Titel Auf Sand gebaut
Der Anwalt David Rubenstein zeigt gern, was er hat. Seine Beteiligungsgesellschaft Carlyle machte den früheren Berater von US-Präsident Jimmy Carter zum Milliardär, der sich schon mal was Extravagantes leistet. Kurz vor Weihnachten schenkte er sich selbst bei einer Auktion in New York eine seltene Kopie der englischen Grundrechtserklärung Magna Charta. Preis: 21,3 Millionen Dollar.
Die Aktionäre von Carlyle Capital können über solche Eskapaden mittlerweile nicht einmal mehr bitter lachen. Ende vergangener Woche verloren sie über 90 Prozent ihres eingesetzten Vermögens. Der Carlyle-Fonds, der auf Pump über 20 Milliarden Dollar in riskante Hypothekenpapiere investiert hatte, muss wohl liquidiert werden.
"Es ist das erste Mal, dass etwas gründlich schiefgelaufen ist", musste der sonst so schlagfertige Rubenstein kleinlaut zugeben. An den globalen Finanzmärkten sorgte das Desaster für noch mehr Panik. Denn mit dem Exitus von Carlyle Capital trifft es erstmals einen Fonds aus der obersten Liga der einst so glamourösen Welt der vermeintlich allmächtigen Milliardenjongleure.
Nun dürfte auch den letzten Zockern klar sein: Die Kreditkrise hat auch die "Heuschrecken" fest im Griff - und wird von ihnen zugleich verschärft.
Seit sich kunstvoll verpackte und weiterverkaufte US-Ramschhypotheken rund um die Erde in den Bankbilanzen als scharfe Granaten entpuppen, herrscht in der Hochfinanz Angst und Schrecken. Die Furcht vor einer bevorstehenden US-Rezession macht mittlerweile gar Anleihen von kerngesunden Unternehmen zu Risikopapieren.
Ein Dominosteinchen nach dem anderen fällt nun mit radikaler Konsequenz. Was im Sommer als Krise des amerikanischen Immobilienmarkts begann, traf zunächst die kleinen und großen Bankhäuser weltweit. Mittlerweile hat sich auch die Realwirtschaft infiziert, denn auf das Finanzdesaster folgt die Konsumkrise, die wiederum das Bankgeschäft bedroht.
Ein Teufelskreis, der durch immer neue schlechte Nachrichten noch befeuert wird. Der Dollar? Schmilzt wie Eis in der Sommersonne. Die Kurse an den Weltbörsen? Fallen und fallen.
Die Banken, paralysiert von den selbst losgetretenen Risikogeschäften, leihen sich gegenseitig kaum noch Geld. Die Notenbanken müssen einspringen. Vergangene Woche kündigten amerikanische Fed und Europäische Zentralbank (EZB) in einer konzertierten Aktion die Bereitstellung von über 200 Milliarden Dollar an.
Fed-Chef Ben Bernanke und sein EZB-Kollege Jean-Claude Trichet können die aufgebrachten Gemüter kaum noch beruhigen. Ihre avisierte Finanzspritze blieb weitgehend wirkungslos.
Die Anleger flüchten - auch ins Gold. Das Misstrauen grassiert weiter. Vor allem die abenteuerlustigen Hedgefonds könnten zu "Zwangsverkäufen von Wertpapieren in einen schwachen Markt" gezwungen sein, sagt Holger Schmieding, Chefökonom der Bank of America in Europa. Ursache sind nervöse Kreditgeber, die, wie im Fall Carlyle, von den Fonds mehr Sicherheiten oder Notverkäufe verlangen.
Ende vergangener Woche musste sich die US-Investmentbank Bear Stearns gar hastig einen Überbrückungskredit besorgen, um nicht auch umzukippen. Die Märkte bleiben so lange "schwach, bis wichtige Finanzhäuser ihre Quartalsberichte vorgelegt haben", befürchtet Schmieding.
Bis dahin dürfte der Strom schlechter Nachrichten eher noch anschwellen. Dafür verantwortlich sind vor allem Fonds und Beteiligungsgesellschaften.
