Titel Faustrecht am Fluss
Wenn sich die Nacht über die Ausläufer der Chimanimani-Berge im Westen Mosambiks legt, geht zwar die Schwüle des Tages. Dafür kommen die Malaria übertragenden Anophelesmücken aus den Sümpfen.
Dichte Schwärme sind es. Die jungen Männer versuchen vergebens, sich mit Feuer der todbringenden Quälgeister zu erwehren. Sie entzünden Plastik, das Holz ist noch zu feucht. Bald lodern hier überall Lagerfeuer, und beißender, stinkender Qualm zieht in endlosen Schwaden über das Camp.
Die sanften, grünen Hügel rund um die Provinzstadt Manica haben sich in ein gewaltiges Elendslager verwandelt. Überall entlang dem Fluss Revue sind kleine Siedlungen entstanden: Hütten aus Plastikplanen, Wellblech und Bambus. Viele Menschen kampieren einfach auf dem Boden, gehüllt in Lumpen, notdürftig bedeckt von mottenzerfressenen Decken. Sie ernähren sich von Wurzeln, Gras und Käfern.
Tagsüber krallen sie sich grabend mit bloßen Händen in die lehmige Erde. Einige haben auch Spaten und Pickel. Etliche beginnen schon morgens um vier Uhr mit der Arbeit. Die einen verlieren hier nur ihren Verstand, die anderen ihr Leben.
Tausende Verzweifelter suchen derzeit ihr Glück in dieser Gegend, und täglich werden es mehr. Sie kommen über die Berge aus dem benachbarten Simbabwe. Sie haben gehört, dass dieser Schlamm einen Schatz bergen soll: Gold. Und so ist "Chimanimani" zum Inbegriff geworden für die letzte Hoffnung auf Glück.
Alec Pot wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er ist Malaria-infiziert, klapperdürr und zittert fiebrig. Von seinem letzten Geld hat er sich Pillen gekauft. Nun kauert er unter einem Mangobaum und hüllt sich in seine Decke. Pot kam zusammen mit drei Freunden vor einem Monat aus Simbabwe hierher. Zu Hause hatten sie gehört, dass in den mosambikanischen Bergen Gold zu finden sei - viel Gold. Fremde hatten phantastische Geschichten von faustgroßen Nuggets erzählt. Und sie hatten gehört, dass die Mosambikaner gastfreundlich seien.
Vor einigen Wochen war sogar die Visumpflicht für Simbabwer aufgehoben worden. Es heißt, Mosambik bedanke sich auf diese Weise für die Aufnahme, die Simbabwe mosambikanischen Flüchtlingen während der achtziger Jahre gewährt hatte. Aber wahrscheinlich kann das Land, das sich immer noch von den Folgen des 1992 beendeten Bürgerkriegs erholt, dem Ansturm der Simbabwer gar nicht mehr anders Herr werden, als einfach die Grenzen zu öffnen.
Simbabwe nämlich kollabiert in Rekordgeschwindigkeit. Die Arbeitslosigkeit beträgt über 80 Prozent, die Inflation liegt bei fast 70 000 Prozent. Mehr als drei Millionen Simbabwer sind geflüchtet, allein in Südafrika sollen sich bis zu zwei Millionen Flüchtlinge aufhalten. Die meisten weißen Farmer wurden vertrieben, ihre Felder verrotten. Viele Menschen hungern. International ist der bankrotte Staat isoliert.
Nur den Herrscher des Landes stört das alles wenig. Mit brutaler Gewalt klammert sich der starrsinnige Diktator Robert Mugabe an die Macht und unterdrückt die Opposition. Der frühere Erzbischof von Bulawayo und prominente Regimekritiker Pius Ncube wusste sich kürzlich nur noch
mit einem Appell an die Briten zu helfen, sie sollten eingreifen und den Tyrannen stürzen. So lange Mugabe aber an der Macht klebt, hält der Exodus der Simbabwer an.
Alec Pot ist einer von denen, die im früheren Rhodesien, der einstigen Kornkammer des südlichen Afrika, keine Zukunft mehr sahen. Jahrelang hatte der 34-Jährige in seiner Heimatstadt Murehwa als Bauarbeiter gearbeitet. Doch in Simbabwe wird jetzt nicht mehr gebaut. Pot hat eine Frau und zwei kleine Kinder. Seit sein Vater vor vier Jahren an Aids starb, muss er sich auch noch um die Mutter kümmern und um sieben Geschwister. Pot ist arbeitslos und soll zwölf Menschen ernähren.
