Mode: Blutsauger im Anzug - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Mode Blutsauger im Anzug

Selten erlebte ein Investor so viel Widerstand wie Permira bei Hugo Boss. Eine Millionenausschüttung wurde zwar nicht verhindert, aber die Belegschaft will weiterkämpfen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Diesmal hat sich Permira wirklich bemüht, eine ganz liebe "Heuschrecke" zu sein. Eine, die nicht wie eine Plage daherkommt. Eine, mit der man reden kann. Ein Partner mit Gesicht eben, kein anonymer Finanzinvestor.

Nach all der früheren öffentlichen Schelte war die britische Beteiligungsgesellschaft wild entschlossen, ihre Übernahme des Traditionsunternehmens Hugo Boss zu nutzen, um das Image vom gnadenlosen Gierschlund gar nicht erst aufflackern zu lassen. Und wo kann man sich schöner inszenieren als bei einem Luxuskonzern, inmitten all des Glamours, der Stars, der Models?

Der Plan scheiterte grandios. Die Aktion "Freundliche Heuschrecke" endete vergangene Woche als PR-Desaster. "Investor saugt Firma aus", tadelte "Börse Online". "Finanzinvestor schröpft Hugo Boss", schäumte die "Welt". Und die "Frankfurter Allgemeine" kommentierte lakonisch: "Kam, sah und nahm".

Damit nicht genug, schlossen sich Analysten dem medialen Aufschrei an. Nicht einmal die kühl kalkulierenden Banker hielten Europas größter Heuschrecke die Stange. Sie stuften die Boss-Aktie herunter, der Kurs rutschte ab.

Am Freitag dann wurde bekannt, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Giuseppe Vita, der einzige Arbeitgebervertreter, den Permira nicht ausgewechselt hatte, sein Amt nach der Hauptversammlung im Mai niederlegen werde. Das wäre der dritte hochkarätige Abgang nach dem Vorstands- und dem Produktionschef.

Und nun hockt auch noch der Betriebsratschef Antonio Simina mitten in der Lobby der atemberaubenden Firmenzentrale im schwäbischen Metzingen und entwirft mit wachsender Begeisterung zukünftige Streikszenarien. "Permira muss lernen, dass mit uns nicht alles geht", sagt der temperamentvolle Italiener - und droht sizilianisch: "Wenn wir sterben müssen, dann nehmen wir ein paar mit."

Wer also ist der Boss bei Boss? Und was war überhaupt geschehen? Nichts Besonderes eigentlich. Permira hatte nur getan, was Finanzinvestoren nun mal tun: Der Investor griff kräftig in den Sparstrumpf seiner Neuerwerbung. Per Aufsichtsratsmehrheit genehmigte Permira den Aktionären - also vor allem sich selbst - eine deftige Dividende von insgesamt 445 Millionen Euro. Gegen den erbitterten Widerstand der Arbeitnehmerseite.

88 Prozent halten die Briten an dem deutschen Anzugschneider, seit sie vergangenen Sommer die Valentino Fashion Group erstanden haben, deren Tochter Boss war. Zwei Drittel der 3,4 Milliarden Euro für diesen Einkauf nahm Permira bei Banken auf. Ein Teil davon soll nun über die finanzstarken Deutschen refinanziert werden.

Die Eigenkapitalquote der Metzinger wird durch den Aderlass von 53 auf 20 Prozent sinken, gleichzeitig wird die Verschuldung

in die Höhe geschraubt. Außerdem verordnete Permira der Firma ein schnelleres Wachstumstempo und eine höhere Rendite. Und zwar zackig, denn in wenigen Jahren möchte man wieder aussteigen aus dem Investment, mit einem satten Gewinn.

Die "Optimierung der Kapitalstruktur", wie Permira das nennt, war ein Schock für das schwäbische Herren-Haus, das bislang die Kasse gern prall gefüllt hielt. Doch ist die Umstrukturierung so falsch? Dass bei Boss nicht alle Potentiale ausgeschöpft sind, dass so manche Läden und Linien auf den Prüfstand gehören, geben selbst Insider zu. Und betriebswirtschaftlich betrachtet, ist das Festhalten an viel Eigenkapital unsinnig, solange Kredite billig zu haben sind.

Aufsichtsrat Gert Bauer von der IG Metall hält davon allerdings nichts: "Es ist doch Unfug zu sagen, es sei gut, kein Geld zu haben. Wenn man sich so hoch verschuldet, wird man im Krisenfall schnell handlungsunfähig." Was, wenn mal eine der vier Kollektionen pro Jahr durchfällt?

Und was, wenn ein Großkunde abspringt? Genau das ist Permira beim Autoschlosshersteller Kiekert passiert. Als der Kunde Ford zeitweilig ging, kam die auf Kante genähte Kalkulation ins Wanken und mit ihr das gesamte Unternehmen. Permira verzog sich mit blutender Nase und hohem Millionenverlust.

Antonio Simina, seit 32 Jahren bei Boss, 25 Jahre Betriebsratschef und außerdem stellvertretender Vorsitzender im Aufsichtsrat, plagen ähnliche Gefühle. Er verheimlicht nicht, dass der Permira-Coup die Firma momentan nicht bedroht. Es ärgert ihn zwar, dass "wir jetzt ausbaden müssen, dass Permira zu viel für Valentino gezahlt hat. Aber die Ausschüttung bringt uns jetzt nicht um". Doch dann formuliert er die Frage, die den gestylten Glaspalast in Metzingen neuerdings brummen lässt wie einen Bienenkorb: "Was, wenn sie nächstes Jahr wiederkommen?"

Weil Permira weitere Ausschüttungen partout nicht ausschließen wollte, war letztlich all das gute Zureden, sogar das in Aussicht gestellte Beteiligungsmodell Makulatur. Denn trotz der angebotenen Arbeitsplatzgarantie und Erhalt der Sozialleistungen - das Wichtigste bekamen die Bossler nicht: eine schriftliche Zusicherung, dass ihr freundlicher Großaktionär 2009 nicht noch mal kräftig den Rahm abschöpft.

"Warum sollen sie uns schonen?", fragt Simina. "Warum sollen wir Vertrauen haben?" Auch der IG Metaller Gert Bauer lässt sich nicht blenden von der Umgänglichkeit der neuen Besitzer: "Die Permira-Leute sind persönlich sehr sympathisch, aber sie stehen unter dem Druck der Banken. Sie brauchen Geld." Die weltweite Finanzkrise verschärft diesen Zustand.

Dass sich die äußerst selbstbewusste Boss-Belegschaft nicht so einfach abbügeln lässt, hätte Permira allerdings schon vorher merken können. Nie zuvor musste sich das Führungspersonal von Europas mächtigstem Fonds derart demütigen lassen.

Um Ängste abzubauen, hatte sich Jörg Rockenhäuser, neuberufener Deutschland-Chef des britischen Finanzinvestors, höchstpersönlich auf den Weg ins schwäbische Metzingen gemacht.

Als Großaktionär hoffte er auf einen freundlichen Empfang. Er sollte sich irren. Die Schwaben waren alles andere als erbaut über den Neueinsteiger - und sie ließen es ihn immer wieder spüren.

Einmal stellten sie Rockenhäuser zweieinhalb Stunden am Kaffeeautomaten ab, ohne ihm einen Gesprächspartner zuzuführen. Ein anderes Mal musste er im Vorzimmer von Vorstandschef Bruno Sälzer warten und warten - bis er den Manager schließlich aus dem Zimmer krähen hörte: Er habe keine Zeit für Strategiegespräche, einer müsse ja "die Arbeit machen". Der Investor sollte möglichst wenig Gelegenheit haben, eigene Wachstumspläne für das Unternehmen zu erklären.

Von Anfang an ließ der selbstbewusste Sälzer keine Gelegenheit aus, dem neuen Besitzer die Stirn zu bieten. Erst riet er den Restaktionären, das Kaufangebot von Permira nicht anzunehmen, dann teilte er per Interview mit: "In einer AG macht immer noch der Vorstand die Strategie." Schließlich veralberte er seine neuen Eigentümer öffentlich. Es sei seine Pflicht, richtig zu erklären, was das Geschäft ausmache, "und zwar so, dass es jeder versteht", spottete er via SPIEGEL (30/2007).

Permira ertrug all diese Demütigungen mit großer Zurückhaltung. Vielleicht hat sich Sälzer deshalb ein wenig überschätzt. Vielleicht war er sich auch zu sicher, dass man auf einen wie ihn nicht verzichten könne. 2007 war ein Rekordjahr, erneut meldete er ein kräftiges Umsatzwachstum. Die Zahlen sind blendend: 1,6 Milliarden Euro Umsatz, 220 Millionen Euro Gewinn.

Und auch wenn mancher Konkurrent mehr verdiente: Sälzer präsentierte ein kerngesundes Unternehmen, duzte sich mit dem Betriebsratschef und hatte außerdem einen Vertrag bis 2012 in der Tasche.

