in Wahrheit seit 1982 in der Politik, aber in Obamas Satz steckt schon der Kern seiner künftigen Kampagne: Jemand, der so alt ist, soll Präsident werden?