Irak Ein hundertjähriger Krieg?
Die Nachrichtenlage am Vorabend des Jahrestags der "Operation Iraqi Freedom" lässt Gegner und Befürworter des amerikanischen Feldzugs ratlos: Bei Mossul wird die Leiche des katholischen Erzbischofs gefunden, aber die US-Botschaft in Bagdad hält wie in Friedenszeiten einen Flohmarkt ab. Die Zahl der Anschläge nimmt wieder leicht zu, und Douglas Feith, einer der hauptverantwortlichen Planer aus dem Pentagon, legt eine Rechtfertigung in Buchform vor. Amerika steht nun länger im Irak, als das Land im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Der Krieg ist in die Jahre gekommen.
Seit Sommer 2007 stagniert im Bewusstsein der Amerikaner die Zahl ihrer Toten: Mehr als die Hälfte der Befragten wusste damals, dass 3500 GIs gefallen waren, nur ein Viertel weiß, dass es inzwischen fast 4000 sind. Mindestens 3000 Milliarden Dollar hat der Krieg laut Nobelpreisträger Joseph Stiglitz bisher gekostet.
Zwei amerikanische Zivilverwalter, drei Botschafter und drei Oberkommandierende hat Washington verschlissen. Der letzte - und vergleichsweise erfolgreichste - der Diplomaten kündigte soeben seinen Abschied an. Im Januar will Botschafter Ryan Crocker gehen. "Das waren dann zwei Jahre im Irak. Das reicht."
Zunächst aber werden Crocker und der ebenfalls bis Januar amtierende Irak-Befehlshaber, General David Petraeus, im April noch einmal Bericht erstatten: Was hat die Aufstockung der Truppe gebracht? Um mehr als die Hälfte war nach dem Sommer die Zahl der Anschläge zurückgegangen, doch nur bis zu einem Sockel: Knapp 2000 waren es jeden Monat von November bis Januar, etwa so viele wie im Frühjahr 2005.
Wenig taugen die Prognosen, solange unklar ist, was überhaupt den Umschwung brachte. Auf den Erfolg an der Sunnitenfront verweisen die Optimisten: An die 80 000 ehemalige Aufständische sind übergelaufen und stehen heute mit je 300 Dollar monatlich im Sold der Amerikaner. Der Qaida-Terrorismus ist nachhaltig gestört.
Vor übereiltem Optimismus in Bezug auf die Schiiten warnen dagegen die Skeptiker: Wohl habe der Schiitenführer Muktada al-Sadr die Waffenruhe seiner Mahdi-Miliz verlängert - unbestrittener Hauptgrund für den Rückgang der konfessionellen Morde. Doch weder wisse man, ob sie mehr als Taktik sei, noch ob sie hält.
Der Fortgang des Krieges hängt lange schon von Entwicklungen und Personen ab, an die vor fünf Jahren niemand dachte. Der Bagdad-Eroberer Tommy Franks habe nur die Augen verdreht, als er ihn damals gefragt habe, was nach dem Krieg geschehen solle, klagt Douglas Feith heute in seiner Autobiografie "Krieg und Entscheidung". Für derlei "bullshit" habe er keine Zeit, lautete die Antwort. Versager auch sonst, wohin Feiths Auge blickt. Fehlerlos - der Leser ahnt es - nur das Dreigestirn der Planer: Donald Rumsfeld, George W. Bush und eben Feith.
Den Präsidenten selbst ficht keine Rückschau an: "Die Entscheidung, Saddam Hussein zu stürzen, war am Anfang meiner Präsidentschaft richtig, sie ist heute richtig, und sie wird immer richtig sein", sagte er vorige Woche in Nashville.
Wie es in Bagdad weitergeht, entscheiden, zumindest teilweise, die amerikanischen Wähler. Machen sie den Republikaner John McCain zum Präsidenten, müssen sie sich nach dessen Worten auf 100 Jahre US-Präsenz im Irak einrichten. Die demokratischen Präsidentschaftsbewerber drängen dagegen auf einen Abzug der US-Truppen. Einen friedlichen Weg zur Lösung der politischen Probleme zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden kennen beide Seiten nicht.
Bernhard Zand
Auf den folgenden Seiten erzählen fünf Iraker, wie sich ihr Leben seit der Invasion verändert hat - aufgezeichnet von Hussam Ali, Ala Khalil Nasser und Mathieu von Rohr.
Muhannad Al-Garawi, 41, Mobiltelefonhändler
Direkt nach dem Krieg ging es uns ziemlich gut. Viele Leute sind schnell reich geworden, weil sie für die Amerikaner arbeiten konnten. Auch ich habe plötzlich so viel Geld gemacht wie nie zuvor: 300 Dollar pro Woche! Kein Wunder, alle wollten ein Mobiltelefon bei mir kaufen - die Alten, die Jungen, die Frauen, die Männer, die Reichen, sogar die Armen, die träumten damals noch davon, dass aus ihnen etwas wird.
Das Handy war das Symbol für eine neue Zeit, und viele Leute kamen in mein Geschäft in Karrada, einem der beliebtesten Einkaufsviertel der Stadt. Leider hielt der Boom nicht lange an. Ab 2005 brach die Gewalt los, die Terroristen kontrollierten ganze Stadtviertel, und alles ging den Bach runter. Meine besten Kunden, die Reichen, sind alle ins Ausland geflohen.
Zu Saddam Hussein kann ich nur eines sagen: Er war ein Tyrann, und er hat bekommen, was er verdient hat. Weil ich Schiit bin, hatte ich keine Chance, einen Job in den Ölfeldern zu bekommen, obwohl ich Bohrtechnik studiert habe. Ich komme aus einer sehr armen Familie und musste mein ganzes Leben schuften, um meine Familie zu ernähren. Ich habe mich als Elektriker durchgeschlagen und nach dem Krieg zuerst eine Weile Geschirr verkauft, bis ich auf die Idee mit den Handys kam.
In den letzten Monaten läuft das Geschäft wieder besser. Es ist sicherer geworden auf den Straßen, und die Leute kommen wieder nach Karrada, um einzukaufen. Vor allem junge Frauen, die ihr Haus nicht verlassen konnten, als es am schlimmsten war, wollen jetzt ein neues Handy. Aber wir haben immer noch Angst: In den letzten zwei Monaten gab es vier Anschläge in Karrada. Wir sind der Spielball von großen Mächten. Aber ich habe Hoffnung, und ich vertraue auf Gott, dass das irakische Volk am Ende gewinnen wird. Vor sechs Monaten habe ich geheiratet. Das Leben muss weitergehen.
Nada Mahdi Schukur, 47, Journalistin
Ich habe zu Saddams Zeiten für die einzige englische Zeitung Bagdads gearbeitet, beim "Baghdad Observer". Wir waren dem Informationsministerium unterstellt, und Sicherheitsleute haben uns immer aufs Maul geschaut. Aber ich konnte mein Englisch gebrauchen, ich habe viele Ausländer interviewt, ich sprach sehr gut Englisch. Heute wäre das undenkbar. Es ist gefährlich, auf der Straße englisch zu sprechen. Nicht weil die Iraker Ausländer hassen, aber ich glaube, das Verhalten mancher Amerikaner hat einen Graben erzeugt zwischen ihrer Armee und unserem Land. Die politische Situation ist grauenhaft: Die religiösen Führer vermischen Politik mit Religion. Für mich ist es eine Sünde, eine Partei auf der Basis von Religion zu gründen. Aber diese neue Religiosität hat vom ganzen Land Besitz ergriffen. Wir haben zu wenig Bildung, wir haben zu wenig Freiheit. Vor allem für uns Frauen ist das schlimm. Ich sehe mich als aufgeschlossenen Menschen, ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder, ich bin eine Intellektuelle. Studiert habe ich in Leeds, England, Kunst und Design. Ich hatte großes Talent. Aber was nützt einem das, wenn man im Irak festsitzt? Für mich war der glücklichste Moment, als Bagdad von diesem Diktator erlöst wurde, danach begann die Stadt zu florieren, es war friedlich. Aber die Besatzung hat dazu geführt, dass Sunniten und Schiiten aufeinander losgingen, dazu, dass al-Qaida und alte Saddam-Anhänger gemeinsame Sache machten. Ich wohne in Mansur, das ist eine gemischte Gegend. Aber selbst als Sunnitin fühle ich mich nie sicher dort, die meisten Bewohner sind Saddam-Fans. Amerikanische und irakische Truppen durchsuchen oft die Gegend, sie kommen auch in mein Haus - das finde ich in gewisser Weise gut, es sorgt für Sicherheit. Aber danach fehlt oft etwas, meine Kamera, meine Uhr oder ein Handy. Das ist sehr ärgerlich. Ich will schon lange mein Haus verkaufen und in eine andere Gegend ziehen.