Neben Carlyle hatte vergangene Woche auch Branchengigant Blackstone, dem unter anderem fast fünf Prozent an der Deutschen Telekom gehören, die Finanzgemeinde geschockt. Der Gigant unter den "Heuschrecken" verwaltet für Großanleger 88 Milliarden Dollar und meldet einen brutalen Einbruch des Quartalsgewinns von fast 90 Prozent.
Für den Blackstone-Gründer Stephen Schwarzman sind solche Hiobsbotschaften eine ganz neue Erfahrung. Der erfolgsverwöhnte Multimilliardär, der gern seltene Steinkrabben für 400 Dollar das Stück verspeist, macht plötzlich in Pessimismus:
"Es gibt wenig Klarheit darüber, wann sich dieser Zustand bessern wird", sagt der passionierte Partygänger, der jüngst der New Yorker Stadtbibliothek die Rekordsumme von 100 Millionen Dollar spendete.
Schwarzmans Branchenkollegen verkünden ähnlich bittere Wahrheiten. Die Konkurrenten von KKR mussten bei ihrem Amsterdamer Fonds kräftig abschreiben. Die Private-Equity-Firma Cerberus beispielsweise könnte sich an den letzten Übernahmen von Autobauer Chrysler und der Finanzgruppe GMAC schwer verschluckt haben.
Und wer ist der Nächste? Kann sich Branchengigant Fortress - eine Mischung aus Hedgefonds und Beteiligungsgesellschaft - dem Abwärtstrudel entziehen? Immerhin ist das Unternehmen einer von Deutschlands mächtigsten Immobilienbesitzern. Mit den Firmen Gagfah und Eurocastle kontrolliert Fortress hierzulande neben Bürohäusern von Banken auch rund 180.000 Wohnungen, beispielsweise in Dresden, Berlin, Hamburg oder Hannover.
Jim Cramer, hemdsärmeliger Ex-Fondsmanager und Kultmoderator der "Mad Money"-Show des US-Senders CNBC, hält Fortress wahlweise für "eine Burg im Sand" oder ein "Kartenhaus". Kürzlich pappte er das Foto von Fortress-Chef Wesley Edens im Studio gar an seine Wall of Shame - seine Mauer der Schande.
"Lassen Sie sich nicht von Edens' verhängnisvollem Missmanagement schädigen", hämmerte Cramer seinen Zuschauern ein. Er werde noch mehr Schmerz verursachen, "wenn Sie nicht bald verkaufen".
Cramer mag übertreiben, aber für seine Sicht der Dinge gibt es immerhin etliche Indizien. So weisen die Börsenkurse der Firmen, die Fortress verwaltet oder mehrheitlich beherrscht, seit den Höchstständen im vergangenen Jahr hohe zweistellige Verluste auf.
Und auch Fortress selbst, dessen Börsengang Edens Anfang 2007 lächelnd auf dem Balkon der New Yorker Börse verfolgte, verlor seit dem Höchststand über 60 Prozent seines Wertes. Edens lässt das freilich kalt, er durfte schon zuvor 200 Millionen Dollar in die eigene Tasche stecken - und hat ausgesorgt.
Aber die Fortress-Burg ist brüchig geworden: Der Börsengang der Containerschiffgruppe Seacastle, zu deren Kreditgebern auch die deutsche HSH Nordbank gehört, wurde Ende Januar auf Eis gelegt. Der Hypothekeninvestor Newcastle vermeldete für 2007 tiefrote Zahlen und musste in den vergangenen Wochen Papiere im Umfang von weit über einer Milliarde Dollar mit Verlust verkaufen.
Fortress will sich dazu "aus rechtlichen Gründen" nicht äußern. Dass das hochverschuldete Wohnungsimperium Gagfah an der Börse über die Hälfte seines Wertes verloren hat, sei von "externen Faktoren beeinflusst", sagt ein Sprecher.
Kritisch sehen Analysten die Lage bei Eurocastle. Dem Fortress-Ableger gehören neben unzähligen Dresdner-Bank-Filialen auch milliardenschwere Bestände an Hypothekenpapieren. Ein Risiko? "Kaufen und Verkaufen von Wertpapieren wie auch Immobilien gehört zum Tagesgeschäft", heißt es lapidar. Carlyle-König Rubenstein dachte auch mal so.