Fußball "Ich war ein Sturkopf"
Simák, 29, kam als 21-jähriges Talent aus Tschechien nach Deutschland und trug 2001/2002 mit 18 Toren wesentlich zum Bundesliga-Aufstieg von Hannover 96 bei. Er galt als kommender Weltklassespieler, wechselte zu Bayer Leverkusen, wurde aber wieder an Hannover ausgeliehen und floh im September 2003 in die Heimat - ein Erschöpfungssyndrom wurde diagnostiziert, später wurden Alkoholprobleme bekannt. Im Sommer wechselte er von Sparta Prag zum Zweitligisten FC Carl Zeiss Jena - und überzeugte. Unter den Angeboten für die erste Liga wählte er nun das des VfB Stuttgart aus.
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SPIEGEL: Herr Simák, vor viereinhalb Jahren sind Sie aus dem Profifußball ausgestiegen, als Sie Hannover 96 Hals über Kopf verließen. Nun spielen Sie am Dienstag mit Carl Zeiss Jena im DFB-Pokal-Halbfinale vor 80 000 Zuschauern bei Borussia Dortmund, nach Saisonende können Sie in die erste Bundesliga zurück. Sind Sie stolz?
Simák: Noch bin ich nicht wieder ganz da, wo ich hin will. Als ich im Juli 2005 zur Entziehungskur war, habe ich mir geschworen: Ich will allen wieder zeigen, dass ich ein guter Fußballer bin. Ich wollte das Problem lösen und habe es geschafft. Für mich war klar: Entweder ich ende in dem Loch, in das ich geraten war, trinke weiter und sterbe irgendwann. Oder ich kämpfe mich heraus und beweise, dass ich gut bin. Eine dritte Variante, etwa dass ich mich schäme und verstecke, gab es für mich nicht.
SPIEGEL: Die Probleme sollen angefangen haben, als Sie 2002 als Ersatz für Michael Ballack zu Bayer Leverkusen kamen. Was ist schiefgegangen?
Simák: Früher war ich immer der Star gewesen, die Reporter wollten immer nur zu mir. In Leverkusen war ich auf einmal nicht mehr der Beste, andere waren noch besser. Ich war es gewohnt, immer zu spielen, jetzt sollte ich auf die Ersatzbank, das konnte ich nicht begreifen. Ich hätte härter zu mir selbst sein und mehr trainieren müssen. Stattdessen habe ich die Probleme mit Alkohol lösen wollen.
SPIEGEL: Vorher galten Sie als Partytrinker, plötzlich wurden Sie zum Frusttrinker?
Simák: Es war falsch, aber so war es nun mal. Oft merkt man erst später im Leben, was man falsch gemacht hat.
SPIEGEL: Wie es aussieht, wechseln Sie zur nächsten Saison zum VfB Stuttgart - die Clubs müssen sich noch auf die Ablöse einigen. Also wieder zu einem ambitionierten Verein mit vielen guten Spielern. Was wird diesmal anders sein?
Simák: Ich bin reifer heute, erwachsener. Wenn mich ein großer Club verpflichtet, muss ich alles dafür tun, dass ich dort bleiben kann. Heute ist man nirgends sicher. Und wenn ich nicht gleich zum Zuge komme, muss ich mich mehr anstrengen.
SPIEGEL: Sie hatten mal ein Hallodri-Image. Geschichten wurden kolportiert von ausgelassenen Urlauben, die Sie für die ganze Clique bezahlt hätten. Wie war die Zeit?
Simák: Ich war großzügig, hatte gern Leute um mich herum. Einer hat sich mal meinen Wagen ausgeliehen und ihn nie zurückgebracht. Wir haben keinen Kontakt mehr. Denn diese Leute trinken weiter, daher meide ich ihre Gesellschaft.
SPIEGEL: Anfangs wollten Sie nach Ihrer Flucht aus Hannover keine Hilfe annehmen. Wer hat dann später gemerkt, dass der Alkohol ein zu großes Problem geworden war - Sie selbst?
Simák: Ich hatte 2003 diese Depressionen, ich habe mich tagelang bei niemandem gemeldet. Ich habe es gewusst, aber gemacht, was alle Alkoholiker tun: Alles nicht so schlimm, habe ich mir gesagt, das werde ich schon packen.
SPIEGEL: Nach einem Jahr Pause spielten Sie dann bei Sparta Prag. Clubchef Daniel
Kretínský soll Sie zur Entziehungskur gezwungen haben. Stimmt das?