Dr. Rafid Hamud Efait, 30, Chirurg
Meine Freunde sagen mir, sie könnten sich seit ein paar Monaten freier bewegen auf den Straßen, viele sagen, das Leben sei jetzt besser da draußen. Aber ich habe trotzdem nicht das Gefühl, dass es uns wirklich besser geht. Ich arbeite in der Medical City, im größten Krankenhaus der Stadt, und ich sehe jeden Tag schlimmste Verletzungen, ich sehe Leute sterben, weil sie gerade zur falschen Zeit da waren, wo eine Bombe explodierte. Ich sehe blutende, schreiende Menschen, verzweifelte Verwandte. Deswegen kann ich wirklich nicht sagen, dass es uns besser geht. Saddam war bösartig, er hat Hunderttausende Menschen getötet. Er ist schuld an drei Kriegen, und er hat Verderben über mein Land gebracht. Aber wenn ich an das Leben vor 2003 zurückdenke, dann muss ich trotzdem sagen, dass es besser war. Jeder hatte seine Träume und wollte sie verwirklichen. Ich hatte Freunde, die Sunniten waren, und es spielte keine Rolle, dass ich Schiit bin. Ich lebte in einem sunnitisch geprägten Quartier, in Jarmuk, und es gab keinen Grund, Angst zu haben. Wir sind nachts ausgegangen und haben gefeiert. Das Bagdad, in dem ich heute lebe, ist nicht das Bagdad, das ich kannte. Letztes Jahr überfielen mich radikale Sunniten auf der Straße und wollten mich töten. Nur durch Glück habe ich überlebt. Jetzt wohne ich im Ärztehochhaus der Medical City. Ich würde gerne heiraten, meine Verlobte ist auch Ärztin, aber es geht nicht, ich habe kein Geld, kein Haus und keine Möglichkeit, uns außer Landes zu bringen. Das macht mich traurig. Viele meiner Freunde wollen mit Religion nichts mehr zu tun haben, weil sie sehen, was für Untaten im Namen der Religion verübt werden. Religion ist wichtig, aber die religiösen Führer legen sie nur zu ihrem eigenen Vorteil aus. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Amerikaner sich aus dem Land zurückziehen. Es gibt keinen Politiker, der Frieden bringen kann. Wenn die Amerikaner gehen, wird der Irak endgültig im Chaos versinken.
Amdschad Saki Nasser, 45, Taxifahrer
Vor dem Krieg besaß ich eine Drogerie, ich habe Cremes verkauft, Parfüms und Shampoos. Aber danach brauchte niemand mehr solche Dinge. Also habe ich mir von meinem Ersparten einen kleinen Toyota gekauft und angefangen, Taxi zu fahren. Zuerst habe ich besser verdient als vor dem Krieg, aber inzwischen ist das Benzin so teuer geworden, dass mir immer weniger bleibt. Früher kostete ein Liter 20 Dinar, heute sind es 500 Dinar, etwa 27 Cent. Und die Sicherheit ist natürlich ein Problem. Als Sunnit kann ich nur Sunniten befördern, in schiitische Stadtteile kann ich nicht fahren, die Soldaten würden mich gar nicht reinlassen. Jemand, der Bagdad vor dem Krieg verlassen hat und heute zurückkäme, würde diese Stadt nicht wiedererkennen, es ist unnatürlich, wie viele Grenzen sie heute durchschneiden. Das deprimiert mich. Auch die Ausgangssperren. Den Toyota habe ich vor einem Jahr bei einem Bombenanschlag in der Palästina-Straße verloren, ich musste einen neuen Wagen kaufen. Jetzt habe ich einen "Brasili", so heißen die alten weiß-orangefarbenen Taxis aus der Vorkriegszeit, das war natürlich ein Abstieg. Ich verdiene jetzt auch weniger, eine Fahrt in einem Brasili ist billiger als in einem Toyota. Ich vermisse meine Freiheit. Meine Freiheit, Freunde zu besuchen, die nur fünf Minuten von mir wohnen, für mich aber unerreichbar sind, weil sie zum Beispiel im schiitischen Kadhimija jenseits der Tigris-Brücke leben, ich aber im sunnitischen Adhamija bleiben muss. Früher lebten viele Schiiten in Adhamija, heute gibt es keine mehr; es patrouillieren die Leute von der Sahwa-Miliz. Das ist zwar besser als die Qaida, die noch vor einem halben Jahr hier herrschte, aber es ist dennoch unerträglich. Ich misstraue grundsätzlich jedem religiösen Führer, ihre Milizen sind austauschbar, es macht in Wahrheit keinen Unterschied, ob es Schiiten oder Sunniten sind. Ich bin sehr pessimistisch, was die Zukunft angeht. Die Invasion hat den Irak zerstört.
Sana Al-Maschadani, 39, Beamtin
Es ist nicht leicht, eine Frau zu sein in diesem neuen Irak. Die Führer unseres Landes respektieren die Frauen nicht, sie geben uns nicht die Rolle, die wir verdienen. Früher war es anders, es gab viele Frauen in wichtigen Positionen. Heute haben die meisten Politiker und religiösen Führer sehr konservative Ansichten. Ich fühle mich eingeschränkt in dieser engstirnigen neuen Gesellschaft. Ich arbeite als Übersetzerin für "al-Mamun", das ist eine angesehene Zeitschrift, die das Kulturministerium herausgibt. Ich übersetze Artikel aus dem Englischen ins Arabische. Zu Saddams Zeit habe ich für das Informationsministerium gearbeitet. Aber als die Amerikaner das Land übernahmen, löste Paul Bremer das Ministerium auf, und wir wurden alle nach Hause geschickt. Das Haus, in dem ich jetzt arbeite, ist dasselbe, nur die Behörde ist eine andere. Ich bin eine der wenigen Sunnitinnen an meinem Arbeitsplatz. Es ist nicht leicht für mich, hier offen meine Meinung zu sagen. Unsere Vorgesetzten üben Druck auf uns aus, alle miteinander auszukommen. Ich vermisse Saddam nicht, aber ich wünsche mir eine Regierung, die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen fördert. Immerhin verdiene ich deutlich besser als vor dem Krieg. Darüber bin ich froh, ich habe mich vor einem Jahr von meinem Mann scheiden lassen, und ich ziehe meinen 13-jährigen Sohn allein auf, er heißt Hassan. Meine Verwandten sind in Syrien, meine Freunde sind auch alle weg. Ich denke oft darüber nach, ob ich nicht auch gehen sollte. Die Besatzung ist ungerecht und brutal, die Amerikaner sollten das Land verlassen, sie sind der Hauptgrund für die Gewalt. Es ist zwar besser geworden, aber jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehe, spüre ich diese Angst in mir. Ich bin ein optimistischer Mensch, und ich glaube an die Zukunft. Ich hoffe, dass mein Volk eines Tages Freiheit und Demokratie schätzen lernen wird.