Formel-1-Star Nico Rosberg: "Ich werde zu langsam sein" - DER SPIEGEL
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Formel-1-Star Nico Rosberg "Ich werde zu langsam sein"

Sein Vater plante seine Karriere - jetzt will er ihn überholen: Im SPIEGEL-Interview spricht Williams-Pilot Nico Rosberg über das Leben als Sohn eines Weltmeisters, über sein Auto, mit dem er kaum gewinnen kann - und über die Herausforderung, sich selbst ein Essen zu kochen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Rosberg, gut ein Jahr nach Michael Schumachers Rücktritt ist nun auch Bruder Ralf aus der Formel 1 verschwunden. Sie gelten als der kommende Star aus Deutschland, obwohl Sie noch kein Rennen gewonnen haben. Werden Sie in diesem Jahr den ersten Sieg schaffen?

Rosberg: Kaum, leider. Es wird für uns im Williams-Team darum gehen, die Besten hinter Ferrari und McLaren-Mercedes und vielleicht BMW zu werden. Fünfte oder vierte Plätze sind realistisch. Mit Glück komme ich mal aufs Podium.

SPIEGEL: Was fehlt?

Rosberg: Ein Auto, das schnell genug ist.

SPIEGEL: McLaren-Mercedes wollte Sie gern verpflichten. Ärgert es Sie, dass Ihr Chef Frank Williams Sie nicht hergeben mochte? Angeblich wollte McLaren Sie für 25 Millionen Dollar freikaufen.

Rosberg: Dass Williams darauf verzichtet hat, zeigt doch, er braucht das Geld nicht. Williams ist einer der drei erfolgreichsten Rennställe in der Formel-1-Geschichte, die wollen wieder nach vorn. Das ist auch mein großes Ziel. Ich verstehe mich bestens mit den Leuten hier. Und ich bin in einer tollen Situation: Ich spiele als wichtigster Fahrer eine Führungsrolle. Mit 22 Jahren fühle ich mich, als wäre ich Manager in einer großen Firma.

SPIEGEL: Sie haben Ihren Vertrag sogar um ein Jahr bis Ende 2009 verlängert. Warum?

Rosberg: Es gibt nicht viele Topautos in der Formel 1. Ich glaube, wir könnten in zwei Jahren ein Topauto haben.

SPIEGEL: Empfinden Sie es als motivierend oder frustrierend, so abhängig von der Technik zu sein?

Rosberg: In meinem Fall ist es frustrierend. Jedes Mal, wenn ich aus der Garage auf die Strecke fahre, weiß ich, ich werde zu langsam sein. Ich kann noch so gut fahren, ich habe keine Chance, der Beste zu sein. Also schöpfe ich meine Motivation aus dem, was erreichbar ist.

SPIEGEL: Hört sich grausam an.

Rosberg: In der Formel 1 muss man die Balance halten zwischen Ehrgeiz und Geduld, es gibt kaum einen anderen Weg zum Erfolg. Solange ich weiß, dass ich noch nicht gewinnen kann, ist ein vierter Platz wertvoll. Und wichtig, am Ende eines Rennens zu wissen, dass ich irre gut gefahren bin.

SPIEGEL: Wie lange wollen Sie sich damit noch zufriedengeben?

Rosberg: Als Talent gilt man nicht ewig, es drängen zu viele nach. Man muss aufpassen, dass man die Gelegenheit, ganz nach oben zu kommen, nicht verpasst. Irgendwann ist man out, man muss aber in sein. Es gibt einige in der Formel 1, die den Sprung verpasst haben. Mein Plan ist es, spätestens 2010 um Siege zu fahren. Hoffentlich bei Williams, wenn nicht dort, dann woanders.

SPIEGEL: Von außen betrachtet wirkt es so, dass Ihr Vater Keke als Manager Ihre Karriere strategisch geplant hat: Er war selbst Weltmeister und hat Sie früh ins Kart gesetzt, zu Rennen begleitet, darauf geachtet, dass Sie neben dem finnischen auch einen deutschen Pass besitzen, weil Sie als Deutscher für Sponsoren attraktiver sind. Stimmt der Eindruck?

Rosberg: Es fing damit an, dass er etwas gesucht hat, was er mit seinem Sohn zusammen machen konnte und uns beiden Spaß macht. Wir sind an den Wochenenden in einem kleinen Caravan durch Frankreich gedüst, von einem Parkplatzrennen zum nächsten. Ich habe alles gewonnen, zuerst die Regionalmeisterschaft, dann die französische. Er weiß ja, was für ein traumhafter Beruf Rennfahrer ist. Man reist durch die Welt und verdient Geld damit. Und er sah, was aus mir werden könnte. Von da an hat er meinen Weg geplant.

SPIEGEL: Hat er Ihren Ehrgeiz gefördert?

Rosberg: Wie macht man das?

SPIEGEL: Durch Anspornen. Etwa, indem man sagt: Du hast einen Wunsch frei, wenn du das nächste Rennen gewinnst.

Rosberg: Wahrscheinlich hat er mich angespornt, indem er mir gezeigt hat, wie ehrgeizig er selber ist. Das hat sich möglicherweise auf mich übertragen.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Ihre Tennisspiele früher sehr emotional verliefen?

Rosberg: Das war die Hölle, wirklich heftig. Mit zehn war ich sehr gut im Tennis. Ich bin fast immer zornig vom Platz gegangen. Hatte ich gewonnen, war ich sauer, dass er mich gewinnen ließ. Und wenn ich verlor, warf ich ihm vor, geschummelt zu haben.

SPIEGEL: Ihr Vater hat sich seine Karriere selbst geebnet, als Rennfahrer und als erfolgreicher Geschäftsmann. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihm?

Rosberg: Ich spüre seine Erwartung, dass ich etwas erreiche im Leben.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich verpflichtet?

Rosberg: Ein bisschen schon. Ich möchte, dass er stolz ist auf seinen Sohn. Wir kommen super miteinander aus, wir lachen zusammen, spielen Backgammon.

SPIEGEL: Das läuft dann so wie früher beim Tennis?

Rosberg: Ja, es ist extrem.

SPIEGEL: Wer gewinnt?

Rosberg: Ich kann ganz gut mithalten.

SPIEGEL: Wenn man in derselben Branche arbeitet, können Eltern nerven.

Rosberg: Es kann nicht nur so sein - es ist so. Mein Vater hat mir Ratschläge gegeben, die ich nicht hören wollte. Aber heute weiß ich, dass er oft recht hatte. Früher habe ich meine Ingenieure außerhalb der Rennen nie angerufen, ob in der Kart-Zeit oder im Junior-Formel-Sport. Damals war der Rennsport ein Spiel für mich, die Schule war mir wichtiger. Aber mein Vater hat gesagt: Du musst zeigen, dass du dich für sie interessierst, um sie zu motivieren. Und um zu lernen. Das verstand ich nicht. Inzwischen verstehe ich es. Man muss Informationen sammeln und die Arbeit vorantreiben. Das kann man nur, wenn man genau weiß, was in der Firma läuft.

SPIEGEL: Jetzt managen Sie sich selbst. Gehört das zum Masterplan?

Rosberg: Der Schnitt ist nicht so drastisch, wie es scheint. Wir hatten schon vor längerer Zeit beschlossen, dass ich eigenständiger werde. Die Vertragsverlängerung mit Williams Ende vorigen Jahres haben wir noch gemeinsam ausgehandelt. So einen Deal finde ich interessant wie ein Pokerspiel: Wie weit darf man gehen, um eine Gehaltserhöhung zu kriegen? Nachdem ich unterschrieben hatte, zog sich mein Vater aus der alltäglichen Arbeit zurück.

SPIEGEL: Ganz?

Rosberg: Ganz. Aber er ist natürlich immer noch da, wenn ich seinen Rat brauche. Er ist ein weiser Mann.

SPIEGEL: Sie werden zwangsläufig am Vater gemessen. Wie wichtig ist es Ihnen, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen?

Rosberg: Es ist mir wichtig. Es ist sehr verlockend, für alles irgendjemanden zu haben und sich nur ums Rennfahren zu kümmern. Aber was mache ich, wenn die Karriere eines Tages vorbei ist und ich nichts dazugelernt habe?

SPIEGEL: Wollen Sie auch nach außen hin beweisen, dass Sie mehr sind als nur der Sohn einer Legende?

Rosberg: Sicher. Aber ich will es ihm zeigen - und mir selber. Die Erwartungen sind da, das weiß ich. Die Leute fragen sich - ist er so gut wie sein Vater?

SPIEGEL: Worin unterscheiden Sie sich?

Rosberg: Er hatte das Image, auf der Strecke eher ein Rambo zu sein. Wir mögen uns in vielem ähnlich sein, aber ich fahre sauberer, präziser.

"Man kann auch bescheiden auftreten, wenn man eine dicke Yacht im Hafen liegen hat"

SPIEGEL:Worin ähneln Sie sich?

Rosberg: Ich bin wie er aufmerksam bei allem, was um mich herum passiert. Und bescheiden, so weit das geht in diesem Beruf.

SPIEGEL: Keine dicke Yacht, kein Luxusjet?

Rosberg: Beides besitze ich nicht. Aber ich meine keine materiellen Dinge, sondern die Persönlichkeit. Man kann auch bescheiden auftreten, wenn man eine dicke Yacht im Hafen liegen hat.

SPIEGEL: Die Schumachers sind auf der Kerpener Kart-Bahn aufgewachsen, Sie mitten in Monte Carlo. Dort leben viele Rennfahrer, alljährlich findet ein Grand Prix statt. Wann haben Sie die Formel 1 erstmals bewusst wahrgenommen?

Rosberg: Mit fünf Jahren, jedenfalls noch vor meiner Schulzeit. Morgens hat mich die Formel 1 geweckt mit diesem unglaublich lauten Geräusch. Richtig verfolgt habe ich sie, als Michael Schumacher Weltmeister wurde und mein Vater Mika Häkkinen managte. Da war ich neun. Als Ayrton Senna 1994 starb, saß ich mit meiner Mutter vier Stunden in der Küche, vier Stunden lang hörten wir nur Radio.

SPIEGEL: Haben Sie Angst, dass Ihnen etwas zustößt beim Rennen?

Rosberg: Manchmal schon. Vorm Start. Sobald ich losfahre, ist das weg.

SPIEGEL: Wie wird man als Kind wohlhabender Eltern in Monaco groß?

Rosberg: Auch wenn es nicht dem Klischee entspricht: Ich hatte das Glück, recht normal aufgewachsen zu sein, soweit es eben geht in Monte Carlo. Ich bin jeden Morgen eine Stunde mit dem Bus zur Schule nach Nizza gefahren und nachmittags wieder zurück. Meine Freunde und ich haben am Strand Fußball gespielt, aber es gab keine Champagner-Poolpartys. Und wenn es drauf ankam, waren wir alle sehr konzentriert bei der Sache. Natürlich war es eine sehr wohlhabende Umgebung. Aber wir wurden alle so erzogen, dass wir nicht das Geld zum Fenster rausschmeißen.

SPIEGEL: Wie kommt es, dass Sie kein Schnösel geworden sind, der Papa auf der Tasche liegt?

Rosberg: Beruf: Sohn - das konnte ich mir niemals vorstellen. Ich möchte selber etwas erreichen, dafür bin ich bereit, sehr hart zu arbeiten. Wahrscheinlich liegt das in meinen Genen. Wäre ich nicht Rennprofi geworden, wäre ich zur Uni gegangen.

SPIEGEL: Sie fahren seit zwei Jahren in der Formel 1. Haben Sie sich verändert?

Rosberg: Auf jeden Fall. Ich weiß nicht, ob es an der Formel 1 liegt oder weil ich einfach älter geworden bin. Man wird sehr schnell erwachsen in diesem Beruf. Man arbeitet in einem Team von mehr als 500 Leuten. Man ist sehr weit oben in der Pyramide. Das Selbstbewusstsein nimmt zu.

SPIEGEL: In der Formel 1 sind Präzision, Effizienz und Tempo sehr wichtig. Strahlt das auf Ihr Alltagsleben ab?

Rosberg: Ich glaube, das sind nicht die Eigenschaften, auf die es ankommt.

SPIEGEL: Welche sind es denn?

Rosberg: Disziplin und Zielstrebigkeit, immer alles geben, weiter, weiter. Das ist auch in meinem Privatleben so. Aber extrem viel von meinem Privatleben dreht sich eben auch um den Rennsport.

SPIEGEL: Einen Tag faul auf dem Sofa vorm Fernseher zu liegen, das kennen Sie nicht?

Rosberg: Doch, klar, aber das mache ich dann auch für den Rennsport. Weil ich mich zwei Tage davor so hart gequält habe beim Training, dass ich einen Tag brauche, um mich zu erholen und um die Trainingseffektivität zu steigern. Ich habe neulich bewusst anderthalb Stunden im Supermarkt eingekauft. Ich hatte mir das als Aufgabe gestellt: Morgen nehme ich mir Zeit und gehe in dieses Riesending. Danach habe ich mir ein Mittagessen gekocht.

SPIEGEL: Warum die Aktion?

Rosberg: Ich finde es wichtig für meine persönliche Entwicklung, dass ich solche normalen Dinge selber mache.

SPIEGEL: Lewis Hamilton, der Shootingstar der vorigen Saison, ist da anders. Er fährt Auto, den Rest erledigen andere für ihn.

Rosberg: Das hilft anfangs. Aber ich will das anders machen.

SPIEGEL: Sie kennen Hamilton aus Kart-Zeiten. Wie begegnen Sie einander?

Rosberg: Der Umgang ist kumpelhaft, aber sehr oberflächlich. Eine echte Freundschaft ist eigentlich unmöglich in der Formel 1.

SPIEGEL: War der Kontakt zu Hamilton damals anders?

Rosberg: Natürlich war es lockerer. Heute haben wir zu viel zu tun. Ich könnte nie mit Lewis in London in eine Bar gehen und in Ruhe etwas trinken.

SPIEGEL: Sie sind jahrelang gegen Hamilton in den Jugendklassen Rennen gefahren und haben ihn auch besiegt. Sind Sie neidisch auf seinen rasanten Aufstieg?

Rosberg: Neid wäre das falsche Wort. Ich respektiere, was er erreicht hat, weil es einfach der Hammer ist. Natürlich hatte er Glück, bei McLaren zu landen. Aber diese Chance muss man zu nutzen verstehen.

SPIEGEL: Ist er ein besserer Fahrer als Sie?

Rosberg: Nein.

SPIEGEL: Muss man sich automatisch für den besten Fahrer halten?

Rosberg: Mehr oder weniger schon.

SPIEGEL: Sie haben mit 16 ein Einser-Abitur gemacht und sind mit 17 die ersten Formel-1-Tests gefahren. Der Team-Mitbesitzer Gerhard Berger sieht eine Generation von Fahrern, die Schule und Rennkarriere unter einen Hut bekommen.

Rosberg: Ich denke, da bin ich kein Einzelfall. Ich lasse mich aber gern als Teil einer neuen Generation bezeichnen.

SPIEGEL: Herr Rosberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.




Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Maik Großekathöfer und Detlef Hacke.

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