Doch so unverwundbar, wie der Schwarzgurt-Karatekämpfer glaubte, war er dann doch nicht. Immer schärfer gingen die Investoren Sälzers Politik der Nadelstiche und -streifen an: Das internationale Geschäft, besonders in Asien, sollte aggressiver wachsen. Man müsse mehr eigene Läden eröffnen und das gewinnbringende Geschäft mit Schuhen, Accessoires und Damenmode ausbauen.

Aber als die Investoren mit ihrem Plan rausrückten, einen hohen dreistelligen Millionenbetrag aus dem Unternehmen zu ziehen, reichte es Sälzer. Der Kampf war eröffnet. Am 14. Februar hatte er verloren. Der Aufsichtsrat, mittlerweile mit fünf Permira-Vertretern besetzt, feuerte Sälzer gegen die Stimmen der Arbeitnehmervertreter aus dem Metzinger Modekosmos.

Noch am gleichen Tag versuchte Permira, den langgedienten Philip-Morris-Manager Hans Fluri als Interimschef zu installieren. Ein unsensibler Schachzug, nicht nur, weil Fluri zuletzt beim Deutschen Paket Dienst arbeitete, unter Style-Gesichtspunkten kaum eine der ersten Adressen.

Die Belegschaftsvertreter waren derart aufgewühlt über Sälzers Rauschmiss, dass

sie der Personalie ihre Zustimmung verweigerten. Der Neue landete auf einem einfachen Vorstandsposten. Kurz darauf trennte sich Permira von Produktionschef Werner Lackas, der sich wie Sälzer gegen die Senkung des Eigenkapitals stemmte. Fluri übernahm dessen Aufgabenbereich Produktion und Logistik.

Dann kam die Aufsichtsratssitzung vom 5. März. Auf Vorschlag des immer noch kopflosen Vorstandstrios diskutierten die Kontrolleure die anstehende Ausschüttung. Permira argumentierte, sie seien jetzt auf 450 Millionen Euro runtergegangen. Das könne doch nun kein Problem mehr sein. Die Arbeitnehmer blieben bei ihrem Nein.

Ein letztes Mal noch versuchte Permira, eine gute Heuschrecke zu sein. Die neuen Hausherren widerstanden der Versuchung, das Doppelstimmrecht ihres Aufsichtsratschefs Giuseppe Vita auszunutzen.

Eine weitere Woche wurde geredet, gestritten und diskutiert. Permira wollte unbedingt eine Machtdemonstration verhindern. Bis spät in die Nacht dauerten die Verhandlungen. Doch die Fronten blieben verhärtet.

Weil Permira sich weigerte, verbindliche Zusagen über die Höhe der künftigen Verschuldung zu machen, platzte der Kompromiss - und allen der Kragen. Am 11. März musste Vita auf Wunsch von Permira sein Doppelstimmrecht wahrnehmen. Die Dividende wurde gegen den Willen der Arbeitnehmer beschlossen.

Finanzvorstand Joachim Reinhardt, dessen Vertrag im Spätjahr zur Verlängerung ansteht, sagt nun, der Kompromiss sei aus seiner Sicht angemessen. "Unsere Spielräume bleiben in vollstem Umfang erhalten." Obwohl er unter Sälzer stets das Eigenkapital hortete, glaubt er nun: "Die Eigenkapitalquote ist nicht das richtige Kriterium, wichtiger ist die operative Verschuldung."

Zu viel Wischiwaschi für Betriebsratschef Simina. Der quirlige Italiener lässt sich in einen schwarzen Ledersessel sinken, mitten im Foyer. Jetzt, nachdem er das Armdrücken verloren hat, will er Flagge zeigen. Simina hat auf Kampf umgeschaltet.

"Permira muss lernen, dass mit uns nicht alles geht", sagt er. Verlierer klingen anders: "Wenn die uns nicht aussaugen wollen, können wir gut miteinander arbeiten. Aber wenn doch, was ich nicht hoffe, werden wir uns wehren. Wenn es sein muss, bringen wir hier alles zum Stillstand."

Seine Augen blitzen bei diesen Worten. Er weiß, dass er keine leere Drohung ausspricht. Er glaubt felsenfest an die Zukunft seiner Firma und an die Kurzlebigkeit von Heuschrecken.

Der ewige Simina hat in seinen 32 Jahren bei Boss gelernt, auf Zeit zu setzen. "Wissen Sie, wir haben die japanischen Eigner überstanden, unter den Italienern weitergemacht - wir werden auch Permira überleben."