Irgendwann wusste er keinen anderen Ausweg mehr. Er erinnerte sich an die Geschichten von dem Dorado auf der anderen Seite der Grenze. Er schnürte einige Habseligkeiten zusammen - eine verrostete Schaufel, eine löchrige Decke, einen Eimer - und machte sich auf den Weg über die Berge.
Die Goldfelder zu finden war nicht schwer. Über 20 000 Glücksritter durchpflügen bereits die rote mosambikanische Erde. Drei Viertel von ihnen kommen von der anderen Seite der Grenze.
Doch statt der erhofften Reichtümer erwartete Pot etwas, das er selbst als "Sklavenarbeit" bezeichnet. Zu viert schuften er und seine Freunde nahezu rund um die Uhr. Sie graben mit bloßen Händen, mit rostigen Schaufeln, mit primitiven Pickeln.
Acht Meter tief soll das Gold in der Erde verborgen sein, doch bislang hat der Claim, der den jungen Männern zugeteilt wurde, nicht einmal einen Hauch Goldstaub hergegeben.
Wir müssen tiefer graben, trösten sich die Männer und buddeln weiter. Umkehr käme einer Kapitulation gleich. Und man braucht doch nur einmal ein wenig Glück, dann hat man ausgesorgt! Mit dem ersten Verdienst, sagen sie, wollen sie heimkehren zu ihren Familien.
Die Suche nach Gold hat in Mosambik eine lange Tradition. Schon bevor die portugiesischen Kolonialisten kamen, wurde hier geschürft; das benachbarte Südafrika wurde durch das Edelmetall sogar steinreich. Solange die Portugiesen herrschten, wurde das Gold von großen internationalen Minengesellschaften ausgebeutet. Doch als die Weißen das Land 1975 verließen, hinterließen sie ein Chaos.
Mosambik wurde erst mal sozialistisch und schlitterte in einen Bürgerkrieg, der 16 Jahre dauern sollte - und vom südafrikanischen Apartheidstaat nach Kräften geschürt wurde. Während dieser Zeit kam die Goldproduktion praktisch zum Erliegen. Erst nach und nach kehrten die Goldsucher zurück. Und seit die Preise für das Edelmetall explodieren, herrscht geradezu Hysterie am Fluss Revue.
Dabei funktioniert in den Bergen ein ausgeklügeltes System. Das Land gehört Mosambikanern, die hier noch bis vor kurzem Bananenstauden, Mais oder Mangobäume pflanzten und langfristige Pachtverträge mit der Regierung abgeschlossen hatten. Seit der Goldrausch ausbrach, unterteilen die Pächter ihr Land in Claims. Die lassen sie von den Simbabwern durchwühlen, die ihnen dafür einen Teil der Ausbeute überlassen müssen.
Am Fluss Revue herrschen Faustrecht und nackte Gewalt. Wer anderen in die
Quere kommt, wird verjagt. Manchmal drängen auch Polizisten oder Soldaten in die Camps, prügeln drauflos und fordern ihren Anteil.
Alec Pots Partner Widson Muchehuwa krümmt sich. Gerade erst wurde er bei so einer Razzia zusammengeschlagen. Er bringe Unglück und solle sich zurück nach Simbabwe verziehen, schrien seine Peiniger. Wenn er nicht verschwinde, würden sie ihn umbringen.
Natürlich ist die Jagd nach dem Gold illegal. Das Metall gehört theoretisch dem mosambikanischen Staat. Doch mit Polizei oder Militär scheint man dem Goldrausch nicht mehr beikommen zu können. "Wir können die Goldsuche nicht mit Gewalt stoppen", resigniert der Gouverneur der Provinz Manica, Raimundo Diomba. "Schließlich haben diese Menschen keine andere Einnahmequelle, und sie müssen ihre Familien ernähren."
Zudem leben auf beiden Seiten der Grenze Angehörige des Schona-Volks. Sie sprechen eine gemeinsame Sprache und sind untereinander verwandt. Sie trennt lediglich eine einst von Kolonialmächten willkürlich gezogene Grenze.