Simák: Er hat dazu beigetragen, dass ich hinging. Ich hatte den Vertrag nicht eingehalten, weil ich im Sommer nicht zum Training erschien. Statt mich rauszuwerfen, bot er mir eine Vertragsverlängerung an, allerdings zu geringerem Grundgehalt. Im Gegenzug sollte ich sofort die Therapie machen. Das war eine wichtige Hilfe für mich, andererseits war es natürlich geschickt von ihm: Denn so konnte der Verein bei einem späteren Verkauf noch Geld mit mir verdienen. So kam es dann ja auch. Während der drei Monate in der Entzugsklinik bekam ich von Sparta ein symbolisches Monatsgehalt - etwa 100 Euro.
SPIEGEL: Wie haben Sie die drei Monate erlebt?
Simák: Es war ganz schön hart. Keine Freizeit von morgens sechs bis abends um zehn, wir mussten auch arbeiten. Ich habe im Garten gearbeitet. Wir mussten lernen, uns Grenzen setzen zu lassen: bis hier und nicht weiter. Denn ein Alkoholkranker kennt keine Grenzen. Wir waren 30 Mann, 25 sind rückfällig geworden.
SPIEGEL: Hatten Sie nie wieder Lust zu trinken?
Simák: Als ich aus der Kur kam, hat mir nichts gefehlt. Heute denke ich das ganze Jahr nicht daran, aber komischerweise an Silvester kommt mir der Gedanke: Vielleicht willst du heute auch mal was trinken. Es gelingt mir aber immer, den Gedanken gleich wegzuschieben - nein, ich trinke nicht. Ich muss das verdrängen, sonst kommt das Problem vielleicht zurück. Es war auch nie so, dass ich zittern musste oder so etwas. Ich lebe gut damit. Als ich letzten Sommer nach Jena kam, habe ich auch aufgehört zu rauchen. Ehrlich gesagt: Das war viel schwieriger.
SPIEGEL: Wie haben Sie es geschafft, wieder richtig fit zu werden?
Simák: Es war eine lange Quälerei, wieder in Form zu kommen. Das beste Training für mich ist, regelmäßig zu spielen. Heute sind selbst 120 Minuten kein Problem. Dafür bin ich Jena auch sehr dankbar. Der Verein hat mir das Vertrauen geschenkt, das werde ich ihm nie vergessen. Mit meiner Kondition war es am schlimmsten nach dem einen Jahr Pause, vor der Kur in Prag. Ich war damals sechs Kilo schwerer und habe noch getrunken. Nach den zehn Minuten Aufwärmübungen war ich schon geschafft und hätte mich am liebsten hingelegt. Es war damals ein verflixter Kreis, aus dem ich nicht herauskam. Solange wir im Trainingslager waren, war es gut. Kaum hatten wir mal drei Tage frei, habe ich wieder getrunken, und dann musste ich wieder an der Fitness arbeiten.
SPIEGEL: Wie gehen die Gegenspieler mit Ihnen um?
Simák: Gleich im zweiten Spiel mit Jena beschimpfte mich ein Spieler des FC St. Pauli als "Alkoholiker". Im Rückspiel in Hamburg hat er das wieder gemacht. Mit der Beschimpfung kam ich noch klar, aber er hat mir sogar in den Nacken gespuckt. Ich hätte mich am liebsten auf ihn gestürzt, aber ich musste mich beherrschen. Ich kann mir das nicht leisten, die Reporter hätten sofort wieder ihre Schlagzeilen gehabt.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie jetzt angeln?
Simák: Das ist mein neues Hobby. Ich bin aber keiner, der die ganze Zeit nur aufs Wasser schaut. Wir fahren gern an den Ebro in Spanien, mit Freunden. Wir nehmen ein Häuschen direkt am Fluss, ich spiele da mit meinem kleinen Sohn, ich laufe herum, ab und zu fangen wir Fische.
SPIEGEL: Wenn Ihre Lebensgefährtin, die Mutter Ihres Sohnes, schon bei Ihnen gewesen wäre, als Sie das erste Mal nach Deutschland kamen, wäre Ihnen dann manches erspart geblieben?
Simák: Es hätte nichts geändert. Ich war ein Sturkopf. Ich glaube, es war mir vorgegeben, diese Zeit durchzumachen, das musste alles passieren. Gut, dass alles ist, wie es ist. INTERVIEW: