Kulturgeschichte Stadt der Mythen
Vorurteile sterben nie. Die Geschichte Babylons ist die Geschichte der Verleumdung einer uralten, vielleicht der ersten Zivilisation im europäischen Kulturkreis seit Tausenden von Jahren. Was für Gedankenverkettungen: der vermessene Turmbau, die Sprachverwirrung, die Gefangenschaft der Juden, die Hängenden Gärten (eines der Weltwunder), die Göttin Ischtar, die Hure, das Menetekel an der Wand.
Realität und Mythos sind untrennbar miteinander verbunden. Schon seit der Antike bemächtigte sich die Legende der Geschichte dieser damals eindrucksvollsten Stadt der Welt, die lange vor Athen und Rom ein kosmopolitisches Zentrum war, noch bevor die biblischen Propheten und die griechischen Historiker, vor allem Herodot, der Nachkommenschaft ein entstelltes Bild übermittelten, im Spiegel zwiespältiger Eindrücke: die erste und außergewöhnlichste Weltstadt, deren Menschen sich als die Herren des Universums aufführen konnten.
In der historischen Wahrnehmung existierte Babylon immer doppelt: als eine Königsstadt und als ein kosmischer Mittelpunkt,
an dem Erde und Himmel sich vereinigten und die Weisheit des Orients über die ganze damals bekannte Welt ausstrahlte.
Das Wesen dieser geheimnisvollen Metropole bleibt zersplittert. Die archäologischen Forschungen bringen nur Bruchstücke zutage, die Quellen in Keilschrift sind vielfältig, die traditionellen Überlieferungen gespalten.
Babylon wurde immer nur von außen wahrgenommen, nicht von innen erzählt, und blieb trotzdem ein Symbol, ein politisches Zentrum und ein kultureller Leuchtturm des untergegangenen Morgenlands. Noch Alexander der Große wollte daraus die Hauptstadt seines neuen Reichs machen, er starb 323 vor Christus in Babylon.
Seltsam, aber über Babylon, dieses New York der Antike, hat es noch nie eine Ausstellung gegeben. Der Pariser Louvre, zusammen mit den Staatlichen Museen in Berlin und dem British Museum in London, wagt jetzt die erste - mit über 400 Exponaten aus 13 Ländern, die seit der Gründung bis zum Untergang die Geschichte und den Nachhall der Stadt in der europäischen Phantasie auf einmalige Weise beschreiben.
Babylon lag mitten in einer Ebene, 90 Kilometer südlich von Bagdad, umgeben von Palmenhainen, durchtrennt vom Euphrat, und erstreckte sich innerhalb seiner gewaltigen, 7 Meter dicken und 18 Kilometer langen Mauern. Boulevardähnliche Prachtstraßen, deren wichtigste am 15 Meter hohen Tor zu Ehren der Göttin Ischtar endete, säumten den Euphrat. Die Stadt war, 500 Jahre vor Christus, größer als Paris unter Henri IV. mehr als 2000 Jahre später. Abbildungen von Löwen, Stieren und Drachen schmückten die Fassaden der Paläste.
Die Juden schöpften dort einen Teil ihrer biblischen Geschichte - etwa die Saga der Sintflut -, genauso wie die Griechen ihre Erinnerung an die Ursprünge der Zivilisation. Der gehenkte Diktator Saddam Hussein verglich sich gern mit Hammurabi, dem Gesetzgeber des ersten babylonischen Reiches. Saddam ließ sich in Babylon einen Palast erbauen, der inzwischen zerstört wurde. Aus dem Irak konnten für die Ausstellung in Paris keine Stücke ausgeliehen werden, obwohl die Schau bei der Regierung
in Bagdad auf Begeisterung stößt, da sie eine großartige Vergangenheit beschwört.
Die babylonische Sprache war die Lingua franca ihrer Zeit, gesprochen und verstanden von Persien bis nach Ägypten. Die Keilschrift, ein komplexes syllabisches System, das von den Sumerern stammte, hielt sich bis ins erste Jahrhundert nach Christus.
Der spektakuläre terrassenförmige Turmbau, in der alttestamentarischen Bibel als menschlicher Übermut denunziert, sollte keineswegs die Götter herausfordern, sondern ihnen erlauben, vom Himmel herabzusteigen. Er ragte nicht mehr als 91,5 Meter hinauf, auch wenn das für damalige Verhältnisse gigantisch schien (der Eiffelturm hat eine Höhe von 300 Metern).
Die Stadt war aus Ziegeln erbaut, sie zerbröselten im Laufe der Jahrhunderte, Babylon hinterließ weniger Spuren als die Pyramiden Ägyptens. Doch gerade deutsche Archäologen wie Robert Koldewey und Walter Andrae legten um die Jahrhundertwende bis in den Ersten Weltkrieg hinein die Trümmer frei, im Osmanischen Reich hatten sie als Verbündete des Sultans freien Zugang, und Kaiser Wilhelm II., selbst sehr an Ausgrabungen interessiert, förderte die Expeditionen so gut wie möglich.
Manchmal übertrifft die Wirklichkeit die Legende. Die Vorstellung Babylons in der Literatur und in den Künsten, dann in der Ausgrabung der Ruinen im 19. Jahrhundert ergibt ein ganz neues Bild der grandiosen Stadt, ohne den Mythos und die in der historischen Einbildung fixierten Visionen zu zerstören.