Mittlerweile hat sich ein buntes Geschäftsleben rund um die Goldfelder entwickelt. Die Goldsucher verkaufen ihren Fund an mosambikanische Zwischenhändler, die umgerechnet gut 20 Dollar pro Gramm Gold zahlen, im nur 15 Kilometer entfernten Manica bekommen sie schon 27 Dollar. Die Abnehmer dort sind Libanesen, Israelis, Europäer - verschwiegene Gestalten, die abends an den schummrigen Hotelbars der Stadt herumhängen und ihre Geschäfte abwickeln.
Sie exportieren das gerade noch so schmutzige Gold ins Ausland, was eigentlich ebenfalls verboten ist. Irgendwann landet es auf den großen Märkten in London, New York oder Zürich: strahlend, edel, teuer.
"Das Geschäft läuft hervorragend", sagt der Händler Armando Mouzinho, "weil der Goldpreis so hoch ist." Mouzinho hat dicke Geldbündel in seinem Hosenbund stecken.
Steigen die Goldkurse in London, dann boomt auch das Geschäft in den Ausläufern der Chimanimani-Berge.
Vom hohen Goldpreis profitiert auch die Marketenderin Sylvia Madzikanda, die vor drei Wochen aus Simbabwe kam. Sie pendelt ständig zwischen Manica und den Lagern der Goldsucher hin und her. Im Angebot hat sie Brot und Mais, aber besonders gut läuft das Geschäft mit einem lokalen Fusel namens "Buffalo Dry Gin" und mit mosambikanischem Bier.
Jeden Donnerstag werden lastwagenweise Huren aus Simbabwe herangekarrt, denn freitags darf in den Minen nicht gearbeitet werden. Auch an solchen Tagen klingelt bei Sylvia Madzikanda die Kasse.
Es ist eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen, die der Staat ignoriert, so gut er kann. Doch lange ist der Raubbau nicht mehr zu übersehen, er stößt auf den zunehmenden Argwohn der mosambikanischen Behörden.
Weil die goldhaltige Erde in den Flüssen gewaschen wird und diese dadurch verschlammen, herrscht in der Region bereits akuter Mangel an Trinkwasser.
Dazu kommt, dass sich in den Chimanimani-Bergen mittlerweile öde Kraterlandschaften gebildet haben. Teilweise graben die Goldsucher 10 bis 20 Meter tiefe Schächte, die in einem weitverzweigten Tunnelsystem enden. Ist die Grube ausgebeutet, wird das Loch einfach offen gelassen. In der Regenzeit kommt es dann regelmäßig zu Erdrutschen, immer wieder werden auch Goldsucher verschüttet. Andere erfrieren in den Bergen, wo die Nächte eiskalt werden können.
Zudem eskaliert fast jeden Abend die Gewalt in den Camps der Desperados. Eines davon ist mittlerweile dermaßen berüchtigt für die regelmäßigen blutigen Auseinandersetzungen, dass es den bösen Spitznamen "Burundi" bekam. Die Zahl der Toten, die dieser Irrsinn fordert, kennt niemand, es dürften Dutzende sein.
Alec Pot und seine drei Kollegen haben auch an diesem Tag kein Glück gehabt. Neidisch blicken sie hinüber zur Nachbargrube, wo sich ein paar lehmverschmierte Kumpel über einige Krümel Goldstaub begeistern. Es ist vielleicht ein Gramm, das sie erbeutet haben, das bringt morgen, wenn der Händler kommt, bares Geld.
Sie müssen ihre 20 Dollar danach durch fünf teilen: die vier, die gegraben haben, und den mosambikanischen Besitzer, der ab und zu vorbeischaut und kontrolliert, dass auch niemand etwas verschwinden lässt.
Am Ende bleiben vier Dollar pro Kopf. Für die Goldsucher war das ein guter Tag, sie werden sich ein paar Gin und am Wochenende eine Hure leisten können.
Alec Pot muss weiter hungern. Er hat seit Monaten kein Fleisch mehr gegessen. Sein ausgezehrter Körper ist anfällig für Krankheiten. Ein paar Kilometer flussaufwärts, heißt es, sei vor kurzem Cholera ausgebrochen. Wie es weitergehen soll, weiß er nicht.
Im Moment fehlt ihm selbst das Geld für die Rückfahrt nach Harare. Und wie soll er seiner Familie dann sein Versagen erklären? "Sie warten darauf, dass ich etwas nach Hause bringe", sagt Pot und blickt hinüber zu den Bergen, die die Grenze zu Simbabwe bilden. "Sie sind hungrig."