Die Geschichte der Ursprünge von Babylon liegt trotz der schriftlichen Quellen im Dunkeln. Drei Menschen freilich prägten die Saga der Stadt: Hammurabi (1792 bis 1750 vor Christus), der König der Gerechtigkeit, Nebukadnezar (604 bis 562 vor Christus), der Jerusalem eroberte und die
Hebräer in die babylonische Gefangenschaft verschleppte, sowie Belsazar, der letzte Herrscher Babylons, dem das Menetekel an der Wand erschien.
Noch im Mittelalter erschauerten westliche Reisende in Bewunderung vor den Ruinen des Palastes von Nebukadnezar, diesen "Schlupflöchern von Drachen und giftigen Tieren". Berühmt sind die Löwen, aufbewahrt im Vorderasiatischen Museum von Berlin.
Was sich aber mehr als alles andere im Imaginären der Menschheit hielt, war - neben dem Gilgamesch-Epos - der Turmbau zu Babylon, der alle Legenden und Traditionen der Stadt in sich bündelte. Unsterblich ist sie durch den Bericht in der biblischen Genesis geworden, mehr noch als durch den präziseren Herodots.
Warum aber ist dieser kleine biblische Abschnitt am Anfang eines Mythos - der zum Ursprung von Babylons Hochmut werden sollte - eines widernatürlichen Bauwerks, das die Kluft zwischen Göttlichkeit und Menschheit zu überwinden trachtete und dadurch, besonders in der westlichen Malerei von Lucas van Valckenborch bis Brueghel, seine eigene Zerstörung herauszufordern schien?
Diese Darstellung ist weit entfernt von der babylonischen Wirklichkeit, die in dem Turm ein Ruhmesdenkmal für die Göttlichkeit sah und keineswegs eine Anmaßung gegenüber der himmlischen Macht. In Mesopotamien war Gott - wie in den meisten Religionen - ganz einfach an die Vorstellung von Höhe gebunden. Gott glaubte man im Himmel, und so stellte man göttliche Figuren schon seit 5000 vor Christus auf Tempelerhebungen, um sie von den Menschen zu unterscheiden.
Der Turm von Babel ("Zikkurat") ist die natürliche Weiterentwicklung solcher künstlichen Terrassen mit rechteckiger Basis, die im Laufe der Zeit immer höher wurden. Die sprachliche Analyse erklärt die Bedeutung: "Zakaru" heißt hoch erheben, und "zikkurata" ist der Tempelturm, oder eben auch, durch metaphorische Übertragung, die Spitze des Berges, auf der sich die Arche nach der Sintflut absetzte.
Die Hebräer entnahmen viele ihrer Berichte den Erlebnissen der babylonischen Gefangenschaft. Das Heiligtum auf der Spitze des Turms stellt nur eine kosmische Verbindung zwischen Himmel und Erde dar, keineswegs einen vermessenen Griff nach der Allmacht. Diesen Turm musste Gott nicht zerschmettern, die Gläubigen waren nicht maßloser Hybris verfallen.
In der biblischen Erzählung und danach in der christlichen Überlieferung ist Babylon die Stadt aller Sünden und Laster, in der sich jede Frau einem Besucher hingeben musste. Aber es war auch der erste Rechtsstaat, in Hammurabis Worten auf der berühmten Gesetzesstele: "Ich bin der Hirte, der Frieden bringt, dessen Szepter gerecht ist."
Bewundert und geschmäht lag Babylon jahrhundertelang im Nebel des Mythischen verborgen. Nun versucht diese glänzende Ausstellung in Paris, die im Sommer nach Berlin kommt und danach nach London, die geschichtliche Wirklichkeit dahinter zu enthüllen - und trotzdem die Verbindung mit der Legende zu erklären. Die Schau im Louvre zeigt, neben den archäologischen Ausgrabungen, die Sicht europäischer Künstler auf Babylon seit dem 15. Jahrhundert. Vor allem die Reformatoren verglichen die verruchte Stadt gern mit dem päpstlichen Rom und erkannten darin ein Spiegelbild von Aberglauben, Anmaßung und Herrschsucht.
In der christlichen Kultur wurde Babylon als Inbegriff der Stadt der Sünde gesehen - so wie die Juden, meist gefangene Arbeitssklaven, sie in ihrem Exil geschildert hatten. Die Hebräer selbst wuchsen in den ungefähr sechzig Jahren der babylonischen Gefangenschaft endgültig zum auserwählten Volk zusammen, das seinen ausschließlichen Bund mit dem einzigen Gott Jahwe geschlossen hatte.
Nach 539 vor Christus, als Babylon vom persischen Herrscher Kyros dem Großen erobert wurde, begann der Niedergang der ersten Großstadt des Planeten; die Tempel in ihren leuchtenden Farben, die Stadtmauern, die Tore, die glasierten Ziegel verfielen. Erst deutsche Archäologen gruben die fast verschwundenen Trümmer wieder aus. Der Erste Weltkrieg beendete ihre Bemühungen.
Die Invasion der Amerikaner 2003 und die andauernden Kämpfe im Irak bedrohen die kostbare archäologische Stätte heute wieder. Die US-Armee errichtete einen Hubschrauberlandeplatz auf dem historischen Gelände, parkte Panzer nebenan und hob Schützengräben - einen davon 170 Meter lang - quer durch die archäologischen Ruinen aus.
Aber Babylon lebt weiter, als Legende und als Geschichte, als Verheißung und als Menetekel.